Interview mit Prof. Dr. Hermann Glaser: Die Hetzschrift „Mein Kampf“

Interview mit Prof. Dr. Hermann Glaser:

Die Hetzschrift „Mein Kampf“




Demnächst laufen die Urheberrechtrechte des Freistaates Bayern u.a. an Hitler´s Hetzschrift "Mein Kampf" aus - schon wird diskutiert, eine kommentierte Ausgabe zu veröffentlichen. Gerhard K. Nagel interviewte hierzu Prof. Dr. Herman Glaser,.

GKN: Herr Prof. Dr. Glaser, wie kommen sie als Kulturwissenschaftler dazu sich mit dem Nationalsozialismus und Adolf Hitler zu beschäftigen und ein Buch zu schreiben mit dem Titel „Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“„?

Prof. Dr. Glaser: Das hängt mit meiner Familiengeschichte zusammen. Ich hab das Glück gehabt, dass ich im Dritten Reich in einer Familie aufgewachsen bin, die zwar nicht zum Bereich des Widerstandes gehörte und verfolgt wurde - wenn man unter Widerstand die offene Auseinandersetzung versteht. Mein Vater, meine Mutter haben es verstanden, von Anfang an, konsequent jede Berührung mit dem Nationalsozialismus zu vermeiden und was mich heute noch überrascht: Ich war als Kind und Jugendlicher sehr eingebunden, in das, was man (und was sehr umstritten ist) innere Emigration nannte. Mein Vater war nie bei der Partei. Er hat sich dem immer entzogen und hat auch mich, soweit es ging, aus den Verflechtungen mit dem Nationalsozialismus herausgehalten. Wir haben in einer Großfamilie gelebt, das heißt mit meinen Großeltern zusammen. Es gab da einen langen Streit mit meinen Großeltern, die vom Nationalsozialismus infiltriert waren und ich habe als Kind die Auseinandersetzungen mitbekommen. Es hat mich ungemein beschäftigt, auch noch nach dem Ende des Kriegs, wie sich die Zerstörung des Geistes und der Moral in weiten Kreisen der Bevölkerung entwickelt hat und wie sich der Wahn in den Familien ausdrückte. Hitler war ja kein Verführer, kein Dämon, der das Volk hintergangen hat, sondern er hat ja mit großer Offenheit diesen Staat der Brutalität und des Terrors etabliert. Jeder konnte das mitbekommen. Eine andere Komponente meiner Erfahrung hing damit zusammen, dass mein Vater als Lehrer an einem Mädchengymnasium, an einer höheren Töchterschule, wie das damals noch hieß, tätig war und dass es dort bis zur Emigration sehr viele jüdische Schülerinnen gab. Wir hatten auch jüdische Bekannte, die emigrieren konnten, teilweise auf Umwegen, weil es in Franken/Nürnberg mit Streicher und dieser Welt besonders schlimm war. Sehr gute Bekannte meines Vaters, die jüdische Familie Epstein ging erst nach Schlesien und dann in die USA. Nach dem Krieg hat die Wiederaufnahme des Kontakts zu den Epsteins zu engen Bindungen geführt. Ich habe eine Sensibilisierung erfahren, die dazu führte, dass ich in einer Reihe von Veröffentlichungen und Büchern - der Frage nachging, wie das geschehen konnte. Auf diesem Hintergrund ist als bisher letzte Publikation dieses Buch über Hitlers „Mein Kampf“ entstanden. Das Buch ist auch davon geprägt, dass ja jetzt die Rechte frei werden und ich wollte mich im Rahmen der sehr lebhaften Diskussion, wie man damit umgeht, positionieren. Ich habe mich immer publizistisch gegen eine kommentierte Gesamtausgabe, wie sie jetzt vom Institut für Zeitgeschichte herausgegeben wird gewandt, weil in dieser Hetzschrift, diesem Schandwerk oder welche Worte man auch wählt, kein Körnchen ist, das man wissenschaftlich kommentieren kann. Ein Kommentar kann nur einer Schrift zuteil werden, Gesetz oder Dichtung oder was auch immer, das es wert ist zu kommentieren. Hitlers Buch kann man nicht kommentieren, nur decouvrieren. Und das Zweite, da habe ich auch viel mit jüdischen Kreisen drüber diskutiert, zuletzt auch in einem Briefwechsel mit Frau Knobloch: Es macht keinen Sinn das ganze Buch neu zu verlegen, weil Hitler in „Mein Kampf die gleichen zehn bis vierzehn Ideologeme, in deren Zentrum der Rasenhass, der Judenhass steht, immer wiederholt. Deswegen bin ich den anderen Weg gegangen, habe wesentliche Auszüge verbunden und versucht zu decouvrieren, damit niemand sagen kann, ja, das ist ja erfunden, so war´s garnicht. Dazu kam dann noch der zweite Aspekt, der im Paradigma der Forschung derzeit sehr vernachlässigt wird. Das ist ist die Mentalitätsgeschichte. Ich kannte ja viele Autoren der Emigration und der Nachkriegszeit persönlich, beispielsweise Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Jean Amery, Shalom Ben Chorin, Fritz Stern oder Fritz Bauer und die haben auch die Position vertreten, dass man die Mentalitätsgeschichte der Deutschen aufblättern muss, damit man sieht, dass Hitler ein Schwamm war, der alles aufgesogen hat, was an Ressentiments, an Vorurteilen vorhanden war, erst in Wien, dann in München. Das aufzudecken ist insofern erschütternd, weil es natürlich eine lange Geschichte hat, im 19. Jahrhundert, wo die Agenturen der Gesellschaft, Schule, Universität, Verwaltung, Militär, Kirche, teilweise auch Parteien, mit wenigen Ausnahmen, wie den Sozialdemokraten, diesen Ungeist verbreiteten. Für mich ist es sehr wichtig „Hitler vor Hitler“ aufzuzeigen, also zu zeigen, wo Hitler seine Hetzschrift her hat, den nationalsozialistischen Untergrund. Teilweise sind das auch Elemente, die mit dem Nationalsozialismus nicht beendet sind. Die gab es teilweise vor dem Nationalsozialismus und die gab es danach. Und sie kommen in immer neuen Wellen in der deutschen Geschichte zum Ausbruch oder besser zum Ausdruck.

GKN: Sie haben von Ideologemen gesprochen. Sie haben die Überschriften der einzelnen Kapitel ihres Buches fast durchgängig nach diesen Ideologemen benamt. Ich lese da „Das Seelenbild des Mädels“ oder „Erziehungsdressur, oder „Krieg als Lebenserfüllung“....... Sie haben also versucht, das Zeitempfinden oder wesentliche Teile davon, die Mentalität vor dem Nationalsozialismus, die diesem vorausging und vorbereitete, aufzuzeigen und seinen Niederschlag in der nationalsozialistischen Ideologie und in Hitlers Buch aufzuzeigen.

Prof. Dr. Glaser: Wobei man sich mit der Frage auseinandersetzen muss und das habe ich auch getan, warum sich manche dieser Ideologeme in Deutschland besonders schlimm auswirkten. Antisemitismus, Judenhass gab es beispielsweise in Frankreich, in England und auch in anderen Ländern. Hitler hatte ja Gobineau oder Houston Stewart Chamberlain usw. dann auch eingesogen, beispielsweise über Richard Wagner. Der Unterschied zwischen den anderen Ländern und Deutschland bestand darin, dass man in diesen Ländern nicht der Masse verfallen war, dass sich eine sehr starke Zivilgesellschaft ausgebildet hatte. Das zeigte sich beispielsweise deutlich bei der Dreyfußaffaire in Frankreich. Da war die Nation gespalten. In Deutschland sind aber vor und auch nach der misslungenen Revolution von 1848 die Ansätze Zivilgesellschaft, der Zivilgeist, die Zivilcourage erstickt worden durch die Erziehung zum Untertanen, zum gehorsamen, schweigenden Bürger, der dann aber nicht mehr Bürger war, sondern Untertan und später Volksgenosse. Wenn also auch in anderen Nationen antisemitische oder nationalistische Elemente vorhanden waren oder was auch immer, dann war davon aber nie die Gesamtheit der Bevölkerung erfasst, sondern es gab immer starke Gegenkräfte. Diese Gegenkräfte gab es in Deutschland auch, nämlich vor allem in der kritischen Literatur. So etwa Heinrich Mann, der ja auch das Buch geschrieben hat: Der Untertan. Diese kritischen Geister, an die viel mehr erinnert werden sollte, die kritische Literatur, wurden nicht nur 1933 verbrannt, verfemt, verfolgt, sondern sie haben auch vorher nicht die Resonanz gefunden, die notwendig gewesen wäre. Es gibt also ein Geflecht von Ursachen. Von meinem Vater habe ich den prophetischen Satz, den Franz Grillparzer 1849 geschrieben hatte, überliefert bekommen: „Der Weg der neuen Bildung geht von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität“. Grillparzer verwendet 1849 den Ausdruck „Bestialität“. Das ist insofern ein problematisches Wort, als die Bestien im Tierreich nicht so, wie Menschen grausam sein können. Der Begriff war aber härter gemeint, weil dieser Weg ein schuldbeladener Weg der deutschen Schulen, Universitäten, Professoren, Pfarrer, Politiker und eine erschütternde Geschichte des deutschen Unheils war. Karl Kraus hat es einmal so formuliert: Aus dem Volk der Dichter und Denker ist ein Volk der Richter und Henker geworden. Des stimmt nicht. Die Deutschen waren nie ein Volk der Dichter und Denker, aber die Deutschen haben viele Beiträge zur Kultur der Welt geleistet. Denken wir an die Aufklärung, an die Klassik, eigentlich an alle Strömungen des 19. Jahrhunderts. Sie sind aber alle missachtet, fehlinterpretiert worden. Diese Missachtung und die geistigen Verbrechen drücken sich aus in der deutschen Schule, im deutschen Lesebuch, im deutschen Gesangbuch. Hitler hat dann diese Elemente, obwohl er ein mittelmässiger Spiesser war – muss man sagen - in äußerst geschickter Weise in eine breite Bevölkerung hineingetragen. Das entlastet die Deutschen aber nicht , sondern es belastet sie und enthält die Mahnung, dass man die Zivilcourage, die Fähigkeit „Nein“ zu sagen, wenn man auf die Dinge stößt, die den Geist zerstören wollen, lernen muss.

GKN: Viele haben ja damals und auch später noch, nicht verstanden, wie aus dem Volk der Dichter und Denker das Volk werden konnte, das Europa mit einem unmenschlichen Krieg überzog, das die industriell geplante und organisierte Vernichtung von Menschenleben in die Wege leitete.

Prof. Dr. Glaser: Ich muss das noch einmal betonen: Die Deutschen waren kein Volk der Dichter und Denker, aber es gab eine gewissen Bildungsstand, besser: Eine Pseudobildung. Die Menschen hatten sich mit den Dingen beschäftigt. Aber die ging am Kern dessen vorbei, was zum Beispiel Goethe formuliert hatte: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Was aus den Maximen des Beitrags der Deutschen zur Kultur, auch in der Musik geworden ist, das ist schandbar. Ich denke da auch daran, wie sich meine Lehrer an Grundschule und am Gymnasium auf der einen Seite sich als gebildete Bürger gerierten und auf der anderen Seite gleichzeitig einem verbrecherischen Geist gehuldigt oder sich auch beteiligt haben, zum Beispiel in der Pogromnacht 1938: Da kann ich bis heute nur immer wieder fragen: Wie kommt es, dass Kultur in einem Menschen so wirkungslos sein kann, dass beispielsweise Leute, die auch Musik lieben, in ihrem Wesen überhaupt nicht verändert wurden, sondern die Bosheit in einem unbeschreiblichen Maße ausbrach. Es geschah ja wenig unter Zwang. Sehr viel wurde ja freiwillig getan.

GKN: Mentalitätsgeschichtlich gibt es ja zwei Strömungen. Die eine ist gekennzeichnet durch die aufklärerischen Impulse aus der deutschen Kultur, durch ethische Maßstäbe und Humanität. Die antihumane Gegenströmung hat sich aber als wirkungsmächtiger erwiesen und sie führte Deutschland in das verbrecherische System.

Prof. Dr. Glaser: Die Gegenströmung ist vor allem auch eine durch eine jahrzehntelange Uminterpretation der aufklärerischen Kultur gekennzeichnet. Was hat man zum Beispiel aus Schiller gemacht? Einen Nationalisten, obwohl Schiller ein Mann der Freiheit war. Das hat schon Nietzsche – selbst eine zwiespältige Erscheinung - Ende des 19.Jahrhunderts angeprangert. Diese Uminterpretation hat in den Lese- und Geografiebüchern einen Ausdruck gefunden. Ich habe in meinem Buch vielfach zitiert, da das ja alles gründlich untersucht ist. Ich nehme ein Beispiel: Ein Fluß, wie der Rhein, der viele europäische Nationen verbindet, wurde zum Ideologem „Der deutsche Rhein“. Das findet sich dann auch in Hitlers „Mein Kampf“, wenn er am deutschen Rhein in den Krieg fährt. Das sind lauter Elemente der Verfälschung, der Zerstörung. Ich habe in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch ein Buch geschrieben, das den Untertitel hatte: Die Zerstörung des deutschen Geistes durch die Agenturen der Gesellschaft. Von dieser Zerstörung hat Hitler nicht nur profitiert, sondern er hat die nationalsozialistischen Institutionen nach diesem Geist geformt: Die Schule, die Universität. Bleiben wir bei der Universität. Das zeigt sich beispielsweise an einem Mann, wie Heidegger. Das Thema ist ja wegen der Veröffentlichung der sogenannten „Schwarzen Hefte“ derzeit in der Diskussion, weil er sich da als ein Antisemit übelster Art gebärdet. Das ist Korruption des deutschen Geistes. Unfassbar.

GKN: Die Ideologeme, die Sie in ihrem Buch näher erläutern, flossen zusammengeflossen in diesem Wahn, der sich in Hitlers Buch manifestiert hat. Wie wirkungsmächtig war aus ihrer Sicht dieses Buch? Da gibt es ja sehr kontroverse Positionen und Einschätzungen. Fast alle hatten das zu Hause gehabt, aber wer hat´s gelesen?

Prof. Dr. Glaser: Das ist ja meine These, die klingt paradox, aber es spricht viel dafür: Das Buch war ja weit verbreitet und wurde bei verschiedenen Gelegenheiten geschenkt usw., aber 1933 und auch schon vorher, musste man das Buch gar nicht mehr lesen. Das hatten ein Großteil des Deutschen längst verinnerlicht. 1938 auf dem Reichsparteitag, hat Hitler gesagt: Das ist das Wunder unserer Zeit, dass ihr (er meint das Volk) mich unter Millionen gefunden habt und dass ich euch (das Volk) gefunden habe. Und das ist ein wahrer Satz. Da haben sich zwei gefunden: Führer und Volk, die auf einer Wellenlänge bereits angekommen waren. Das ist sehr schlimm für die deutsche Kulturgeschichte und man muss schauen, dass man an besseren Traditionen anknüpft, als denen, die zu dieser Findung geführt haben. Man hat sich im Negativen, im Verblödeten, Bösen, gefunden. Aber es gibt in der deutschen Kultur im 19. Jahrhundert ja auch die Gegenströmungen dazu. Sie haben sich aber nicht durchgesetzt. Sie wurden verdrängt, verfolgt, verfemt, verboten, bis in die Bücherschränke hinein. Nur ein Beispiel: Heinrich Heine, wohl der größte Lyriker nach Goethe, war eben artfremd, ein Jude.

GKN: Was ist in ihrem Buch, „Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf““, die Originäre, das es aus der umfangreichen Literatur, die man zu diesem Thema findet, hervor- oder heraushebt? Warum ist es interessant und wichtig, sich mit ihrem Buch zu befassen, es zu lesen?

Prof. Dr. Glaser: Ich bin in Vielem keineswegs originell, aber eines ist sehr originell heutzutage – ich habe ja mit dem Institut für Zeitgeschichte auch eine Diskussionen darüber geführt. Die Ursprünge, die Mentalitätsgeschichte wird seit zwei, drei Jahrzehnten missachtet - und die Originalität dieses Buches besteht darin, dass ich an die vielen, vielen Arbeiten, von bedeutenden, auch gerade in der Emigration entstandenen Bücher, von denen zum Teil kaum noch gesprochen wird, wieder anknüpfe und sie erneut vermittle. Das betrifft in Bezug auf dieses Buch, wenn auch nur andeutungsweise, weil es ja nicht das Thema ist, die deutsche belletristische Literatur. Ödön von Horváth, Carl Sternheim, Hermann Broch oder Heinrich Mann usw. und ich damit eine geistige Tradition der Deutschen, auch der Deutschen, wieder in Erinnerung bringe. Ich kenne ja einige Leute, die beim Institut für Zeitgeschichte mitarbeiten. Die arbeiten als Historiker korrekt. Es ist nicht so, dass da irgendwie faschistoide Elemente vorhanden sind, aber es gibt beispielsweise im Mitarbeiterstab keine ausgewiesene Mentalitätsforscher, die sich dem deutschen Lesebuch, dem deutschen Geografiebuch, dem deutschen Turnerverband usw. widmen. Ich habe zum Beispiel mit einem, der ein interessantes Buch über „Mein Kampf“ geschrieben hat, über die Entstehungsgeschichte des Buchs, über die fehlende Berücksichtigung der Mentalitätsgeschichte bei der Arbeit des Instituts angefragt. Er hat mir gesagt: Wir wollen das schon machen. Man wird also abwarten müssen, ob das tatsächlich beachtet wird. Ich habe, anknüpfend auch an Menschen, die ich gut gekannt habe, eine Erinnerung an solche mentalitätsgeschichtlichen Arbeiten und Aussagen und ich vermittle das. Ich nenne mal ein Beispiel: Mit Fritz Bauer, dem Generalstaatsanwalt, der den Auschwitzprozess eingeleitet hat, war ich gut bekannt und wir haben uns an diese Tisch hier, öfters unterhalten und Bauer hat in den Gesprächen immer gesagt: Diese gutbürgerlichen Verbrecher, die er in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts immer erst auf die Anklagebank gebracht hat, kamen mit ihrem dunklen Nadelstreifenanzug, waren inzwischen Geschäftsleute und haben reüssiert. Das muss man sich mal vorstellen. Die waren nicht irgendwo im Gefängnis, sondern reisten erste Klasse an. Bauer meinte dazu: Um diese Verbrechen zu verstehen, muss man die Mentalität dieser Leute erforschen. Die sind eben auf eine raffinierte Weise geprägt. Das entschuldigt in keiner Weise Verbrechen, denn viele Menschen haben auch ein natürliches Gefühl. Aber diese Mischung von Pseudobildung, honorigem Bürgertum und abgründigem Mord war kein Ausbruch von attavistischen Zügen, die man nicht erklären kann. Das hat ja dann auch, sie kannte ich allerdings nicht persönlich, Hannah Ahrendt, am Beispiel Eichmann aufgezeigt: Die Banalität des Bösen. Man muss sich das mal vorstellen – über solche Dinge ist ja oft berichtet worden: In Auschwitz gab´s ein Weihnachtsfest, wo deutsche Weihnachtslieder gesungen wurden. Das ist Mentalität und dem sich etwas zu nähern ist das Originelle an meinem Buch. Ich hoffe nur, dass man sich jetzt bei der sogenannten kommentierten, eigentlich decouvrierten Ausgabe mit solchen Aspekten befasst. Man muss enthüllen und es nicht abkürzen. Nicht NSU, sondern Nationalsozialistischer Untergrund..... Wie weit ist der noch vorhanden? Das ist die Schicksalsfrage der Deutschen für die nächste Zeit. Ich hoffe, das ist weitgehend durch und da bin ich optimistisch, wenn ich an meine Enkelin und meine Enkel denke, und deren Umfeld und an die Jugend und an den Wandel, der doch schon stattgefunden hat. Kann man optimistisch sein, Fragezeichen?

GKN: Lassen wir es einfach an dieser Stelle das Fragezeichen stehen. Herr Professor Dr. Glaser, ich bedanke mich für das aufschlussreiche Gespräch.

 

Besprochen wurde:
Hermann Glaser
„ADOLF HITLERS HETZSCHRIFT „MEIN KAMPF“
Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Nationaslsozialismus“
Allitera Verlag
ISBN 978-3-86906-622-6

Copyright © fotura.deProf. Dr. Hermann Glaser, geb. 1928 in Nürnberg. Studium der Germanistik, Anglistik, Geschichte und Philosophie in Erlangen und Bristol 1947 bis 1952; Promotion 1952; Lehramtsexamen und Eintritt in den Schuldienst. Von 1964 bis 1990 Schul- und Kulturdezernent der Stadt Nürnberg. Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu pädagogischen, sozialwissenschaftlichen, kulturgeschichtlichen und kulturpolitischen Themen. Bis 1990 Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen Städtetags. Mitglied des PEN, Honorarprofessor an der TU Berlin. – Glaser wurde mit dem Waldemar-von-Knoeringen-Preis, Schubart-Preis, Großen Kulturpreis der Stadt Nürnberg, Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Foto: Prof. Dr. Hermann Glaser (Foto: Copyright © fotura.de)

 

Foto oben: Der "Führer" beim Posen (Foto: Bundesarchiv, Bild 102-13774 / Unknown Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

 

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Dienstag, 22 September 2015





Ein Danke an Herrn Nagel und an haolam fr dieses sehr interessante Interview.