Interview mit Manfred Gerstenfeld: Die mittelalterlichen, antisemitischen Ansichten von 150 Millionen Europäern

Interview mit Manfred Gerstenfeld:

Die mittelalterlichen, antisemitischen Ansichten von 150 Millionen Europäern




The Inquisitr, 18. Oktober 2013

Einführung zum und Durchführung des Interviews: Wolff Bachner

Vor kurzem schickte ein neues Buch, Demonizing Israel and the Jews von Dr. Manfred Gerstenfeld Schockwellen durch Europa; es enthüllte die Angst einflößenden Level des Antisemitismus und bösartige Verurteilung Israels, die in der Europäischen Union zu finden sind. Seit 1938 hat Europa keinen solch heftigen Ausbruch offenen Hasses gegen das jüdische Volk erlebt.

Juden verlassen Europa in rekordverdächtiger Zahl und in einer Stadt nach der anderen, in denen einst jüdische Gemeinden blühten, haben die Menschen ihre Koffer gepackt und sind nach Israel, Kanada oder in die USA geflohen. Von Paris bis Malmö stehen alte jüdische Häuser leer, weil eine Familie nach der anderen das Land ihrer Geburt verlässt, um den Erinnerungen von 1.800 Jahren Verfolgung und Tod zu entkommen.

Für diejenigen, die zurückblieben, ist das tägliche Leben eine ständige Last und eine furchtbare Erinnerung an eine – gerade mal 85 Jahr zurückliegende – Zeit, als Juden gezwungen wurden gelbe Sterne zu tragen und zu Millionen in Viehwaggons getrieben wurden, um vergast und verbrannt zu werden.

Heute, im Jahr 2013, werden Juden erneut bespuckt und getreten, weil sie es wagen auf einer Straße in Europa eine Kippa zu tragen: „Dreckiger Jude, Hitler hätte den Job zu Ende bringen sollen“, klingt es in ihren Ohren, während sie in Deckung rennen. Uralte jüdische Grabsteine werden mit Hakenkreuzen und israelischen Flaggen beschmiert und von beutehungrigen Protestlermengen in Stücke geschlagen, die ihren Hass auf den jüdischen Staat hinausbrüllen.

Statt verzweifelt in den Schrecken des jüdischen Lebens im modernen Europa zu verweilen, luden wir Dr. Manfred Gerstenfeld heute hierher ein, um zu erklären wie und warum dies geschieht und Verständnis dafür zu gewinnen, was deswegen unternommen werden kann. Gibt es noch Hoffnung für die Juden Europas oder befinden wir uns am Rande eines zweiten Holocaust? Steht Israel vor der atomaren Auslöschung oder kann der jüdische Staat endlich seinen Platz als gleichberechtigter Partner unter den Nationen der Welt einnehmen?

Nach all den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Vernichtung der Hälfte der Juden der Welt sind wir Zeugen einer Wiedergeburt desselben üblen Hasses. Was sagt uns das über die menschliche Seele und die Zukunft unserer Spezies?

Wolf Bachner: Dr. Gerstenfeld, willkommen erneut bei The Inquisitr. Heute sind wir hier, um eines der beunruhigendsten und am wenigsten diskutierten Phänomene des 21. Jahrhunderts zu diskutieren, der Wiedergeburt des virulenten Judenhasses und Antiisraelismus, der in ganz Europa verbreitet ist.

In Ihrem neuen Buch „Demonizing Israel and the Jews“ stellen Sie die erstaunliche und beängstigende Behauptung auf, dass 150 Millionen von 400 Millionen Erwachsenen in der Europäischen Union glauben Israel führe einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser. Sie beschuldigen den jüdischen Staat der Apartheid und ethnischer Säuberung, wobei sie die Juden als die neuen Nazis bezeichnen.

Wie kamen Sie zu dieser alarmierenden Statistik und welche Beweise haben Sie?

Dr. Gerstenfeld: Die Rechnung ist einfach. Ich nutzte die Ergebnisse einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands aus dem Jahr 2011. Die Studie wurde für sie von der Universität Bielefeld durchgeführt, die viel zu Diskriminierung geforscht hat. Das Dokument beinhaltete unter andrem die Ergebnisse einer Umfrage unter jeweils 1.000 Personen in 7 Ländern der Europäischen Union im Alter von 16 Jahren aufwärts. Sie wurden gefragt, ob sie mit der Äußerung übereinstimmten, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt.

In Italien stimmten 38% der Befragten zu. In den Niederlanden war die Zahl nahe an 39%, in Ungarn betrug sie 41% und in Großbritannien 42%. Die Zahl für Deutschland war 48%, für Portugal 49%, in Polen lag sie bei 63%. Diese sieben Länder stellen ungefähr die Hälfte der Bevölkerung der EU.

Es gibt in der Europäischen Union 500 Millionen Bürger. Rund 400 Millionen davon sind 16 Jahre oder älter. Ich multiplizierte diese Zahl mit dem geringsten Prozentsatz derer, die der Aussage zustimmten – der von Italien. Das Ergebnis von 150 Millionen Europäern mit diesen extrem bösen Vorstellungen dürfte sogar zu niedrig angesetzt sein.

Wolff Bachner: Was hat die Forscher eigentlich angeregt ihre Studien durchzuführen?

Dr. Gerstenfeld: Die Forscher hatten vermutlich aus ihrem sozialen Umfeld erkannt, dass dieser perverse Glaube zu Israel weit verbreitet ist. Die Universität Bielefeld hatte in Deutschland bereits Anfang des vorigen Jahrzehnts eine ähnliche Umfrage durchgeführt. Die damals gestellte Frage war noch klarer: „Stimmen Sie mit der Äußerung überein, dass Israel sich den Palästinensern gegenüber verhält wie die Nazis gegenüber den Juden?“ Die Ergebnisse waren da noch schlimmer. 51 Prozent antworteten bejahend. Anfang diesen Monats wurde ein israelischer Freiwilliger, der nach Deutschland kam um zu helfen, von der Zeitung Die Welt interviewt. Er erwähnte beiläufig, was ihn am meisten an einigen Deutschen ärgerte, war, dass sie die angeblichen Verbrechen bei israelischen Militäroperationen als mit den Verbrechen der Nazis vergleichbar betrachten.

Wolff Bachner: Sie erwähnen zwei deutsche Studien. Welche anderen Forschungsarbeiten sind noch durchgeführt worden, um ihre Behauptungen zu stützen?

Dr. Gerstenfeld: Es gibt zwei weitere Studien zu europäischen Ländern von außerhalb der EU. Die erste umfassende Studie der Haltung von Norwegern gegenüber Minderheiten wurde 2012 vom Zentrum für Studien des Holocaust und religiöser Minderheiten veröffentlicht. Durchgeführt wurde sie im Auftrag der norwegischen Regierung. Die Studie stellte fest, dass 38% der Norweger der Äußerung zustimmen, dass Israel sich gegenüber den Palästinensern genauso verhält wie die Nazis gegen die Juden handelten. Eine in der Schweiz veröffentlichte Studie des GFS Bern aus dem Jahr 2007 stellte fest, dass 50% der Schweizer Bevölkerung Israel als den „Goliath“ betrachtet, der einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt.

Wolff Bachner: Wie ist es möglich, dass weniger als 70 Jahre nach dem Holocaust und dem Ende des Zweiten Weltkriegs Judenhass und Hass auf den jüdischen Staat Israel in Europa so vorherrschend geworden ist? Haben sie nichts aus dem Tod von sechs Millionen Juden und 55 Millionen weiteren Menschen gelernt?

Dr. Gerstenfeld: Das massiv vorhandene anekdotische Material über europäischen Antisemitismus und besonders antiisraelische Hetze hat mich im Verlauf der Jahre allmählich überzeugt, dass es kein Limit für die Böswilligkeit gibt, die aus dem zeitgenössischen Europa kommen kann. Das öffentliche Wiederaufkommen des Antisemitismus nachdem Deutsche, Österreicher und ihre vielen anderen europäischen Verbündeten 6 Millionen Juden ermordeten, ist dabei ein wichtiger Aspekt. Für den gegenwärtigen Antisemitismus in Europa in erster Linie muslimische Einwanderer und ihre Nachkommen verantwortlich zu machen ist eine einfache, bequeme, aber falsche Erklärung.

Würden Muslime den überwiegenden Prozentsatz der Menschen stellen, die die Fragen zu Israel zustimmend beantworteten, hätte man nie bei so hohen Werten landen können. Es gibt aber keinen Zweifel – und das zeigen auch die wenigen zur Verfügung stehenden Studien – dass die starke, nicht selektive Einwanderung aus muslimischen Ländern eine in Prozenten höhere Zahl von Antisemiten gebracht hat, die zudem auch extremer sind.

Die 150 Millionen Europäer, die glauben, dass Israel Völkermord an den Palästinensern begeht, sind überwiegend Einheimische. Diese Behauptung ist nicht nur extrem absurd, sondern auch höchst verleumderisch. Während der beiden Jahre von Ende 1941 bis Ende 1943 wurden alleine in den Vernichtungslagern Treblinka, Belzec und Sobibor von den Deutschen 2 Millionen Menschen – hauptsächlich Juden – ermordet. Die Technologie des Völkermords hat sich seit Deutschlands Massenmorden enorm „verbessert“. Wenn diese Völkermord-Vorwürfe gegen Israel wahr wären, dann wären die letzten palästinensischen Erwachsenen und Kinder schon vor langer Zeit ermordet worden.

In Wahrheit hat die Zahl der Palästinenser in den letzten Jahrzehnten weiter stark zugenommen. Palästinensische Kinder werden in israelischen Krankenhäusern geboren und Kranke werden von israelischen Ärzten behandelt. 2007 verglichen Gunnar Heinsohn und Daniel Pipes alle globalen Konflikte seit 1950 mit mehr als 10.000 Todesopfern. Davon gab es 67. Der arabisch-israelische Konflikt lag auf Platz 49. Die Zahl der Toten in einigen dieser anderen Konflikte beträgt mehrmals das Zehnfache. Doch die Antisemiten der Israel hassenden Art in Europa haben es geschafft Israel zu dämonisieren.

Wolff Bachner: Wer steckt hinter dem Schüren von Hass und wie sind diese Leute in der Lage ihre Botschaft der Verachtung der Juden und Israels so effektiv voranzutreiben?

Dr. Gerstenfeld: Es ist weit einfacher Menschen zu verunglimpfen als Dämonisierung ungeschehen zu machen. Israel wird von vielen delegitimiert. Es gibt so viele Aspekte davon, dass man mindestens zehn Interviews bräuchte, nur um die verschiedenen Täterkategorien des weitgehenden Schürens von Hass gegen Israel abzuhandeln. Ich habe 16 solche Einstufungen ermittelt. Eine wichtige ist ein Teil der Medien. Insbesondere, aber nicht ausschließlich, haben sehr Linke eine wichtige Rolle gespielt. Sie senden und veröffentlichen weiterhin in erster Linie negative Nachrichten zu Israel.

Das schafft ein Klima, in dem Menschen ihre eigenen verächtlichen Schlüsse ziehen. Dazu kommt die Tatsache, dass die Medien die aus den arabischen Ländern kommende enorme Kriminalität nicht ausreichend berichten. Es gibt hier keinen Unterschied, was die Palästinenser angeht. Die Hamas, die in der einzigen demokratischen Parlamentswahl der Palästinenser die meisten Stimmen erhielt, ist eine Islamo-Nazi-Bewegung. Die palästinensische Autonomiebehörde glorifiziert und ehrt in hohem Maß Mörder israelischer Frauen und Kinder. Der Hauptunterschied bezüglich der palästinensischen Gewalt und der in arabischen Ländern besteht darin, dass Israel es geschafft hat die palästinensischen Mordversuche zu einem großen Teil zu überwinden. Das wird mit der Sicherheitsbarriere, guter Geheimdienstarbeit usw. erreicht. Diejenigen, die fordern, dass Israel die Sicherheitsbarriere abbaut, sind damit indirekte Helfer terroristischer Morde.

Es gibt auch weitere Gründe dafür, dass ein antiisraelisches Klima geschaffen wird. Man muss Fallstudien zu vielen Themen durchführen, die das betrifft, und das liegt in erster Linie in der Verantwortung der israelischen Regierung, die hier fast völlig versagt hat. Derzeit wird es gelegentlich von Privatorganisationen erledigt. Ein Beispiel: Ein Dokument der Medienbeobachtungsorganisation CAMERA legt viele neue Verzerrungen und andere Manipulationen bezüglich Israel durch die New York Times offen. Man sollte auch erkennen, dass viele Journalisten im Nahen Osten ebenfalls häufig zur Manipulation von Nachrichten über Israel beigetragen haben. Ein beträchtlicher Teil von ihnen sind keine unbefangen Reporter, sondern könnten eher als „Nachrichtenmanipulatoren“ bezeichnet werden.

Mein Buch „Demonizing Israel and the Jews“ enthält einen einführenden Aufsatz und 57 Interviews von jeweils 800 Worten mit Experten aus vielen, hauptsächlich europäischen Ländern. Einer der Interviewten ist Trevor Asserson, ein Rechtsanwalt. Er veröffentlichte mehrere detaillierte Analysen dazu, wie die BBC in Bezug auf Israel agiert und schrieb: „Ihre Nachrichtenberichte zu Israel sind durch Auslassung, durch Einfügungen, durch Weitergabe von Teilfakten, dadurch, wer interviewt wird und durch die angebotenen Hintergrundinformationen bzw. deren Fehlen verzerrt. Ich stellte außerdem fest, dass es ein systematisches Problem mit dem Beschwerdesystem der BBC gibt.“

Ein weiteres meiner Bücher ist vor kurzem mit einem langen einführenden Aufsatz veröffentlicht wurden; der Titel lautet „Israel’s New Future Revisited“ (Israels neue Zukunft erneut besucht). Nachdem 1993 die Oslo-Vereinbarungen unterzeichnet wurden, interviewte ich 16 prominente Israelis und fragte sie, wie ihre Erwartungen für die Zukunft aussehen. Einer der Interviewten war David Bar-Ilan, damals der Chefredakteur der Jerusalem Post. Er sagte: „Die BBC ist bei weitem der schlimmste Übeltäter, wenn es um Israel geht.“ Er führte als Beispiel ihres professionellen Fehlverhaltens den Fall eines Kaffeehauses an, das im arabischen Ostjerusalem wegen struktureller Probleme einstürzte. Juden und Araber arbeiteten zusammen daran Leben zu retten, was PLO-Aktivisten verblüffte. Die BBC sagte nicht ein einziges Wort über diese Zusammenarbeit. Alles, was sie berichteten, war, dass Araber gelitten hatten und sie wiederholten die Verleumdung, dort sei eine Bombe gelegt worden. Bar-Ilan fügte hinzu, dass es Hunderte Beispiele für die BBC-Böswilligkeit im politischen Bereich gibt.

Wolff Bachner: Sie sprachen von der extremen Einseitigkeit der Medien, besonders wenn sie über irgendetwas berichten, das den jüdischen Staat betrifft. Wer ist sonst noch an dem Versuch beteiligt Israel und das jüdische Volk zu dämonisieren?

Dr. Gerstenfeld: Hass auf Israel wird mit Abstand am stärksten von großen Teilen der muslimischen Welt geschürt. Dieser Hass ist grenzenlos übel. Wenn man die Propaganda gegen Israel analysieren möchte, dann muss man mit einer Reihe muslimischer Staaten beginnen. Die negativste Folge der Oslo-Vereinbarungen ist vermutlich, dass sie die Palästinenser in die Lage versetzt haben die muslimische Welt weit effektiver gegen Israel aufzuhetzen als in der Zeit, bevor sie eine territoriale Basis in der Westbank und dem Gazastreifen hatten. Langfristig dürfte dieser negative Einfluss der palästinensischen Hetze durchaus jeglichen Nutzen stark überschatten, den Israel aus den Oslo-Vereinbarungen gezogen hat.

Es gibt keine Manipulation der Wahrheit, unwahre Argumente und Arten der Hetze, die Hass schürende Muslime nicht regelmäßig wiederholen. Eine der vielen Lügen ist die, dass es in Jerusalem nie einen jüdischen Tempel gab. Muslimische Hetzer machen Israel zum Sündenbock für das riesige Versagen ihrer eigenen Länder. Sie haben den Vorwurf enorm gefördert, dass Israel ein Nazistaat sei, was von Muslimen inzwischen als etwas Negatives betrachtet wird. Vor Deutschlands Niederlage [im Zweiten Weltkrieg] war es in vielen muslimischen Kreisen in Mode für die Nazis zu sein. Ein wichtiger palästinensischer Führer vor dem Krieg war Haddsch Amin Al-Husseini; er definierte detailliert, was Nationalsozialismus und Islam gemeinsam haben. Der Journalist Nadav Shragai hat veröffentlicht, dass dieser Bewunderer Hitlers in dem, was damals Palästina war, auch ein Krematorium nach dem Vorbild von Auschwitz bauen wollte, um Juden aus Palästina und den arabischen Ländern dort vergasen zu lassen. Husseini war außerdem entscheidend beim Aufbau muslimischer SS-Einheiten in Bosnien und Kroatien behilflich.

Westler sprechen nur widerstrebend von Islamo-Nazitum. Wenn man aber gegenwärtige Bewegungen identifizieren will, deren Wesenskern Ähnlichkeit mit dem des Nationalsozialismus hat, dann sollte man nicht nur nach Neonazis und Rechtsextremen suchen. Es gibt davon mehrere recht ansehnliche in der Welt des Islam.

Der Antisemitismus-Historiker Robert Wistrich hat geschrieben, dass Hardcore-Antisemitismus in der arabischen und muslimischen Welt nur mit dem von Nazi-Deutschland vergleichbar ist. Er erklärte, dass muslimischer Hass auf Israel und die Juden „ein eliminatorischer Antisemitismus mit völkermörderischer Dimension“ ist. Bezüglich gemeinsamer Elemente zwischen muslimischem und Nazi-Antisemitismus führt Wistrich Fanatismus, einen Todeskult, nihilistische Wünsche nach Vernichtung und die irre Gier nach Weltherrschaft auf. Richard Prasquier verglich, als er Leiter der französischen Dachorganisation jüdischer Organisationen CRIF war, den radikalen Islam mit dem Nationalsozialismus. Er stellte zwei wichtige Gemeinsamkeiten fest. Die erste ist, dass für beide Bewegungen Juden der Hauptfeind sind und dass Antisemitismus eine wesentliche Komponente ihrer Ideologie ist. Der andere ist, dass sowohl der Nationalsozialismus als auch der radikale Islam die Juden entmenschlicht.

Man sollte hinzufügen, dass noch eine weitere Kategorie Hass Schürende unter den Muslimen des Westens zu finden ist. In vielen europäischen Ländern deuten die Daten darauf hin, dass die von Muslimen verursachte Zahl der physischen antisemitischen Vorfälle prozentual beträchtlich höher liegt als von Nichtmuslimen. Zusätzlich werden die extremsten antisemitischen Verbrechen oft von muslimischen Immigranten oder ihren Nachkommen begangen. Es hat in den letzten zehn Jahren mehrere Juden gegeben, die von Muslimen in Frankreich ermordet wurden.

Wolff Bachner: Wir haben die Worte des Gründers des Islam, Mohammed, gelesen, der sagte: „Die letzte Stunde wird nicht kommen, wenn nicht die Muslime gegen die Juden kämpfen und die Muslime sie töten, bis die Juden sich hinter einem Felsen oder einem Baum verstecken und ein Fels oder ein Baum sagt: Muslim, oh Diener Allahs, da ist ein Jude hinter mir; komm und töte ihn.“

Der islamische Judenhass mag offen und offensichtlich sein, aber es gibt auch viele prominente Experten, Politiker und Organisationen in Europa, die Israel als das ultimativ Böse darstellen und sich in widerlicher Rhetorik ergehen. 2001 hatte der französische Botschafter in Großbritannien dies über Israel zu sagen: „Alle derzeitigen Probleme der Welt gibt es wegen diese beschissenen kleinen Landes Israel.“

Wer sind einige der anderen Personen und Organisationen, die die Haltung der Muslime und des französischen Botschafters teilen?

Dr. Gerstenfeld: Zum Beispiel viele internationale Juristen. Vor kurzem wurde von israelischen Experten für internationales Recht Alan Baker ein Brief an die europäische Union initiiert, der von über 1.000 Juristen unterzeichnet wurde. Er zeigt detailliert auf, wie die EU das internationale Recht bezüglich des Status der Westbank und der dortigen Siedlungen auf vielfache Weise verfälscht. Zu anderen Kategorien gehören Gewerkschaften, NGOs, Akademiker, die UNO und so weiter. Das hat als Nebenprodukt, dass Israel für vieles ein Sensor ist, das in der westlichen Welt falsch, verzerrt, scheinheilig oder böse ist.

Wolf Bachner: Reden wir hier von einem Phänomen, das mit den Nazis und Hitler begann oder hat Europa auch eine Geschichte des Judenhasses, der Hunderte Jahre zurückgeht?

Dr. Gerstenfeld: Historisch betrachtet haben Juden viele Jahrhunderte lang als Sensor der Gesellschaft fungiert. Lange Zeit waren sie in Europa die einzigen Nichtchristen. Man konnte daher aus der christlichen Haltung ihnen gegenüber sehen, wie (un)zivilisiert die christlichen Gesellschaften waren. Als die Juden während des Mittelalters fälschlich beschuldigt wurden die schwarze Pest nach Europa zu bringen, bedeutete dies, dass das und die daraus folgenden Pogrome Indikatoren der barbarischen christlichen Welt waren. Diese von den Juden gespielte Rolle rückte während des Holocaust erneut in den Vordergrund. Nazi-Deutschland und Österreich waren kriminelle Gesellschaften. Wenn man nach einem alleinigen, unbestreitbaren Indikator des Ausmaßes der Nazi-Barbarei sucht, ist der Holocaust der angemessenste.

Diese Rolle des Sensors für viele Aspekte der westlichen Welt wird heute auch von Israel übernommen. Die schon erwähnten Studien, die feststellten, dass 150 Millionen Erwachsene in der EU kriminelle Denkweisen haben, sind typische Beispiele dafür, wie eine zu Israel gestellte Frage diese Tatsache in die Öffentlichkeit gebracht hat. Sie beweist, dass von den 400 Millionen Europäern 150 Millionen eine miese, sehr irrationale Denkart haben, so wie ihre Vorfahren im Mittelalter.

Wolff Bachner: Wie involviert sind die Vereinten Nationen und akademische Institutionen bei der Förderung eines Netzes der Engstirnigkeit zu Israel und bei der Verbreitung eines falschen Narrativs zum palästinensisch-israelischen Konflikts?

Dr. Gerstenfeld: Ich erwähnte schon, wie die Europäische Union das internationale Recht manipuliert und verzerrt, was den Status der Westbank und der dortigen jüdischen Siedlungen angeht. Das illustriert, wie korrupt sowohl das internationale Recht als auch die EU geworden sind. Dasselbe gilt für die Vereinten Nationen, die ebenfalls eine moralisch unehrliche Organisation sind. Eines der verlogensten UNO-Gremien ist der UNO-Menschenrechtsrat in Genf. In diesem Fall kann man ihn am besten betrachten, wenn man sich seine regelmäßigen, gegen Israel gerichteten Verurteilungen ansieht, von denen es mehr gibt als für alle anderen Länder der Welt zusammen.

Es ist wohlbekannt, dass die akademische Welt besonders im Bereich der Geisteswissenschaften in hohem Maße entstellt ist. Die akademische Freiheit wird derart umfassend missbraucht, dass eine neue Definition dafür erforderlich wird. In der Vergangenheit sah das Konzept so aus, dass akademische Freiheit Wissen förderte und dass die Wissenschaften dadurch vorangebracht wurden. Heutzutage kann man eine Reihe Universitäten untersuchen, an denen der palästinensisch-israelische Konflikt gelehrt wird. Man kann die den Studenten gegebenen Literaturlisten überprüfen und beobachten, was in Vorlesungen und Seminaren gesagt wird. Man kann mit einigen Campussen an der University of California beginnen, die infolge des dortigen Antisemitismus und Antiisraelismus einen besonders schlechten Ruf haben.

Man erkennt oft, dass das gelehrte sogenannte Wissen viel Propaganda enthält, die manchmal sogar mit Hass gemischt ist. Das hat eine viel breitere Auswirkung. Man versteht dann, dass die akademische Welt sich nicht selbst regeln kann, obwohl sie mit Zähnen und Klauen dafür kämpfen wird ihre Privilegien zu behalten. Die akademischen Boykott-, De-Investitions- und Sanktionskampagnen gegen Israel sind ein weiterer weit verbreiteter Sensor dessen, was in der universitären Welt faul ist.

Israels Funktion als Sensor gilt auch auf vielen anderen Feldern. Dazu gehört auch, wie moralisch korrumpiert eine Vielzahl von Gewerkschaften, NGOs, Intellektuellen und so weiter sind.

Wolff Bachner: Dr. Gerstenfeld, wir hören inzwischen von einem seltsamen neuen Vorurteil namens „humanitärer Rassismus“. Diese verdrehte Form der Schuld erlegt alle Schuld den entwickelten Ländern wie den USA und Israel auf und entlastet die Palästinenser von jeglicher Verantwortung für ihr Tun und ihr Verhalten.

Wie beeinflusst „humanitärer Rassismus“ die Meinungen und Haltungen zu Israel und dem Nahost-Friedensprozess?

Dr. Gerstenfeld: Eine weitere korrumpierte Umgebung ist die von Teilen der Antirassismus-Bewegung. Darin findet man viele von denen, die ich „humanitäre Rassisten“ genannt habe. Das sind Menschen, die glauben, nur Weiße und einige mächtige andere könnten für ihre Taten verantwortlich gemacht werden. Sie wenden sich regelmäßig von Verbrechen ab, die von schwachen oder farbigen Menschen begangen werden. Das verstößt gegen die Universale Erklärung der Menschenrechte, die die individuelle Verantwortung des Einzelnen für seine Taten betont. Der palästinensisch-israelische Konflikt ist ein ausgezeichneter Ort viele dieser Rassisten im antirassistischen Lager zu entlarven. Man muss nur viele derer beobachten, die Israel kritisieren, aber zum islamofaschistischen Charakter der Hamas und der Glorifizierung von Mördern durch die palästinensische Autonomiebehörde schweigen. Es gibt auch viele humanitäre Rassisten, die gegen Islamophobie in der westlichen Welt kämpfen, aber zum relativ hohen Antisemitismus unter westlichen Muslimen schweigen.

Wolff Bachner: Israel hat das effektivste, kampferfahrenste und am besten ausgebildete Militär des Planeten, dennoch scheint der Staat Israel nicht in der Lage zu sein mit dem Propagandakrieg klarzukommen, der gegen den jüdischen Staat geführt wird.

Wie erklären Sie Israels anscheinende Inkompetenz im Umgang mit denen, die seine Legitimität aushöhlen wollen?

Dr. Gerstenfeld: Der einfachste Ausweg wäre zu sagen, dass das nicht zu verstehen ist oder alternativ, dass nur ein Psychiater das erklären könnte. Es bringt viele Israelis, die sich dieses Versagens wohl bewusst sind, zur Verzweiflung. Eine Reihe Faktoren könnten etwas zu einer Erklärung beitragen. Es ist jedoch ein Forschungsprojekt notwendig, das dieses Thema fundiert untersucht.

Eine erste Teilerklärung ist, dass der gegen Israel geführte Propagandakrieg ein postmoderner Krieg ist. In Hitlers Zeit war das Schüren von Hass gegen Israel offen und transparent. Die Infrastruktur für den Hass war Jahrhunderte lang durch die katholische Kirche und andere christliche Konfessionen wie die Lutheraner gelegt worden. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde ich eingeladen einen Vortrag an der Martin-Luther-Universität in Halle in Ostdeutschland zu halten. Ich hatte dort ein Gespräch mit zwei lutherischen Theologieprofessoren. Einer gab zu: „Vor dem Zweiten Weltkrieg hätte ich geglaubt Sie hätten Hörner.“

Hitler, die Nazi-Partei und viele ihrer Partner überall in der Welt äußerten klar, was sie von den Juden dachten. Sie waren extreme Antisemiten, und um die Uhr, 7 Tage die Woche. Heutzutage sind die meisten einheimischen Antisemiten in Europa Teilzeitantisemiten. Man findet Politiker, die regelmäßig gegen Israel hetzen, aber zu anderen Gelegenheiten können sie eine Synagoge besuchen, wenn die jüdische Gemeinde bedroht wird, oder einen Vortrag zum Holocaustgedenken halten. Sehr oft sagend diese Teilzeitantisemiten sogar, sie seien Freunde Israels, während in Wahrheit das Gegenteil der Fall ist.

Meine ersten Beispiele zum Beweis dessen, was ich sage, hole ich oft aus Norwegen, wo der Israelhass sehr eindeutig ist. In der von der – gerade bei der Parlamentswahl unterlegenen – Arbeitspartei dominierten Regierung konnte man so einige antiisraelische Hassschürer finden. Jonas Gahr Stoere, bis 2012 Außenminister, ist ein typisches Beispiel des modernen Teilzeitantisemiten, der regelmäßig gegen Israel hetzte. Er schrieb sogar den Text für die Rückseite des Einbandes eines Buchs zweier norwegischer Hamas-Unterstützer, die Israel einer modernen Form des Ritualmord-Vorwurfs beschuldigten. Sie behaupteten, Israel sei in den Gazastreifen einmarschiert, um palästinensische Frauen und Kinder zu töten. Er besuchte aber auch die Synagoge von Oslo und hielt mal eine Rede zum Holocaust-Gedenken. Das macht seine antisemitischen Taten nicht ungeschehen.

Angriffe gegen Israel sind so massiv und vielfältig, dass es bei vielen israelischen Regierungsbeamten ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit gibt. Ich erkenne solche Gefühle, weil ich ähnliches bereits früher in meinem langen Berufsleben als strategischer Berater in den Vorständen führender multinationaler Firmen gesehen habe. Ich beriet einige große europäische Industriekonzerne zu Umweltpolitik. Ihre obersten Manager hatten oft ein ähnliches Gefühl – dass sie Kräften gegenüber standen, die sie weder verstehen noch bekämpfen konnten. Am Ende schaffte ich es immer ihnen zu zeigen, dass Angriffe der Grünen gegen sie ein Problem waren wie jedes andere auch. Es konnte analysiert und entschärft werden. Ähnliche Regeln sind auf die Delegitimisierung Israels anwendbar.

Es gibt andere israelische Regierungsbeamte, die mental zu träge sind, um sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen. Sie glauben, dass es verschwinden wird, wenn Israel nur weitere Zugeständnisse an die Palästinenser macht. Das maskiert ihren Widerwillen oder ihre Unfähigkeit eine intellektuelle Anstrengung zu unternehmen. Die Daten zu diesen furchtbaren Ansichten über Israel von der Universität Bielefeld sind seit zwei Jahren öffentlich zugänglich. Die israelische Regierung hätte die EU mit diesen Statistiken sofort konfrontieren und sie fragen müssen, wie sie vorhat damit umzugehen.

Diese Befunde führen zu einem klaren Schluss: Diese Daten reißen dem neuen humanitären Nachkriegseuropa die Maske herunter. Wenn 150 Millionen erwachsene EU-Bürger völlig ungerechtfertigte Meinungen zu Israel haben, die derart extrem bösartig sind, dann heißt das, dass sie eine kriminelle Denkart haben. Die EU sollte untersuchen, wie sie zu diesen Überzeugungen gekommen sind. Was hat sie ermutigt? Welche Politiker in den Medien, führende Persönlichkeiten in der Zivilgesellschaft und so weiter sind dafür verantwortlich? Die nächste Frage ist dann, was die EU deswegen unternehmen will? Das wird eine Büchse der Pandora. Europa will sie nicht öffnen und das offizielle Israel will sie nicht hinterfragen und schadet damit Israels Interessen.

Es kommt wahrscheinlich noch ein weiterer Faktur hinzu. Wenn man jemanden mit einer solch bedrohlichen und komplexen Frage konfrontiert, dann wird man auch befürchten etwas falsch zu machen, weil man es nicht versteht. Man denkt: „Wer weiß, was uns an Negativem geschehen könnte, wenn wir die Europäische Union herausfordern?“

Die Lage wird durch selbsthassende und teilzeitantisemitische israelische Juden, NGO-Beschäftigte und Politiker weiter verkompliziert. Man muss außerdem einen weiteren, wenig bekannte Faktor hinzufügen. Es gibt eine langjährige, historische, jüdisch-masochistische Tradition, die ihre Ursprünge in der Bibel und in der Religion hat. Sie durchzieht große Teile der jüdischen Geschichte. In klassischen Quellen finden wir einige Rabbiner, die glauben, dass es besser ist verfolgt zu werden als zu verfolgen. Viele selbstironische jüdische Witze sind weitere Beispiele jüdischen Masochismus. Heutzutage findet man eine politische Variante dieses Masochismus in Teilen der so genannten „progressiven“ Juden und der israelischen Wählerschaft. Dort begegnet man Leuten, die glauben, dass Israel den Palästinensern etwas schuldet, statt dass sie Israel etwas wegen der vielen seit 1948 gegen es begangenen Verbrechen schulden.

Wolff Bachner: Was kann Israel tun, um den gegen es geführten Propagandakrieg zu besiegen und die Legitimität des Staates in den Augen der Nationen der Welt wiederherzustellen?

Dr. Gerstenfeld: Konzeptionell ist die Antwort einfach. Israel sieht sich einem totalen Propagandakrieg gegenüber. Daher braucht es ein sehr kompetentes Gremium an Profis, das zuerst Strategien entwickelt und diese dann in ein funktionsfähiges Vorgehen umsetzt. Der derzeitige Propagandakrieg ist ein riesiger Kampf mit vielen neuen Charakteristiken. Er ist postmodern, was unter anderem bedeutet, dass seine Ursprünge, Botschaften und Übermittlungsmodi sehr fragmentarisiert sind. Da Israel das erste Ziel eines solchen Propagandakriegs ist, muss es die Funktionsweise eines Verteidigungsrahmens selbst entwickeln.

Wenn man im Krieg angegriffen wird, dann entwickelt man Waffen, durch die man mit den Angreifern fertig wird. So expandierten Armeen und machten Fortschritte. Israel hat ein sehr hoch entwickeltes militärisches Instrument entwickelt – die Israelischen Verteidigungskräfte. Wenn Terrorismus, Revolution, Subversion und ähnliches Bedrohungen sind, dann entwickeln Staaten Geheimdienste. Israel ist im Verlauf der Jahrzehnte in diesem Bereich ziemlich erfolgreich gewesen und viele versuchen seine Leistungen zu kopieren. Im neuen Cyber-Krieg hat Israel eine Verteidigungseinheit aufgebaut, die auf dem Weg zu sein scheint in diesem Bereich führend zu werden. Bezüglich des Propagandakriegs jedoch ist nichts derartiges entwickelt worden. Offenkundig erfordert ein solches Gremium finanzielle und menschliche Ressourcen. Wir reden hier nicht von ein paar Dutzend Millionen Dollar, sondern von einem Vielfachen davon.

Wolff Bachner: Sie sagen also, dass Israel mit dem Propagandakrieg umgehen sollte wie mit jedem anderen Konflikt, indem es seine Gegner studiert und eine effektive Strategie und Organisationen entwickelt, um die Herzen und den Verstand der Welt zu gewinnen?

Was kann Israel tun, um die Flut aufzuhalten und seinen Leumund in der Weltgemeinschaft wiederherzustellen?

Dr. Gerstenfeld: Als erstes sollte die vorgeschlagene Propaganda-Verteidigungsorganisation so schnell wie möglich alle Informationen zum Propagandakrieg der Feinde sammeln. Sie sollte Studien und Daten untersuchen, die bereits zur Verfügung stehen. Dann sollte ihre Forschungseinheit die benötigten zusätzlichen Informationen erarbeiten. Diese Einheit sollte neue Entwicklungen verfolgen, sie analysieren und zu treffende Maßnahmen vorschlagen.

Eine weitere wichtige Aktivität besteht darin eine erste Bestandsaufnahme der pro-israelischen Organisationen aufzustellen, die bereits im Propagandakrieg aktiv sind und zu studieren, was diese tun. Da sie jeweils zu klein sind, um diesen Krieg alleine zu kämpfen, hat sich jede ein Segment der Feindfront ausgesucht. Einige bekämpfen Antisemitismus im eigenen Land, andere Verfälschung durch die Medien, wieder andere die Lawfare (den juristischen Krieg gegen Israel) und so weiter. Einige treten akademischen und anderen Boykotteuren entgegen, andere entlarven die bösartigen Aktivitäten hinter den falschen humanitären Masken vieler NGOs und so weiter.

Das neue Gremium wird sich auch mit vielen dieser Organisationen vernetzen müssen. Heute gibt es zwischen ihnen keine Koordination. Man kann also viel tun, um die besten Methoden der Arbeit auf bestimmten Gebieten zu identifizieren und zu versuchen diese – wo möglich – auf andere Organisationen zu übertragen.

Sind diese beiden Arten Aktivitäten erst einmal begonnen worden, muss als nächstes entwickelt werden, wie gearbeitet wird. Wie kann man den Feinden mit dem Einsatz von möglichst wenig Zeit, menschlichen Ressourcen und Geld möglichst großen Schaden zufügen? Diese Faktoren sind wegen der riesigen Zahl der Feinde und potenziellen Feinde wichtig, weil Israel so klein ist und nur 8 Millionen Menschen hat. Effektivität ist damit ausschlaggebend. Um zu überleben, muss Israel im Propagandakrieg schlauer sein als seine Feinde.

Ebenso wichtig ist es, die nicht jüdischen Verbündeten zu mobilisieren. Derzeit dürften wir allerdings sogar Verbündete verlieren. Es gibt einige Besorgnis erregende Informationen über pro-palästinensische Aktivitäten unter evangelikalen Christen.

Wolff Bachner: Wenn Israel Ihren Vorschlägen folgt, wird das etwas bewirken oder sind die Samen des Judenhasses so tief eingepflanzt, dass er niemals ausgerissen werden kann?

Dr. Gerstenfeld: Zu allererst müssen wir die Fäule stoppen. Das an sich wäre bereits sehr wichtig. Wir müssen uns bewusst sein, dass Israel, wenn es das Projekt jetzt beginnt, schon sehr spät dran wäre, sich sachgemäß mit dem Propagandakrieg auseinanderzusetzen, doch die Lage ist nicht hoffnungslos. Wir müssen den Propagandakrieg nicht unbedingt schnell gewinnen, wir müssen ihn erst einmal eindämmen. Der Antisemitismus wird nicht verschwinden, genauso wenig seine neue Mutation, der Antiisraelismus. Es gibt viele Probleme in der Welt, die nicht gelöst sind, aber sie wurden eingedämmt. Prostitution gibt es seit tausenden Jahren, doch sie ist eingegrenzt worden und dominiert die Gesellschaften nicht. Sie ist aber auch nicht beseitigt worden.

Wolff Bachner: Am Beginn unseres Gesprächs sagten Sie, 150 Millionen erwachsene Bürger der Europäischen Union sind überzeugt, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt. Viele derselben Leute hegen auch von Hass erfüllte Gefühle gegenüber Juden oder treten für die Vernichtung des Staates Israel ein. Gewalttätige Angriffe auf Juden in Europa haben derart zugenommen, wie wir es seit 1938 nicht mehr erlebt haben und viele europäische Juden haben Angst auch nur zuzugeben, dass sie Juden sind, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegen.

Glauben Sie, dass das Maß des Judenhasses und der Agitation gegen Israel sich weiter verstärken wird, bis die Juden nicht länger in der Lage sind in Europa zu leben und gibt es sogar die Möglichkeit eines zweiten Holocaust?

Dr. Gerstenfeld: Wir erleben in Europa auch das Wiederaufkommen von Neonazis und ähnlichen Ideologen. Rechtsextreme Parteien die Jobbik in Ungarn oder die Goldene Morgenröte in Griechenland sind sehr negative Entwicklungen. Was die kriminellen Europäer angeht, sollten wir uns nicht nur auf die extreme Rechte konzentrieren. Es mag unter den Sozialisten und anderen so genannten „progressiven Parteien“ durchaus mehr Menschen mit kriminellen Einstellungen zu Israel geben. Bis dazu eine Studie erfolgte, bleibt das allerdings eine Vermutung.

Wenn wir die Möglichkeit eines zweiten Holocaust diskutieren, sollten wir uns in erster Linie auf Teile der muslimischen Welt konzentrieren. Dort finden wir Organisationen wie Al-Qaida, die iranische Führung, Hamas, Hisbollah und viele Einzelpersonen, die ausdrücklich erklärt haben, dass sie Völkermord an Israel und den Juden begehen wollen. Viele Europäer dürften mit ihren vielfältigen Manipulationen dabei helfen die Grundlagen für einen neuen Holocaust zu legen, aber sie werden maximal Beiwerk der potenziellen muslimischen Täter sein.

 

Zur Biographie von Dr. Manfred Gerstenfeld:

Dr. Manfred Gerstenfeld wurde in Wien geboren, wuchs in Amsterdam auf und zog 1968 nach Israel. Er hat einen Doktortitel in Umweltstudien von der Universität Amsterdam. Gerstenfeld war Aufsichtsrat der Israel Corporation und weiterer israelischer Firmen. Er war einer der Herausgeber der Jewish Political Studies Review, Mitautor des Jerusalem Letter/Viewpoints, Post-Holocaust and Anti-Semitism und Changing Jewish Communities sowie Mitglied des Rats der Foundation for Research of Dutch Jewry, bei der er ehemals stellvertretender Vorsitzender war. Er ist Mitglied des Board of Fellows am Jerusalem Center for Public Affairs, eines angesehenen Think Tanks in Jerusalem, dessen Aufsichtsratsvorsitzender er von 2000 bis 2012 war.

 

Übersetzung unseres Partnerblogs Heplev - Foto: Eine von vielen antisemitischen Hasskarrikaturen in einer islamistischen Zeitung aus der arabischen Welt, ganz im Stil der deutschen NS-Zeitung "Stürmer". Solche und ähnliche Hasskarrikaturen werden auch von Antisemiten in sozialen Netzwerken verbreitet, etwa als Profilbilder - bis sie auffliegen und ihre Accounts gelöscht werden. Beleibt ist hierbei auch eine Darstellung, bei der ein vermeintlicher Jude - natürlich mit schwarzem Hut, schwarzem Mantel, langen Bart und exorbitanter Nase - sich eine Zigarette an der Zündschnur einer Bombe anzündet. (Foto: Screenshot)

 

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Autor: fischerde
Bild Quelle:


Dienstag, 05 November 2013