Iranischer Sportfunktionär: Ein Rücktritt mit Sprengkraft?

Iranischer Sportfunktionär:

Ein Rücktritt mit Sprengkraft?


Der Präsident des iranischen Ringerverbands, Rasoul Khadem, ist überraschend zurückgetreten, nachdem einer seiner Sportler einen Kampf absichtlich verlieren musste, um nicht in der nächsten Runde gegen einen Israeli anzutreten, und daraufhin vom Internationalen Ringerverband gesperrt wurde. Khadem ist der Ansicht, die Athleten sollten für die iranische Boykottpolitik gegenüber dem jüdischen Staat, die auch im Sport gilt, nicht die Verantwortung übernehmen müssen. Handelt es sich um einen regimekritischen Protest? Daran darf man zumindest zweifeln.

Das Ringen ist im Iran eine überaus beliebte Sportart, entsprechend bekannt und populär sind im Land diejenigen, die sie mit besonderem Erfolg ausüben oder ausgeübt haben. Rasoul Khadem (Foto) ist einer davon. Der heute 46-Jährige wurde 1994 Weltmeister im Freistilkampf der Gewichtsklasse bis 90 Kilogramm und verteidigte diesen Titel ein Jahr später. Bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 gewann er in dieser Disziplin sogar die Goldmedaille und war damit der erste Olympiasieger der »Islamischen Republik« überhaupt. Nach dem Ende seiner Laufbahn als Aktiver blieb Khadem dem Ringen erhalten: Vor sechs Jahren wurde er technischer Direktor der iranischen Nationalmannschaft und Cheftrainer der Freistilringer, zwischenzeitlich war er auch Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees. Im Januar 2014 wählte man ihn außerdem zum Präsidenten des iranischen Ringerverbands. Doch vor wenigen Tagen machte plötzlich die Nachricht die Runde, dass Rasoul Khadem zurückgetreten ist.

 

»Manchmal ist Rücktritt der beste Auftritt«, wurde er in einer Presseerklärung zitiert. Seine Arbeit im Verband sei »belanglos« geworden. Der iranischen Nachrichtenagentur ISNA zufolge legten auch weitere führende Ringerfunktionäre ihre Ämter nieder. Ein Grund für die Demission wurde in der Erklärung zwar nicht angegeben, doch Khadem äußerte sich an anderer Stelle, beispielsweise gegenüber einem Radiosender. Es könne nicht sein, sagte er, dass iranische Sportler sich jahrelang auf ein internationales Turnier vorbereiteten, um dann aus politischen Gründen nicht antreten zu dürfen oder einen Kampf verlieren zu müssen. Damit war vor allem Alireza Karimi-Machiani gemeint, der sich bei der U23-Weltmeisterschaft im polnischen Bydgoszcz im November 2017 auf Anweisung seines Trainers Hamidreza Jamshidi im Achtelfinale absichtlich geschlagen geben musste – weil sonst in der nächsten Runde der Israeli Uri Kalaschnikow sein Gegner gewesen wäre.

 

Und Wettkämpfe gegen Sportler und Mannschaften aus dem jüdischen Staat werden – so will es das antisemitische Regime in Teheran – seit 1983 vom Iran strikt boykottiert respektive umgangen, etwa durch willentliche Niederlagen in der Runde zuvor oder durch Krankschreibungen. Dabei kommt es bisweilen zu grotesken Szenen. Karimi-Machiani etwa war seinem russischen Gegner überlegen und lag in Führung, doch nach dem Zuruf seines Trainers (»Du musst verlieren, Alireza!«) ließ er sich von seinem Kontrahenten

vorführen. Später sagte er: »Ich habe monatelang hart trainiert, um eine Goldmedaille zu gewinnen, und ich hätte locker gewinnen können.« Zwar verstehe er die Ablehnung Israels, doch er frage sich: »Ist es nicht auch Unterdrückung, wenn unsere Regierung erneut meine harte Arbeit untergräbt?«

 

Das iranische Regime feiert die Boykotte als Heldentaten

 

Der Internationale Ringerverband UWW sperrte Karimi-Machiani schließlich für sechs Monate und den Trainer Jamshidi für zwei Jahre. Rasoul Khadem ist der Ansicht, dass Druck vonseiten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu diesen Sanktionen geführt hat. Das IOC wiederum werde, glaubt er, maßgeblich von großen politischen und wirtschaftlichen Mächten beeinflusst. Der oberste geistliche Führer des Iran, Ali Khamenei, pries die »Opferbereitschaft« und den »Sportgeist« von Karimi-Machiani. Während einer Feierstunde im Iran überreichte er dem Sportler einen Ring und versprach ihm außerdem eine »Belohnung durch Gott«. Dass Karimi-Machiani »für ein großes und erhabenes Ziel auf eine sichere Meisterschaft verzichtet hat«, sei ein Grund, »wirklich stolz« zu sein, so Khamenei.

 

Nach diesem Muster verliefen die Boykotte und Vermeidungen von Wettkämpfen mit Israelis durch iranische Sportler in der Vergangenheit immer wieder. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen beispielsweise weigerte sich der iranische Judo-Weltmeister Arash Miresmaeili, gegen den Israeli Ehud Vaks anzutreten. Vaks kam dadurch kampflos weiter, während Miresmaeili von der politischen Führung seines Landes gefeiert wurde: »Der Name von Arash Miresmaeili wird in die iranische Geschichte eingehen als ein Quelle des Stolzes für das Land«, lobte ihn der damalige Staatspräsident Mohammad Khatami. Weiter sagte er: »Das großartige Handeln und die Selbstaufopferung unseres Champions, der auf eine sichere Olympiamedaille aus Protest gegen Massaker, Terror und Besetzung verzichtet hat, ist eine nationale Ruhmestat.« Der Judoka erhielt vom Nationalen Olympischen Komitee des Iran schließlich eine Prämie von 125.000 Dollar – die vorgesehene Summe für den Olympiasieg.

 

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sperrte den Sportler; der Judo-Weltverband IJF verhängte jedoch keine Strafe gegen ihn oder seinen Verband. Offiziell war Miresmaeili aufgrund von zwei Kilogramm Übergewicht nicht zum Kampf zugelassen worden. Eine Anhörung vor der IJF-Untersuchungskommission soll außerdem ergeben haben, dass Miresmaeili nie die Absicht zum Boykott des Wettbewerbs hatte. Das mutet allerdings wenig glaubwürdig an; schließlich hatte Miresmaeili, der Fahnenträger seines Landes bei Olympia in Athen, schon Tage vor dem Kampf angekündigt, gegen keinen Athleten aus Israel zu kämpfen. Mit seiner Weigerung wolle er »gegen die israelische Haltung im Nahostkonflikt protestieren«.

 

Bei Wettkämpfen gegen Israelis droht lebenslange Sperre

 

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking gab es de facto ebenfalls einen antiisraelischen Boykott: Der iranische Schwimmer Mohammad Alirezaei erschien nicht zu einem Vorlauf in der Disziplin 100 Meter Brust, weil mit Tom Beeri auch ein israelischer Schwimmer im Becken war. Zunächst hatte das Nationale Olympische Komitee des Iran den Start von Alirezaei erlaubt, weil dieser auf Bahn eins und der Israeli auf Bahn sieben eingeteilt waren und es sich damit nicht um ein direktes Duell gehandelt hätte. Am Ende blieb Alirezaeis Platz aber doch frei. Iranischen Angaben zufolge war der Sportler erkrankt. Das IOC glaubte dieser Begründung und sprach keine Sanktionen aus.

 

Was geschieht, wenn iranische Sportler ausnahmsweise doch einmal gegen israelische antreten, war zuletzt im August des vergangenen Jahres zu beobachten. Da nämlich spielte in der Qualifikation zur Europa League im Fußball der griechische Klub Panionios Athen gegen Maccabi Tel Aviv und setzte dabei seine beiden iranischen Profis Masoud Shojaei und Ehsan Hajsafi ein. Das war außergewöhnlich, denn üblicherweise werden iranische Kicker bei Partien ihrer jeweiligen Mannschaft gegen Teams aus dem jüdischen Staat als verletzt gemeldet. So etwa Vahid Hashemian, der offiziell aus diesem – wenig glaubwürdigen – Grund im Herbst 2004 in beiden Champions-League-Spielen des FC Bayern München gegen Maccabi Tel Aviv fehlte. Manche machen aus den politischen Gründen für ihren Nichteinsatz auch gar keinen Hehl, beispielsweise der Deutsch-Iraner Ashkan Dejagah, der sich im Herbst 2007 offen weigerte, mit der deutschen U21-Nationalelf zum Länderspiel nach Israel zu fliegen.

 

Shojaei und Hajsafi dagegen, die beiden Kapitäne der iranischen Auswahl, liefen für Panionios gegen Maccabi auf – und wurden vom iranischen Sportministerium prompt auf Lebenszeit gesperrt. Sie hätten »die rote Linie überschritten«, hieß es zur Begründung. Das hatte zahlreiche Proteste zur Folge, sowohl von iranischen Fußballfans und dem früheren Nationalspieler Mehdi Mahdavikia als auch von drei Bundestagsabgeordneten der deutschen Grünen, die den Präsidenten des Weltfußballverbands FIFA, Gianni Infantino, aufforderten, Sanktionsmaßnahmen wie »den Ausschluss der iranischen Nationalmannschaft von der Fußball-WM 2018« zu prüfen. Der europäische Verband UEFA betonte, Spieler dürften »nicht auf der Grundlage politischer Interessen ausgeschlossen werden«. Inzwischen bat Ehsan Haji Safi um Entschuldigung, seine Sperre wurde daraufhin widerrufen. Masoud Shojaei ersuchte seinen Nationaltrainer, ihn für die Weltmeisterschaft wieder zu nominieren; der Nationale Sicherheitsrat soll seinen Fall nun beraten.

 

Ein regimekritischer Protest?

 

Lässt sich der überraschende Rücktritt von Rasoul Khadem und der anderen Ringerfunktionäre nun als begrüßenswerter, gar als regimekritischer Protest gegen die antisemitische Politik des Iran auch im Sport deuten? »Wenn wir mit der Politik weitermachen müssen, nicht gegen Athleten des zionistischen Regimes anzutreten, darf die Verantwortung dafür nicht von den Sportlern und Trainern getragen werden«, sagte Khadem. »Einen Athleten zu zwingen, eine Niederlage zu akzeptieren oder die ganze Nacht herumzulaufen, um ein ärztliches Attest aufzutreiben, ist nicht in Ordnung.« Nach seinem Dafürhalten wäre es besser, wenn die Iraner sich offen zu ihrer politischen Position bekennen würden, statt Gründe vorzuschieben und Theater zu spielen. Es müsse eine »grundlegende Lösung« in der Sache gefunden werden, der Iran müsse sich »ehrlich verhalten und die Konsequenzen tragen«.

 

In diesen Sätzen spiegelt sich zunächst einmal die begreifliche Verärgerung eines früheren Weltklassesportlers darüber wider, dass seine Schützlinge mit Hindernissen konfrontiert werden, die nicht sportlicher Natur sind und die sie nicht zu verantworten haben, aber selbstverständlich mittragen sollen. Rasoul Khadem, früher im Teheraner Stadtrat aktiv und keineswegs ein Oppositioneller, äußert keine prinzipiellen Einwände gegen die antiisraelische Politik des Regimes, spürt aber, welche Beeinträchtigung sie auch für iranische Athleten darstellen kann. Sein Vorschlag, eine »grundlegende« und »ehrliche« Lösung des Problems zu finden und offen Position zu beziehen, läuft allerdings geradewegs auf einen Ausschluss des Iran aus den internationalen Sportverbänden hinaus. Denn diese verbieten den politisch motivierten Boykott eines sportlichen Gegners – genau deshalb täuschen iranische Sportler ja immer wieder gesundheitliche Gründe für den Nichtantritt gegen Israelis vor oder verlieren absichtlich, wenn sie sich in der nächsten Runde mit einem Israeli messen müssten.

 

Doch die tatsächlichen Gründe liegen auf der Hand, deshalb hat der Internationale Ringerverband auch die Konsequenzen gezogen und die Beteiligten mit einer längerfristigen Sperre belegt. Nichts anderes wäre geschehen, wenn das Regime von sich aus die Verantwortung für Karimi-Machianis Niederlage oder im Falle eines Sieges einen anschließenden Nichtantritt gegen Kalaschnikow übernommen hätte. Khadems Rücktritt – der vom Sportministerium im Übrigen zurückgewiesen wurde – ist zwar ein außergewöhnlicher, aus Verzweiflung und Frustration geborener Schritt; er zeigt immerhin, dass es iranische Sportfunktionäre gibt, die den Antisemitismus des Regimes nicht unbedingt selbstverständlich über den sportlichen Wettkampf und Erfolg stellen. Aber er ist auch ein regimekonformer Protest. Ob er dennoch so etwas wie Sprengkraft entfalten kann, wird abzuwarten sein.

 

 

Lizas Welt - Foto: Rasoul Khadem während der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro, August 2016. © Tasnim News Agency mit CC-BY-4.0-Lizenz via Wikimedia Commons.


Autor:
Bild Quelle:


Donnerstag, 29 März 2018