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Deutschlands Juden: Eine Chronologie der Achtsamkeit und Angst

Deutschlands Juden: Eine Chronologie der Achtsamkeit und Angst


Im September 2015 öffnete die von Bundeskanzlerin Angela Merkel geführte deutsche Regierung die Grenzen des Landes für eine massive Welle vorwiegend muslimischer Flüchtlinge.

von Dr. Manfred Gerstenfeld

Diese schlecht durchdachte Politik hat bereits zu vielen, hauptsächlich negativen Konsequenzen geführt, die anscheinend nicht so bald vorbei sein wollen. Das hat bei deutschen Juden ein enorm verstärktes Gefühl der Unsicherheit gebracht, nicht zuletzt weil sie relativ früh über ihre Befürchtungen redeten und nicht auf sie gehört wurde.

 

Anfangs mussten jüdische Leiter sehr vorsichtig auftreten, wenn sie ihrer Besorgnis Ausdruck gaben; Grund war die politisch korrekte Atmosphäre der „Willkommenseuphorie“, die damals in Deutschland vorherrschte. Ihre Bedenken entstammten dem tieferen Verstehen der Gefahren, die ein nie da gewesener, massiver Zustrom von Muslimen aus Ländern darstellte, in denen extremer Antisemitismus grassiert.

 

Anfang Oktober äußerte Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei einem Treffen mit Merkel seine Sorgen. Er sagte, dass unter den Menschen, die Zuflucht in Deutschland suchen, viele aus Ländern kommen, in denen Israel als Hauptfeind betrachtet wird; er wies darauf hin, dass all diese Menschen zum Hass auf Israel erzogen wurden und dieses Ressentiment regelmäßig auf alle Juden übertragen. Juden machen sich daher Sorgen wegen des Anstiegs des muslimischen Antisemitismus in Deutschland. Schuster sagte jedoch, dass die jüdische Gemeinschaft die Ankunft der Flüchtlinge begrüßt.[1]

 

In der Folge sagte Levi Salomon, ein deutsch-jüdischer Antisemitismusexperte, der britischen Daily Express, dass Juden hassende Nazi-Ideologie und der Hass auf Israel sowohl in Syrien als auch dem Irak zum Herzstück der herrschenden Baath-Partei gehörten. Er fügte hinzu, daher müsse angenommen werden, dass die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge Antisemiten sind.[2] Lala Süsskind, die frühere Leiterin der jüdischen Gemeinde Berlin wurde, damit zitiert, dass „wir nicht glauben, dass unsere Ängste von Politikern ernst genommen werden“. Die Zeitung erwähnte zudem, dass in Deutschland „antijüdische Verbrechen mit 1.596 dokumentierten Hass-Verbrechen gegen Juden – mehr als in jedem anderen EU-Staat – 2014 auf ein Fünfjahreshoch stiegen“.[3] Stefan Kramer, ein ehemaliger Generalsekretär des Zentralrats, äußerte ebenfalls die Ansicht, dass Politiker die jüdischen Sorgen nicht ernst nehmen.[4]

Gegen Ende November war die deutsche „Willkommenseuphorie“ bereits im Abnehmen begriffen. Schuster konnte es daher wagen einige konkrete Forderungen zu stellen. Er forderte ein Limit für die aufzunehmenden Flüchtlinge zu setzen und wünschte strengere Grenzkontrollen. Schuster wies auch auf Herausforderungen bei der Integration der Flüchtlinge hin; er warnte, wie sich herausstellte fast prophetisch, vor zunehmenden Risiken für Homosexuelle und Frauen.[5]

 

Schuster zeigte bezüglich dieser Probleme weit mehr Sensibilität und Einsicht als das politische System, die Polizei und Medien in Deutschland. Er sprach vor dem Hintergrund erster Berichte von Gewalt gegen Homosexuelle. Diese Gewalt nahm zu und beim Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) wurden von August bis Dezember 2015 95 Beschwerden homosexueller Flüchtlinge, Opfer von Schlägen, sexuellen Übergriffen oder Beleidigungen eingereicht, die hauptsächlich in Flüchtlingszentren stattfanden.[6] Darüber hinaus kamen seine Warnungen einen Monat vor den nie da gewesenen sexuellen Übergriffen an Silvester in einer Reihe Städte in Deutschland und anderen Ländern, die von großen Gruppen Flüchtlingen aus muslimischen Ländern verübt wurden.[7]

 

Von den Sorgen um politische Korrektheit und der „Willkommenseuphorie“ unbeeinflusste Ausländer fanden es leichter auf die offensichtliche Bedrohung durch zunehmenden Antisemitismus in Deutschland hinzuweisen. Rabbi Abraham Cooper und ich schrieben Ende Oktober: „Juden fragen sich, ob irgendjemand sonst der Besorgnis Ausdruck verleiht, das Deutschland unter den Neuankömmlingen einige begrüßen könnte, die den Koran buchstäblich nehmen und glauben, dass Juden Schweine und Affen sind: Im 20. Jahrhundert war die Entmenschlichung von Juden ein Kernstück deutscher Nazi-Ideologien, die Juden als Ungeziefer oder Bakterien einstufte und den Weg für den Holocaust bahnte.[8]

Im Dezember vermerkte Jeffrey Herf, ein führender amerikanischer Professor für moderne europäische Geschichte, dass Deutschland ein „Land ist, das immer noch von seiner Rolle bei der Ermordung der Juden in Europa beeinflusst ist. Deutschland akzeptiert heute Opfer des Regimes Assad und des Islamischen Staats, die beide liebend gerne den jüdischen Staat, Israel, vernichten würden, wenn sie es könnten.“[9]

 

Bis Mitte Januar sind mehr als eine Million Flüchtlinge, zumeist aus muslimischen Ländern, nach Deutschland gekommen und die Lage hat sich beträchtlich verschlimmert.[10] Daniel Killy, Sprecher der jüdischen Gemeinde Hamburg, sagte, Juden seien wegen des Verfalls der inneren Sicherheit Deutschlands zunehmend gefährdet. Er führte den Zerfall der Staatsmacht, Auswüchse der extremen Rechten, den Verlust politischer Glaubwürdigkeit und die enormen Ängste davor Islamismus als solchen zu benennen an. Killy schloss, das Juden in Deutschland nicht länger sicher sind.[11]

 

Ein paar Tage später erwähnte Salomon Korn, Schusters Stellvertreter im Zentralrat, dass ein syrischer und ein afghanischer Flüchtling auf der Insel Fehmarn einen Kippa tragenden Juden angegriffen hatten. Er fügte hinzu: „Kinder in arabischen Ländern werden indoktriniert wie Kinder im Dritten Reich. Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass wir diese Menschen tatsächlich in die Gesellschaft integrieren können.“ Korn sagte aber auch, dass er immer noch mehr Angst vor rechter Gewalt hat.[12]

Das neue, demokratische Deutschland hat im Verlauf der letzten Jahrzehnte erfolgreich die Zuwanderung von Juden gewonnen, hauptsächlich aus Russland. Die aktuell auf eine Stärke von 230.000-270.000 Personen geschätzte jüdische Bevölkerung[13], die bisher als Ausdruck einer stark erhofften Normalisierung Deutschlands betrachtet wurde, ist sich ihrer Sicherheit nicht länger gewiss.

 

Die Unverantwortlichkeit der Merkelschen Politik der offenen Grenzen hat Auswirkungen auf die gesamte deutsche Gesellschaft und zunehmende Besorgnis der Juden während der letzten Monate dient als einer von vielen wichtigen Indikatoren. Juden machen sich – angesichts der Vergangenheit und der Gegenwart zurecht – Sorgen, dass ihre Ängste in nicht allzu ferner Zukunft mit zunehmenden Vorfällen physischer Aggression gegen die jüdische Gemeinschaft Wirklichkeit werden könnten. Das ergibt sich aus einer Politik, die zwar nicht, wie in der Vergangenheit, gewollt böswillig, aber extrem fahrlässig gewesen ist.

Es scheint so, als hätten lokale jüdische Leiter im Inland und Kommentatoren im Ausland, die nicht von den Scheuklappen politischer Korrektheit betroffen sind, frühe Sensibilität und Bewusstsein für die Risiken der aktuellen Flüchtlingskrise demonstriert, die der deutschen Regierung zu fehlen scheint. Alles, was sie bisher beigetragen hat, sind einige Worte des Verständnisses für die Bedenken der Juden.[14][15]

 

[1] http://www.welt.de/politik/deutschland/article147173550/Zentralrat-der-Juden-warnt-vor-arabischem-Antisemitismus.html

[2] http://www.express.co.uk/news/world/612270/Germany-Jews-living-in-fear-of-anti-semitic-Muslim-refugees

[3]http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/eu/11904654/Attacks-on-Jews-rise-to-five-year-high-in-Germany-more-than-any-country-in-Europe.html

[4] http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/menschenfeindlichkeit-oktober-2015-antisemitismus-10713

[5] http://www.tagesschau.de/inland/zentralrat-juden-fluechtlinge-101.html

[6] http://www.gaystream.info/#!LGBTFl%C3%BCchtlingsheime-Feiger-Weg-des-geringsten-Widerstandes/cjds/56a0b23c0cf2bfd5cceaf88d

[7] http://www.welt.de/politik/deutschland/article149136577/Wir-werden-um-Obergrenzen-nicht-herumkommen.html

[8] townhall.com/columnists/rabbiabrahamcooper/2015/10/29/middle-east-refugees-antisemitism-and-the-challenge-to-europes-democratic-values-n2072765/page/full

[9] http://www.welt.de/debatte/kommentare/article149944120/Was-wird-aus-dem-Judenhass-der-Fluechtlinge.html

[10] http://www.zeit.de/gesellschaft/fluechtlinge-in-deutschland

[11] http://www.tagesschau.de/inland/juden-sicherheit-101.html

[12] http://www.welt.de/politik/deutschland/article151209776/Immer-mehr-Juden-tragen-Baseballkappe-statt-Kippa.htmly

[13] http://www.pewresearch.org/fact-tank/2015/02/09/europes-jewish-population/

[14] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24472

[15] http://www.welt.de/politik/deutschland/article147173550/Zentralrat-der-Juden-warnt-vor-arabischem-Antisemitismus.html

 

Erstveröffentlicht bei Heplev - Foto: 2014 nehmen rund 10.000 Menschen an einer Kundgebung des Zentralrats der Juden in Deutschland am Brandenburger Tor teil, sie protestieren gegen den wachsenden Antisemitismus (Foto: von Michael Thaidigsmann (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons)


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Donnerstag, 11 Februar 2016