Kann ein Europa ohne Juden Europa sein?

Kann ein Europa ohne Juden Europa sein?


Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz erklärte vor kurzem: `Europa ohne Juden kann nicht Europa ein.´[1]

Von Dr. Manfred Gerstenfeld

Sein Land ist derzeit bis Ende diesen Jahres Inhaber der Vorsitzes des Rats der Europäischen Union. Österreich organisiert für den 20.-21. November mit dem European Jewish Congress eine Konferenz zu Antisemitismus in Wien.[2]

Kurz‘ Äußerung sollte etwas detaillierter betrachtet werden. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben Juden wieder sehr hochrangige Positionen in einer ganzen Reihe westeuropäischer Länder inne gehabt. Frankreich, Österreich und die Schweiz haben jüdische Premierminister gehabt. Belgien hatte einen jüdischen stellvertretenden Premierminister gehabt. In Großbritannien, Frankreich, Irland, Italien, Dänemark und den Niederlanden hat es jüdische Minister gegeben. Das Vereinte Königreich und Frankreich haben aktuell jüdische Minister. In Großbritannien haben sowohl die Konservative als auch die Labour Party jüdische Parteichefs gehabt, als ihre Parteien in der Opposition waren. Gibt es aber irgendetwas besonders Jüdisches zur Art, wie diese Leute ihre Pflichten wahrnahmen?

Man kann mit Modellen spielen. Nimmt man theoretisch an, dass alle Juden Europa verlassen, was könnte es Wichtiges geben, das dem Kontinent widerfährt? Die von Juden gehaltenen Jobs würden von anderen übernommen. Gleichermaßen können andere einen Teil der Geschäfte der Juden weiterführen. Neue Einwohner würden in den Häusern und Wohnungen leben, die bis dahin von Juden bewohnt wurden. Die Abwesenheit von einigen Juden würde vielleicht ein paar Jahre zu fühlen sein. Die deutsche Besetzung vieler europäischer Länder während des Zweiten Weltkriegs hat gezeigt, dass Gesellschaften ohne Juden fast schmerzfrei weiter funktionieren können. Damals wurden Juden schnell vertrieben. Heutzutage würde ihr Verschwinden, das kaum total wäre, sukzessive erfolgen.

Will man analysieren, ob Europa ohne Juden in der Tat noch Europa ist oder nicht, muss man in anderen Richtungen forschen. Eine wichtige symbolische Rolle der Juden ist für europäische Gesellschaften die des Sündenbocks gewesen. Das wird jetzt von Migranten geteilt. Würden Juden weggehen, müssten radikale Muslime und Rechtsextreme ihrer Gewalt anderen gegenüber Ausdruck geben.

Dass Juden in europäischer Gesellschaft leben, macht es leichter verbal antisemitisch anzugreifen. Es gibt aber Belege, dass es keine anwesenden Juden braucht, um antisemitisch zu sein. Darüber hinaus richten viele antisemitische Stereotype und Lügen sich jetzt gegen Israel. Namen und Bedeutung von Shylock und Rothschild sind nachhaltig in die europäische Kultur eingebettet und das wird auch lange nach dem hypothetischen Weggang der letzten Juden Europas so bleiben.

Eine weitere symbolische Rolle, die Juden in Europa spielen, ist die des Indikators der demokratischen Gesundheit eines Landes. Das ist am stärksten in Deutschland der Fall. Sollten alle Juden das Land verlassen, dann würde das bedeuten, dass Deutschlands Gesellschaft und seine Kultur in großen Schwierigkeiten stecken. Die Anwesenheit von mehr als hunderttausend Juden legitimiert die deutsche Demokratie. 2015 wie 2016 sagte der französische Premierminister Emanuel Valls, damals noch Sozialist: „Ohne die französischen Juden wird Frankreich nicht Frankreich sein.“ Seine erste Äußerung kam nach dem Mord eines Muslims an vier Juden in einem Pariser Supermarkt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zehntausende Juden aus dem Land ausgewandert.[3] Das ist ein Teilindikator des unlösbaren Antisemitismusproblems Frankreichs.

Eine Meinungsumfrage des Jewish Chronicle stellte fest, dass vierzig Prozent der britischen Juden ernsthaft überlegen würden das Königreich zu verlassen, wollte Labour-Chef und Terroristen-Sympathisant Jeremy Corbyn Premierminister werden.[4] Selbst wenn das geschehen sollte, wird es kaum einen Massenexodus britischer Juden geben. Aber über den Weggang nachzudenken ist bereits ein Indikator für Unbehagen.

Juden stellen weniger als 0,2% der Bevölkerung von Schweden, dennoch sind sie ein wichtiger Indikator des heiklen Zustands in diesem ultraliberalen Land. Schweden ist das einzige Land in Europa, in der eine jüdische Gemeinde, die in der Stadt Umea, den Beschluss fasste sich infolge von Neonazi-Drohungen aufzulösen.[5] Man kann eine ganze Reihe weiterer Beispiele von Antisemitismus als Indikatoren für den schlimmen Zustand des schwedischen Rechtsstaats anführen.

In der gedachten Annahme, dass keine lebenden Juden in Europa übrig bleiben, werden aber viele tote Juden verbleiben. Diese sind oft beliebter als die lebenden. Jüdische Friedhöfe werden bleiben. Allein in Polen gibt es mehr als tausend.[6] In bestimmten Regionen ist die Asche verbrannter Juden nicht aus dem Boden zu holen.

Nach dem Holocaust wurden viele Synagogengebäude vernichteter Gemeinden anderer Nutzung zugeführt. Dasselbe dürfte mit vielen der bestehenden jüdischen Gebäude geschehen. Die meisten nach Juden benannten Straßen werden wohl nicht umbenannt werden. Holocaust-Mahnmale werden nicht unbedingt abgeschafft. Besuche in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern können weitergehen. Man braucht keine Juden, um jedes Jahr der Kristallnacht zu gedenken oder den internationalen Holocaust-Gedenktag zu begehen.

Es gibt europäische Führungspolitiker neben Kanzler Kurz, die starke Worte gegen Antisemitismus in den Mund nehmen. Das mag manchen Juden ein gutes Gefühl geben. Ob diese Äußerungen in der Praxis irgendetwas bedeuten, bleibt abzuwarten und benötigt detaillierte Recherche.

Weit wichtiger sind die Ergebnisse der anstehenden Konferenz in Wien. Eine Reihe notwendiger Empfehlungen ist einfach zu definieren. Dazu gehört die Zuwanderung weiterer Antisemiten nach Europa zu stoppen, die Gründung eines einheitlichen Systems für die Meldung antisemitischer Vorfälle in allen EU-Ländern und die Durchführung einer verlässlichen Studie zu antisemitischen Erfahrungen von Juden. Die aktuell von der FRA, der Europäischen Agentur für Fundamentale Rechte, durchgeführten Studie kann nicht genau sein. Darüber hinaus sollten in allen EU-Ländern Antisemitismus-Beauftragte ernannt werden, die dem deutschen Beispiel folgen. Zusätzlich sollte die Zahl der Mitarbeiter, die für den EU-Kommissar für Antisemitismus arbeiten, stark erhöht werden. Man könnte viele weitere Empfehlungen geben.

Die Äußerung von Kanzler Kurz war zweifellos gut gemeint. Doch wenn der letzte Jude Europa verlassen haben oder sterben sollte, würde eine wichtige und bequeme Veränderung erfolgen: Europas nicht lösbarer Kampf gegen Antisemitismus könnte aufgegeben werden.

[1] https://kurier.at/politik/inland/kurz-europa-ohne-juden-ist-nicht-mehr-europa/400310580

[2] ebenda

[3] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2016/01/10/97001-20160110FILWWW00025-valls-sans-les-juifs-de-france-la-france-ne-serait-pas-la-france.php

[4] http://www.thejc.com/news/uk-news/nearly-40-per-cent-of-british-jews-would-seriously-consider-emigrating-if-corbyn-became-pm-1.469270

[5] http://www.jta.org/2018/07/10/news-opinion/caught-between-jihadists-and-neo-nazis-swedish-jews-fear-for-their-future

[6] http://jewish-heritage-europe.eu/2017/11/01/the-state-of-jewish-cemeteries-in-poland-2017/

 

Heplev - Foto: Sebastian Kurz zusammen mit Binjamin Netanyahu (Foto: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons)


Autor: Dr. Manfred Gerstenf
Bild Quelle: Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons


Dienstag, 20 November 2018