ISIS-Vormarsch im IKrak: Der Fluch der bösen Taten

ISIS-Vormarsch im IKrak:

Der Fluch der bösen Taten




von Dr. Nathan Warszawski

Die Geschichte weiß von drei Golfkriegen, die sich in der knappen Spanne eines Vierteljahrhunderts im sogenannten Zweistromland ereigneten. Während der erste längst in fast völlige Vergessenheit geraten ist, verschwand der zweite nahezu Deckungsgleich im Schatten seines Nachfolgers, der gut dreizehn Jahre darauf unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung in die Annalen einging und, so viel vorweg, die Büchse der Pandora öffnen half. Glich Golfkrieg Nummer Eins noch einem peripheren Stammesgemetzel, eine Art veralteter, lang andauernder Regionalkonflikt, von den beiden Supermächten auf bewährt-berüchtigte Weise ´nachjustiert´, hob sich der zweite schon recht deutlich davon ab, denn jetzt waren da nicht mehr zwei Blöcke, die einander auf Augenhöhe begegneten: erstmals agierte die Weltmacht USA ohne ebenbürtigen Counterpart. George Bush sen. schmiedete so unbekümmert wie hochoffiziös seine Bündnisse, eine frühe ´Allianz der Willigen´, zu denen auch das ultrafundamentalistische Saudi Arabien zählte, und der taumelnde Riese im Osten sah sich plötzlich in den Rang eines bloßen Beobachters zurückversetzt. Mit einer angeblichen Neuordnung der ganzen Region schwindelte die neue/alte Ordnungsmacht der Weltöffentlichkeit eine Vision vor, die unter dem Diktat der ´pax americana´ Wohlstand und Frieden, Demokratie und Meinungsfreiheit ermöglichen sollte. In Wahrheit waren es weniger imperiale, mehr merkantile Interessen, die der Präsident seinerzeit verfocht, wie sich auch sehr bald zeigte, denn nach Wiederherstellung der staatlichen Souveränität eines winzigen Golfemirates ließ es der Leader schon wieder gut sein und zog seine Soldaten rasch aus dem Land ab, das er auf diese Weise dem ´Teufel´ Saddam Hussein überließ, der umso schneller die Zügel in den eisernen Griff bekam und ´aufräumte´. Es war kein Zufall, dass sich der siegreiche Feldzug des alten Bush zeitlich mit einem ungleich bedeutsameren Großereignis überschnitt: der Selbstauflösung des sowjet-unionierten Machtgefüges, in dessen Schatten schon der blutige, unfasslich grausame Zerfall Jugoslawiens loderte, welcher wiederum, nach einer ersten Schockstarre, im friedlichen ´Rest-Europa´ für Unverständnis und Unbehagen sorgte.

Wie auch immer: Der quasi religiöse Feldzug des Bush jun., de facto noch viel beträchtlicher ökonomisch ´unterwandert´ als sein Vorläufer und von Anfang an auf faustdicken Lügen aufgebaut, unterschied sich fatal vom ´Blitzkrieg´ des Vaters. Denn seine Folgen waren beträchtlich; ja, sie können noch zur Stunde kaum in ihrem ganzen Ausmaß abgewogen werden. Im Grunde kann man den ganzen Schlamassel, der sich heute vom Hindukusch über die Levante bis nach Nordafrika ausgebreitet hat und, nach dem Sturz Gaddafis, bis weit in die Sahelzone vorgedrungen ist, auf diesen einen, irrwitzigen Feldzug eines eifernden, an Selbstüberschätzung bis zur Hybris leidenden Emporkömmlings zurück führen. In einer global vernetzten Welt reichen die Nachwehen weiter denn je und keiner kann sagen, welche weiteren Winkel dieser Welt noch von den Eruptionen des gewaltigen Erdbebens erfasst werden. Ein Leuchtfeuer der Demokratie hatte der simple Evangelikale den Völkern der islamischen Welt verheißen. Jetzt wissen wir: Das glatte Gegenteil ist am Ende dabei heraus gekommen. Die Ausgeburten einer in naiver Selbstüberschätzung gepredigten schönen neuen Welt, von der die religiösen Fanatiker sämtlicher Konfession nie genug bekommen können, versetzten die real-existierende Welt in Aufruhr und haben nur Tod und Entsetzen als bleibende Wegmarken gezeitigt. Der Anspruch dieses Präsidenten galt ja, rechnet man den Einfluss des vielzitierten ´military-industrial-complex´ großzügig herunter, absolut. Sein Einmarsch war nur die Ouvertüre zu den noch größeren, blutigeren Schlachten, denn erst jetzt brach aus der Verankerung, was ehedem mittels diktatorischer Fuchtel streng im Zaum gehalten wurde. Die geballte Sprengladung Jahrhunderte alter, ethnisch-konfessioneller Gegensätze flog mit voller, ungebremster Wucht auseinander. Es waren die halbwegs säkular ausgerichteten Unrechtsregime der Mubarak, Assad oder Gaddafi, die den gesellschaftlichen Stillstand zementierten und so die unruhigen Geister im Zaum hielten, die nun wie irrsinnige Kobolde herumspuken. Heute schauen wir beinahe stündlich gebannt in die Region, aber wen interessierte schon, ehe die Sowjets in Afghanistan einmarschierten, was in der muslimischen Staatenwelt los ist? Wenn man von den Kriegen Israels wider ihre Nachbarn einmal absieht.

Die alte Weltordnung, im Schatten der Blöcke geschmiedet, bot der alten Welt eine trügerische, halbwegs verlässliche Ruhe. Die neue Weltunordnung entfacht, indem sie zahllose blutige Auseinandersetzungen zeitigt, vor allem eines: eine Völkerwanderung ungeahnten, zunehmend ungebremsten Ausmaßes. Ich weiß, das man mir auch das um die Ohren hauen wird, aber keiner derer, die jetzt vor Chaos und Anarchie flüchten, wird nach Asien oder Afrika ´auswandern´. Die Richtung, für die sich diese Menschen entschieden haben, stimmt schon und man kann es ihnen auch gar nicht verdenken: das Leuchtfeuer der Demokratie, nebst seiner Vorzüge und Versprechungen, lodert ja noch auf halber Flamme am ´Kap Asiens´ (als solches bezeichnete der Dichter Valery den europäischen Kontinent), gleicht so einem trügerischen Irrlicht, das langsam verblasst, weil keiner die Fackel mehr hochhalten mag. Das endlose Gequatsche von Demokratie und Menschenrecht ändert daran gar nichts.

Natürlich begannen etliche Aufstände, die man seinerzeit als ´arabischen Frühling´ verklärte, emanzipatorisch. Es mochte der Grundhaltung derer entsprechen, die das Netz nutzten, um Dinge in Bewegung zu bringen, ja überhaupt etwas zu verändern. Ich will das gar nicht in Abrede stellen. Aber wer ahnte denn schon, dass noch ganz andere Kräfte und Bewegungen heimlich in Reserve und auf der Lauer lagen und so ganz ungeduldig auf ihre Chance warteten. Wir wissen im Grunde bis heute so wenig über sie, das hat schon das Beispiel ISIS/Irak bewiesen, und die ohnmächtig erlebte Unübersichtlichkeit nebst unverstandener Eigendynamik, die allen Revolten eignet, sollte uns in Zukunft misstrauischer, vor allem vorsichtiger stimmen. Die berechtigte Empörung der Beleidigten und Entrechteten schlägt nur allzu schnell in ein unkontrolliertes Hauen und Stechen um. Um das zu verstehen, schaue man sich nur einmal die eigene, die europäische Vergangenheit an. Die Straßenschlachten, die sich Nationalsozialisten und Kommunisten in den zwanziger Jahren lieferten, haben nicht unbeträchtlich dazu beigetragen, das Weimarer Experiment scheitern zu lassen, und das Damoklesschwert einer unberechenbaren Ökonomie hing, wie heute, beständig über den Häuptern der Völker, denen das Wörtchen Demokratie ohnehin lange verdächtig vorkam. Auch das wird leicht vergessen. Als ob die Völker Europas schon immer ´auf Kurs´ gewesen wären! Das wissen wir doch eigentlich besser.

Vielleicht, so mag man erwidern, messe ich dem Feldzug des Bush jun. eine höhere Bedeutung bei als ihr in Wahrheit zukommt. Immerhin ist es an böser Ironie kaum noch zu überbieten, das ein dem christlichen Fundamentalismus verpflichteter ´born-again´ vor etwas mehr als zehn Jahren einen ´Kreuzzug´ ausrief bevor er die entsprechenden Fieberphantasien in einer Region ´auslebte´, die heute von islamischen Eiferern kontrolliert wird, deren Vollstrecker wohl soeben eine weitere Dekade blutigen Terrors eröffnet haben. Konventionelle Kriege, sie mögen noch so abscheulich sein, beendet man aber nicht aus der Luft. Das weiß auch Obama. So wird keine Macht der Welt den Genozid wirkungsvoll unterbinden können. Mit Bodentruppen hat es, umgekehrt, auch nicht geklappt. Doch kam Bush jun., so kurios das klingen mag, dennoch als Befreier in den Orient: Er hat tatsächlich befreit, was lange unterm Deckel gefangen gehalten wurde und den Verschluss fast zum Platzen brachte: Er hat der Entfesslung endlich mächtig Vorschub geleistet und die nachfolgende Exzesse rissen allerorten Abgründe ungeahnten Ausmaßes auf. -

Ich weiß: Mit dieser Einschätzung werde ich einmal mehr bei niemandem auf ungeteilte Zustimmung, ganz sicher auf viel Unverständnis und noch mehr Ablehnung stoßen. Zugegeben: Sie passt auch mir nicht in den Kram. Als wenn es darauf ankäme. Und auf die Frage, wie das Problem denn aus meiner Sicht zu lösen sei, kann ich nur mit der Gegenfrage antworten, weil mich die üblichen nicht überzeugen. –

Shanto Trdic, 09.08.14

 

Numeri 24 : 9

 

r. Nathan Warszawski bei haOlam.de (Auswahl):


Autor: fischerde
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Dienstag, 12 August 2014