Raw Frand zu Parschat Ki Tissa: Schätze, was du besitzt

Raw Frand zu Parschat Ki Tissa:

Schätze, was du besitzt


An diesem Shabbat lasen wir die Paraschat Ki Tissa aus der Torah. Raw Frand erläutert Aspekte dieser Parascha und ihrer Bedeutung. Heute lesen Sie den zweiten Kommentar zur Paraschat.

Schätze, was du besitzt

Die Torah lehrt, dass die Luchot (steinerne Tafeln mit den 10 Geboten), welche

Mosche in Empfang nahm, vom Finger G’ttes („Ezba Elokim“) geschrieben worden waren [Schemot 31:18]. Weitere Einzelheiten kommen nicht zur Sprache. Später in der Parscha, gerade bevor Mosche die Luchot zerbricht, verrät die Torah mehr über die Luchot: Sie waren wunderbarerweise von beiden Seiten lesbar, obwohl die Buchstaben die Tiefe der Steine gänzlich beanspruchten [32:15-16]. Die Torah rühmt die Luchot in höchsten Tönen: „Die Luchot waren G’ttes Kunstwerk und die Schrift war G’ttes Handschrift, graviert auf den Luchot.“

Es wäre eigentlich logisch gewesen, die Einzigartigkeit der Luchot bei ihrer Übergabe zu beschreiben und nicht kurz bevor sie zerbrochen wurden. Die Torah macht jedoch genau das Gegenteil. Weshalb?

Ich stiess einmal auf einen Gedanken des Schemen HaTov. Vielleicht vermittelt uns die Torah eine Lehre, welche nicht nur für die Luchot, sondern im Leben allgemein gilt. Was immer wir über längere Zeit hinweg besitzen, sozusagen unendlich lange, schätzen wir nicht mehr. Erst wenn es verloren zu gehen droht, beginnen wir seine Grossartigkeit und Schönheit wahrzunehmen. Wir meinen, dass Menschen für immer für uns da sein werden, wenn wir sie gerne haben und uns ihnen nahe fühlen. Die menschliche Natur ist so beschaffen, dass sie andere Menschen als selbstverständlich hinnimmt. Wenn wir jedoch mit der Möglichkeit konfrontiert werden, jemanden zu verlieren und wir wissen, dass unsere Zeit mit ihm oder ihr beschränkt ist, wird es uns plötzlich bewusst, wie kostbar der Mensch ist und jede Minute, die wir mit ihm verbringen dürfen. Dann ändert sich unsere Einstellung völlig.

Vielleicht möchte der Pasuk diesen Gedanken unterstreichen. Als Mosche mit den Luchot vom Berg herunterstieg und gerade im Begriffe war, sie zu zerschmettern, halten wir unversehens den Atem an. Zum ersten Mal nehmen wir die Einzigartigkeit und die Grossartigkeit dieser Luchot wahr. Diese Situation sehen wir oft im Leben. Eines der wohl treffendsten Beispiele für dieses Konzept gilt für Jeschiwastudenten. Ich wiederhole diese Lektion öfters für meine Schüler, habe jedoch den Eindruck, dass es dennoch nicht oft genug ist. Die Grundeinstellung für jeden, der in der Jeschiwa lernt ist, dass er diese Erfahrung nicht genügend schätzt, solange er dort ist. Im Nachhinein wird es ihm erst bewusst, wie wertvoll die Zeit war, als er noch lernen durfte.

Auf meinen Reisen treffe ich ehemalige Schüler, die mir ausnahmslos sagen, dass sie sich an meine Mahnung erinnern, die Jahre in der Jeschiwa gut auszunützen, weil sie ihre „besten Jahre sein würden“. Immer wieder höre ich die Feststellung: „Sie hatten recht!“ Wenn jemand in der Jeschiwa lernt, kommt es ihm endlos vor, wie eine Ewigkeit. Unglücklicherweise stimmt das nicht. Diese Zeit ist endlich, sie geht vorbei.

Die Einstellung des Schülers ändert sich, wenn er realisiert, dass die Zeit in der Jeschiwa nicht unendlich ist. Dies, wenn er beispielsweise das Glück hat, nach einem Unterbruch von ein oder zwei Jahren noch einmal für kurze Zeit in die Jeschiwa zurückzukehren.

Das Essen in der Jeschiwa mag nicht so wohlschmeckend sein und die Unterkunft im Internat birgt ihre eigenen Probleme. Das Leben in der Jeschiwa weist viele kleinere „Unannehmlichkeiten“ auf. Im Grossen und Ganzen ist diese Erfahrung jedoch so wertvoll, so reichhaltig und einzigartig. Die Kunst ist, den Wald zu sehen und sich nicht zwischen den Bäumen zu verlieren.

Dasselbe gilt für Kindererziehung. Es erfordert viel Mühe, kleine Kinder aufzuziehen. Die Nerven werden strapaziert und man ist körperlich ausgelaugt. Wenn man jedoch älter wird und die Kinder grösser werden, schaut man zurück und stellt fest: „Wie sind doch all diese wundervollen Jahre schnell vorbeigegangen“.

Und so gestaltet sich auch die Beziehung zu unseren Eltern. Sicher, es können Spannungen und Ärgernisse auftreten. Manchmal ist das Leben für beide, für Eltern und Kinder spannungsgeladen. Vielen Menschen ist es jedoch nicht bewusst, dass es ein Segen ist, wenn wir uns immer noch an Eltern wenden können.

Eine der grössten Herausforderungen im Leben ist es, eine Situation zu schätzen, in der wir immer noch drin sind. Das Leben vergeht so schnell, weil wir zu sehr von alltäglichen Schwierigkeiten in Anspruch genommen und von Unebenheiten auf unserem Weg behindert werden. Wir haben einfach keine Seelenruhe und keine Zeit, um zu schätzen, was wir gerade haben.

Diese Lebensaufgabe zieht sich durch alle Generationen. Diese Aufgabe stellt sich jedem in allen Lebensbereichen. Wir nehmen sogar unsere Anstellung als selbstverständlich hin. In den Köpfen vieler Amerikaner (und auch Europäer) hat sich folgender Irrtum festgesetzt: Sie erwarten ungeduldig ihren 65. Geburtstag, den Tag ihrer Pensionierung. Was macht ein Mensch jedoch nach seiner Pensionierung am nächsten Morgen? Man kann die Zeitung nur einmal lesen. Ist der Mensch körperlich gesund, muss er das schätzen und entsprechend aktiv und produktiv bleiben. Er muss für diese Möglichkeit dankbar sein.

Diese Lehre will uns die Torah vermitteln: Wir bemerkten erst, dass die Luchot ein wunderbares Werk G’ttes waren, als wir im Begriffe waren, sie zu verlieren.

Unsere Aufgabe ist, zu schätzen, was wir besitzen, solange es noch da ist.


Quellen und Persönlichkeiten:
Schemen Tov: Rabbi Dov Weinberger. Zeitgenössischer Autor; Rabbiner in Brooklyn, New York.

 


 

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Samstag, 18 März 2017






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