Charlie, Frankreich, Israel

Charlie, Frankreich, Israel




von Reiner Schleicher

Noch sind die Demonstrationen vom 11.Januar 2015 in Paris und anderen französischen Städten stark im kollektiven Gedächtnis.

Zu Recht hatten die französischen Juden dem ursprünglichen Slogan "wir sind Charlie" weitere Versionen hinzugefügt "wir sind Charlie, wir sind Juden ...", auch "wir sind Polizisten, wir sind die Republik." Auch wenn es Stimmen gab unter den französischen Juden, die mit einem Hauch von Bitterkeit teilnahmen mit dem Gedanken, dass Terroranschläge "nur" gegen Juden nur einen Bruchteil von den Massen auf die Strassen brachten, die diesmal durch Terroranschlag gegen Charlie Hebdo mobilisiert wurden - dass Juden teilnehmen an der allgemeinen Mobilisierung gegen islamischen Terrorismus stand ausser Frage.

Umso absurder und empörender die Nachricht, die aus einem Land nach Frankreich dringt, das sich als Speerspitze des Kampfes gegen den Terrorismus versteht: der jüdische Staat Israel.

Die Buchhandlungsgruppe Steimatzky vertreibt dort seit Jahren die Zeitung Charlie Hebdo, diesmal hat sie beschlossen, die erste Ausgabe nach den Morden,
die auf der Titelseite einen weinenden Mohamed zeigt, nicht in den Buchläden Israels zu verkaufen.

Hintergrund ist eine Warnung des arabisch-israelischen Abgeordneten Génaïm an Steimatzky und an die Regierung, in der er von einer "Provokation" mit unvorhersehbaren "schweren Konsequenzen" spricht. "Steimatzky hat die Absicht, Bilder zu vertreiben, die dem Propheten Mahomed schaden. Es handelt sich um eine schwerwiegende, gefährliche und dumme Provokation", schreibt er in einem Brief an Nethanyahu. "Dies ist nicht Meinungsfreiheit sondern eine Beschimpfung des Islam, es wird Aufregung und Zorn der Araber und Moslems mit sich bringen, ohne dass jemand die Konsequenzen vorhersagen kann".

In Frankreich erschien diese Nummer des Charlie Hebdo in ungeahnter Auflagenhöhe, täglich aufs Neue gedruckt und verkauft, mit Wartelisten
und genervten Buchhändlern - bis aus der urspünglichen Auflage von sechzigtausend eine Ausnahmeauflage von mehreren Millionen wurde. Es waren unter
diesen neuen Lesern und Käufern von Charlie Hebdo nur wenige, die plötzlich Freunde dieser Zeitung wurden, aber mit dem Kauf dieser Ausgabe wollten sie alle ein klares Signal setzen gegen Terrorismus, gegen Islamismus, für Presse- und Meinungsfreiheit.

Israel hätte an dieses neue Bewusstsein in Frankreich und anderen europäischen Ländern über die islamistische Gefahr anknüpfen können und sagen können:
Wir sind ständig mit der Gefahr des Terrorismus konfrontiert, wir möchten mit Euch gemeinsam den Terrorismus bekämpfen. Aber bitte macht Leuten keine Geschenke, die eine unklare Position haben gegenüber dem Terrorismus wie die Palästinensische Autonomiebehörde, indem Ihr einen palästinensischen Staat
anerkennt, auch ohne Friedensabschluss mit Israel.

Diese Chance ist verspielt worden, ein ganz falsches Signal wurde gesetzt: Man wich zurück vor islamischen Drohungen, zog sich zeitweise zurück
aus der internationalen Solidarität gegen den Terrorismus.

Klar verurteilt wurde dies von Lieberman, der den Worten Taten folgen liess, mit dem kostenlosen Verteilen dieses Exemplars von Charlie Hebdo, mit einer
Petition gegen die Entscheidung der Handelskette Steimatzky.

Laut der französischen Zeitung Ouest France hätten praktisch nur Organisationen diese Petition unterschreiben, die genauso "rechtsextrem" seien wie die Partei Liebermans.

In Frankreich hat die Linke der Front National zu verstehen gegeben, dass deren Teilnahme an den Demonstrationen am 11. Januar nicht erwünscht sei, was bedeutet, dass es zu Gewalttätigkeiten gegen sie gekommen wäre, wenn sie doch teilgenommen hätte. "Man hätte ihr eins auf die Mütze gegeben", so schreibt zum Beispiel die linksextreme "La Mée socialiste" aus Châteaubriant, "dies wäre auch im Sinne der ermordeten Redakteure von Charlie Hebdo gewesen, da sie keine gemeinsamen Werte mit der Front National hatten".

Die Front National hatte politische Reife und Respekt vor den Opfern bewiesen, indem sie auf die Teilnahme verzichtet hat und so verhindert hat, dass
aus der Demonstration gegen den Terrorismus eine Demonstration gegen "Islamophobie, Front National und und und" wurde.

Es ist kaum anzunehmen, dass Lieberman den sehr französischen, sehr schrägen Humor von Charlie Hebdo schätzt, aber ihm ist klar, dass es hier um
Pressefreiheit geht und um Kampf gegen Islamismus, also um viel mehr als « nur » um Charlie Hebdo.

Und plötzlich sind "Rechtsextreme" die Verteidiger der Pressefreiheit, während die "demokratischeren" Kräfte anscheinend der Ansicht sind, dass die Pressefreiheit in Zeiten von Wahlkämpfen auch mal eine kleine Pause einlegen kann, ohne dass dies Schaden anrichtet.

Nun ist es sehr unwahrscheinlich, dass Charlie Hebdo "vernünftig" wird und nur noch Angela Merkel, Nicolas Sarkozy, François Hollande und den Papst karikiert und nicht mehr … den Propheten. Was aber, wenn weitere Titelbilder mit Abbildungen Mohameds erscheinen werden, nach den Wahlen? Wird Steinatzky sich dann an die Pressefreiheit erinnern? Oder wird Génaïm diese Abbildungen plötzlich hinnehmen? Natürlich nicht, er wird eher denken, was in Wahlkampfzeiten recht ist, ist auch danach nur billig: dass die Moslems dem Rest des Landes vorschreiben können, wo die Meinungsfreiheit endet. Er hatte mit seinen Drohungen einmal Erfolg und wird sie in in ähnlichen Fällen wiederholen.

"Wir haben Charlie Hebdo getötet", riefen die Attentäter nach ihren Mordtaten. In Frankreich wurde verhindert, dass dies wahr wurde. Sollte in Israel wahr
werden, was man in Frankreich verhindert hat?

 

 

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Autor: joerg
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Dienstag, 17 Februar 2015









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