Deutsche Intellektuelle und ihr Recht auf Israelkritik

Deutsche Intellektuelle und ihr Recht auf Israelkritik


„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, lautet der erste Satz im deutschen Grundgesetz. Und zur Würde des deutschen Intellektuellen gehört das Menschenrecht auf Israelkritik. Wähnt er es in Gefahr, greift er zum Äußersten: er schreibt einen Brief.

Deutsche Intellektuelle und ihr Recht auf Israelkritik

Von Thomas M. Eppinger

„Mehr als sechzig Akademiker und Intellektuelle [man beachte die Unterscheidung, Anm. d. Verf.] haben einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgesetzt, in dem sie gegen die Unterdrückung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik protestieren.“

Das berichtet die Süddeutsche Zeitung, die offensichtlich von den Unterzeichnern nicht gelesen wird. Sonst wüssten sie, dass „Kritik an der israelischen Regierungspolitik“ nicht nur nicht unterdrückt wird, sondern zu Deutschland gehört wie Jägerschnitzel und kurzbehoste Männer in Socken und Sandalen. Wobei sich die Israelkritiker ungefähr so sehr für die Legitimität ihrer Kritik interessieren wie die Sandalendeutschen für Ästhetik.

„Insbesondere die Schmähung des Historikers und Publizisten Reiner Bernstein macht ihnen Sorgen. Bernstein ist derzeit im rhetorischen Fadenkreuz des israelischen Spitzenbeamten Arye Sharuz Shalicar.“ Ein aufrechter Deutscher im Fadenkreuz eines Israelis? Na bumm. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passiert, würde Shalicar abdrücken. Ein Tweet, ein Facebook-Post oder gar ein neues Buch?

Reiner Bernstein setze sich „unermüdlich für eine gerechte und gewaltfreie Lösung des Israel-Palästina Konflikts ein“, liest man, sein Engagement gründe „in seiner historischen Verantwortung als Deutscher“. Bernstein ist ein Deutscher in seinen Siebzigern, mit einer Jüdin verheiratet, der sich sein Leben lang an Israel abarbeitet, und dem Israel anscheinend viel zu wichtig ist, um es den Israelis zu überlassen. Ich weiß nicht, was einen solchen Mann umtreibt, aber wäre ich Psychoanalytiker, möchte ich ihn nicht auf meiner Couch haben. Auf die Unterstützung der Unterzeichner kann er jedenfalls zählen:

„Wo kritischer Dialog notwendiger denn je ist, schafft die missbräuchliche Verwendung des Antisemitismusvorwurfs zunehmend auch in Deutschland eine Stimmung der Brandmarkung, Einschüchterung und Angst. In dieser Atmosphäre wundert es nicht, dass das Berliner Kammergericht Bernsteins Klage gegen seine Verleumdung zurückgewiesen hat.“

Jetzt lassen sich sogar schon Berliner Richter von Juden einschüchtern. Hat man das in den 1930ern nicht ein für alle Mal abgestellt? Da bleibt den vom unermüdlichen Friedenseinsatz erschöpften Intellektuellen und/oder/auch Akademikern kein anderer Ausweg mehr, als quasi mit ihrer letzten Tinte einen Brief an die Kanzlerin zu verfassen.

Man sieht sie förmlich vor sich, wie sie sich schlotternd aneinander kauern, voller Angst, sie könnten ins rhetorische Fadenkreuz eines Israelis geraten, der sie mit der Antisemitismuskeule erschlägt wie der „Bear Jew“ Donny Donowitz die Nazis in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds.

Nun könnte der eine oder andere an dieser Vorstellung vielleicht ja durchaus Gefallen finden, doch mit der Realität hat sie freilich nicht das Geringste zu tun. In Wirklichkeit hat Deutschland mehr Israelkritiker als Fußball-Nationaltrainer. „Israelkritik“ gehört zum guten Ton, so wie „bio“ oder „vegan“, niemand muss sich dafür rechtfertigen. Rechtfertigen muss sich nur, wer dafür plädiert, die israelische Sicherheitspolitik den israelischen Wählern zu überlassen.

Es ist einfach ärgerlich

Nicht, dass diesem Brief oder seinen Unterzeichnern besondere Bedeutung beikäme. Ein paar Deutsche, ein paar Israelis, die üblichen Verdächtigen wie Rolf Verleger, Abi Melzer, Moshe Zuckerman, Katajun Amirpur oder Micha Brumlik, auch Wolfgang Benz darf da nicht fehlen. Er ist einfach nur ärgerlich, vieles andere ist es allerdings noch mehr.

Ärgerlich ist die Mischung aus Wehleidigkeit und Aggressivität, mit der Antisemiten inzwischen aus einer vorgetäuschten Opferrolle auf ihre Gegner schießen. Nicht der Antisemit wird verdammt, sondern wer ihn einen Antisemiten nennt. Das wehleidige „das wird man wohl noch sagen dürfen“ der alten Nazis mutiert zur Forderung, den Antisemitismus-Vorwurf als solchen zu unterbinden und Kritiker der eigenen Person oder Position aus dem Diskurs zu entfernen. Wer sich durch die aktuelle Antisemitismus-Definition in seinem Recht auf ungestörte Israelkritik eingeschränkt fühlt, fordert prompt eine neue. Der Ruf nach Meinungs- und Forschungsfreiheit wird zum Vorwand, mit dem man sich jeden Widerspruch verbittet.

Ärgerlich ist die Jämmerlichkeit, mit der ein paar Israelis, die sich in Israel nur ziemlich überschaubarer Zustimmung erfreuen, Deutschland, die Europäische Union oder wen auch immer um Hilfe oder Sanktionen anbetteln, ihre politischen Vorstellungen von außen durchzusetzen, weil sie an der Wahlurne in der Heimat keine Chance haben. Das ist der Geist sowohl hinter diesem Brief als auch hinter der Petition von Avraham Burg, die immerhin mehr als 1000 Parlamentarier aus 25 europäischen Ländern unterzeichnet haben. Noch ärgerlicher ist freilich, dass sie hier Gehör finden.

Ärgerlich ist die Ignoranz der „links-liberalen“ Medien. Ein Omri Boehm zum Beispiel, der davon träumt, den jüdischen Staat durch eine „Republik Haifa“ abzulösen, wird nicht als der Spinner vom linken Narrensaum abgetan, der er ist, sondern als Optimist gefeiert.

Ärgerlich sind die Scheuklappen einer Linken, die die israelische Regierung „rechts“ und „korrupt“ schimpft, während sie die Diktaturen der Palästinenser einfach außen vor lässt. In jedem Land würde eine religionsfaschistische, frauen- und schwulenfeindliche Terrorbande wie die Hamas in Gaza ebenso als rechts gegeißelt werden wie die ultranationalistische, korrupte Fatah in der Westbank.

Ärgerlich ist die Realitätsverleugnung der europäischen Politik, die von einem friedlichen Nebeneinander zwischen Israel und Palästina schwadroniert als handle es sich um Entitäten auf gleicher Augenhöhe. Noch kein europäischer Politiker hat ein schlüssiges Konzept präsentiert, wie man mit der Hamas überhaupt über Frieden verhandeln soll, für die jegliche Normalisierung der Beziehungen zu Israel ein Verbrechen ist, oder mit der Autonomiebehörde, die sie sich seit 10 Jahren weigert, mit Israelis auch nur zu verhandeln.

Ärgerlich ist, dass man nicht einmal einen Gedanken darauf verschwendet, warum wohl das Emblem der PLO, die als palästinensische Vertretung international anerkannt ist, eine Landkarte der Region zeigt, in der Israel gar nicht vorkommt.

All die Antisemiten, die Jämmerlichen und die Spinner, die Scheuklappenträger und die Realitätsverleugner bereiten den Weg für eine Politik, die bereit ist, die jüdische Demokratie einer weiteren arabischen Diktatur zu opfern. Das ist nicht ärgerlich. Das ist eine Katastrophe.

 


Autor: Thomas Eppinger
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Donnerstag, 30 Juli 2020

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