Aufruf zur Unterstützung von jesidschen Frauen und ihren Kindern

Aufruf zur Unterstützung von jesidschen Frauen und ihren Kindern

 Aufruf zur Unterstützung von jesidschen Frauen und ihren Kindern


Offener Brief zum Umgang mit Opfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

 Aufruf zur Unterstützung von jesidschen Frauen und ihren Kindern

Sehr geehrte Damen und Herren der Medien, liebe Freunde, Unterstützer und Entscheider in der nationalen und internationalen Politik, liebe Freundinnen und Freunde unter den Aktivisten, sehr verehrte Angehörige des jesidischen Volkes,

die nachfolgenden Zeilen sind ein Hilferuf, eine Ist-Beschreibung von unsäglichen Zuständen und Umständen, eine Aufforderung, einer geschundenen Bevölkerung endlich zu helfen, und der verzweifelte Versuch, den am stärksten betroffenen Opfern des Genozids an den Jesiden endlich gezielt Unterstützung zuteil werden zu lassen.

In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Berichte, aber auch Anfragen über das Schicksal der jesidischen Mädchen und Frauen, die von den Barbaren des IS entführt, missbraucht und gedemütigt wurden. Diese Anfragen betrafen auch insbesondere die Frauen und Kinder, die durch die selbsternannten Gotteskrieger geschwängert und so in eine völlig verzweifelte Situation gebracht wurden. Derzeit sprechen wir von rund 200 dieser jungen Frauen, die aus den Fängen des IS befreit wurden, aber insgesamt sind es wohl noch viel mehr.

Wunsch nach Rückkehr in die Familien

Jeder wird verstehen, dass diese Frauen sehr viel Unterstützung und medizinische, psychologische und soziale Hilfe benötigen. Diese Frauen möchten zurückkehren in ihre Familien und in die Gemeinschaft der Jesiden, doch zu Zeit bleibt ihnen diese Tür offenbar verschlossen. Deshalb sind sie gegenwärtig gezwungen, ihre Kinder abzugeben. Schlimmer noch: Viele diese Kinder werden in Waisenhäuser oder andere Einrichtungen verbracht. Die Kinder zahlen damit den Preis für die Verbrechen des Islamischen Staates.

Wie konnte so weit kommen? Schließlich waren doch alle froh, dass diese Mädchen und Frauen vom Mir, dem weltlichen Oberhaupt, sowie dem religiösen Führer Baba Sheikh und dem gesamten Heiligen Rat nach ihrer Befreiung /Rückkehr mit offenen Armen empfangen, in der Mitte der Gesellschaft aufgenommen und sogar selig gesprochen worden waren!

Die freundliche Wiederaufnahme gilt aber augenscheinlich nicht für diejenigen, die im Zuge der Misshandlungen schwanger wurden, und die nun ihre Kinder behalten wollen. Oftmals waren diese Kinder der einzige Bezugspunkt, die einzige Stütze, im Martyrium der Mädchen. Es trifft aber die Sache nicht, nun den Jesiden Unbarmherzigkeit vorwerfen zu wollen.

 Gültiges irakisches Recht steht im Weg

Denn nach gültigem irakischem Recht gelten diese Kinder als Muslime und nicht als Jesiden. Und bislang verlangen auch die Zentralregierung in Bagdad sowie die kurdische Regionalregierung in Erbil, dass diese Kinder den Verwandten der Väter, also Angehörigen der Täter, übergeben werden müssen. Zudem wird Frauen, die sich vehement gegen den Kindesentzug wehren, der Stempel „Muslim“ bei ihrer Religion in den Pass gedrückt. Dies bedeutet de facto den Ausschluss aus der geschlossenen Gesellschaft der Jesiden.

Umso begrüßenswerter ist es, dass nun auch im Irak ein Umdenken einzusetzen beginnt. So legte jüngst der irakische Präsident dem Parlament einen Gesetzesentwurf vor, der eine volle rechtliche und humanitäre Unterstützung dieser Frauen und ihrer Kinder vorsieht.

 Frauen und Kinder als Hauptleidtragende

Denn dieses unselige Vorgehen, dessen Hauptleidtragende die besonders betroffenen Opfer des Völkermordes sind, muss schnellstmöglich beendet werden. Diese Frauen und Mädchen sind Jesidinnen. Nur die Mütter sollten entscheiden können, was aus ihren Kindern wird. Wenn sie diese behalten wollen, ist das ihr gutes Recht, und wenn sie sich von ihnen trennen wollen, weil die Erinnerung an das Grauen zu stark ist, ist das ebenso ihr Recht. In diesem Fall muss für eine gute Unterbringung dieser Kinder Sorge getragen werden. Schafft man diese minimalen Voraussetzungen nicht, werden diese Frauen in absehbarer Zeit keine Ruhe finden, und es wird für sie kaum eine Möglichkeit zur Rückkehr in ihre Heimat geben.

Es darf nicht sein, dass auch nach Ende des IS-Kalifats dessen fürchterliche Erbschaft in zweiter Generation weiter fortwest. In anderen Ländern, in denen Vergewaltigung als Waffe eingesetzt wurde, wie etwa in Bangladesch, leiden die Nachfahren bis heute an dieser unverarbeiteten Vergangenheit.

Zeit, Zukunft zu ermöglichen

Deshalb ist es Zeit, ihnen eine Zukunft zu ermöglichen. Ein erster Schritt wurde schon 2018 vom Land Brandenburg getan, das sich bereit erklärte, genau diesem Personenkreis Aufnahme und Betreuung zu gewähren. Auch in Berlin und Bremen wird über diesen Schritt intensiv nachgedacht, und Baden-Württemberg, das unter der medizinischen Gesamtleitung von Professor Dr. Ilhan Kizilhan bereits 1.100 Jesidinnen und Jesiden Schutz gegeben hat, wird sich gegebenenfalls auch noch einmal engagieren. In der irakischen Heimat soll es einen Rückzugsort für diese Frauen geben, wo sie in Ruhe die zu treffende, schwere Entscheidung fällen können. Dieser Rückzugsort könnte umgehend von der Hilfsorganisation Wadi e.V. bereitgestellt werden.

Wir, die Erstunterzeichner dieses Aufrufs, bitten daher die irakische Regierung und das irakische Parlament inständig, den Gesetzentwurf von Präsident Barham Salih umgehend anzunehmen und zu ratifizieren. Nach diesem Beschluss muss das Gesetz umgehend mit Leben gefüllt und bei der Umsetzung selbstverständlich auch jesidische Expertise eingeholt werden.

Von Bagdad und Erbil erwarten wir, die Rechte der jesidischen Minderheit in vollem Umfang ohne jede Einschränkung anzuerkennen. Insbesondere muss den ehemaligen IS-Gefangenen ohne große Auflagen oder gar Kosten bei der Beschaffung von Passersatzpapieren für sich und ihre Kinder geholfen werden. Eine Eintragung als Muslime in diesen Papieren ist in jedem Fall zu unterlassen. Beide Regierungen sollen sich für Aufnahmeprogramme dieser Personengruppe zur medizinischen und psychologischen Betreuung in Deutschland und anderen Ländern einsetzen und keine Mitsprache bei der Auswahl der Personen vornehmen. Diese Auswahl ist einzig und allein durch psychologisches Fachpersonal zu treffen.

Die deutsche Bundesregierung als eine der größten Geldgeberinnen für den Wiederaufbau muss ihre Hilfe ebenfalls zielgerichtet koordinieren. Sie sollte zudem die Minderheitenrechte aller, insbesondere aber der Jesiden, vehement einfordern, und alle vorhandenen Beziehungen nutzen, um den Opfern zielgerichtet, schnell und unbürokratisch zu helfen.

Ferner bitten wir die Bundesregierung, Bemühungen der Länder um weitere Sonderaufnahmen zu ermöglichen und mit aller Kraft zu unterstützen. Wo immer nötig und möglich, sollten Hilfen gewährt und den Familien der bisherigen und zukünftigen Sonderaufnahmen der Länder die spätere Familienzusammenführung ohne große bürokratische Hürden ermöglicht werden. Der Genozid an den Jesiden muss endlich anerkannt werden und weitere Abschiebungen müssen unterbleiben.

Schlussendlich müssen aber auch die jesidischen Führer bereit sein, mit dieser Unterstützung den betroffenen Frauen und Mädchen eine Zukunft zu ermöglichen. Das geschundene Volk hat mit der Erklärung und Seligsprechung der Frauen einen entscheidenden Schritt unternommen. Wenn es bereit ist, diesen Weg weiter zu gehen, wird die internationale Unterstützung ganz sicher eine große Hilfe sein.

 

Unterzeichner:

Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan

Holger Geisler

Thomas von der Osten-Sacken

 

Zu den Unterzeichnern:

Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan ist Direktor des Instituts für Transkultuelle Gesundheitsforschung, DHBW und Dekan des Instituts für Psychotherapie und Psychotraumatologie, Universität Duhok, Medizinisch-therapeutischer Leiter des Sonderprojektes der Landesregierung Baden-Württemberg für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Irak. (Kontakt: Tel +49 7720 3906 235; kizilhan@dhbw-vs.de )

Holger Geisler ist ein ehemaliger Journalist und Herausgeber der jesidischen Zeitung „Lalis Dialog“. Bis 2017 fungierte er als Sprecher des „Zentralrat der Yeziden in Deutschland (ZYD)“. Er initiierte das Sonderaufnahmeprogramm für jesidische Frauen in Baden-Württemberg und berät deutsche Politiker immer wieder in Fragen rund um das Jesidentum. (Kontakt: Tel +49 172 7310434; geisler@yeziden.de )

Thomas von der Osten-Sacken ist Geschäftsführer der seit über 25 Jahren im Irak tätigen Hilfsorganisation Wadi e. V., die seit 2014 auch auf vielfältige Weise jesidischen Opfern des Islamischen Staates vor Ort geholfen hat. (Kontakt: Tel +49 151 56906002; thomas.osten-sacken@wadi-online.de )

 

Foto: Jesidische Frau berichtet


Autor: MENA Watch
Bild Quelle: Levi Clancy [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]


Mittwoch, 10 April 2019







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