Ein neuer "Bewährungshelfer" für Israel? Wahrheit oder Pflicht?

Ein neuer "Bewährungshelfer" für Israel?

Wahrheit oder Pflicht?




Es sieht so aus, als ob „Der Jude unter den Staaten“ schon bald einen neuen Bewährungshelfer bekäme: Dennis Ross, von 1991 (Madrider Konferenz) bis 2001 (Gipfeltreffen in Taba) ein bekanntes Gesicht im Land zwischen dem Jordan und dem Meer, konnte in den letzten drei Wochen bereits zwei Mal in der näheren Umgebung israelischer Regierungsstellen gesichtet werden; wenn man Ross‘ Meinung über Benjamin Netanyahu kennt, kann das nicht zum Spaß geschehen sein, womöglich für keinen von beiden.

 

von Gerrit Liskow

 

Es mag sein, dass Dennis Ross der neue George Mitchell wird; vorausgesetzt, er entwickelt den richtigen Altersstarrsinn, wird vielleicht auch noch ein zweiter Jimmy Carter aus ihm. Schließlich hatte Ross sich bereits mit Äußerungen aus dem politischen Fenster gelehnt, wonach Israel den Frieden mehr wolle, als die Regierung in Jerusalem – letztere damals wie heute unter der Ägide von Benjamin Netanyahu.

 

Über die Antwort auf diesen Affront soll Ross sichtlich überrascht gewesen sein; PM Netanyahu hatte sich derlei Äußerungen als „Einmischung in die Interna der israelischen Politik“ verbeten, und Dennis Ross soll, als ihm dieses strenge Wort zugetragen ward, ein Gesicht gemacht haben, als hätte ihn die Mutter beim Onanieren in der Speisekammer erwischt; tja, auch bei der Friedensgeilheit ist oftmals nur der Wunsch der Vater des Gedankens.

 

Apropos Wunschgedanken: Ex-Walt-Disney-Co Vorstandsvorsitzender George Mitchell wiederum kann sich nun endlich aus der Öffentlichkeit zurückziehen und sein Rente verknuspern; vielleicht ab und an mal ein Gläschen heben mit Helen Thomas, auf den Libanon.

Mitchells „Friedensinitiative“ begann mit dem ellenlangen Bericht einer Untersuchung über die Al-Aqsa-Intifada (2001). Um es kurz zu machen: eine „Verzweiflungstat“, gegen deren Mordbrennerei Israel sich „unverhältnismäßig“ verteidigt hätte; im Vergleich zum Mitchell-Report liest sich sogar die Selbstauflösungserklärung des albanischen Politbüros wie ein spannender Tatsachenroman.

George Mitchells Bemühungen fanden ihren traurigen Höhepunkt schließlich und endlich in dem zehnmonatigen Baustopp, den die PA ungenutzt verstreichen ließ, nur um hinterher der Regierung in Jerusalem mal wieder die Schuld in die Schuhe dafür zu schieben, dass bei der „Friedensinitiative“ nichts herausgekommen sei; so ist das eben, liebe PA: Wenn man vorab erst mal die Parkallee, die Schlossstraße und alle Bahnhöfe haben will, weil man sich sonst nicht an einen Tisch setzen kann, muss man sich nicht wundern, wenn aus dem geselligen Spiele-Abend nichts wird.

 

Aber wenigstens Mitchells Ex-Brötchengeber, besagte Walt-Disney-Co, eröffnet nun bei Cheifa bald ein Disney-Land mit vielen Multiplexen; es wird also möglicherweise doch ein wenig was allgemein Brauchbares, Handfestes bei den Nahost-Visiten des Herrn Mitchell herausgekommen sein?

Dennis Ross sieht auf aktuellen Fotos übrigens aus wie der mittelalte Jimmy Carter; Ross‘ Buch The Missing Peace (Der fehlende Frieden, 2004) gilt offiziell als non-fiction, also als Sachliteratur; der Eindruck mag täuschen. Hillel Halkin bilanzierte Ross‘ epische, fast tausendseitige Darstellung der diplomatischen dealings and wheelings der Dekade 91 bis 01 in Commentary wie folgt:

 

„Man kann den Wald für lauter Bäumen nicht sehen. Es kann sogar sein, das man angesichts der ganzen Bäume vergisst, dass der Wald überhaupt existiert.“

Damit hat Hillel Halkin die Tragik der um eine exquisite Äquidistanz bemühte Diplomatie auf den Punkt getroffen: Sie starrt auf die Noten, registriert aber nicht die Vorzeichen, unter denen das Opus geschrieben steht. Es gilt indes im Westen als Zeichen erlesener Fairness, beide Seiten – wenn man sie schon nicht ins gleiche Recht setzen kann – zumindest doch ins selbe Unrecht zu setzen.

Und meistens nicht mal das, denn mehr als oft genug wird immerhin gefordert, dass der Klügere doch bitte - „um des lieben Friedens willen“ - nachgeben soll. Warum eigentlich? Damit der Dümmere das Sagen hat? Das ist kein Frieden, das ist Unterwerfung durch und unter das Unrecht; genau die Art von „Frieden“, der nach dem preußischen Sieg über Frankreich im Jahre 1870/71 ausbrach, nach der verspäteten Rache an Napoleon, der in Deutschland all überall Friedensalleen und Friedenseichen gewidmet sind und die heute anscheinend den Ruf begründen helfen, bei den aufrechten Deutschinnen und Deutschen handele es sich um ein Volk von „Friedenstauben“ und „Nahostexperten“; diese „Friedens“-Eichen übrigens sind etwas, an dem die deutsche „Friedens“-Bewegung sich zu jeder sich bietenden Gelegenheit immer wieder fast schon reflexartig ankettet; in einem „Protest“, der dem Begriff eine Gewalt antut – und das offenbar ohne daraus auch nur den geringsten Lustgewinn zu ziehen.

 

Aus solchem feinen Gutmenschenholz scheint Dennis Ross geschnitzt; es wird sich zeigen, wie dieser noble Charakter die Umstände vor Ort übersteht: Was mit ihm geschieht, wenn die realities on the ground den praktischen Beweis dafür antreten, dass Wunsch und Wirklichkeit zwei getrennte Veranstaltungen sind. Das werden sie früher oder später sicherlich tun, zumal keiner die Kristallkugel hat, die Überraschungen vermeiden hilft; deshalb sollte Dennis Ross sich bis dahin besser diesen ins Mark getroffenen Gesichtsausdruck abgewöhnt haben, bevor er sich wieder bei irgendwas ertappt fühlen wird.

 

Im Gegensatz zu George Mitchell scheint Dennis Ross aber wenigstens zu verstehen, dass die Welt aus dem Alter heraus ist, wo Wünschen noch geholfen hat, und da Ross nicht für das Magic Kingdom tätig ist, war oder werden wird, steht auch nicht zu erwarten, dass es im Eretz Israel schon bald eine zweite Filiale von Mickey Mouse gibt – in Eilat etwa – was eigentlich sehr schade ist.


Autor: haolam.de
Bild Quelle:


Dienstag, 11 Januar 2011