Chamberlains gegenwärtiges Europa

Chamberlains gegenwärtiges Europa


Chamberlains gegenwärtiges Europa

Manfred Gerstenfeld

Neville Chamberlain, viel verachteter britischer Premierminister vor dem Zweiten Weltkrieg, hätte sich nicht vorstellen können, dass seine fehlgeschlagene Appeasement-Politik nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt werden würde. Er selbst ist zwar nicht rehabilitiert worden, doch das Wesen seiner Politik ist von westeuropäischen Regierungen bereits seit Jahrzehnten weithin praktiziert worden.

Ein Beispiel dafür, wie Deutschland dieser Politik folgte, ereignete sich nach der Ermordung von elf israelischen Athleten und eines deutschen Polizisten bei den Münchener Olympischen Sommerspielen 1972 durch palästinensische Terroristen. Jüngst von den israelischen Staatsarchiven zur Veröffentlichung freigegebene Dokumente offenbaren, dass die Deutschen bei ihren Versuchen der Bekämpfung von Terroristen kläglich versagten.1

Das deutsche Magazin Der Spiegel deckte auf, dass die deutsche Regierung ein paar Monate nach den Morden den Kontakt zu den Terroristen des Schwarzen September suchte, um eine Vereinbarung mit ihnen zu erreichen. Nach der Entführung eines deutschen Flugzeugs wurden drei festgenommene Terroristen freigelassen. Die Deutschen unternahmen nichts, um die Terroristen erneut festzusetzen und zur Rechenschaft zu ziehen.2

Symbolisch gesprochen war diese deutsche Appeasement-Haltung gegenüber palästinensischen Mördern nach München 1972 ein – wenn auch weitaus kleineres – Gegenstück zu München 1938, als die tschechische Demokratie von den Briten und Franzosen an Hitler ausgehändigt wurde. Diesmal war es das demokratische Deutschland, das vor den Kriminellen kapitulierte.

Das deutsche Appeasement gegenüber Terroristen nach den Münchener Olympischen Spielen ist kein Einzelfall. Bat Ye’or schreibt, dass in den 1970-ern Frankreich, England, Italien und Österreich informelle Abkommen mit der PLO trafen, um ihre Länder vor Terrorismus zu schützen.3 2008 schrieb der frühere italienische Präsident Francesco Cossiga, dass eine Vereinbarung des „tu mir nichts, dann tu ich dir auch nichts“ zwischen der italienischen Regierung und der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) sowie der PLO existierte.4 Der christdemokratische Premierminister Aldo Moro, der diese Vereinbarung genehmigte, wurde später von italienischen Terroristen ermordet.

Ein Land ging über das Appeasement hinaus und identifizierte sich mit den Mördern. 1988 überstimmte der sozialistische griechische Justizminister V. Rotis ein griechisches Gerichtsurteil und befreite den Palästinenser Abdel Osama Al-Zomar, der an Italien ausgeliefert werden sollten, um dort vor Gericht gestellt zu werden. Er hatte vor einer Synagoge in Rom ein jüdisches Kind ermordet und 34 Menschen verletzt. Rotis nannte Al-Zomar einen „Widerstandskämpfer“ und erlaubte ihm die Ausreise nach Libyen.5

Die derzeitige europäische Weigerung die Hisbollah eine Terrorgruppe zu nennen ist nur ein weiteres Beispiel für Appeasement. Appeasement erklärt auch die nicht vorhandene Bereitschaft der europäischen Regierungen den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und den Ayatollah Khamenei vor ein internationales Gericht zu stellen, wozu sie unter der UNO-Völkermordkonvention verpflichtet wären. Lauwarme europäische Unterstützung von Sanktionen gegen den Iran ist ein weiteres Beispiel für die Mentalität des Appeasement.

Ein Großteil davon passt in die Beschreibung Martin Gilberts und Richard Gotts in ihrem Buch The Appeasers, in dem sie schildern, wie die Appeaser sich vor dem Krieg verhielten: „Das Wesen ihres Handwerks waren Schwäche, Unentschlossenheit und Verunsicherung.“6 Außerdem sind die Seiten darüber, wie die Regierung Chamberlain ihre öffentlichen Äußerungen und die Polen gegebenen Garantien aushöhlte, lesenswert.

Auch in christlichen Gremien gibt es viel Appeasement. Viele liberale protestantische Kreise sind oft weit mehr geneigt Israel zu rügen als die Aufmerksamkeit auf Verbrechen gegen Christen in muslimischen Ländern zu lenken. Der Vatikan schweigt oft zu Angriffen auf Katholiken in muslimischen Ländern.

In Deutschland gibt es zudem noch weitere Aspekte des Appeasements. In Rostock weigerte sich die Universität vor kurzem einen proisraelischen Vortrag zuzulassen, der von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gesponsert wurde; man hatte Angst vor Gewalt von [Israel-] Gegnern. Die Entscheidung wurde nach Gesprächen mit dem Verfassungsschutz getroffen. Die Veranstaltung fand an einem anderen Ort ohne Probleme statt.7

Der Fall Rostock illustriert, wie Israels Feinde ihre Ziele wegen Angst vor ihrer Gewalt erreichen, ohne auf diese zurückgreifen zu müssen. Diese Haltung ermutigt nicht nur zu mehr Gewalt wie die jüngsten Angriffe auf Juden in Berlin. Sie ermutigt die Extremisten auch öffentlich „Tötet die Juden“ zu brüllen, da es kaum Risiko gibt, dass sie verhaftet werden. Das alles sind Anzeichen dafür, dass aggressive Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland und ihre Verbündeten es geschafft haben bei den deutschen Behörden Angst zu schüren. Die einzige Möglichkeit das zu bekämpfen besteht darin, diese Behörden nach jedem Vorfall zu rügen und zu beschämen.

Eine solche Beschämung gab es im Januar 2009 in Duisburg. Dort entfernte die Polizei zwei israelische Flaggen aus einer Wohnung, nachdem Teilnehmer einer von der türkischen Extremistengruppe Mili Görüs organisierten antiisraelischen Demonstration angefangen hatten, sie mit Gegenständen zu bewerfen. Diese skandalöse Einstellung wurde heftig kritisiert und die Polizei musste sich später entschuldigen.8

Wir leben in anderen Zeiten als Chamberlain. Eine große Herausforderung ist heute, wie man mit der vielgesichtigen Aggression und Einschüchterung umgehen soll, die aus der Welt des Islam kommt. Wie es so oft geschieht, sind die Erfahrungen der Juden ein guter Indikator für das, was in Europa geschieht. Die Morde des Mohammed Merah in Frankreich und die jüngsten Angriffe auf erkennbare Juden in Deutschland und Österreich sind einige der Indikatoren, die zeigen wer unverhältnismäßig für das Appeasement gegenüber gewalttätigen Muslime bezahlt.

Hitlers demokratische europäische Gegner zahlten heftig dafür, dass sie ihm gegenüber Appeasement betrieben. Die Juden waren gezwungen noch weit mehr zu zahlen. Dasselbe geschieht heute mit Juden und Israel. Doch letzten Endes werden auch die westlichen Demokratien enorm für ihr Appeasement der muslimischen Totalitären und Terroristen zu zahlen haben.

 

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

 

Quelle: Heplev

 

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Autor: haolam.de
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Dienstag, 16 Oktober 2012