Rede von Staatspräsident Rivlin vor der Generalversammlung der UN

Rede von Staatspräsident Rivlin vor der Generalversammlung der UN




Staatspräsident Reuven Rivlin hat am Mittwoch vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Internationalen Holocaust-Gedenktag eine Rede gehalten. Darin sagte er unter anderem:

„Meine Damen und Herren, 1915, als die Mitglieder der armenischen Nation Massakern anheimfielen, schrieb Avshalom Feinberg, ein führendes Mitglied der jüdischen Untergrundbewegung Nili […]: ‚[…] wer ist als nächstes an der Reihe? […] Habe ich, ein Jude, vergessen, dass ich ein Jude bin? Ich habe mich auch gefragt, ob ich das Recht habe, nur ‚um die Tragödie meines eigenen Volkes zu weinen’ oder ob der Prophet Jeremia nicht auch um die Armenier blutige Tränen geweint hat?‘

[…] Im Palästina dieser Tage, in dem Jerusalem, in dem ich geboren wurde, hat niemand das Massaker geleugnet, das sich ereignet hatte. Die Einwohner Jerusalems, meine Eltern und Verwandten sahen die armenischen Flüchtlinge zu Tausenden ankommen – hungrige, bemitleidenswerte Überlebende des Schreckens. In Jerusalem fanden sie Asyl, und ihre Nachfahren leben bis heute dort.

Zwei Fragen wurden damals gestellt: Wer ist als nächstes an der Reihe? Und werden die Juden auch über die Tragödien blutige Tränen anderer vergießen?

Die erste Frage hat die Geschichte einige Jahrzehnte später beantwortet. Als nächstes waren die Juden an der Reihe. […]

Die Antwort auf die zweite Frage: Sollen wir wirklich, jeder einzelne von uns, nur die Tragödie unserer eigenen Nation beweinen; oder sollen wir fähig sein, auch um die Tragödien anderer zu weinen; um die Tragödie verwundeter Kinder in Syrien; um die Tragödie junger Männer und Frauen aus Europa, aus dem Nahen Osten, aus Afrika und Asien? Diese Frage ist noch unbeantwortet. […]

Heute, wenn die Viper des Fundamentalismus ihren hässlichen Kopf erhebt, müssen wir uns daran erinnern, dass das Böse nicht einer bestimmten Religion gehört; so wie es auch nicht zu einem bestimmten Land oder einer bestimmten ethnischen Gruppe gehört. […]

Aus genau diesem Grund sind jene, die den Islam, das Judentum oder das Christentum als Feinde der Welt betrachten, im Unrecht, und sie leiten andere fehl. Mein Vater, Yosef Yoel Rivlin seligen Angedenkens, hat sein Leben der Übersetzung des Korans ins Hebräische gewidmet, da er an die Wichtigkeit des Dialogs und die kulturelle Bedeutung des Korans für alle Kinder Abrahams glaubte. Als Sohn meines Vaters glaube ich unumstößlich, dass weder der Westen, noch die Christen, noch die Juden mit dem Islam im Krieg liegen.

Heute umgibt der Islam mit seinen riesigen Schwingen Opfer von Verfolgung und Terrorismus und dient gleichzeitig auch als Banner für die Angreifer. […]

Es ist unsere Pflicht und unsere Verantwortung, ohne Gnade die Angreifer zu bekämpfen; ebenso wie es unsere Pflicht und Verantwortung ist, alle Opfer zu schützen. […]

Dieser Tag, der Internationale Gedenktag für die Opfer des Holocaust, ist nicht nur eine Geste des Gedenkens für die Mitglieder des jüdischen Volkes, die Opfer, oder auch die Überlebenden. Dieser Tag […] ist der wichtigste Tag im Kalender [der UN]. ‚Nie wieder‘ ist nicht nur ein Schwur der Überlebenden oder der Welt gegenüber dem jüdischen Volk. ‚Nie wieder‘ ist vor allem die Essenz der Organisation Vereinte Nationen, es ist ihre Mission, es ist der Hauptgrund für ihre Existenz. […]

Zu unserem großen Bedauern ist diese raison d’être seit Gründung der Vereinten Nationen immer aktueller geworden. Bosnien, Ruanda, Sudan, Kambodscha, Syrien, Nigeria. Dies sind nur einige der Orte, wo Nationen und Gemeinden auf eine Art und Weise ermordet wurden, die die Welt daran erinnerte, dass der Holocaust an den Juden nicht das letzte Kapitel im brutalen Plan des Menschen gegen seinen Mitmenschen war. Ein jeder von ihnen war Opfer eines Völkermordes, auch ohne dass er einen gelben Stern trug.

Als Jude, als Zionist, als Israeli, als Mensch […] weint mein Herz gemeinsam mit diesen anonymen Menschen, die zu einem Massengrab gehen. Wenn wir heute hier stehen und erklären ‚Nie wieder‘, dann meinen wir nie wieder Rassismus und Hetze; nie wieder Antisemitismus; nie wieder systematische Vergewaltigungen und Erniedrigungen; nie wieder Konzentrationslager und Folter; nie wieder Massengräber, Gaskammern und Krematorien; nie wieder – dies ist die Aufgabe, vor der diese Versammlung steht. [..]

An diesem Tag müssen wir uns selbst ehrlich fragen, ist unser Kampf, der Kampf dieser Versammlung gegen Völkermord effektiv genug? […]

Ich fürchte, die ‚UN-Konvention für Verhinderung und Bestrafung des Verbrechens des Holocaust‘ […] ist ein eher symbolisches Dokument geblieben. […]

Die internationale Gemeinschaft […] hat die Pflicht, rote Linien zu ziehen, die den Völkermord definieren – und sich darauf zu einigen, dass die Überquerung dieser roten Linien eine Einmischung zur Pflicht macht. […]

Auch wenn wir uns auf diese roten Linien einigen, ist das nicht genug. Wir müssen uns einig sein, dass im Kampf gegen den Völkermord die humanitären und moralischen Interessen die wirtschaftlichen, politischen und anderen überwiegen müssen. Als Mitglied des jüdischen Volkes stehe ich hier vor ihnen und sage, Nationen können und dürfen nicht ‚im Nachhinein‘ oder nach einer Kosten-Nutzen-Abwägung gerettet werden.

Wenn das moralische Feuer nicht in uns brennt, wird die Lektion aus dem Holocaust nie gelernt werden. Gemeinden und Nationen werden weiterhin gemordet; Kinder, Frauen und Männer und Ältere werden weiterhin zur aufgeklärten Musik des ‚Orchesters des Todes‘ in den Tod marschieren, vor dem Hintergrund einer zynischen und apathischen Welt und ohne, dass es ihr eigener Fehler wäre. Der Schwur des ‚Nie wieder‘ wird hohl und besudelt bleiben, und wir, wir alle, werden für immer Insassen der Lager bleiben. […]

Möge die Erinnerung an die Opfer des Holocaust und die Erinnerung an die Verfolgten und Gefolterten für immer in unsere Herzen eingraviert sein. Mögen ihre Seelen in den Bund des Lebens aufgenommen sein. Amen.“

 

Präsidialamt, 28.01.15 - Foto: Staatspräsident Rivlin während seiner Rede (Foto: GPO/Mark Neiman)

 

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Autor: joerg
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Samstag, 31 Januar 2015









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