Artikel der von einem Terroristen ermordeten Na´ama Henkin sel. A.: Das irrelevante Kopftuch

Artikel der von einem Terroristen ermordeten Na´ama Henkin sel. A.:

Das irrelevante Kopftuch


Die Autorin dieses Artikels wurde während der aktuellen Terrorwelle islamistischer Gewalttäter ermordet. Den Text hat sie vor drei Jahren geschrieben und veröffentlicht, wir publizieren die deutsche Übersetzung - im Gedenken an die junge Frau und Mutter, die Opfer des antisemitischen Mordwahns der Terroristen wurde, und weil er nach drei Jahren aktuell ist.

Dieser Text wurde von Na’ama Henkin, der ermordeten jungen Frau und Mutter aus Neria, vor etwa drei Jahren auf der israelischen Blogplattform “Point of View” veröffentlicht. Na’ama Henkin bloggte dort zusammen mit anderen jungen Frauen aus Judäa und Samaria auf Englisch über verschiedene Aspekte ihres Lebens. In diesem Text versucht sie, anhand eigener Erfahrung als erfolgreiche religiöse Grafikerin aus einer Siedlung die Diskrepanz der gegenseitigen Wahrnehmungen innerhalb der israelischen Gesellschaft, zwischen “Religiösen”, “Siedlern”, “Tel Avivern” und “Sekulären” darzustellen. Vor drei Jahren habe ich diesen Text nicht gekannt, und heute gelangt er an die Oberfläche durch den grausamen Mord an Na’ama und ihrem Mann Eytam, und zeigt auf einige schmerzvolle Aspekte der Selbstwahrnehmunng der israelischen Gesellschaft. Übersetzt von mir.

Das irrelevante Kopftuch*

Hier bin ich wieder, bereite mich für ein Meeting in Tel Aviv vor, öffne zum hundertsten Mal meinen Schrank, um mir herauszusuchen, was ich anziehen soll. Was wird bescheiden, aber modisch aussehen, elegant, aber nicht zu sehr? Trotz meiner Bestrebungen weiß ich, dass wenn ich im Herzen Tel Avivs aus dem Auto steigen werde, ich anders aussehen und mich anders fühlen werde. Ich werde “eine von denen” sein. Mein Designer-Kopftuch, das mir viele Komplimente von meinen Freundinnen in meiner Gemeinschaft einbringen wird, dasselbe Kopftuch ist so üblich und relevant in Tel Aviv wie ein Hijab – nämlich absolut irrelevant.

Nachdem ich es geschafft habe, meinen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, betrete ich das das Gebäude, in dem mein Meeting stattfindet (natürlich bin ich 10 Minuten zu spät, denn der Tel Aviver Verkehr scheint mich immer wieder von Neuem zu überraschen). Ein kurzer Stopp auf der Toilette gibt mir noch mal die Chance, mein Aussehen neu zu ordnen, mein Make-up zu korrigieren und mein Kopftuch neu festzubinden. Wen versuche ich hier eigentlich zum Narren zu halten?, denke ich mir, ein religiöses Mädel wird immer ein solches bleiben.

Während ich mir meinen Weg zum Treffen bahne, überlege ich vor mich hin: werden sie überrascht sein, zu sehen, dass ich gläubig bin? Wird die Person, die meine Arbeit bestellt hat, zu meiner professionellen Beschreibung hinzufügen: ‘Wir werden mit Na’ama zusammenarbeiten, sie macht Interface-Design. Ja, die eine Religiöse mit dem Kopftuch, aber sie ist eigentlich ganz cool”… Ich war niemals dabei, wenn ein solcher Satz gesagt wurde, aber ich fühle ihn immer, wenn ich in den Raum hineinkomme. Auch wenn ich mit einem Lächeln begrüßt werde, versuchen die Männer immer, diesen peinlichen Moment, die Hände zum Händeschütteln auszustrecken in der Erwartung, meine Hand zu schütteln, zu vermeiden. Und die Sekretärin bestätigt mir lächelnd, der Kaffee sei koscher.

Dann kommt der Smalltalk. Jemand wird fragen: “So, woher sagten Sie, dass Sie kommen? Jerusalem?” Und ich werde rot anlaufen und sagen, “nein, ich komme aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Modi’in.” “Oh”, werden sie sagen und mit den Köpfen nicken, “wir haben von dieser Stadt gehört. Ein netter Ort. Wir sollten wirklich einmal dorthin mit unseren Kindern fahren, dort müsste ein schöner Park sein.”

Eines Tages – so verspreche ich dem verstörten Verlangen nach Gerechtigkeit in meinem Inneren – , vielleicht, wenn ich erwachsen sein werde, werde ich den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Ich lebe in Neria, einer Gemeinschaft in der Binyamin-Region. Ja, es liegt auf der anderen Seite der Grünen Linie. Die Medien mögen es eine “Siedlung” nennen, aber für uns ist es einfach “Zuhause”. Kommt vorbei, wenn ihr die Gelegenheit dazu findet, es ist wirklich wunderschön dort.

*Anmerkung: Das Haar zu bedecken, ist religionsgesetzliche Pflicht für verheiratete jüdische Frauen. Dabei gibt es verschiedene Bräuche, wie man das Haar zu bedecken hat – in welchem Maße, oder auch womit. Heute entscheiden sich sehr viele religiöse jüdische Frauen für Kopftücher. Andere wählen dafür eine Echthaar-Perücke.

 

Übersetzt von Ich, die Siedlerin - eine jüdische Stimme aus Judäa - Foto: Na’ama Henkin sel. A.

 


Dienstag, 20 Oktober 2015





Was für ein unendlich netter Beitrag, welch sympathische, freundliche Gedanken, welch menschliche Befürchtungen. Ohne die Überzeugung, dass ihr Leben damit nicht beendet ist und in Abrahams Schoß ein Platz für sie ist (auch wenn manche Männer das anders sehen mögen), müßte ich beim Lesen dieses Beitrags unendlich weinen.