Die Love-Parade - Abgesang auf eine Riesenparty

Die Love-Parade - Abgesang auf eine Riesenparty


Kommerz in Reinkultur, von hemmungsloser Selbstdarstellung selbsterklärend dauerbegleitet: Das war die Love-Parade.

Von Shanto Trdic

Über zwanzig Jahre hielt sich das hirnlose Massenspektakel bevor es im tödlichen Gedränge unzureichend gesicherter Eingangsbereiche quasi an sich selbst erstickte. Bis heute hat es keine ernstlichen Versuche mehr gegeben, das ´Fest der Liebe´ zu neuem Leben zu erwecken. Warum eigentlich nicht? Aus Respekt vor den Angehörigen und ihren Toten? Oder vor lauter Angst, dass wieder etwas schief laufen könnte? Das Format hat sich alles andere als überlebt, wie ich noch zeigen werden. Sicher wirkt es anrüchig, solche Gedanken überhaupt zu äußern. In meinen Augen kommt in der Vermeidung verdächtiger Fragen einmal mehr das Bedürfnis nach reibungslosem Konsum zum Ausdruck. Einer, der sich immer in der verlässlichen Komfortzone abzuspielen hat. Mit Garantie vom Hersteller. Nun geht es um den Wirklichkeit gewordenen Worst Case. Alles Übrige spielt dann keine Rolle mehr.

Apropos Herstellergarantie: In Duisburg wollte die, wie jetzt deutlich geworden ist, nicht einer von den Machern übernehmen. Das mit viel Getöse abgefeierte Großereignis gerät so von der überwältigenden Totale endlich in seine verdachtsstützenden Einzeldarstellungen; wie bei einem Film, der nachträglich geschnitten wird, um die passenden Sekunden abzutasten. Gulliver wird seziert, aber nicht gewogen: Das würde ihn für zu leicht befinden. Hat man das große Ganze vor Augen, achtet man ungern auf lästige, lausige Kleinigkeiten. Jenseits verführerischer Pracht verflüchtigt sich der verräterische Zweifel aus Feigheit ganz von selbst. Auch daran ist, schaut man etwas genauer hin, der dämliche Event verreckt. Wer wollte schon ob dieser oder jener Sicherheitsmängel zum Spielverderber werden? Und wenn es dauernd irgendwie gut gegangen ist – einmal musste es ja doch schief gehen. So geschehen. Nun sucht in all dem Chaos mal die Schuldigen.

Die Love-Parade war ein mit Unterbrechungen jährlich stattfindendes Kolossal-Ereignis, das wie kein anderes die Zustände und Befindlichkeiten der modernen Spaßgesellschaft offen legte. Sie schürte Instinkte, die niemandem allzu nahe traten, inszeniert im XXL-Format gewaltiger Aufläufe, die aus der Vogelperspektive witzigerweise an religiöse Kundgebungen (Mekka, Ganges usw.) erinnerten. Sie kannte aber selbst keine Inhalte, kein einziges Ziel mehr. Die weitgefassten Grenzen des Geländes waren in Wahrheit enge, wo, im Rausch der Bewegung von hämmernden Beats flankiert, die versammelte Bestie gar nicht spürte, dass sie im Käfig, in der Falle steckte. Jeder derer, die wie ferngesteuert mittaten, verriet die begleitende Sinnleere: mittels aufgesetzter, krampfhaft fröhlicher Mine, die so schon den kommenden Selfie-Räuschen zu ihren frühzeitigen Recht verhalf. Derlei Begeisterung war eben echt, billig zu haben und grenzenlos hohl. Über suggestive Dauerschleifen rückte gerade unter den Linden die Verlässlichkeit einfältigen Konsums drastisch einerseits, ernüchternd andererseits, ins öffentliche Bewusstsein: als reine Gigantomanie, die der bloßen Freizeitveranstaltung jenseits merkantiler Interessen wie ein Mühlstein anhing. Umso befreiter, ausgelassener gaben sich all jene, die im endlosen Strom mitschwammen. Da konnte jeder der wollte im Rausch der Masse seinen privaten Exhibitionsorgasmus austoben, einen unter Hunderttausenden, auf dem Höhepunkt in den Neunzigern waren es anderthalb Millionen, die aber bald nicht mehr in Berlin feierten, doch das war irgendwann sowieso egal, es ging endgültig um nichts mehr als den großen Reibach, der die narzisstischen Gelüste einer wahllos zusammengespülten Gemeinde harmloser Spießer in spe begleitete.

Ravers unite! Noch heute grölen stolz an den modischen Bärten ergraute, Glatzköpfige Ü-40 Deppen den Hypergrunz vom Scooter auf den entsprechenden Konzerten kehlkrampfartig mit – und aus sich heraus. Da kann schon mal das Auge anfeuchten. In Wahrheit verband all jene, die in die großen Metropolen pilgerten, nur die Ratlosigkeit einer Gesellschaft, der die tieferen Beweggründe längst abhanden gekommen waren, weshalb man, jenseits zunehmend hektischer und oberflächlicher Alltagserfahrungen, fieberhaft nach Zerstreuung suchte – und sie so auch fand. Das Bad in der Menge befreite und band zugleich: immer enger – bis endgültig eine Sackgasse draus geworden war.

Es tat keinem leid, dass irgendwann Schluss mit Lustig war. Dies eben beweist nachträglich umso deutlicher, wie doof der begleitende ´Witz´ gewesen ist. Sehr zeitgemäß eben. Und was war es denn wirklich mehr außer ein paar bunter Wagen wie beim Karneval, mit passend schrill kostümierten Statisten und der allzu lauten dumpf dämlichen Musik? Wo war die Magie, der Zauber – der ´Wind of Change´? Die Kommentare der Teilnehmer blieben sich immer gleich: Geil, Mega, Hammer – total genial.

Armselig also, wie billig die modernen Glücksgefühle zu haben sind. Als es richtig gut anlief mit der Love-Parade und sie immer größer wurde, so voll megamäßig eben, da wollte bald auch wirklich jeder da hin: du musstest eben unbedingt dabei gewesen sein, ein Mal wenigstens. Ob man suchte, was man fand? Da spielten eher modische Zwänge eine Rolle; jene, die den minimalen Konsens markieren und darüber entscheiden, wer dazugehört und wer nicht. Gesetzt werden sie von einigen ganz Wenigen. Womit wir wieder bei den Profis, also beim Profit angelangt wären. Die Love-Parade in der eigenen Stadt abfeiern zu dürfen, das versprach neben den erwarteten Umsätzen auch Prestige, und nur wenige nahmen gerade daran Anstoß. Die Party war bereits Mitte der Neunziger mehr als das bis zum Erbrechen vor den Bildschirmen beglotzte Happening: in ihr verdichtete sich auf nahezu groteske, überkandidelte Weise der Zeitgeist einer ganzen Dekade. Die begleitenden Befindlichkeiten sind heute noch als simple Manierismen: Mainstream. Und sie werden, in dieser oder jener Form, auch weiterhin gewinnträchtig vermarktet werden. Gerade das machte das tumbe Techno Trommelfeuer, die ganze seelenlose Hype im Anschluss an den Untergang so umgehend wie vollständig entbehrlich, eben vollkommen überflüssig. Da ist nichts, rein gar nichts gewesen, woran sich festhalten ließe, worauf man irgendwas bauen konnte; nichts, was auch nur Ansatzweise Substanz versprach. Darum ging es höchstens in den ersten ein, zwei Jahren; den heroischen, nachträglich lächerlich scheinenden Tagen der Frühe.

Alles nur Schwindel – alles also halb so wild gewesen? Entfernt erinnert mich der bloße Mechanismus des sang,- und klanglosen Abgesangs verdächtig an das, was wackere Emigranten vom Schlage eines Golo Mann, Georg Stefan Troller oder Sebastian Haffner im Blick auf den Untergang des tausendjährigen Reiches bemerkt haben wollten. Dem Sinne nach: einer großen, allumfassenden Erregung folgten nichts als lauter kleine, kalte Fürze. Unübertroffen in den Worten Golo Manns, die wahrlich verdienen, an dieser Stelle im Wortlaut zitiert zu werden: “Der böse Zauber hielt nicht länger als der Zauberer (…) So, als sei das Ganze nur eine Komödie im Stil des Hauptmanns von Köpenick gewesen, mörderisch wie nie zuvor ein Unfug in der Weltgeschichte, aber eben doch ein Unfug, eine Betrügerei nur, mit der jetzt, da sie demaskiert war, keiner etwas zu tun gehabt haben wollte.“ Achten sie drauf: von denen, die damals (1989 – 2009) dabei waren, und das waren wirklich nicht wenige, spricht seither keiner mehr davon. Die Fete hat sich, in der Retrospektive, tatsächlich reduziert auf Duisburg und ihr Ende. Mit dem, was vorher war, will niemand mehr irgendetwas was zu tun haben, davon redet man nicht – das gehört sich kaum. Allen ist`s gründlich unangenehm geworden. In Anlehnung an die Worte Golo Manns: Aufgeblasen wie nichts sonst in der überlieferten Unterhaltungsgeschichte – aber eben dämlich. Kreuzdämlich. Wer würde übrigens heute noch ähnlich wie der Historiker über das Thema Nationalsozialismus schreiben, ohne sich damit umgehend dem Verdacht der Verharmlosung ausgesetzt zu sehen?

Von den Initiatoren aus der Berliner Techno-Szene einst als ´Demo´ angemeldet und mittels einiger hundert Leute fröhlich abmarschiert, vollzog sich die Geburt passenderweise am Vorabend der großen Zeitenwende, da der mächtige Ostblock jählings in sich zusammen brach und damit einem ungehemmt ausufernden Globalkapitalismus das freie Feld überließ. So mauserte sich das freche Berliner Küken rasch zur fetten Masthenne, die vor lauter Aufzucht bereits Mitte der Neunziger aus dem eigenen Fell plusternden Fett platzte. So sollte das sein. Wen interessierte da noch bei all dem harmlosen Spaß, den man gratis mitnahm, der Mief muffelnder Kollateralschäden? Die Love-Parade zeitigte früh enorme Müllberge, um die sich hinterher aber keiner kümmern, deren Entsorgung vor allem niemand bezahlen wollte. Auch das passte ins viel zu groß geratene Bild: Anfallende Folgekosten blieben der steuerzahlenden Allgemeinheit aufgespart, die satten Gewinne teilten sich die beteiligten ´Großaktionäre´ untereinander auf – so ging die sinnentleerte, blähbrünstige Freiluftfete von einer Runde in die nächste. Allen Ernstes am Anfang als ´politische Kundgebung´ von Motte und Co. angedacht, wäre später ernstlich keine Sau mehr auf den Gedanken gekommen, dass nackte Titten und Ärsche entsprechendes Potenzial versprächen – geschenkt.

Es ging also im Grunde um gar nichts. Weniger noch. Keinen kratzte das. Alles andere wäre lächerlich erschienen. Irgendeine ideelle Ausrichtung der megalomanen Monstrosität hätte eh nur gestört oder wäre gar nicht erst bemerkt worden. Und doch wurde die Love-Parade in ihrer Glanzzeit als unverzichtbar wahrgenommen. Ihr haftete, in einem sehr engen Sinne, der Charakter eines echten Volksfestes an. Man konnte und wollte sich den Sommer gar nicht mehr ohne vorstellen. Alle sprangen drauf an. Keiner kam dran vorbei. Nach Duisburg kein Thema mehr. Hätte diese Volksbelustigung denn doch irgendeinen echten Wert je besessen, wäre sie jenseits der Ausschlachtungen wirklich von Bedeutung gewesen: Man hätte weiter an ihr festhalten können. Keiner tat das noch.

Nicht einmal ausgetauscht musste sie werden. Sie wurde über Nacht einfach vollkommen hinfällig. Bis zu einem fernen Tag mag das noch so bleiben, wenn die Legende dann als Retro, frisch verpackt, neu an den Start gehen kann um fürderhin Profite zu generieren. Mit kleiner Mahnwache am Anfang und zum Ende hin. Mag der sich abzeichnende Prozessverlauf den Marktwert der famosen Veranstaltung zur Stunde weiter schmälern: Das lässt sich später, ist endgültig Gras drüber gewachsen, verlässlich vernachlässigen. Kommt nur drauf an, wie man das Ganze passend anpackt. Die ´Verkaufe´ zählt. Die, wo voll verblödet. Wie damals.

In summa: Bis auf weiteres bleibt Duisburg der Bannfluch einer Veranstaltung, die schon als mächtiges, Aufsehen erregendes Ereignis eher an blinde Reflexe, weniger ans große Herz appellierte. Eines, das viel Lärm um Nichts versprach, aber keine großen Gefühle. Eines, das folglich keine echte Gemeinschaft mehr stiftete, nur der rundum versiegelten, blind ihren Manen folgenden Menge den billigen Abklatsch derselben. Am Ende zahlten dafür einige mit ihrem Leben.

 

Numeri 24 : 9 - Foto: Love Parade in Essen


Autor: Dr. Nathan Warszawsk
Bild Quelle: Sebastian Kamper [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], from Wikimedia Commons


Montag, 21 Januar 2019






Lohnt es überhaupt solchen "sinnentleerten, blähbrünstigen Freiluftfeten" soviel Aufmerksamkeit zu widmen?




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