Die Gesichter des Hasses: Was eine israelische Forscherin über die neue Generation der Täter offenbart

Die Gesichter des Hasses: Was eine israelische Forscherin über die neue Generation der Täter offenbart


Eine israelische Kriminologin sitzt Terroristen gegenüber – von Hamas-Kommandeuren bis zu Anhängern des Islamischen Staates. Ihre Erkenntnisse sind ein Schlag ins Gesicht all jener, die Terror auf Parolen reduzieren. Was sie beschreibt, zeigt eine düstere Wahrheit über den Wandel des palästinensischen Extremismus.

Die Gesichter des Hasses: Was eine israelische Forscherin über die neue Generation der Täter offenbart

Als die israelische Kriminologin und Terrorismusexpertin Dr. Schagit Jehoschua vor Jahren ihre ersten Interviews mit inhaftierten Hamas-Führern begann, ahnte sie nicht, wohin diese Arbeit sie führen würde. Heute, nach zahllosen Gesprächen mit verurteilten Attentätern, Organisatoren und Kämpfern, beschreibt sie ein Bild, das Israel wie die Welt gleichermaßen herausfordert: Der Terror von heute folgt nicht mehr nur einer klaren Ideologie, sondern einer psychologischen Dynamik, die sich seit dem 7. Oktober radikal verändert hat.

Die Forscherin, die sowohl im israelischen Strafvollzug als auch in Europa mit unterschiedlichen Extremisten arbeitete, begann ihre Laufbahn mit einer einfachen Frage: Warum entscheidet sich ein Mensch, Gewalt auszuüben? Ihre Antwort fällt heute komplexer aus als je zuvor. Die Strukturen, Erwartungen und Selbstbilder der Täter haben sich verändert – und die Grenze zwischen ideologischer Überzeugung und persönlicher Leere ist brüchiger geworden.

In ihren ersten Jahren im Gefängnis interviewte sie führende Köpfe von Hamas, Fatah und dem Islamischen Jihad. Viele von ihnen sahen sich als handelnde Figuren eines kollektiven nationalen Projekts. Ihre Motivation speiste sich aus einer Mischung aus erlernter Ideologie und familiärer Tradition. Ein zentraler Teil ihrer Prägung war die Überzeugung, im Namen des eigenen Volkes zu handeln – eine moralische Verzerrung, die ihnen erlaubte, das Unaussprechliche als „Pflicht“ zu deklarieren. Für Jehoschua waren diese Gespräche zugleich verstörend und analytisch wertvoll: Die Männer sprachen, weil sie wollten, dass man sie versteht. Sie wollten gehört werden, wollten sich inszenieren.

Doch was sie nach 2017 in London über junge europäische ISIS-Anhänger lernte, stellte vieles infrage. Hier traf sie nicht auf Akteure, die sich als Verteidiger eines Volkes verstanden, sondern auf entwurzelte Jugendliche ohne stabile Identität. Menschen im Konflikt mit sich selbst, angeworben durch Versprechen von Zugehörigkeit und Macht. Für diese Täter stand nicht die Geschichte einer Nation im Vordergrund, sondern die Suche nach einem Ort in einer Welt, die sie nicht verstand. Die emotionale Logik war eine völlig andere – und deshalb leichter aufzulösen. Mit der richtigen Intervention konnten viele wieder in ein ziviles Leben zurückfinden.

Und dann kam der 7. Oktober.

Jehoschua beschreibt diesen Tag nicht als analytische Zäsur, sondern als persönlichen Bruch. Die Täter, die sie nach dem Massaker von 2023 traf, unterschieden sich fundamental von jenen, die sie zuvor kannte. Die Radikalisierung unter Hamas, die jahrelange ideologische Isolation und eine Erziehung, die von frühester Kindheit auf Dämonisierung Israels setzte, formten einen neuen Typus von Attentäter. Junge Männer, die nichts kannten außer dem Weltbild eines totalen Feindes, agierten mit einer Brutalität, die sie selbst als „logisch“ wahrnahmen. Ein Teil von ihnen wirkte in den Gesprächen wie Programmierte: Satzbausteine, Phrasen, Mantras – wiederholt wie auswendig gelernt.

Das macht diese Täter schwerer zu greifen. Während frühere Generationen von Hamas-Führern noch aus politisch-strategischen Kalkülen handelten, verbindet die neue Generation zwei viel gefährlichere Komponenten: die altnationale Erzählung des „Widerstands“ und die radikale Ich-Aufwertung durch Gewalt, wie sie ISIS-Anhänger früher suchten. Eine toxische Mischung aus kollektivem Mythos und persönlicher Ego-Erlösung. Jehoschua beschreibt sie als „Plakate“ – einprägsam, radikalisiert, kaum noch erreichbar.

Gerade aus dieser Analyse ergibt sich eine ernüchternde Schlussfolgerung: Methoden der Deradikalisierung, die in Europa funktionieren, greifen bei dieser Generation kaum. Das hat weniger mit kultureller Differenz zu tun als mit der totalen ideologischen Abschottung, der sie seit ihrer Kindheit ausgesetzt waren. In Gaza wuchs eine Jugend heran, deren Weltbild nicht durch persönliche Verletzungen geprägt ist, sondern durch systematisch eingeprägten Hass. Wer aus einer gesellschaftlichen Umgebung kommt, die von Hinrichtungsvideos, Märtyrerkult und Feindbildern durchsetzt ist, kommt mit einer psychischen Grundcodierung ins Erwachsenenalter, die kaum noch auflösbar ist.

Jehoschua warnt deshalb vor Illusionen. Strenge Strafen allein – auch die Debatte um die Todesstrafe – lösen das Problem nicht. Sie analysiert nüchtern: Viele dieser Täter würden den Tod nicht fürchten, sondern ihn als Bestätigung ihrer vermeintlichen Bedeutung sehen. Und doch widerspricht sie entschieden der Vorstellung, harte Strafen könnten jemals die Gesellschaft stärken, die sie schützen sollen. Israel, so sagt sie, müsse sich fragen, welche Botschaft es über sich selbst sendet.

Gleichzeitig warnt sie davor, auf rein militärische Antworten zu setzen. Sicherheit sei notwendig, aber ohne eine langfristige Strategie, die Erziehung, Medien und soziale Strukturen berücksichtigt, werde das Land sich dem nächsten Ausbruch lediglich nähern, ohne ihn verhindern zu können. Jehoschua erkennt klar: Der Generation, die unter Hamas aufwuchs, ist kaum noch beizukommen. Entscheidend wird sein, wie die nächste geformt wird.

Ihre Worte treffen einen schmerzhaften Kern. Israel steht nicht vor einem abstrakten Feind, sondern vor Menschen, deren Denken über Jahre auf Gewalt programmiert wurde – eine Programmierung, die mit jeder Generation radikaler wurde. Der 7. Oktober war nicht nur ein Angriff auf Leben, sondern auch ein Angriff auf das Verständnis dafür, wie Terror funktioniert. Was Jehoschua schildert, zeigt: Der Kampf findet nicht nur auf dem Schlachtfeld statt, sondern im Kopf einer ganzen Generation.

Und gerade deshalb ist ihre Warnung so bedeutsam: Wer Terror bekämpfen will, muss verstehen, wie er entsteht. Wer ihn eindämmen will, muss die Mechanismen kennen, die ihn legitimieren. Und wer nicht bereit ist, sich den psychologischen Realitäten zu stellen, wird nur die Oberfläche bekämpfen – und nicht das, was darunter brodelt.

Israel musste am 7. Oktober lernen, dass sich seine Gegner verändert haben. Die Frage ist nun, ob die Welt bereit ist, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.


Autor: Redaktion
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Samstag, 29 November 2025

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