Das Ende des assyrischen Christentums: Da war doch was .... (Folge 3 - Abspann)

Das Ende des assyrischen Christentums:

Da war doch was .... (Folge 3 - Abspann)




von Dr. Nathan Warszawski

The day after – der Tag danach.

Erinnert: Jesiden und Salafisten hatten im beschaulichen Herford zur Massenschlägerei geladen und einen Nachmittag lang ganze Hundertschaften der Polizei in Atem gehalten. Wie ein Unwetter war das Unheil über die Kreisstadt hereingebrochen. Mit einer solchen ´Naturkatastrophe´ hatte man hier gar nicht gerechnet, der Blitz schlägt üblicherweise immer anderswo, nie vor der eigenen Haustür ein, weshalb die rettenden Heere staatlich besoldeter Deeskalationskräfte dem Treiben relativ spät Einhalt geboten. Um beim Vergleich zu bleiben: die Wogen Gewaltbereiter ´Demonstranten´ dämmte der ´Katastrophenschutz´ endlich auf bewährte Weise ein. Die Deiche hielten.

Frage: Hatte der ´Vorfall´ ein Umdenken bewirkt, eine Änderung der Wahrnehmung solchen ´Phänomenen´ gegenüber, eine Kehrtwende gar? Pustekuchen. Auf eine sehr bezeichnende Art und Weise blieb, jetzt erst Recht, alles beim Alten; alles wie gehabt. Die Berichterstattung des Tages beweist es. Sie sagt mehr über die seelische Befindlichkeit der Verantwortlichen aus als über die Situation selbst, die angespannt bleibt, weshalb man ihr also mit den üblichen therapeutischen Maßnahmen beizukommen glaubt. Die entsprechenden Ergüsse lesen sich wie pädagogische Wellnesse-Direktiven, angereichert mit den üblichen Schlag- und Reizwörtern; bis zum Erbrechen. Als Ergebnis einer von echten Marketing-Experten peinlich verfolgten Gesamtstrategie kommt das ´Endprodukt´ gesalbt und gerundet, also: absolut kundenfreundlich rüber. Dass es sich um ein echtes Fake, ein übles Plagiat handelt, hinter dessen getürkter Fassade ein ganz anderes Objekt lauert – wen kratzt das schon? Handeln wir den Schwindel in gebotener Eile ab.

Es ging vor allem darum, die Wogen zu glätten. Jetzt bloß nichts Falsches sagen, keinen aufregen, niemanden ´verdächtigen´ – war die Devise.

Da wurde schon vorab darauf hingewiesen, dass es bei den für heute und morgen angekündigten Demonstrationen voraussichtlich friedlich zugehen werde, was kein Wunder sein wird, denn das Polizeiaufgebot wurde entsprechend aufgestockt. Seine Angehörigen werden auch nicht, wie am Mittwoch, verspätet dazu kommen, sie sind schon lange vorher da und können sich von Anfang an auf jeden abmarschierten Zentimeter konzentrieren.

Da wurde immer wieder, nahezu gebetsmühlenartig, auf das schreckliche Schicksal derer, die im Irak darben, aufmerksam gemacht, als ständige, rührselig am Gemüt knabbernde Begleitlitanei, weshalb die Randale schließlich auch für den letzten Zweifler im Grunde ´nachvollziehbar´, im Mindesten ´verständlich´ wird. Und wenn dann noch, im Anschluss an diese so hartnäckig wie behutsam erwirkte Konditionierung, mit Nachdruck darauf hingewiesen wird, dass „die Mehrheit hier lebender Jesiden friedlich auf das schwere Los ihrer Gemeinde aufmerksam“ machen wollen, dann wird der Krawall vom Vortag zur peripheren Entgleisung, als ein peinlicher Zwischenfall, ohne Wiederholungsgefahr, also schnell unter den Teppich damit. Aufschlussreich auch, wie sich die Verbandsfunktionäre dazu äußern. Kein Wort des Bedauerns, keine Entschuldigung, mit keiner Silbe das. Aber Forderungen zuhauf. Auch vom ´Fußvolk´. Jetzt müsse endlich etwas geschehen. Die EU müsse eingreifen, meint etwa ein gewisser Elias Sansar:“ Völkermord gab es im vergangenen Jahrhundert auf europäischen Boden, daraus müssen wir (!) lernen. Gerade Deutschland (sic!) hat eine Verantwortung.“ Auf die ´Tumulte´ zwischen Jesiden und Salafisten angesprochen, meint er:“ Dass gewalttätige Islamisten sogar hier vor Attacken nicht zurückschrecken, hat mich erschüttert. Die jesidischen Demonstrationen unterstütze ich. Ich werde beim Protest in Detmold mitmachen.“ Kein Wort zu den eigenen Schlägertrupps, den Sachbeschädigungen, den scharfen Waffen. Null. Er sei auch gegen jede Gewalt, meint ein gewisser Faik Berse. Die Zuspitzung „zeige doch nur (!), wie ernst die Lage im Irak ist, und das wühlt die Menschen offensichtlich emotional auf.“ Auch Thomas Hochhaus, Chef des Staatsschutzes Bielefeld, „sieht eine hohe Emotionalisierung der jesidischen Bevölkerung. Man habe schon am vergangenen Montag in Bielefeld zahlreiche jesidische Frauen auf einer Kundgebung gesehen, die zu Tränen gerührt waren.“ Von den Schlägertrupps zur Tränendrüse, vom Totschläger zur verständlichen emotionalen Erschütterung: der Staatsschutz hat verstanden. “Man schließe weitere Spannungen zwar nicht aus, habe hierfür aber keine belastbaren Belege.“ Im Zweifel immer für den Angeklagten. Und dann wird, um die real-existierenden, weil tatsächlich stattgefundenen Ethno-Scharmützel vollends aus dem Diskurs zu hegen, mit der Angst derer gespielt, die immer noch meinen, das ginge sie nichts an:“ Experten schätzen die Zahl gewaltbereiter Salafisten in Deutschland auf 6000 – 10.000.“ Das sich die Zahl der Gewaltbereiten im Nu unsäglich aufsummiert, wenn nur ´die Richtigen´ aneinander geraten, spielt vor diesem Hintergrund keine allzu große Rolle mehr, denn die Rollen sind verteilt und alles hat, halten Hundertschaften den Furor im Zaum, schon seine Ordnung. Dann beruhigen einen auch die Appelle der ´Oberlehrer´: wenn die das Wort ergreifen, dann nimmt die ´Bande´ ganz gewiss kein Klassenzimmer mehr auseinander. NRW-Innenminister Jäger ruft folglich zur Besonnenheit auf, sagt aber nicht, wer konkret damit gemeint sei. Bloß nicht mit dem Zeigefinger auf irgendwen zeigen. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament, Elmar Brok, findet:“ Die große Mehrheit der Muslime ist friedlich, bei uns und in der Welt.“ Und nicht denjenigen, deren ´Schäflein´ über die Zäune gegangen sind, danken wir, erneut und nicht zum letzten Male, die tollen Vorschläge für ein noch tolleres Miteinander; nein – es sind mal wieder die üblichen Verdächtigen, die ´Verbands-Versteher´ vom Schlage einer Sigrid Beer, Paderborner Landtagsabgeordnete der GRÜNEN, die uns sagen, was Sache ist und wo´s lang zu gehen hat: “Gemeinsam mit den Vertreterinnen und Vertretern aller Religionsgemeinschaften sollten wir vor den angekündigten Demonstrationen am Wochenende ein gemeinsames Signal für ein friedliches Miteinander setzen.“ Denn man könne nicht zulassen „dass die Integration und das friedliche Miteinander Schaden nehmen.“ Unter dem längsten Artikel des Tages, oben auf Seite Drei, stand denn auch oberfett und unmissverständlich: “Appelle zum Dialog der Religionen“. Das Bild darunter offenbarte die übliche Praxis derer, die um Manipulationen nie verlegen sind: aus einem Meer lauthals skandierender Männerhorden fischte der Fotograf drei Jesidinnen heraus, zwei von ihnen mit Kopftuch (was bei denen gar keinen Zwang darstellt), etwas argwöhnisch beäugt vom versammelten ´Mehrheitsgeschlecht´. Aber immerhin: drei Frauen. Gerettet.

Kein Depp fragt dieser Tage danach, warum Jesiden, nicht aber Christen demonstrieren (das Geiselhöring´sche Rest-Aufgebot mal ausgenommen). Aber womöglich mache ich mich mit dieser Bemerkung jetzt schon verdächtig. Da mag immer wieder darauf hingewiesen werden, dass zehntausende Jesiden und Christen auf der Flucht seien (immer, übrigens, in dieser Reihenfolge; liegt wohl daran, das die hiesige Minderheit drüben in der einfachen Mehrheit ist). Keinem fällt auf, das im mehrheitlich immer noch von Christen bewohnten Europa (und Deutschland) kein einziger dieser Christen dagegen auch nur ´protestiert´. Fehlanzeige. Es bekümmert folglich auch niemanden, das die kleine Gemeinde der Jesiden die fett gedruckten Schlagzeilen dominiert, während ihre ´Mitflüchtenden´ allenfalls in Halbsätzen am Rande dezente Berücksichtung erfahren („…auch die größte christliche Stadt im Nordirak, Karakosch, fiel ihnen (der IS) in die Hände). Unter der Überschrift „ Jesiden im Nordirak eingeschlossen“ wird, wiederum ganz am Rande, noch einmal kurz und schmerzlos auf das Schicksal derer hingewiesen, deren Glaube einst das Abendland begründete:“ Mit nicht viel mehr als ihren Kleidern am Leib seien mindestens 100.000 Christen geflohen…“ Fertig. Mehr muss nicht. Es liegt mir fern, das Schicksal einer Glaubensgemeinde gegen die andere aufzurechnen. Aber merkwürdig ist es schon, das auf insgesamt anderthalb Zeitungsseiten (Seite 1 und 3) genau das geschieht: für die Christen dreieinhalb Sätze, der Rest für den Rest.

Auf den das Leid förmlich feiernden, blickfängerisch forschen Photos dann immer wieder die üblichen ´Inszenarien´; jene, die wir dieser Tage schon aus Gaza im Dutzend ´serviert´ bekamen: etwa eine Mutter mit sechs Kindern, versammelt vor der eigenen Hausruine, verarmt und verfemt. Das ist wohl die verlässlichste Methode, um schon vorab den unentbehrlichen Spendenreflex zu motivieren. Ehrlich? Mich ekelt das langsam; aber gewaltig. Und zwar grundsätzlich. Nicht, weil es Jesiden wären, die man so dem geifernden Voyeurismus ausliefert. Der Verfasser dieser Zeilen hat, um auch das noch zu betonen, seit bald fünfzehn Jahren als Lehrer an verschiedenen Schulen in der Region zahlreiche recht unterschiedliche, aber eben auch bezeichnende Erfahrungen mit Menschen jesidischen Glaubens gesammelt (Erwachsene und Kinder); er kennt ihre Riten und Gebräuche, die Feste und das angestammte ´Selbstverständnis´. Mich braucht keiner über eine Sekte aufzuklären, deren Anfänge ungleich weiter in die Geschichte zurückreichen als die des Christentums. Mir ist auch deren Leidensgeschichte bestens bekannt. Ich weiß ferner um die rigiden, nahezu vorsintflutlich anmutenden Sachzwänge, die ich zum Teil als haarsträubend empfinde und aus denen sich bislang noch kein Angehöriger ohne bittere, zum Teil tödliche Konsequenz befreite; gesetzt, er tat er es ganz und gar, also: ohne wenn und aber.

Genug damit. Die üblichen Phrasen und Allgemeinplätze überdecken auch dieser Tage wieder verlässlich eine Gemengenlage, über die man besser nicht spricht – nicht allzu deutlich sprechen darf oder soll. Wer wollte auch den Spielverderber spielen und das Sommerloch mit dunklem Garn zustopfen? Um, ein Beispiel, darauf hinzuweisen, dass Krawalle wie die vom Mittwochabend zukünftig zunehmen und zusätzlich an Schärfe gewinnen werden. Wer wagte auch nur zu behaupten, dass es am Ende nicht irgendwelche Tugend-Terroristen von der Salafistenfront sind, die den Kontinent von Grund auf umgestalten werden. Den Zuzug endloser Flüchtlingsheere wird das von selbst, nur viel langsamer und umso nachhaltiger, bewirken. Die Völker Europas, so scheint es, sind nach zwei Weltkriegen und einer darauf folgenden, nahezu ungebrochenen (wiewohl Schwankungen unterworfenen) Prosperität mürbe, müd und matt geworden. Ihre gewählten Volksvertreter setzen, von den Medien entsprechend unterstützt, auch weiterhin auf Treu und Glauben, Verständnis und Verzicht. Vielleicht gilt für das heutige Europa schon jetzt, was der alte Miesepeter Spengler einst voll Kümmernis bemerkte: “Alles was zu groß geraten ist, geht an der Kleinheit seiner Erben zugrunde.“

Shanto Trdic, 08.08.14

 

Numeri 24 : 9

 

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Autor: fischerde
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Samstag, 09 August 2014