Zwei Schwächen könnten der islamistischen Bewegung den Garaus machen

Zwei Schwächen könnten der islamistischen Bewegung den Garaus machen


Die islamistische Bewegung mag stärker als je zuvor erscheinen, aber genaueres Hinsehen deutet zwei Schwächen an, die sie dem Untergang weihen könnten und das möglicherweise schnell.

von Prof. Dr. Daniel Pipes, Boston Globe

Ihre Stärken sind offensichtlich. Die Taliban, Al-Schabaab, Boko Haram und ISIS treiben den Islamismus - die Ideologie, die fordert, dass islamisches Recht in seiner Gesamtheit und Härte angewandt wird - auf unerträgliche Extreme, toben und bahnen sich auf brutale Weise ihren Weg an die Macht. Ihnen könnte Pakistan in die Hände fallen. Die Ayatollahs des Iran genießen dank des Deals von Wien einen Aufschwung. Qatar hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Recep Tayyip Erdoğan ist dabei zum Diktator der Türkei zu werden. Islamistische Funktionäre drängeln sich über das Mittelmeer nach Europa.


 

Doch Schwächen im Inneren, besonders Zank und Missgunst, könnten der islamistischen Bewegung den Garaus machen.

 

Die internen Machtkämpfe wurden 2013 bösartig, als Islamisten abrupt ihr vorheriges Muster der Zusammenarbeit beendeten und stattdessen vernichtende interne Kämpfe begannen. Stimmt, als Ganzes hat die islamistische Bewegung vergleichbare Ziele, aber sie beinhaltet unterschiedliche Intellektuelle, Gruppen und Parteien mit verschiedenen ethnischen Zugehörigkeiten, Taktiken und Ideologien.

Ihre internen Trennungen haben sich schnell und weit verbreitet. Dazu gehört: Sunnis gegen Schiiten, vor allem in Syrien, dem Irak und dem Jemen; Monarchisten gegen Republikaner, vor allem in Saudi-Arabien; gewaltfreie gegen gewalttätige Typen, vor allem in Ägypten; Modernisierer gegen mittelalterliche Erweckungsprediger, vor allem in Tunesien; und alt herkömmliche persönliche Differenzen, vor allem in der Türkei. Diese Trennungen behindern die Bewegung, weil sie die Waffen nach innen richtet.

 

Die hier vorhandene Dynamik ist uralt: Wenn Islamisten der Macht näher kommen, kämpfen sie untereinander um die Vorherrschaft. Differenzen, die kaum eine Rolle spielen, wenn man in der Wildnis ist, bekommen große Bedeutung, wenn mehr auf dem Spiel steht. In der Türkei arbeiteten zum Beispiel der Politiker Erdoğan und der Religionsführer Fethullah Gülen zusammen, bis sie ihren gemeinsamen Feind, das Militär, aus der Politik drängten; dann wandten sie sich gegen einander.

 

Unbeliebtheit ist das zweite Problem; sie könnte für die Bewegung das größte Risiko sein. Wenn Bevölkerungen islamistische Erfahrung aus erster Hand machen, lehnen sie sie ab. Es ist eines, abstrakt an den Nutzen des islamischen Rechts zu glauben, aber etwas ganz anderes seine Entbehrung zu erleiden, die von den totalitären Schrecken des Islamischen Staates bis zum vergleichsweise harmlosen Aufstieg der Diktatur in der Türkei reichen.

Zu den Zeichen dieser Unzufriedenheit gehören die große Mehrzahl der Iraner, die die Islamische Republik ablehnen, die Welle von Exilanten aus Somalia und die massiven ägyptischen Demonstrationen von 2013 nach einem einzigen Jahr, das die Muslimbruderschaft an der Macht war. Wie bei faschistischer und kommunistischer Herrschaft führt islamistische Hoheitsgewalt oft dazu, dass die Menschen mit ihren Füßen abstimmen.

 

 

Zum Beispiel argumentiert der sudanesische Gelehrte Haidar Ibrahim Ali, dass ein Zeitalter der "Postislamisierung" begonnen hat, wenn die "Vitalität und Attraktivität der Islamisten selbst bei den leidenschaftlichsten seiner Anhänger und begeisterten Verehrer erschöpft ist".

 

Die Feinde des Islamismus haben viel Arbeit vor sich. Die Muslime müssen sowohl diese Bewegung bekämpfen als auch eine überzeugende Alternative zu deren Ziel der Umsetzung des islamischen Rechts entwickeln, die konstruktiv erklärt, was es 2016 heißt Muslim zu sein. Nichtmuslime können als hilfreiche Kräfte dienen, die von Applaus bis zur Finanzierung von Waffen alles bereitstellen.

 

Die zunehmenden Probleme des Islamismus bieten Grund für Zuversicht, aber nicht für Selbstgefälligkeit, da jederzeit ein weiterer Kurswechsel stattfinden könnte. Wenn jedoch der aktuelle Trend anhält, wird die islamistische Bewegung eingegrenzt worden sein, so wie der Faschismus und Kommunismus vor ihr, die der westlichen Zivilisation Schaden zufügten, sie aber nicht zerstörten.

 

Wie immer der Trend aussieht, den Islamismus zu besiegen bleibt eine Herausforderung.

 

Daniel Pipes (www.DanielPipes.org) ist Präsident des Middle East Forum. © 2016 by Daniel Pipes. Alle Rechte vorbehalten - Übersetzt von H. Eiteneier


Freitag, 15 Januar 2016