Bestandteile des moderenen Antizionismus

Bestandteile des moderenen Antizionismus


Raimund Fastenbauer macht sich in seinem neuen Buch auf die Spur der antisemitischen Motive im zeitgenössischen Antizionismus.

 Bestandteile des moderenen Antizionismus

Von Florian Markl

Eines der Charakteristika des Antisemitismus ist seine erstaunliche Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit der Vorwürfe und Anklagen, mit denen Juden ins Visier genommen werden. Unterschieden wird in der Forschung oft zwischen einem religiös motivierten Judenhass, der auf eine mittlerweile rund 2000 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann; dem modernen, oft rassistisch und nationalistisch argumentierenden Antisemitismus, wie er im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden ist; dem auf Schuld- und Erinnerungsabwehr basierenden Post-Holocaust-Antisemitismus; und schließlich dem israelbezogenen Antisemitismus, der sich gegen Israel als den „Juden der Nationen“ richtet.

So sinnvoll diese Unterscheidungen im Einzelnen aus Sicht der großen Mehrheit der Antisemitismusforscher sind, so sehr bergen sie auch die Gefahr, sprichwörtlich vor lauter Bäumen den Wald aus den Augen zu verlieren. Denn wie immer man die verschiedenen Erscheinungsformen des Antisemitismus auch bezeichnen mag, eines bleibt ihnen bei allen Unterschieden gemein: Sie wenden sich gegen Juden, sind Formen von Judenhass. Monika Schwarz-Friesel vergleicht den Antisemitismus deshalb mit einem „Chamäleon, das seine Farbe je nach Umgebung verändert, aber in Struktur und Substanz unverändert bleibt“.

Dieses bei allen Unterschieden erstaunliche Gleichbleiben der Substanz der judenfeindlichen Anwürfe lässt eine Reihe von Forschern statt der Differenzierung zwischen verschiedenen Formen des Judenhasses vor allem die übergreifenden Kontinuitäten betonen. Sie heben besonders die fortwährende Bedeutung religiöser Motive im antisemitischen Diskurs hervor, die im christlichen Altertum bzw. Mittelalter entstanden, sich aber bis heute als wirkmächtig erweisen und nur äußerlich an die heutigen Umstände angepasst werden: Der „jüdische Ritualmörder“ kehrt auf israelfeindlichen Aufmärschen in den Sprechchören über den „Kindermörder Israel“ wieder; der ehemals als Verkörperung des Teufels imaginierte Jude erlebt seine Wiederauferstehung mit Israel als dem „Feind der Menschheit“ oder den Slogans „Zionismus stoppen. Israel ist unser Unglück! Schluss damit!“, die auf Plakaten einer deutschen rechtsextremen Partei zu lesen waren; und das früher allseits beliebte Bild von der „Judensau“ schwebt heute in Form eines mit Davidstern und Dollarzeichen versehenen, riesigen aufblasbaren Schweines bei Konzerten von Roger Waters über den Köpfen des Publikums.

„Jud, Jahudi oder Zionist“

Zu den Autoren, die die Kontinuitäten verschiedener Formen des Antisemitismus und die fortdauernde Bedeutung des religiösen Judenhasses betonen, gehört Raimund Fastenbauer. Der ehemalige Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hat mit „Jud, Jahudi oder Zionist – der ausgegrenzte Feind“ ein auf seiner 2018 abgeschlossenen Dissertation basierendes Buch vorgelegt, in dem er anhand zahlreicher Beispiele die antisemitischen Motive dokumentiert, die sich im „modernen Antizionismus in Europa und der islamischen Welt“ niederschlagen.

Fastenbauer geht davon aus, dass die gesellschaftliche Ächtung des Antisemitismus in Europa nach der Shoah zu einer „massiven Verlagerung in Richtung Antizionismus und Israelkritik“ geführt hat. Er spürt den „oft bizarren Verbindungen“ nach, die antisemitische Motive verschiedener Herkunft eingehen können, etwa wenn linker Israelhass sich mit islamisch-religiösen Argumentationen verbindet. Eindringlich warnt er davor, die Bedrohung durch antizionistisch verkleideten Antisemitismus und muslimischen Judenhass zu ignorieren oder kleinzureden.

Fastenbauer widmet sich den historischen Hintergründen der antiken, christlichen, islamischen, aus der Zeit der Aufklärung stammenden sowie nationalistisch-rassistischen Motive, die in den zeitgenössischen antizionistischen Antisemitismus eingehen. Dabei betont er insbesondere die Ähnlichkeit der christlichen und islamischen Motive: Auch wenn im Islam der Vorwurf des Gottesmordes keine Rolle spielt, so gibt es sehr wohl die Beschuldigung, den Propheten ermordet zu haben, und beiden gemein ist die religiöse Wurzel des Judenhasses: die Polemik gegen diejenigen, die die christlichen bzw. islamischen Heilsbotschaften ablehnen und sich weigern, sich der neuen Religion anzuschließen.

Unterschiedliche Motive

Den Hauptteil des Buches machen die vielen Beispiele aus europäischen Medien und aus Medien der islamischen Welt aus, die empirisch zeigen, wie die angesprochenen Motive im zeitgenössischen Israelhass aufgegriffen werden. Manche der Motive sind klar europäischen Ursprungs und haben sich gewissermaßen von hier aus in die islamische Welt verbreitet. Dazu gehört etwa das Motiv der „jüdischen Rachsucht“, das bemüht wird, sobald über israelisches Handeln berichtet wird, das sich vom Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ leiten lasse – und das sich heute in europäischen Medien genauso finden lässt wie in Stellungnahmen der palästinensischen Fatah.

Europäischen Ursprungs sind darüber hinaus Argumentationsmuster, in denen die angeblich enge Verbindung von Juden zum Geld behauptet wird (Radio Islam etwa warf den „Zionisten“ vor, die gesamte Welt finanziell versklaven zu wollen), und solche, die sich post-nazistischer Versuche der Schuldabwehr sowie der Täter-Opfer-Umkehr bedienen (indem beispielsweise Israel vorgeworfen wird, einen „hemmungslosen Vernichtungskrieg“ zu führen und „Völkermord“ an den Palästinensern zu betreiben).

Als besonders folgenreich erwiesen sich Ritualmord-Beschuldigungen, die sich ab der sogenannten Damaskus-Affäre 1840 auch im Nahen Osten bzw. in der islamischen Welt verbreiteten und heute in modifizierte Form regelmäßiger Bestandteil israelfeindlicher Agitation sind, sowie das Motiv von der „jüdischen Weltverschwörung“, das auch ursprünglich christlichen Ursprungs war und in der Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ seinen wahnhaften Höhepunkt erreichte. Heute findet sich der Verweis darauf u.a. in der Charta der Hamas; Neuauflagen der „Protokolle“ sind im Nahen Osten regelrechte Verkaufsschlager.

Demgegenüber stehen Motive, die eindeutig islamischen Ursprungs sind, allen voran die im Koran als Wort Gottes enthaltene Behauptung, dass die Juden Abkömmlinge oder „Söhne von Affen und Schweinen“ seien oder umgekehrt als Bestrafung für ihre Taten in Affen verwandelt worden wären. Derartige Gleichsetzungen von Juden und Tieren sind heute ein wesentlicher Bestandteil der antisemitischen Propaganda und des Israelhasses in der islamischen Welt, wie Fastenbauer an über 100 Beispielen zeigt, die sich dieses Motivs bedienen.

Die schiere Zahl der von ihm zusammengetragenen empirischen Belege und die Abstrusität der darin enthaltenen Behauptungen und Verschwörungstheorien stellen ein Korrektiv gegen eine Antisemitismusforschung dar, die sich oftmals in lichten theoretischen Höhen bewegt, ohne sich die konkreten Inhalte der antisemitischen Verunglimpfungen noch wirklich vor Augen zu führen. Der Abstraktheit theoretischer Debatten täte es gelegentlich gut, sich darauf einzulassen, was die zeitgenössischen Antisemiten ernsthaft glauben – wie jener AKP-nahe türkische Journalist, der allen Ernstes die Evolutionstheorie des „Juden Darwin“, der zufolge die Menschheit angeblich vom Affen abstamme, schon allein dadurch widerlegt sieht, dass Allah doch offenbart habe, dass die Affen in Wahrheit von Allah bestrafte Juden seien.

Zu wünschen wäre gewesen, dass der Verlag Ferdinand Schönigh bei der Herausgabe von Fastenbauers Studie mehr Achtsamkeit an den Tag gelegt hätte – dass z.B. etliche Verweise ins Leere führen, weil die Gliederung des Buches offenbar nicht der Gliederung der zugrundeliegenden Dissertation entspricht, ist angesichts des doch recht stolzen Preises ein ärgerlicher Fehler.

Fastenbauer, Raimund: Jud, Jahudi oder Zionist, der ausgegrenzte Feind. Antisemitische Motive und moderner Antizionismus in Europa und der islamischen Welt, Paderborn 2021.

 

Erstveröffentlicht bei MENA Watch


Autor: MENA Watch
Bild Quelle: Tasnim News Agency, CC BY 4.0 , via Wikimedia Commons


Montag, 15 November 2021

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