Hokuspokus, Verschwindibus! Die Methode Kleber

Hokuspokus, Verschwindibus! Die Methode Kleber


Terroristen tun schlimme Dinge. Wie wäre es, wenn wir sie einfach unsichtbar machen? Die Terroristen, und damit auch ein bisschen den Terror. Klingt verwegen, ist aber der neueste Trick im Zauberzelt der Medien. Lesen und staunen Sie, was Simsalabim-Journos so einfällt

Hokuspokus, Verschwindibus! Die Methode Kleber

Von Wolfgang Röhl

Versuche, die Herkunft von bestimmten Straftätern zu verschleiern, haben in Deutschland Tradition. Der medial zum Mann verkürzte Kriminelle ist inzwischen schon beinahe sprichwörtlich, gewissermaßen sein eigener Topos geworden. 

Rast ein Mann bei einem Straßenrennen mit seiner Luxuskarre Leute tot, ballert ein Mann vor der Sisha-Bar oder fällt ein Mann im Bahnhofsviertel Frauen an, dann fliegt dem erfahrenen Lückenpressenutzer automatisch eine Ahnung zu, um welchen Typus Mann es sich handeln könnte. Damit liegt der Rezipient manchmal falsch, öfter aber richtig.

Unsere Identitätsvertuschungsfachkräfte waren früher so redlich, das Kind beim Namen zu nennen. Sie wollten, so erklärten sie, durch bestmögliches Anonymisieren der Täter verhindern, dass bestimmte Volksgruppen, Ethnien oder Szenen in Verruf kommen. Solche nämlich, die auffallend viele mutmaßliche oder überführte Täter hervorbringen. 

Ebenso sollte nach den Terrorakten der üblichen Gottesmilizionäre kein großes Gewese über deren Glauben gemacht werden. Auf dass tumbe Kartoffeln bloß nicht auf die irre Idee kämen, zwischen Islam und Islamismus bestünde womöglich ein ideengeschichtlicher Zusammenhang. Wie im Fall des Killers von Wien, der in einschlägigen Moscheen verkehrt hatte. 

„Die Macht der Presse besteht vor allem darin, was sie verschweigt“

Oder aber, besondere Verbrechen und deren Urheber wurden gar nicht erst erwähnt. Natürlich nicht aus dem Grund, dass zum Beispiel ein Täter Hussein hieß und im Willkommensjahr 2015 in Deutschland Schutz gesucht hatte. Oh nein, einzig deshalb, weil die von dem „unbegleiteten minderjährigen Flüchtling“ begangene Vergewaltigung und Ermordung der Studentin Maria L. aus Freiburg nur „regionale Bedeutung“ besaß, jedenfalls aus Sicht von geopolitisch orientierten Staatsfunkhäuptlingen. 

Wie formulierte es Michael Klonovsky, langjähriger Kenner der Journaille? „Die Macht der Presse besteht vor allem darin, was sie verschweigt.“

Der sogenannte Presserat, eine Art freiwillige Selbstkontrolle des Medienbetriebs ohne wirkliche Befugnisse, schwurbelt seit Jahr und Tag um den heißen Brei herum. Seine „Richtlinie 12.1“:

In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Im Unklartext heißt das: Laut Presserat darf man manches nicht oder vielleicht doch schreiben, gemäß biegsamer Kriterien. Ein „begründetes öffentliches Interesse“ bei einer Straftatberichterstattung kann sich ein jeder nach Gusto installieren. 

In der Praxis verhält es sich im Großen und Ganzen so: Handelt es sich bei mutmaßlichen Tätern um Migranten oder um deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund, so wird deren Herkunft gewöhnlich nicht erwähnt (Ausnahme: Bild, gelegentlich Welt). Selbst Berichte über Banden- oder Clan-Kriminalität lassen gern mal offen, wo die Heimathäfen der Clans liegen (ausgenommen Bild). 

Keine Zweiräder, dafür gelegentlich Handgranaten

Schwerkriminelle Gangs aus der Migrahu-Szene werden in Medien immer wieder unter dem folkloristischen Label „Rockerclubs“ geführt. Obschon diese etwas anderen Biker keine Zweiräder, nicht einmal Führerscheine, dafür gelegentlich Handgranaten besitzen.

Da ist keine Recherchefaulheit im Spiel, das ist Absicht. Polizeireporter sind gewöhnlich gut vernetzt mit Behörden. Sie wissen sehr wohl, dass Typen etwa aus dem deutschen „Mongols Chapter“ mit Rockern der alten Schule, sagen wir mit denen aus Klaus Lemkes Film, ungefähr so viel gemein haben wie Schwarzfahrer mit Flugzeugentführern. Journos dieser Denkungsart wollen verschleiern.

Geht es hingegen um mutmaßliche Straftaten von Indigenen, besonders im Wirtschaftsbereich, ist eine ganz oder halb identifizierende Berichterstattung die Regel. Nach Bekanntwerden des Abgasskandals im Jahre 2017 fand sich VW-Boss Martin Winterkorn schneller geschlimmfingert, als sein Firmenjet fliegen konnte. Bis heute steht nicht einmal der Termin für eine Hauptverhandlung gegen den Manager fest. 

Prominente aus dem Showbiz haben erst recht null Schonfristen, geraten sie in irgendeinen Verdacht – siehe den Fall Kachelmann. Der zu unrecht beschuldigte Wetterfrosch hat es einigen Medien im Nachklapp dann gehörig eingetränkt. Dazu braucht es allerdings gute Anwälte und starke Nerven.

Gar keine Gefangenen machen Medien beim unablässig am Blubbern gehaltenen „brauen Sumpf“. Delikte, bei denen es auch nur Spurenelemente von Verbindungen in irgendein ein „rechtes Milieu“ geben könnte, sind umgehend für Spekulationen über Naziverschwörungen gut. Kontaktschuld liegt bereits vor, wenn ein sogenannter Reichsbürger Inhalte der AfD im Internet aufruft. Derlei Anschwärzungskultur findet sich keineswegs nur im Kinderstürmer. Auch das Handelsblatt ist sich dafür nicht zu schade.

Auf den Waggon sprang sogleich die linke Flauwitzseite „Der Postillon“

Zurück zu einer medialen Königsdisziplin, der Täterverdunkelung. Hier ist man auf einen ganz neuen Trichter gekommen. Bei Terroranschlägen, weltweit überwiegend von Gläubigen der Friedensreligion exerziert, sollen Medien die Täter künftig einfach nicht mehr abbilden, fordern Medienflüsterer. Zwei Amerikaner haben ihre wissenschaftliche Kristallkugel befragt und herausgefunden:

Die Identifikation mit früheren Tätern, die durch die extensive Berichterstattung berühmt geworden sind, einschließlich der Veröffentlichung ihrer Namen, Gesichter, Lebensgeschichten und Hintergründe, löst einen mächtigeren Schub in Richtung Gewalt aus als psychische Erkrankungen oder der Zugang zu Waffen.

Insofern habe sich Bild „zum Handlanger der Terroristen“ gemacht, als es den Attentäter von Wien in Bild und Ton und mit vollem Namen präsentierte. So schrieb unlängst ein von der Bild dämonisch besessenes Portal namens Bildblog. Bild nutze Propagandamaterial von Terroristen, setze „Attentätern regelmäßig Denkmäler.“ Seine Botschaft an mögliche Nachahmer laute: „Solltet ihr einen Anschlag verüben, sorgen wir auf unseren Titel- und Startseiten dafür, dass ihr berühmt werdet.“ 

Auf den Waggon sprang sogleich die linke Flauwitzseite „Der Postillon“ auf. Sie lässt einen IS-Sprecher danksagen: „Liebe Medien, ohne eure hysterischen, teils unverifizierten Schreckensmeldungen würden wir es nie schaffen, dass so viele Menschen Angst vor uns haben.“

Ohne Schreckensmeldung kein Schrecken. Stimmt ja. 

Die geniale Idee, Terroristen durch schlichte Nichtbeachtung von ihrem Treiben abzuhalten, ist nicht neu. Schon 1985 hatte Großbritanniens Eiserne Lady gefordert, Medien sollten die Berichte über Terrorismus einstellen, den Killern den „Sauerstoff der Publizität“ entziehen. Thatchers Forderung zielte auf die damalige Berichterstattung über IRA-Anschläge, denen sie beinahe selber zum Opfer gefallen wäre.

„Klickte abends auf ‚Jasmin geil im Keller‘“

Nach dem Massaker eines Rechtsextremisten im neuseeländischen Christchurch schwor die Regierungschefin Jacinda Ardern, sie werde den Namen des Attentäters niemals in den Mund nehmen. Ein angeblich von ihm stammendes „Manifest“ zu verbreiten, ist Down Under verboten. Facebook und andere Social-Media-Anbieter löschten millionenfach ein Video, das Bilder von dem Anschlag enthält. 

Damit waren die Bilder zwar nicht aus der Welt, aber weniger leicht auffindbar. Zeit und Süddeutsche Zeitung machten sich nun vollends mutig, gaben ebenfalls kund, auf die namentliche Nennung des Massenmörders von Christchurch zu verzichten. Bild dagegen kriegte eine Rüge des Presserats aufgedrückt, weil sie – wie schon beim Anschlag in Halle 2019 – Ausschnitte des Tätervideos gezeigt hatte. 

Das alles ist natürlich Symbolgeklingel. Ob mit den Videos „überwiegend Sensationsinteressen“ bedient wurden, wie der Presserat meinte, oder ob ihre Veröffentlichung in Ordnung war, weil sie die „erschütternde menschliche Dimension der Schreckenstat“ (so der Bild-Chefredakteur) zeigten, oder beides – nebbich. Die Vorstellung, man könnte künftige Mordtaten verhindern, indem man die Urheber bereits geschehener Morde medial verscharrt, ist jedenfalls naiv. 

Was, bitte, war denn mit dem NSU-Komplex? Über die Killer Mundlos und Böhnhardt und die „Nazibraut“ Beate Zschäpe, die „immer wieder auf Pornoseiten“ surfte, hat so gut wie jedes deutsche Medium jahrelang berichtet. Keine Angst vor Nachahmern? Nebenbei, klebrige Details über Zschäpe („Klickte abends auf ‚Jasmin geil im Keller‘“) hat die Konkurrenz dem Boulevardblatt nie zum Vorwurf gemacht. Gegen Nazis geht alles.

Was war denn mit der RAF?

Auch den Amoklauf von Winnenden, bei dem 2009 ein 17-Jähriger 15 Menschen erschoss, haben die Medien weidlich ausgeschlachtet. Meist wurde der Täter „Tim K.“ genannt. An Bildern von ihm mangelte es nicht. Hat sich irgendwer irgendwann auf dieses furchtbare Milchgesicht als Vorbild berufen?

Spulen wir noch ein Stückchen zurück. Was war denn mit der RAF? Niemand ist ausführlicher beschrieben, durchleuchtet, analysiert worden, in Artikeln, Büchern, Filmen, als die Mitglieder dieser Truppe, vor allem jene der ersten RAF-Generation. Glaubt jemand, ihre Nachfolger hätten deshalb zur Knarre gegriffen? 

Mathias Müller von Blumencron, Ko-Chef des „Tagesspiegel“, gab bei einer Umfrage seines Blattes unter Journalisten, ob man nach Terroranschlägen auf die Täternamen verzichten sollte, zu Protokoll: 

Es ist selbstverständlich, in der Berichterstattung darauf zu achten, dass Täter nicht heroisiert oder übermäßig herausgestellt werden. Das bedeutet aber nicht, dass man sich nicht mit Verbrechern, Terroristen und Massenmördern beschäftigt. Um zu begreifen, welche Umstände, Gedanken und Motive zu fürchterlichen Taten führen, müssen wir uns mit den Tätern und ihren Biografien auseinandersetzen. Es gibt in den letzten Jahren in dieser Hinsicht eine eigenartige Zögerlichkeit. Niemand wäre auf die Idee gekommen, die Namen von Ulrike Meinhof, Andreas Baader und anderen Mördern der RAF abzukürzen oder gar zu verschweigen.

Speziell Islamisten bedürfen keines apokalyptischen Vorreiters, um eine Bombe zu zünden. Sie morden ja nicht, weil sie einen anderen Mörder toll finden. Sondern weil sie Anweisungen ihres Propheten ausführen, wie sie sie verstehen. 

Gewiss, manche Attentäter stellen sich selber ins Internet, komplett mit Fusselbart, Automat Kalaschnikow und markigen Sprüchen. Die meisten ziehen es aber vor, anonym zu bleiben und sich mitsamt ihren Sprengsätzen rückstandsarm aus dieser Welt in eine andere, ihnen verlockender erscheinende, zu verfügen. Ob Bild, der deutsche Staatsfunk oder ein neuseeländisches Käseblatt über ihr Projekt berichten, dürfte ihnen wurscht sein.

Was immer die am unteren bewohnten Rand des Planeten regierende Ms. Ardern sich von ihrem Schweigegelübde erhofft, bewirken wird es nichts. „Realität“, schrieb der amerikanische Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, „ist das, was nicht weggeht, sobald man nicht mehr daran glaubt.“ Eine Realität ist, dass der asymmetrische Krieg von Islamisten gegen den Rest der Welt gerade so richtig in die Gänge kommt.

Da heißt es für Publizierende, schon mal vorzusorgen. Der ZDF-Ankermensch Claus Kleber zeigt eine dankenswert klare Haltung. Die oben verlinkte Umfrage („Soll man die Namen von Tätern nennen?“) zitiert ihn wie folgt:

Uns scheinen die klassischen W’s, die ja das „wer“ und „warum“ streng einfordern, nicht mehr unbedingt sachgerecht. (…) Ich zähle mich zu denen, die eher massiv auf die Bremse treten und versuchen, die Sachverhalte so zu schildern, dass keine inhaltliche Lücke bleibt und Mördern dennoch die gewünschte Helden-Pose verweigert wird.

Beim nächsten Mann, der einen Anschlag tut, wird dann alles besser. Womöglich erfahren wir aber wenigstens was zum „wo“? Welches bekanntlich das dritte der sieben klassischen journalistischen W’s stellt. 

Oder sollten wir auch auf Tatortnennungen verzichten? Kabul oder Breitscheidplatz, Hauptsache Vorderasien. Böse Männer, liebe Kinder, gibt es leider überall.

 

Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten


Autor: AchGut
Bild Quelle: Superbass CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons


Donnerstag, 12 November 2020

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