Raw Frand zu Parschat Jitro: Nicht nur in der Politik bilden sich merkwürdige Gespanne

Raw Frand zu Parschat Jitro:

Nicht nur in der Politik bilden sich merkwürdige Gespanne


An diesem Shabbat lesen wir die Parascha Jitro aus der Torah. Raw Frand erläutert Aspekte dieser Parascha und ihrer Bedeutung. Heute lesen Sie den ersten Kommentar zur Parascha.

In Parschat Jitro wird über den Empfang der Torah durch das jüdische Volk berichtet. Dieser Abschnitt ist die Torahvorlesung am ersten Tag Schawuot. Die Pesukim sagen, "Im dritten Monat seit dem Auszug der Kinder Israels aus Ägypten, an diesem Tag, erreichten sie die Wüste Sinai. Sie reisten von Refidim und kamen in der Wüste Sinai an und lagerten in der Wüste und Israel lagerte dort, gegenüber dem Berg.“ [Schemot 19: 1-2].

Raschi merkt dazu an, dass die Verben "sie kamen" (ba’u), "sie reisten" (wa´jis‘u), "sie kamen an" (wa´jawo‘u), "und sie lagerten" (wa´jachanu) alle im Plural erscheinen. Plötzlich aber, wenn der Pasuk schreibt:  "Israel lagerte dort" benutzt die Torah ein Verb im Singular (wa´jichan). Raschi kommentiert, dass Israel am Sinai wie "ein Mann mit einem Herz" lagerten (k´Isch echad, b´Lew echad), ganz im Gegensatz zu den bisherigen Stationen, wo stets Reklamationen oder Streit zu verzeichnen waren.

Der Tanna von der Schule des Elijahu ist sogar noch ausführlicher:  "Gross ist der Friede und die Einigkeit, denn in Verbindung mit allen Reisen finden wir ´Sie reisten´, ´Sie lagerten´ (im Plural – was auf eine Vielfalt an Meinungen und Streit hinweist). Als sie jedoch zum Sinai kamen, lagerten sie in Einigkeit, wie es steht (im Singular) ´Israel lagerte gegenüber dem Berg.´ Haschem sagte, ´Da sie Streit verabscheuten und Frieden liebten und wie eine einzige Person lagerten, ist die Zeit für Mich gekommen, ihnen Meine Torah zu geben.´

Der Awnej Neser weist darauf hin, dass Raschi in der letztwöchigen Parscha (Beschalach) einen sehr ähnlichen Kommentar gemacht hat. Der Pasuk schreibt, "Und siehe Ägypten zieht ihnen nach (nose‘a acharehem)" [Schemot 14: 10]. Wieder benutzt der Pasuk das Verb im Singular. Auch dort schreibt Raschi “mit einem Herzen, wie ein Mann." In anderen Worten, die Ägypter erreichten in ihrer Verfolgung von Israel anscheinend das selbe Mass an Einigkeit.

Der Awnej Neser stellt jedoch fest, dass zwischen der Raschi in Beschalach und der in Jitro ein grosser Unterschied besteht. In Beschalach, wenn Raschi über die ägyptische Verfolgung des Klal Jisrael spricht, benutzt Raschi den Ausdruck “b´Lew echad k´Isch echad" (mit einem Herzen, wie ein Mann) und hier in Jitro, wenn über das Lager am Sinai die Rede ist, so benutzt Raschi den umgekehrten Ausdruck "k´Isch echad, b´Lew echad" (wie ein Mann, mit einem Herzen). Weshalb ist Raschi mit seiner Erklärung von Einheit nicht konsequent?

Der Awnej Neser gibt eine wunderschöne Antwort. Die Mischna sagt "Jede Liebe, welche von einer (materiellen) Sache abhängig ist, hat keinen Bestand; jede Liebe, welche von (materiellen) Dingen unabhängig ist, dauert fort." [Awot 5: 16] Manchmal basiert Liebe auf einem gewissen Grund oder Anlass. Man kann sich in einen Menschen wegen seines Geldes oder seiner Schönheit verlieben, doch wenn der wahre Grund für das Eingehen auf diese Beziehung verschwindet, verschwindet auch die Liebe. Wenn aber die Liebe und die Einheit nicht auf einer bestimmten Sache oder einem bestimmten Grund basieren, sondern auf dem Menschen selber, so ist dies eine Liebe von einem anderen Ausmass.

Es gibt verschiedene Gründe für Einheit zwischen Menschen. Manchmal gibt es eine Einheit zwischen Menschen, weil sie die gleichen Ziele haben. Der gemeinsame Zweck verbindet sie. Eigentlich hassen wir einander, doch wenn wir einen gemeinsamen Zweck haben, so ignorieren wir unsere Unterschiede und verbinden uns, um eine gemeinsames Ziel zu erreichen. In Englisch gibt es ein Sprichwort "politics makes strange bedfellows" - Politik bildet merkwürdige Gespanne.

Im Grunde genommen haben diese Gruppen ganz verschiedene Lebensanschauungen, doch in dieser einen Sache können sie eine Einheit bilden und avisieren einen gemeinsamen Zweck. Um ein Beispiel zu geben:  Wir stimmen nicht in vielen Dingen mit der katholischen Kirche überein, doch wenn es zur Frage von staatlicher Finanzierung für Gemeindeschulen kommt, so teilen wir dieselben Vorstellungen. In dieser Sache sind wir auf derselben Seite und können gemeinsam arbeiten.

Eine solche Koalition stellten die Ägypter zusammen. Sie alle hatten ein Ziel – die geflüchteten Jehudim, ihre früheren Sklaven, wieder einzufangen. Dies wird im Ausdruck "b´Lew echad" (mit einem Herzen) angedeutet. Sie hatten ein gemeinsames Ziel, welches eine Einheit kreierte, die sie zu "k‘Isch echad" (wie ein Mann) machte. Eine solche Einheit ist eine sehr unsichere Sache.

Dies steht im Gegensatz zu Israels Lager gegenüber dem Berg, welches Raschi so wunderschön als "k´Isch echad, b´Lew echad" beschreibt. Dort wurde die Einheit durch die Gemeinsamkeit der Menschen geschaffen. Jeder fühlte sich als Bruder des andern. Dies war eine echte Einigkeit nicht bloss eine oberflächliche Einheit um einen gemeinsamen Zweck zu erreichen. Und diese Gleichheit von "k´Isch echad" führte natürlich zu einer Gleichheit von Zweck – "b´Lew echad".

Ich würde gerne noch den folgenden wunderschönen Gedanken mit Ihnen teilen, welchen ich vor Kurzem gehört habe. Sehen wir uns einmal die fünf Bittgebete an, welche am Montag und Donnerstag nach dem Torah-Lesen gesagt werden. Die ersten vier Abschnitte beginnen alle mit den Worten "Jehi Razon m´lifnej Awinu schebaSchamajim..." „Möge es der Wille vor unserem Vater im Himmel sein..." Wir beten, dass es Sein Wille sein soll, das Bet HaMikdasch wieder aufzubauen; es soll Sein Wille sein mit uns Mitleid zu haben; es soll Sein Wille sein, die Gelehrten in Israel und ihre Familien zu erhalten; und es soll Sein Wille sein, dass wir gute Nachrichten hören sollen und so weiter. Plötzlich wird diese poetische Symmetrie im fünften Abschnitt unterbrochen, welcher nicht mit den Worten "Jehi Razon", sondern mit "Achejnu kol Bet Jisrael" (Unsere Brüder, das ganze Haus von Israel) beginnt. Was bedeutet diese Änderung?

Rabbi Chajim Sanzer lehrt eine fantastische Lektion. Im fünften Abschnitt sind die Worte "Jehi Razon" überflüssig geworden. Rabbi Chajim Sanzer erklärt, wenn wir schon so weit sind, dass wir sagen können "Unsere Brüder, das ganze Haus von Israel" mit einer Liebe und einer Einheit, dass wir jeden anderen Jehudi als Bruder betrachten, so gibt es keine grössere Erfüllung von "Möge es der Wille vor unserem Vater im Himmel sein" als dies. Die Worte "Jehi Razon" werden überflüssig. Gross ist Frieden, wenn Israel als ein Mann gegenüber dem Berg Sinaj lagert. Dies ist die ultimative Erfüllung des Willen des Allmächtigen.

 

Rav Frand, Copyright © 2011 by Rav Frand und Project Genesis, Inc und Verein Lema´an Achai / Jüfo-Zentrum.


Autor: Raw Frand
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Freitag, 25 Januar 2019









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