Die fragwürdigen Prioritäten der Tagesschau

Die fragwürdigen Prioritäten der Tagesschau


Wenn die Moderatorin einer Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen ein besseres Gespür für eine faire Nahostberichterstattung hat als ihre dafür eigentlich zuständigen Kollegen, spricht das Bände. Über einen neuerlichen Beleg für die systematische mediale Asymmetrie zulasten Israels, diesmal in der Hauptnachrichtensendung der ARD.

Von Alex Feuerherdt

Mit der Nahostberichterstattung hat Andrea Kiewel normalerweise nichts zu tun. Die Fernsehmoderatorin ist vor allem aus der ZDF-Sendung „Fernsehgarten“ bekannt, einer Unterhaltungsshow, in der es für gewöhnlich nicht um Politik geht. Doch vor wenigen Tagen ließ sie mit einem explizit politischen Gastbeitrag für die Jüdische Allgemeine aufhorchen, in dem sie eine Meldung in der Tagesschau der ARD deutlich kritisierte. Diese beginnt mit den Worten „Nach schweren Angriffen der israelischen Armee auf den Gazastreifen …“ und fährt damit fort, dass Israel seine Militärpräsenz an der Grenze zu Gaza verstärkt habe. Außerdem habe der jüdische Staat mehrere Einrichtungen der Hamas zerstört. Zu sehen sind israelische Panzer, Soldaten und Gebäudetrümmer. Erst der knappe Schlusssatz des 31-sekündigen Filmbeitrags – „Am Montag hatte die Hamas bei einem Raketenangriff ein Haus in Israel zerstört“ – lässt zumindest erahnen, dass den Maßnahmen des israelischen Militärs etwas vorausgegangen war.

Das veranlasste Andrea Kiewel zu ihrer Kritik. Sie schrieb: „Liebe Kolleginnen und Kollegen der ARD, Sie irren sich! Ich war vor Ort, als es losging mit den Raketen aus Gaza. Die Reaktion der israelischen Armee darauf war – wie der Name schon sagt – eine Reaktion. Man muss Israel nicht mögen. Man kann diesen Staat kritisieren, sich zur Brust nehmen und ihm viele Fragen stellen. Man muss aber, wenn man Journalist ist, die Wahrheit berichten.“ Die Nachricht der Tagesschau erwecke den Eindruck, Israel sei der Aggressor. Das aber sei falsch. „Ich war live dabei, als die – was diese Auseinandersetzung betrifft – erste Rakete von Gaza aus abgefeuert und 45 Sekunden später vom ‚Iron Dome‘ über Israel abgefangen und zerstört wurde.“

Eine Verdrehung von Ursache und Wirkung

Zwar unterstelle sie der ARD „gewiss keine bewusste Falschmeldung“. Dennoch komme sie nicht umhin, sich zu fragen, „wie gestandenen Journalisten so ein Fehler unterlaufen kann“. Zu einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung gehöre es, „dass man die zeitliche Reihenfolge von Geschehnissen einhält“. Und die habe in diesem Fall gelautet: „Zuerst beschoss Gaza Israel mit Raketen, dann verteidigte sich Israel mit einem militärischen Manöver.“ Tatsache sei also: „Gaza agiert, Israel reagiert.“ Kiewels Gastkommentar fand eine große Verbreitung und viel Zustimmung, vor allem in den sozialen Netzwerken. Das veranlasste den Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke zu einer kurzen Entgegnung, die auf der Facebookseite der Nachrichtensendung veröffentlicht wurde:

„Die Tagesschau hat am 26.3.2019 selbstverständlich darauf hingewiesen, dass die israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen eine Reaktion auf den Beschuss eines Gebäudes in Israel durch die Hamas am Tag zuvor darstellten. Davon konnte sich jeder der rund 10 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer überzeugen. In der 28-sekündigen Meldung vom Dienstag hieß es wörtlich: ‚Am Montag hatte die Hamas bei einem Raketenangriff ein Haus in Israel zerstört.‘“

Man kann Andrea Kiewel vorwerfen, den Schlusssatz unerwähnt gelassen zu haben. Ihre Kritik wird durch diese Unterlassung dennoch nicht geschwächt. Denn bei einer Meldung kommt es nicht zuletzt auf die Abfolge und damit die Priorisierung der Informationen an. Die sieht im Falle der Tagesschau-Nachricht so aus, dass als Erstes das Vorgehen der israelischen Armee genannt und als „schwere Angriffe“ bezeichnet wird, während der Raketenbeschuss durch die Hamas erst ganz am Ende Erwähnung findet. Dass auf diese Weise deutlich gemacht würde, wer agiert und wer reagiert hat, lässt sich nicht ernsthaft behaupten. Hinzu kommt die Auswahl des Bildmaterials, mit dem der Eindruck verstärkt wird, dass die israelischen Armee der Aggressor ist. Im Übrigen war es keineswegs nur eine einzelne Rakete, die zur israelischen Reaktion führte, sondern ein tagelanger Beschuss. Das ist ein erheblicher Unterschied.

Systematische Asymmetrie zulasten Israels

Kiewel hat sehr zu Recht etwas kritisiert, das charakteristisch für die Darstellung des israelischen und palästinensischen Handelns in vielen deutschsprachigen Medien ist: Dass Israel lediglich auf einen Angriff reagiert und ihn eben nicht beginnt, wird sehr oft allenfalls am Rande erwähnt, obwohl dieser Aspekt von entscheidender Bedeutung ist. Die zentrale Botschaft – die bei Texten vielfach auch durch das entsprechende Bildmaterial untermauert wird – lautet überaus häufig: Der jüdische Staat respektive seine Armee ist der Aggressor. Auf diese Weise werden Ursache und Wirkung einfach verdreht. Typisch ist ein Beispiel wie etwa diese Meldung auf Spiegel Online vom 18. Dezember 2017, deren Schlagzeile lautet: „Israel fliegt Luftangriffe auf Gazastreifen“. Bebildert wird sie durch ein aufsteigendes israelisches Kampfflugzeug. Erst das Kleingedruckte verrät, dass es zuvor einen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen gegeben hat, Israel also attackiert wurde.

Ähnliches gilt für eine Nachricht auf FAZ Online vom 18. Februar 2018. Auch hier suggerieren die Überschrift „Israel greift Ziele im Gazastreifen an“ und das Foto, das israelische Soldaten zeigt, dass die Aggression vom jüdischen Staat ausgeht. Wiederum erfährt man erst auf den zweiten Blick, dass zuvor mehrere israelische Soldaten am Grenzzaun durch einen palästinensischen Sprengsatz verletzt wurden. Dieses Problem ist keineswegs neu: Eine „systematische Asymmetrie in der Darstellung der Akteure“ zulasten Israels stellte der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch bereits im Juli 2014 fest, als er die Schlagzeilen von Medienbeiträgen auswertete, die sich während des letzten Gaza-Krieges mit Kampfhandlungen beschäftigten.

In einer Vielzahl von Fällen werde Israel als Angreifer dargestellt, der Hamas dagegen nur ausnahmsweise wenigstens eine Mitverantwortung zugeschrieben, schrieb er in der Jüdischen Allgemeinen. Der jüdische Staat werde überaus häufig als Verantwortlicher für eine Eskalation gezeichnet, als Selbstverteidigung seien seine Handlungen in den Überschriften der untersuchten Beiträge dagegen kein einziges Mal bewertet worden. Die Linguistin Monika Schwarz-Friesel bestätigt Stefanowitschs Analyse. „In der Schlagzeile ist Israel fast immer Aggressor, im Text selbst steht dann, dass Israel nur reagiert hat“, sagte sie im August 2014 in einem Interview von Zeit Online. Das israelische Handeln werde oft mit extremen Verben beschrieben, „die Gewalt und Willkür ausdrücken – ‚zerstören, angreifen, besetzen, befehlen‘“.

Eine Form von israelbezogenem Antisemitismus

Vor etwas mehr als vier Jahren ist Matti Friedman, der von 2006 bis 2011 für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) aus Israel berichtete, dieser Problematik in einem bemerkenswerten Vortrag auf den Grund gegangen (ein ins Deutsche übersetzter Auszug findet sich hier, die vollständige Originalfassung in englischer Sprache hier). In seiner Zeit als Korrespondent habe er immer wieder erlebt, „wie Israels Mängel überzeichnet wurden, während die Fehler seiner Feinde nicht vorkamen. Ich habe miterlebt, wie die Gefahren für Israel ignoriert oder als Fantasieprodukte verhöhnt wurden, sogar, wenn diese Gefahren sich immer wieder ganz real manifestierten. Ich habe gesehen, wie ein fiktionales Bild Israels und seiner Feinde produziert, gepflegt und verbreitet wurde, indem bestimmte Einzelheiten aufgebauscht, andere ignoriert wurden und das Gesamtergebnis als akkurates Bild der Wirklichkeit verkauft wurde.“

Die internationale Presse in Israel sei, schrieb Friedman, „weniger Beobachter des Konflikts als vielmehr Partei“. Statt die Ereignisse zu erklären, verlege sie sich „auf eine Art politischen Rufmord im Dienst der Seite, deren Sache sie für gerecht hält“. Es herrsche „eine Art ideologische Gleichförmigkeit“. Die Bewegung für einen Boykott Israels habe in den Medien „beträchtliche Unterstützung, auch bei einigen meiner früheren Vorgesetzten“. Reporter, NGO-Vertreter und politische Aktivisten bewegten sich im selben sozialen Milieu. Dort sei „‚Israelkritik‘ die bestimmende, ‚korrekte‘ Meinung, die auch die Berichterstattung bestimmt“. Als Begründung dafür werde immer wieder „die Besatzung“ genannt, doch diese sei „nicht der Grund des Konflikts, sondern ein Symptom“. Schließlich habe es den Konflikt schon vorher gegeben, so Friedman, „und es würde ihn auch weiter geben, wenn Israel sich aus dem Westjordanland zurückzöge“.

Matti Friedman vermeidet es, den Grund für die oftmals verzerrte, israelfeindliche Berichterstattung auf den Begriff zu bringen und ihn als antisemitisch zu bezeichnen. Dennoch wird klar, dass er diesen Grund sieht, etwa, wenn er sagt, alles werde stets auf die Besatzung zurückgeführt, sodass Juden sogar „im Zweifelsfall an Mordanschlägen gegen sie selbst schuld“ sein sollten, weshalb es kein Wunder sei, „dass so viele Juden in Westeuropa inzwischen wieder nach den Koffern schauen“. In der Dämonisierung des jüdischen Staates, in der Delegitimierung seiner Selbstverteidigung und im Anlegen von Maßstäben, mit denen kein anderes Land der Welt gemessen wird, äußert sich auch in vielen Medien dieser – israelbezogene – Antisemitismus, dem seit Jahren keinerlei Kritik etwas anhaben kann. Denn er ist, wie jeder Antisemitismus, resistent gegen Aufklärung. Und es spricht Bände, dass die Moderatorin einer Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen ein besseres Gespür für eine faire Nahostberichterstattung hat als ihre dafür eigentlich zuständigen Kollegen.


Autor: MENA Watch
Bild Quelle:


Dienstag, 09 April 2019






und, was soll dabei neu sein? Die Berichterstattung der öffentlichen Bezahlsender war schon immer zum Nachteil Israels.

Es sind die politischen Interessen, die an den relevanten Situationen vorbei durchgesetzt werden sollen. Dabei ist es total egal ob es Öffis sind oder politische Parteien von rot bis grün oder Chamäleonschwarz, das große Ziel dahinter ist der entscheidende Punkt, dem Ziel sind alle Wege untergeordnet.




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