Das Kalifat bringt seelische Erschütterungen

Das Kalifat bringt seelische Erschütterungen




von Prof. Daniel Pipes, Aydınlık (Türkei), 25. August 2014

Ohne Warnung kehrte die alte und lange machtlose Institution des Kalifats am 29. Juni 2014 ins Leben zurück. Was verheißt uns dieses Ereignis?

Das klassische Konzept des Kalifats - ein einziger Nachfolger Mohammeds, der einen geeinten muslimischen Staat regiert - dauerte nur wenig mehr als ein Jahrhundert an und lief im Jahr 750 unserer Zeitrechnung mit dem Aufkommen zweier Kalifen aus. Die Macht des Kalifats brach um das Jahr 940 zusammen. Nach einer ausgedehnten, schemenhaften Existenz verschwand die Institution 1924 vollends. Die einzigen folgenden Versuche der Wiedebelebung waren belanglos, so der sogenannte Kalifatsstaat in Köln. Mit anderen Worten: Das Kalifat ist mehr als ein Jahrtausend lang stillgelegt gewesen und war rund ein Jahrhundert komplett

Eine Gruppe namens Islamischer Staat im Irak und Syrien eroberte im Juni die Stadt Mossul (Bevölkerung: 1,7 Millionen); nur Tage später übernahm sie den Namen Islamischer Staat und erklärte die Rückkehr des Kalifats. Seine Hauptstadt ist die historische Stadt Raqqa in Syrien (Bevölkerung nur 220.000); kein Zufall, denn sie war 13 Jahre lang Hauptstadt des Kalifats unter Harun al-Raschid. Unter der Herrschaft eines Irakers namens Ibrahim Awwad projektiert das neue Kalifat die grenzenlose Ambition die gesamte Welt zu beherrschen ("Ost und West") und jedermann eine einzigartig primitive, fanatische und gewalttätige Form des islamischen Rechts aufzuzwingen.

Ich habe vorausgesagt, dass dieser Islamische Staat trotz seines spektakulären Aufstiegs nicht überleben wird: "Konfrontiert mit der Feindschaft sowohl seiner Nachbarn als auch der ihm unterworfenen Bevölkerung [wird er] nicht lange bestehen." Zugleich erwarte ich, dass er ein Erbe hinterlassen wird:

Egal, wie verhängnisvoll das Schicksal des Kalifen Ibrahim und seiner grausigen Bande sein wird, sie haben erfolgreich eine Institution des Islam wiederbelebt, was das Kalifat wieder zu einer lebhaften Realität macht. Islamisten überall in der Welt werden seinen Augenblick des brutalen Ruhms zu schätzen wissen und davon inspiriert werden.

Im Blick voraus ist hier meine genauere Voraussage dessen, was das derzeitige Kalifat vererben wird:

1. Da das Eis jetzt gebrochen ist, werden weitere ambitionierte Islamisten kühner werden sich selbst zu Kalifen auszurufen. Es könnte durchaus eine Ausbreitung von ihnen in anderen Regionen geben, von Nigeria über Somalia bis nach Afghanistan, Indonesien und darüber hinaus.

2. Ein Kalifat auszurufen hat bedeutende Auswirkungen, die es für die Jihadisten in der gesamten umma (der weltweiten muslimischen Gemeinschaft) attraktiv macht und sie überzeugt, souveräne Kontrolle über Territorium zu erlangen.

3. Der saudische Staat hat seit dem formellen Verschwinden des ottomanischen Kalifats 1924 die Rolle eines Quasi-Kalifats übernommen. Mit dem Aufkommen des Raqqa-Kalifats stehen der saudische König und seine Berater in großer Versuchung ihre eigene Variante auszurufen. Wenn der gerade 90 Jahre alt gewordene derzeitige "Verwalter der Zwei Heiligen Moscheen" (wie der saudische König sich gerne nennen lässt), diesem Anspruch nicht nachgibt, könnten seine Nachfolger das durchaus tun, womit das Königreich das erste Kalifat in einem anerkannten Staat würde.

Die Islamische Republik Iran als größte schiitische Macht, könnte durchaus dasselbe tun, weil sie nicht will, dass sie konzeptionell den Sunniten in Riyad unterliegt; damit würde sie der zweite formelle Kalifatstaat.

5. Diese Überfülle an Kalifen wird die Anarchie und interne Feinseligkeit unter den muslimischen Völkern weiter verschärfen.

6. Es wird rasch Ernüchterung einsetzen. Die Kalifen werden keine persönliche Sicherheit, Gerechtigkeit, Wirtschaftswachstum oder kulturelle Leistungen bringen. Einer nach dem anderen werden diese selbsterklärten universalen Staaten kollabieren, überrannt werden oder aufgrund ihrer bombastischen Ansprüche verfallen.

7. Dieser Wahn Kalifate auszurufen wird in einigen Jahrzehnten enden und in etwa eine Rückkehr zum Zustand von vor dem 29. Juni 2014 bringen. In der Rückschau wird dann der Kalifat-Ausbruch als anachronistische Anomalie erscheinen, als Hindernis für die Modernisierung der umma und als schlechter Traum.

Kurz gesagt: Die Ausrufung des Kalifats am 29. Juni war eine Großveranstaltung. Und das Kalifat ist eine Institution, deren Zeit lange vorbei ist und deren Wiederbelebung daher reichlich Erschütterungen ankündigt.

 

Prof. Dr. Daniel Pipes ist Präsident des Middle East Forum - Übersetzung aus dem Englischen: H. Eiteneier / Foto: Nicht erst seit dem ISIS-Barbaren auch in Deutschland ein Thema

 

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Samstag, 30 August 2014