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Cora Stephan: Die Stimme der Provinz – das Geheimnis der Promillewege

Cora Stephan: Die Stimme der Provinz – das Geheimnis der Promillewege


Nur der ist wirklich angekommen in der Provinz, der sämtliche Promillewege kennt. Das sind sorgsam gehütete Geheimnisse der Einheimischen, die nicht jeder Dahergelaufene gleich ergründet. Sie können sich als lebensnotwendig erweisen.

Cora Stephan: Die Stimme der Provinz – das Geheimnis der Promillewege

von Cora Stephan

Klar, da lächelt der Städter maliziös: In der Stadt braucht man sowas nicht im Suff, sofern man als Fußgänger unterwegs ist, noch halbwegs sicher auf dem Fahrrad sitzt oder sich ein Taxi leisten kann. Alles ökobioklimafreundlich!

Wir Provinzler sehen das bekanntlich anders. Wir geben unser Auto nicht her – aus Prinzip nicht und überhaupt, zumal die Kneipe selten gleich um die Ecke liegt. Fast alle Landbewohner sind Auto- oder wenigstens Bulldogfahrer, meist durchaus tolerant, weshalb es Zugezogenen selbstredend offensteht, sämtliche Lebensmitteleinkäufe mit dem Rad zu erledigen und die größeren Sachen dann eben von Amazon liefern zu lassen. Wir bleiben autoaffin, in jeder Lebenslage.

Die Promillewege sind, was der Name bereits anzeigt: Fährten, auf denen man von einer Führerscheinkontrolle selten belästigt wird. Idyllische Waldpfade, je nach Jahreszeit nach Moos, Anemonen, Mädesüß, Geißblatt, Pilzen oder Tannenzapfen duftend. Verbotene Feldwege, an Weiden mit rülpsenden Rindern entlang, gesäumt von Bächen, in denen die Frösche und Kröten gregorianische Gesänge üben. Umzingelt von Rehen, die nur darauf warten, dem einsamen Lenker vor die Motorhaube zu springen, damit die Kiste vollgebremst im Graben landet. Sie scheinen zu ahnen, dass selbst beulenträchtige Begegnungen im Abseits schon mangels Zeugen von keiner Versicherung bezahlt werden. Im Mondschein auf Sandpisten, über denen weiße Buhus kreisen, in Blitz und Donner auf Schotterstrecken, von Treckern und Baumfällmaschinen zermalmt. Durch schillernde Regenpfützen pflügend und haarscharf an Abgründen vorbei. Oder auch nicht: so manch einsame Ölwanne wurde hier und da schon angetroffen, Zeuge einer durchzechten Nacht, nach der es niemand gewesen sein will. 

Erfreuliche Möglichkeit, das Leben zu genießen

Selbstredend muss man nicht unbedingt mehr als die gerade noch erlaubten 0,8 Promille intus haben, um Promillewege zu schätzen. Wer nächtens aufs Wildschwein geht, wird dafür nicht die Bundesstraße nehmen. Manch einer nennt sie Schleichwege, weil er nicht hellerleuchtet und mit fliegenden Fahnen einlaufen will, wo Diskretion gefragt ist. Auch rücksitzaffine Triebtäter*innen wissen ihren Charme zu schätzen. Für eine laue Sommernacht unter blinkernden Sternen am samtenen Himmel, beim Nachtigallenschlag und dem Sirren partizipierender Insekten nimmt manche*r manches hin. 

Heute gar, in Zeiten, die fröhliche Rundfunkmoderatorinnen „Coronazeiten“ nennen, erweisen sich Promillewege als erfreuliche Möglichkeit, das Leben zu genießen und dabei auch noch Geld zu sparen. Sperrstunden im Frühling sind nunmal dazu gedacht, das Staatssäckel wieder reichlich zu füllen, hier in Frankreich wird es richtig teuer, wenn man sich nach 19 Uhr noch auf der Straße blicken lässt. Von einer Dorfbewohnerin wird berichtet, dass zwei Gendarmen sie, obwohl mit Hund unterwegs, die Mülltüte nicht entsorgen ließen, weil es ein paar Minuten danach war. Ich weiß nicht, ob die Dame den Herren darob den Vogel gezeigt hat, jedenfalls soll man der Unbotmäßigen das Tor eingetreten haben, um ihr die Quittung zu überreichen: 135 Euro, die unterste Grenze. 

Mal ehrlich: man sitzt mit Freunden auf der Terrasse, isst und trinkt und soll damit um 19 Uhr aufhören? Das hieße ja, man müsste bereits mittags damit anfangen? Kurz: auch wir waren vor ein paar Tagen nicht geneigt, so früh bereits die Segel zu streichen. Als wir, durchaus heiter, die Freunde verließen, war es schon nach neun – und wir sahen sie am Kreisverkehr stehen, die Herren in blau mit den attraktiven Käppis, die MP stets  griffbereit, wie sie alle anhielten, die motorisiert noch unterwegs waren. Wir wären ihnen direkt in die Arme gefahren, hätten wir nicht: genau. Wir kennen unsere Promillewege. Der Umweg führte durch Weinberge und Olivenhaine, es ging auf schmalen Brücken über die rauschende Beaume und durchs stille Rosiere hoch nach Hause. 

Kurz: es gibt Dinge, die selbst in einem autoritär regierten Staat wie Frankreich schwer zu kontrollieren sind. Wieviele Gendarmen braucht es, um an den in diesem Land besonders beliebten Kreiseln nach Abweichlern Ausschau zu halten? Eben. Und in Deutschland? Wer will all das überprüfen, was überprüft werden soll, damit den Bürgern großmütig „Lockerungen“ gewährt werden können? 

Vergesst es. Der selbstbewusste Bürger unterläuft, was sinnlos ist. Auf den Promillewegen des Lebens.

Mehr von Cora Stephan lesen Sie in ihrem neuen Buch „Lob des Normalen: Vom Glück des Bewährten“. Hier bestellbar.

erscheinen auf Achgut


Autor: Achgut
Bild Quelle: Archiv


Donnerstag, 13 Mai 2021

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Deutschland - Freitag, 11 Juni 2021

Intensivbettenschwindel nun offiziell bestätigt

Die Angaben zu den Intensivbetten-Kapazitäten sind manipuliert. „Erst bekamen die Krankenhäuser Geld vom Staat für frei- und vorgehaltene Betten, jetzt gibt es Geld für höhere Auslastungsquoten, was das Meldeverhalten vieler Krankenhäuser bzgl. betreibbarer Betten nachweislich verändert hat, also nichts über das reale Vorhandensein von Betten aussagt“, schrieb Thomas Maul am 27.04.2021.
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