Was wohl die DKP dazu zu melden hat: Antisemitismus und Antizionismus in Lateinamerika

Was wohl die DKP dazu zu melden hat:

Antisemitismus und Antizionismus in Lateinamerika




Dr. Manfred Gerstenfeld interviewt Sergio Widder (Simon-Wiesenthal-Center)

In Lateinamerika lebt ungefähr eine halbe Million Juden. Die größten Gemeinden befinden sich in Argentinien (etwas mehr als 200.000), Brasilien (120.000) und Mexico (40.000). Ihre Gesamtzahl wird in Zukunft vermutlich abnehmen. Ein Grund ist Assimilation; die Ausreise nach Israel – obwohl nicht so wichtig wie in den 1950-er und 1960-er Jahren – ist ein weiterer. Venezuela ist wegen der politischen Fragen in Verbindung mit der Präsidentschaft des verstorbenen Hugo Chavez ein besonderer Fall. Während seiner Amtszeit von 1998 bis 2013 ging die Zahl der Juden von mehr als 20.000 auf 9.000 zurück.

Man muss die Dinge, die mit einem bestimmten Land zusammenhängen, von denen trennen, die regionale Trends repräsentieren. Derzeit ist die Hauptsorge der jüdischen Gemeinschaften in Lateinamerika wahrscheinlich die steigende iranische Präsenz hauptsächlich in den Ländern der ALBA, der von Hugo Chavez gegründeten Alianza Bolivariana para las Américas (Die Bolivianische Allianz für die Amerikas).

Er fügt an: Zu den ALBA-Ländern gehören Venezuela, Bolivien, Ecuador, Nicaragua und Kuba. Dieser Block ist der Hauptpartner des Iran in Lateinamerika. Die Anklageschrift des argentinischen Sonderermittlers Alberto Nisman – der den Bombenanschlag auf das jüdischen Zentrums AMIA des Jahres 1994 untersucht – deutet an, dass die Gründung eines iranischen Hisbollah-Netzwerks in Lateinamerika bis in die Mitte der 1980-er Jahre zurückreicht. Nismans jüngster Bericht gibt an, welche Länder- neben Argentinien und den ALBA-Mitgliedern – davon betroffen sind: Brasilien, Kolumbien, Guyana, Paraguay, Surinam, Trinidad und Tobago sowie Uruguay.

Neben dem Iran spielen auch pro-palästinensische Gruppen eine wichtige Rolle beim Schüren von Hass gegen die Juden und gegen Israel. Ihr Einfluss wird aller Wahrscheinlichkeit stark bleiben. Das iranische Netzwerk in der Region ist eine besondere Sorge. Argentiniens Vereinbarung mit dem Iran, die Ermittlungen zum AMIA-Anschlag mit 85 Getöteten und Hunderten Verletzten gemeinsam begutachten, hat das verschärft.

Das jährliche Welt-Sozialforum (WSF) ist ein wichtiger Veranstaltungsort, der international negativen Einfluss auf Israel hat. Dieses Treffen großer NGOs und Sozialbewegungen wurde 2001 in Porto Alegre (Brasilien) von Brasiliens damaliger Oppositions- und heutige regierender Partido dos Trabalhadores (Arbeitspartei) gegründet. Das WSF ist zur wichtigsten internationalen Plattform für die globale Boykott-, De-Investitions- und Sanktionsbewegung (BDS) gegen Israel geworden. Im November 2012 wurde eine zusätzliche, viertägige Sondersitzung unter dem Titel „WSF Free Palestine“ (WSF Befreit Palästina) abgehalten.

Während seines Besuchs in Brasilien zum +20-Gipfel der UNO zu Umweltfragen im November 2012 in Rio hatte der damalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ein Treffen mit Führern des WSF. Der Iran glaubt offenbar, dass das WSF, das eine wertvolle Plattform für die Palästinenser ist, ihm helfen könnte, dass es in der öffentlichen Meinung Legitimität erlangt.

Über diese regionalen Fragen hinaus gibt es auch in einer Vielzahl lateinamerikanischer Länder antisemitische Vorfälle. Eine Reihe davon können als „traditioneller Antisemitismus“ beschrieben werden. Die wichtigsten allerdings sind Angriffe, die sich als „Antizionismus“ tarnen.

In den meisten der lateinamerikanischen Länder gibt es keine formellen Statistiken zu antisemitischen Vorfällen. Zur systematischen Forschung in diesem Feld gehört ein jährlicher Bericht der argentinischen jüdischen Dachorganisation DAIA, die Informationen zu antisemitischen oder anderen rassistischen Anschlägen in Argentinien zusammenstellt.1

Infolge des Fehlens systematischer Informationen ist nicht klar, ob das Problem auf dem Kontinent zu- oder abnimmt. Entwicklungen finden vor dem Hintergrund statt, dass viele lateinamerikanische Länder „junge“ Demokratien sind. Sie befinden sich in einem Prozess Freiheit und Bürgerrechte auszudehnen und offenere sowie pluralistische Gesellschaften zu werden. Doch Vorurteile und Rassismus bleiben. Antisemitismus wird hauptsächlich durch radikale Gruppen genährt, die diesen durch die Behauptung kaschieren, sie würden Israel, dem Zionismus oder dem Imperialismus trotzen.

Mehrere jüdische Organisationen stellen sich dem Antisemitismus in Lateinamerika entgegen. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum gehört zu denen, die auf kontinentaler Basis sichtbar auftreten; B’nai Brith ist eine weitere, ebenso der Latin American Jewish Congress. In vielen Fällen sind wir die einzige jüdisch-zionistische Organisation, die an wichtigen NGO-Foren oder Versammlungen der Vereinten Nationen teilnehmen und diese beobachten. Dazu gehört auch das auch das WSF, an dem wir regelmäßig teilnehmen.2

In einigen Fällen arbeitet das SWC an Vorfällen der Vergangenheit. Eine erfolgreiche Intervention war zum Beispiel unsere Aufforderung der Bestrafung eines Fußballvereins aus Argentinien, dessen Fans antisemitische Sprüche skandierten; der Verein wurde mit Punktabzug bestraft, was zu seinem Abstieg in eine niedrigere Liga führte. In anderen Fällen versuchen wir negative Entwicklungen zu verhindern. Im Oktober 2012 z.B. protestierte das SWC gegen ein geplantes „ethisches Verfahren gegen Israel“, das in der Nationalbibliothek Argentiniens stattfinden sollte. Die Veranstaltung wurde daraufhin abgesagt.

Zu den Verbündeten der Juden und Israels gehören religiöse Gruppen wie die evangelikalen Christen und einige Katholiken. Obwohl die Evangelikalen eine zunehmende Kraft sind, herrscht in Lateinamerika der katholische Glaube weiter vor. Die Wahl von Papst Franziskus – dem ehemaligen argentinischen Kardinal Jorge Mario Bergoglio – hat die Position des Katholizismus gestärkt. In Sachen Entwicklung der Beziehungen der Juden zu anderen NGOs und sozialen Bewegungen muss noch viel Arbeit geleistet werden. Es gibt verschiedene Fälle, die illustrieren, dass eine effektive Kooperation zustande gebracht werden kann.

 

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war - Sergio Widder ist Lateinamerika-Direktor am Simon-Wiesenthal-Zentrum (SWC); das Büro, das er ab 1992 entwickelte. Er hat einen Abschluss in Politikwissenschaften von der Universität Buenos Aires. - Erstveröffentlicht bei unserem Partnerblog Heplev / Foto oben: Antisemitische Parolen rotbrauner Chavez-Jünger in Venezuela

 

Foto: Sergio Widder (zum vergrößern anklicken)


 

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Dienstag, 16 Juli 2013