`Wir tragen keine Kippahs mehr in den Straßen´

`Wir tragen keine Kippahs mehr in den Straßen´


In der kleinen autonomen spanischen Stadt Melilla, in Nord Marokko, fürchtet sich die schwindende jüdische Gemeinde vor der Radikalisierung ihrer muslimischen Nachbarn • Die Stadt ist zum Magneten geworden für die ISIS Agenten auf deren Weg nach Europa.

`Wir tragen keine Kippahs mehr in den Straßen´

von Nitzi Jakov, Israel haYom

Die Einwohner von Melilla distanzieren sich vom Status der Stadt als “Enklave” und betonen, dass dies “souveränes spanisches Gebiet in Nord Afrika ist, das seit viel längerer Zeit existiert als der Staat Marokko.” Sie erzählen oft Geschichten über die lokale Vergangenheit und über sich als eine Gemeinde von Überlebenden der spanischen Inquisition und von Nachkommen marokkanischer Juden, die nach Israel ziehen wollten, aber auf dem Weg dorthin stecken geblieben sind.

 

Um die 85.000 Menschen leben in Melilla — mehr als 50.000 Muslime, etwa 30.000 Christen, 600 Juden und einige Dutzend Inder. Sie alle leben in einem Bereich der Küstenstadt der etwa 12,4 Quadratkilometer umfasst.

 

Salomon Cohen, 54, der Präsident der örtlichen Keren Hayesod United Israel Appeal (UIA) Organisation, pendelt zwischen Melilla und Jerusalem….. Seine Ehefrau, Reina Malka und ihre Tochter Sharon, 16, sind beide in Jerusalem, um Hebräisch zu lernen. Einer der zwei Söhne des Ehepaares, David, 23, begleitete seinen Vater bei unserem Treffen.

 

“In der Vergangenheit lebte hier eine große jüdische Gemeinde,” sagt Cohen. “Im Verlauf der vergangenen 15 Jahre sind die reicheren Leute fortgegangen, die meisten von ihnen nach Madrid und Malaga in Spanien. Die ärmeren Leute gingen nach Israel und andere nach Südamerika, besonders nach Venezuela. Die Gemeinde schrumpft jedes Jahr. Die wirtschaftliche Situation hier und in Spanien hat sich verschlechtert.”

 

Im Zentrum der Duquesa de la Victoria Straße besuchen 60 Kinder eine jüdische Schule bis zum Alter von 12 Jahren. Weil die Unterrichtsgebühren um die 300 Euros pro Monat betragen, kann nur ein Fünftel der Gemeinde die Zahlungen leisten. Die anderen erhalten Unterstützung durch die Spenden reicher Gemeindemitglieder, die die Stadt verlassen haben.

 

Cohen spricht offen und unverblümt über den Antisemitismus.

“Seit kurzem ist ein neues Phänomen aufgetaucht, das der Grund ist, weshalb Eltern sich fürchten, ihre Kinder in die gemischte High School zu schicken, und wir merken, dass mehr und mehr Kinder im Anschluß an die Grundschule zu Hause unterrichtet werden, aufgrund dessen, wie sie als Juden behandelt werden,” sagt er.

 

David fügt hinzu: “In den Schulen gibt es schwere Gewalttätigkeiten. Sie schreien ‘Heil Hitler’ in der Klasse und sie schlagen die jüdischen Kinder, nur weil sie jüdisch sind. Das ist auch zu meiner Schulzeit vorgekommen, nur ist es noch gewalttätiger und aggressiver geworden.”

 

Immer wenn David Cohen Israel besucht, trägt er eine Kippah, aber in Melilla trägt er stattdessen einen Hut.

“Tzitzit [rituelle Quasten] zu tragen, das ist nicht einmal eine Möglichkeit,” sagt er. “Als Jude gibt es für mich Gegenden, in die ich jetzt nicht mehr gehen würde. Die Leute in der Gemeinde verschließen ihre Augen — einige, weil sie sich fürchten, und einige, weil sie ein Interesse daran haben. Warum würden Juden, die städtische Angestellte sind oder bei der Regierungsverwaltung angestellt sind, wo die Gehälter und Bedingungen gut sind, über Antisemitismus sprechen? Als Dad anfing, für die UIA zu arbeiten, kamen viele Leute der Gemeinde zu ihm und fragten ihn, warum er das tun würde? Sie mochten es nicht, dass Dad die Leute überzeugte, nach Israel zu ziehen, und einige belästigten ihn.”

 

In den vergangenen Jahren gab es eine Reihe von Ereignissen, die die kleine jüdische Gemeinde lieber vergessen möchte, einschließlich dem Mord an einem jüdischen Mann und seiner neun Monate schwangeren Ehefrau. Obwohl das vor über einem Jahrzehnt geschehen ist, herrscht immer noch eine Mauer des Schweigens. Ein enger Freund des ermordeten Ehepaares, der es vorzieht, anonym zu bleiben, sagte, dass “obwohl der Mord kein antisemitisches Motiv hatte, sondern durch geschäftliche Schulden zwischen dem Mörder und dem Ehemann verursacht wurde, war der Richter antisemitisch und ließ den Mörder frei laufen. Das ist etwas, das in einem zivilisierten Land niemals geschehen würde. Das muss veröffentlicht werden.”

 

Es gibt außerdem die anti-israelischen und pro-palästinensischen Demonstrationen, die nach jeder IDF Operation die Straßen übernehmen.

 

“Nach der Operation Protective Edge (Anm. Operation Starker Fels), protestierten mindestens 10.000 Menschen im Stadtzentrum — sie verbrannten die israelische Flagge und riefen ‘Tod den Juden’, und sie [hatten Plakate] die den Boykott Israels unterstützen,” sagt David Cohen. “Das war an einem Freitag Nachmittag. Ich erinnere mich, weil wir die Gebetszeiten in der Synagoge geändert haben, aber es war dennoch unmöglich, zu vermeiden, die Demonstranten zu sehen. Seit damals haben die Juden aufgehört, auf der Straße eine Kippah zu tragen. Jedesmal, wenn es Krieg gibt, dann ist hier Chaos. Und wenn das geschieht, dann verlassen die Juden ihre Häuser nicht. Das wirkt sich auch auf das Wirtschaftsleben aus. Nach jeder Operation oder einem Krieg oder, wenn die IDF die [palästinensischen] Gebiete betritt, boykottieren sie die Juden, und ich verliere einen oder zwei weitere Kunden. Und es ist unerträglich, dass die (Anm. jüdischen) Leute ihre Augen davor verschließen.”

 

Während unseres Gesprächs warnt David, dass er jemanden bemerkt hat, der unserem Gespräch lauscht und er senkt seine Stimme. Das Gespräch findet in hebräischer Sprache statt, aber Worte wie “Israel,” “Antisemitismus” and “Muslime” sind universal bekannt.

 

“Es gibt überall verrückte Menschen, wir sollten vorsichtig sein,” sagt der Mann, der sie zu dem Interview begleitet hat. “Und wenn man nur daran denkt, dass vor 40 Jahren in Melilla 300 Muslime lebten, und jetzt sind sie 80.000 — und den inoffiziellen Daten zufolge sind es in Wahrheit noch viel mehr.”

 

Cohen spricht von seinem Vater: “Ich werde nicht wie mein Vater handeln. In zwei Jahren, wenn unsere Jüngste die Schule beendet hat, werden wir nach Israel ziehen. Mein Vater schrie förmlich von seinem Wunsch nach Israel zu ziehen, und er ist nicht hinaufgezogen. Er pflegte jeden Tag um 18.00 Uhr in seinem Zimmer zu sitzen und leise Radio Israel zu hören, so dass unsere Nachbarn das nicht hörten. Er starb, ohne dass er seinen Traum verwirklicht hat, nach Israel zu ziehen.”

 

Was geschieht, wenn Melilla unter marokkanische Autorität gestellt wird? Was denken Sie, wird dann mit den Juden dort geschehen?

 

David Cohen sagt: “…Von unserem Gesichtspunkt aus ist es so, dass, wenn es Teil von Marokko wird, dann wird dort nicht länger eine jüdische Gemeinschaft sein. Vor 40 bis 50 Jahren war es so, dass im Fall eines Wortwechsels ein Muslim zu einem Juden sagte: ‘Geh nach Palästina’, jetzt wird ihnen gesagt: ‘Geht raus aus Palästina.’ Was sie betrifft, so sind Juden und Israel eins und dasselbe.”

 

Am Tag bevor ich die Cohen Familie traf, ging ich mit dem örtlichen Übersetzer Moshe Marciano Sultan in die sogenannte Canada Wohngegend (was übersetzt ungefähr bedeutet “Schlucht”), dieser Bezeichnung haben die Einheimischen das Suffix “de la muerte” (“des Todes”) hinzugefügt, da dies eine der radikalen muslimischen Hochburgen ist. Dort schaut aus wie in einem Slum. Furcht herrscht in der Luft, und die Regeln sind klar: kein Anhalten, nicht zu irgendwem sprechen, keine Menschen photographieren.

 

“Andernfalls werden die Dinge sehr schlimm enden,” sagt Sultan. “…Ein Polizeiwagen, der vor ein paar Tagen diese Gegend gefahren ist, wurde mit Steinen beworfen, und die Polizisten mussten fliehen, nachdem man ihnen ihre Waffen abgenommen hat.”

 

Ich berichte den Cohens davon, und David sagt: “Das ist ein Ort, den das Gesetz und die Polizei nicht betreten können, es sei denn mit einem massiven Aufgebot von mindestens 100 Polizeioffizieren. Die Leute haben bereits gelernt, dass sie dorthin flüchten können, um den Vertretern von Recht und Gesetz zu entkommen. Alle ISIS Agenten, die aus Spanien kommen, wurden ursprünglich in Melilla geboren, und in Ceuta [einer anderen spanischen Enklave in Marokko], oder in Marokko.

 

“Die Polizei hat viele ISIS Agenten in Melilla verhaftet und dort auch nach angeworbenen ISIS Kämpfern gesucht. Das ist kein Geheimnis. Der Boden hier ist fruchtbar für den Islamischen Staat, weil die Behörden in Marokko nach den Agenten suchen — und so wandern sie hierher, wo das Handeln für sie leichter ist. Es ist leicht, die Menschen zu rekrutieren, die hier leben, insbesondere unbeschäftigte junge Leute ohne Zukunft, die aus dem niedrigen sozialen und wirtschaftlichen Bereich, diejenigen, die denken, sie haben nichts zu verlieren. Die Demokratie und Freiheit in Melilla eröffnet ihnen (Anm. ISIS) eine weite Basis für Operationen. Hier geschieht nichts, um die radikalen muslimischen Aktivitäten zu stoppen.”

 

Als Cohen über die gegenwärtige Atmosphäre spricht, sagt er: “Wir haben in der Vergangenheit bereits Warnungen von der Polizei erhalten — geheimdienstliche Informationen, die sie erreicht haben — dass es an einem Schabbat [in der Synagoge] einen großen Angriff geben würde. Es gibt viele Warnungen an uns, und uns wurde mehr als einmal ein massiver Polizeischutz gesandt. Zu Anfang dieses Jahres (Anm. 2016) gab es eine Verstärkung an Video Kameras. Das ist eine neue Ära.”

 

David: “Während der letzten Kampagne [Operation Protective Edge], sandten die Muslime uns versehentlich eine WhatsApp Botschaft, in der klar geschrieben stand ‘Kauft nicht in Läden mit jüdischen Besitzern,” und angehängt war eine lange Liste mit jüdischen Geschäften und Betrieben.” Ein paar Tage später am Flughafen sagte mir ein örtlicher Anwohner: “Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor einer von uns den Preis zahlt. Sogar in Nazi Deutschland brauchten die Juden Zeit, um aufzuwachen, und für einige von ihnen war es zu spät.”

 

Cohen sagt, dass in der Stadt Ceuta vor einem Jahrzehnt auch noch über 600 Juden lebten. “Nun sind dort noch um die 30 übrig geblieben.”

 

 

 

Übersetzt von Aro1 - Foto: Kippah (Foto: Gilabrand in der Wikipedia auf Englisch [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons)


Sonntag, 08 Januar 2017






  Alle Felder müssen ausgefüllt werden
Name:
E-Mail:
Text:
Sicherheitsabfrage 2+ 5=
Ich versichere, nichts rechtlich und/oder moralisch Verwerfliches geäußert zu haben! Ich bin mir bewusst, das meine IP Adresse gespeichert wird!