Rassismus gegen Nichtmuslime an einer „Schule ohne Rassismus“

Rassismus gegen Nichtmuslime an einer „Schule ohne Rassismus“


Erfahrungsbericht von Schülerin Marie A.

Rassismus gegen Nichtmuslime an einer „Schule ohne Rassismus“

Ich wohne in Hessen, bin 19 Jahre alt und Deutsche. Ich möchte euch erzählen was mir in meiner Schulzeit wiederfahren ist. Das ist meine Geschichte.

Als ich damals von der Grundschule in die weiterführende Schule kam (eine Schule in Süd-Hessen), war das für mich eine ziemliche Umstellung. Auf einmal waren 2/3 der Klasse ausländischer Herkunft, es gab einen freiwilligen Türkisch-Unterricht und freitags gingen viele zur Moschee. Auf einmal wurde der Islam plötzlich sehr präsent in meinem Leben. Mein Sprachausdruck veränderte sich rasant; ich habe dieses ,,Ghetto-Deutsch“ wie Digga, ey Bruder, oder ma sha Allah, wallah unbewusst in meinen täglichen Sprachgebrauch eingebunden. Es ging plötzlich nur noch um den Islam in meinem Leben. Ich war von Muslims umgeben.

In der 5. Klasse hat sich nicht nur meine Sprache gravierend verändert, sondern auch meine Kleidung. Davon abgesehen, dass man sehr auf Marken achtete, war es für mich noch wichtiger geworden, mich ,,bedeckt“ zu bekleiden. Zur Schulzeit achtete ich immer stets drauf ,,bedeckt“ wie die meisten anderen Schülerinnen zur Schule zu gehen; so habe ich mich am wohlsten gefühlt. Mädchen, die kurze Hosen oder Oberteile mit betontem Ausschnitt anhatten, galten als Schlampe. Ja, ich bin im Sommer nie mit kurzer Hose in die Schule gegangen, ich hatte immer lange Hosen, T-Shirts und immer eine Jacke an. Nie trug ich Kleider oder kurze Hosen oder kurzärmelige T-Shirts. Solche Kleidung war dort ,,verpönt“. Egal, ob es 30 Grad oder wärmer draußen war und ich geschwitzt habe; die Jacke wurde zum ,,Schutz“. Ich habe mich angefangen, mich zu schämen, wenn ich in der Pause nur im T-Shirt rumlief. Man wurde massiv beobachtet und hinter seinem Rücken wurde gelästert. Ich wollte ja nicht als Schlampe rüberkommen.

Sobald ich zu Hause war, zog ich mich normal an, besonders im Sommer freute ich mich endlich nach Hause zu kommen, um kurze luftige Sommersachen anzuziehen. Da fühlte ich mich immer richtig befreit. In der Schule dachte ich anders. Dabei handelte es sich bei meiner Freizeitkleidung um ganz normale europäische Kinderkleidung; eigentlich nichts Verwerfliches. Die religiös geprägte Kleiderordnung wurde auch von der Schulleitung unterstützt: Der Schulkodex verbot es, Hotpants kürzer als Knielänge und Tops mit Spaghettiträgern anzuziehen.

Die Weiterführende Schule war damals eine Schule mit Förderstufen-System. Heißt man war von der 5. – 6. Klasse, in den Hauptfächern Deutsch, Mathe, Englisch in (A = Gymnasium niveau, B = Realschul niveau, C = Hauptschulniveau) Kursen eingeteilt. Nach der 6. Klasse wurde dann entschieden ob man in die Haupt/ – oder Realschule oder auf das Gymnasium geht. Ich kam in der Realschule. Das System gibt es heute nicht mehr, heute ist es eine integrierte Gesamtschule. Der Schulleiter war Mitglied der CDU.

Die Schülerschaft teilte sich in Gruppen; man könnte sagen, jede Nationalität bildete ihre eigene Gruppe, Mädchen und Jungen waren strikt getrennt. Diese Gruppen waren immer eng zusammen, vor allem in den Pausen. Ich bekam mit, dass in muslimisch geprägten Gruppen allgemein schlecht über ,,freizügigere Kleidung der Schüler“ gelästert wurde, und über die deutschen Jungen und Mädchen: Egal ob es um Kleidung, einer Kurzhaar-Frisur bei einem Mädchen, am Schweinefleisch-Essen oder ob jemand schon einen feste/n Freund/in hatte usw. All das sei ,,Haram“. Ich selbst hab damals in der 5. Klasse schnell verstanden wie der Hase läuft und habe mich in eine passende Gruppe eingefunden. Somit war mir gesichert, dass ich nicht gemobbt oder als Außenseiter ausgegrenzt wurde. Aber wenn ihr jetzt denkt, dass die europäischen bzw. deutschen Jungen keine Probleme hatten, irrt ihr euch. Sie hatten genauso Probleme wie wir deutschen Mädchen. Nichts wurde an ihnen akzeptiert, weder ihre Kleidung, noch ihre Handlungen, noch Freizeitaktivitäten – sie waren stets zu „deutsch“. An der Kleidung waren Jeans und Pulli zu deutsch. Angesagt war es mit Marken zu protzen und vor allem Sportanzüge und Umhängetasche zu tragen. Ein Baumhaus bauen oder generell etwas zu Sägen, im Wald spielen, mit dem Fahrrad fahren oder eine Radtour mit den Eltern machen, im Sommer Zelten oder – als wir älter waren – mal ein Bier zu trinken bei einer Feier, nichts war akzeptabel. Auch das ,,deutsche“ Schweinefleisch-Schulbrot wurde abfällig kommentiert; also eigentlich wurde nichts akzeptiert, wir waren die ,,dummen Almans“.

Eine weitere Veränderung für mich als ich älter wurde, waren die öffentlichen Verkehrsmittel, hauptsächlich der Zug, mit dem ich zu Schule hin und zurück fahren musste. Die Menschenmenge überrumpelte mich. Mir wurde nachgepfiffen und hinterher gelaufen von Flüchtlingen. Diese Angst, zum Bahnhof zu laufen, wurde immer schlimmer. Ich erzählte es meiner Familie, aber es nahm mich keiner ernst. Allein der Gedanke dass ich Nachmittagsunterricht habe und gleich wieder zum Bahnhof laufen und dort eine Stunde auf den Zug warten muss, war sehr schlimm für mich. Damals habe ich die ein oder andere Angstträne vergossen. Der Weg von der Schule zum Bahnhof dauerte ca. 10 Minuten. In diesen 10 Minuten achtete ich darauf besonders langsam an den Häusern vorbeizulaufen, um im Notfall klingeln zu können. Am Bahnhof angekommen, versuchte ich mich zu Erwachsenen zu stellen, die vertrauenswürdig aussahen. Auch im Zug versuchte ich mich, falls ich mich überhaupt setzte, zu älteren Leuten zu setzen, oft stand ich auch an der Tür wo die Notsprechanlage war ( damals sind noch die alten DB Züge gefahren. Ich hatte von der Schule bis zum Bahnhof Angst davor z.B.: dass ich belästigt und verfolgt wurde oder Schlimmeres. Flüchtlinge saßen in Gruppen am Bahnhof auf dem Boden. Sie pfiffen und riefen mir hinterher und blockierten mir teilweise den Weg. Einmal lief mir einer hinterher, zum Glück kam eine erwachsene Person, in dem Moment drehte sich der Typ um und lief zurück zu seiner Gruppe. Mein Herz pochte jedes Mal, bis ich dann endlich zu Hause war und in Sicherheit.

Einmal als ich in der 6. Klasse war, wir hatten Unterricht in den jeweiligen Kursen, da hörten wir auf einmal laute Schreie. Unser Lehrer sah nach. Es stellte sich heraus, dass eine alte Lehrerin, die im selben Jahr noch in Rente ging, in der Klasse gemobbt wurde und ihr gedroht wurde. Diese Lehrerin unterrichtete den C-Kurs. Ein ausländischer Schüler wollte einen Tisch nach der alten Lehrerin werfen.

Ich erlebte auch dass auf einmal angebliche Lehrer uns unterrichteten, die gar keine Lehrer waren. Wir hatten diese Art von Lehrern vor allem in Vertretung.

Ein Lehrer ist bis heute in meinem Gedächtnis. Wir hatten ihn oft im Vertretungsunterricht. Ich habe einen richtigen Ekel vor ihm gehabt. Sobald der Lehrer zur Tür rein kam, strahlte er Gewalt aus. Er war kräftig, trug einen Bart und war sehr radikal Religiös eingestellt. Bei ihm unterhielt man sich oft über den Islam; vor allem wurde negativ über Frauen gesprochen. Es wurde festgelegt, dass Frauen sich um den Haushalt kümmern sollten und sowieso der Mann das letzte Wort haben sollte: „Die Frauen werden immer ungehöriger hier in Deutschland.“

Oft wurden Nicht-Muslime einfach ignoriert, wenn sich meldeten oder etwas sagen wollten. Ich habe mich immer unwohl bei dem Lehrer gefühlt, er hat mir ein minderwertiges Gefühl gegeben. Muslimische Schüler riefen oft in den Unterricht rein, ich tat das manchmal auch, wurde aber ignoriert. Mit ihm wurde auch in dessen Muttersprache Türkisch gesprochen. Einmal drohte er mir, mich zum Schulleiter zu schicken, wenn ich nicht leise sein würde, obwohl ich nur etwas in normaler Lautstärke gesagt habe.

Der Sportunterricht war auch eine Sache für sich: während wir nicht-muslimischen Schülerinnen aufbauten und abbauten und Sport treiben mussten, durften ein paar muslimische Schülerinnen mit Kopftuch auf der Bank sitzen bleiben. Da es ihnen von zu Hause aus und aus religiösen Gründen verboten war, beim Sport mitzumachen. Bei der Notenvergabe stand bei ihnen ein leeres Feld. Es macht mich bis heute noch wütend und sehr sauer. Warum soll ich mir einen abrackern und benotet werden, wenn die anderen da sitzen dürfen und sich ohne Anstrengung unterhalten. Einmal sagte ich das auch der Sportlehrerin, dass ich mich ab jetzt auch zu denen hinsetzten werde und nichts tun würde. Da schaute sie mich mit großen Augen an und sagte das ginge nicht, da ich eine Deutsche bin und kein Kopftuch trage. Außerdem Sprachen diese Menschen dauernd in ihrer Muttersprache, obwohl laut Schulkodex Deutsch gesprochen werden soll. Dagegen sagte aber nie jemand etwas, es wurde einfach akzeptiert.

Es gab einen katholischen Kurs, ein evangelischen Kurs. Außerdem zwei Ethik Kurse, die überlaufen waren, dort waren vor allem Muslims drin. Schon damals haben wir im Unterricht nur sehr wenig über unsere Religion (Christentum) gelernt. Eher war der Islam auf dem Lehrplan präsent. Ich habe mich damals besser mit dem Islam als mit meiner eigenen Religion ausgekannt. Das hat mir damals schon nicht gut gefallen, aber ausgesprochen habe ich das nie. Dann sollten wir auf einmal einen Ausflug in die Moschee machen, da habe ich meiner Lehrerin gesagt, dass ich daran nicht teilnehmen möchte, die Ethikkurse besuchen ja auch keine Kirche sondern schauten gefühlt das ganze Jahr über Filme (Komödien, Action, Science Fiktion). Ich wollte da nicht mit; seit mehreren Schuljahren beschäftigten wir uns nun schon mit dem Thema Islam, sowohl im katholischen Kurs als auch im evangelischen Kurs. Wir schauten Filme über den Islam, malten Bilder, schrieben Tests und Arbeiten, lernten den Aufbau der Moschee, sowie Wörter. Somit rief meine evangelische Religionslehrerin meine Mutter an. Sie war sehr bestimmend, aufmüpfig und wurde laut am Telefon. Sie sagte, dass ich an dem Ausflug teilnehmen muss, es sei Pflicht und drohte uns dann mit einem Strafgeld, falls ich nicht kommen würde. Somit musste ich mit und dementsprechend war meine Stimmung auf dem Ausflug. Als wir dann in der Moschee ankamen wurden wir sehr freundlich von einem Muslime begrüßt. Er war überfreundlich, sehr zuvorkommend, er zeigte uns alles, gab damit an, dass die Moschee über 5 Millionen Euro gekostet habe und der Staat also deutsche Steuerzahler einen Teil dazu beigetragen haben. Als highlight durften wir (evangelisch und katholisch Kurs) dann mitbeten. Ein paar Schüler und ich wollten nicht teilnehmen, mussten aber den anderen beim Beten zuschauen. Am Ende wurden uns Broschüren in die Hand gegeben. Die ganze Zeit dort hatte ich das Gefühl, dass die Menschen uns dort werben wollten zu konvertieren und andere hatten dieses Gefühl auch.

 

Hier können Sie weiterlesen: INITIATIVE AN DER BASIS


Autor: Philosophia Perennis
Bild Quelle: https://basisinitiative.wordpress.com/2020/03/04/rassismus-gegen-nichtmuslime-an-einer-brennpunktschule-schule-ohne-rassismus-schule-mit-courage-erfahrungsbericht-einer-schulerin-marie-a-initiative-an-der-basis/


Sonntag, 08 März 2020

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