Mord an einem Feuerwehrmann: Alles halb so wild

Mord an einem Feuerwehrmann: Alles halb so wild


Vor anderthalb Wochen wurde im beschaulichen Augsburg ein Mann totgeschlagen, der im zivilen Leben dem ehrenwerten Beruf eines Feuerwehrmanns nachgegangen war.

Mord an einem Feuerwehrmann: Alles halb so wild

Von Shanto Trdic

Auf einem nachträglich ins Netz gestellten Dash-Cam-Video ist zu sehen, wie dieser von einer Gruppe Jugendlicher eingekreist wird, ihm also kein Fluchtweg mehr zur Verfügung stand. Ein klassischer Fall von Mittäterschaft also, dessen umständliche Hinterfragung so geschmacklos ist und bleibt wie das Geschwätz all derer, die sich einmal mehr dazu genötigt sehen, die Tat herunterzuspielen, wo sie doch in anderen Fällen gar nicht schnell genug das politisch korrekte Messer wetzen, um in offenen Wunden herumzustochern.

Am besten lässt man andere sagen, was gesagt werden soll oder muss. So meinte etwa ein vom WDR-Fernsehen sorgsam aussortierter Passant, das Fälle wie dieser unnötig hochgespielt würden, was nur wieder den ´Nazis´ in die Hände spiele. ´Sowas´ habe es schließlich auch vorher (vorher?) schon gegeben, ohne dass darüber groß berichtet worden wäre. Ich sehe das im Prinzip ganz ähnlich. Der Mann hat Recht: Sollte er selbst demnächst eine tödliche Jucht verabreicht bekommen, weil er – zum Beispiel – einen von den ´jungen Wilden´ aus Versehen blöd angeschaut hat, denn das allein reicht oft schon aus: möge die Presse doch bitte das vorlaute, altkluge Maul halten. Er tut´s dann nämlich auch. Sehr einfach, im Prinzip. Äußern durfte sich in besagter aktueller Stunde noch eine Dame fortgeschrittenen Semesters, die ihrer Bestürzung beinahe mit nassen Augen Ausdruck gab, und eine jüngere Frau gab zu Protokoll, das sie all dies ´nur traurig´ mache. Zum Schluss zitierten sie einen Jugendlichen mit arabischem Nachnamen vor die Kamera, der betont lässig, ich möchte meinen: geringschätzig versicherte, das ´sowas´ jedem hätte passieren können. Der Migrationshintergrund solcher freilich, um die es tatsächlich ging, spielte so wenig eine Rolle wie deren beträchtliche Vorstrafenregister, derlei wurde uns erst mit maximalmöglicher Verzögerung nachgereicht. So geht Berichterstattung.

Auch die entsprechenden Kommentare gehen auf die möglichen Hintergründe einer solchen Tat mit keinem Sterbenswörtchen mehr ein. Sie zielen in eine ganz andere Richtung. Aus den Tätern werden freche, ungezogene Bengels von nebenan, und das Opfer hat sich einfach falsch verhalten. Eine Katja Schwiglewski vom WDR 4 Radio vermerkte in ihrem gesprochenen Kommentar mit aufgesetzter Coolness, das es doch im Grunde nur auf die richtigen Verhaltensreflexe ankäme. “Wo sich junge Typen zusammen rotten, eine dicke Lippe riskieren, und den starken Mann markieren, wo Präpotente einen auf dicke Hose machen, da mache ich einen großen Bogen.“ Sie empfiehlt dies Frauen im Allgemeinen, aber auch allen andern, die keine präpotenten Macker oder gelangweilte Türsteher-Azubi sind oder werden wollen. “Lohnt es sich“, fragt die Sonderpädagogin in einem Ton als handele sie Lappalien ab, “sich in Gefahr zu bringen, nur weil andere kein Benehmen haben?“ Also: Macht mal Jungs, geht schon in Ordnung. Mir geht das glatt am langen Arsch vorbei. Das Fehlverhalten derer, die auf dicke Hose machen, ist voll daneben, gar keine Frage; im Grunde aber kaum der Rede wert.“ Die Füße auf der Sitzbank gegenüber, Musik aus dem Handy zu laut, freche Bemerkungen und unverschämte Blicke? Ja, so was ist ärgerlich, und vielleicht sogar ein Grund sich zu empören. Trotzdem ist mir die eigene Sicherheit und die meiner Begleitung tausendmal wichtiger als wildfremde halbstarke Kerle zu erziehen.“ Soll heißen: Auf Pausenhöfen und in Jugendclubs, in Krankenhäusern oder Wartesälen, im Café und in der Kita, in den Kinos und am Schalter, in Freibädern oder Freizeitparks: lässt man die Flegel einfach machen, indem man den empfohlenen großen Bogen macht. So kommt man zwar, wird man vor Ort für seinen Job bezahlt, der eigenen Berufsverpflichtung nicht länger nach, aber immerhin mit dem eigenen Leben davon. Freilich: Dann können wir den Laden, den heruntergekommenen, sowieso ganz zumachen. Wenn Kunde und Anbieter solcherart an einem Strang ziehen, wird ein Strick draus. Kuschen wir vorauseilend, holen sie uns dennoch ein: Das reizt sie umso mehr.

Natürlich könne es, so gibt uns die Dame vom Rotfunk zu verstehen, schon mal Situationen geben, “wo wegsehen oder weggehen falsch, unter Umständen sogar strafbar wäre.“ Hier sei nun Zivilcourage gefragt, aber nicht dergestalt, das „man den Helden“ spiele. Immer sinnvoll wäre es stattdessen, andere Zeugen anzusprechen und um Mithilfe zu bitten. Ansonsten gilt: “Bei akuter Gefahr sofort die 110 wählen. “Donnerwetter – meint die das ernst? Als wenn es darauf dann noch ankäme. Bis die herbeizitierten Zeugen ihre Angst überwunden haben – wer will denn überhaupt den Helden spielen? – haben sich ein Dutzend schlecht erzogener Jungs zusammengerottet – und die 110-Beamten zur Stelle sind, reicht ein gut platzierter Schlag schon aus, den Fall zu erledigen. Dann hat/hätte man als Zeuge auch nichts mehr ändern können; aus zivilcouragierter Distanz heraus. Alles richtig gemacht? “Wenn etwas Schlimmes passiert ist“, so belehrt uns die Dame weiter, “Erste Hilfe leisten. Ansonsten bitte die Polizei darum, genau hinzugucken und sich möglichst viele Details zu merken, damit die Täter im Nachgang überführt und bestraft werden können.“ Nachhilfe für den Nachgang. Im Nachgang kann als erstes auch die Leiche fortgeschafft werden, bevor sie streng zu müffeln beginnt. An besagten ´Details´ hat es in besagten Fällen sowieso nie gemangelt; ganz gleich, ob jemand einschritt oder nicht. Nur an der passenden Bestrafung haperte es anschließend meist, die fiel eher milde aus, woran die Details, von den Zeugenaussagen bis zu den nachgereichten Wackelvideos, eben auch nichts mehr ändern konnten. Aber darum geht es der Frau Schwiglewski gar nicht. Es geht halt nur darum, vorher alles richtig gemacht zu haben, dann muss man nachher auch kein schlechtes Gewissen mehr haben.“ Wer dieses Verhaltensmuster verinnerlicht und es dann auch noch schafft, ernsthafte Gefahren von Bagatellvorfällen zu unterscheiden, fährt am besten.“

Die Tat von Augsburg begann als Bagatelle und wurde mit einem einzigen Schlag zur Tragödie; aber Schuld war, folgen wir der Logik der Kommentatorin, eher das Opfer selbst. Der Mann hat eben aus einer Mücke einen Elefanten gemacht, er hätte das ´schlechte Benehmen´ oder was immer es war mit einer großen Biege ausbalancieren können, statt unnötig den Helden zu spielen. Wer gab ihm auch das Recht, mit denen aneinander zu geraten? Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, meint Frau Schwiglewski gegen Ende ihrer Belehrung, müsse doch die Freude, unter Menschen zu gehen, immer im Vordergrund stehen. Die positiven Erfahrungen sollen doch bitteschön dominieren. Immer diese Spielverderber! Da hat uns so ein Depp von Feuerwehrmann doch tatsächlich den ganzen Spaß verdorben. Frau Schwiglewski hingegen, die auf der WDR-eigenen Web-Info zur eigenen Person mit ihrem Doktortitel prahlt und die vielen Studiengänge aufzählt, die sie zur Kulturkoryphäe gemacht haben, darf beruhigt über den nächsten Weihnachtsmarkt schlendern: Vor irgendwelchen Kamikaze-Attentätern schützen deren zahlreiche, mit viel Steuerkohle nachfinanzierte Betonpoller, die das urige Ambiente aus Fressbuden und Glühweinständchen in ein beschauliches Fort Knox verwandeln, und die ungezogenen Rempler und Grabscher werden um sie und ihres gleichen ohnehin einen großen Bogen machen, da sie schon rein äußerlich nicht mehr der von denen bevorzugten Zielgruppe (minderjährige Bitch mit big booty) entsprechen. Fein raus.

Wehret den Anfängen, heißt es ständig, geht´s um RECHTS. Weichet ihnen aus, heißt es hingegen, geht`s um unflätige Bengels aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Nicht umsonst wurde Lehrerinnen an Brennpunktschulen schon vor Jahren empfohlen, in bestimmte Klassen nur noch mit empfangsbereiten Handys zu gehen. Ein großer Bogen freilich lässt sich im geschlossenen Klassenzimmer nicht mehr schlagen, hier wird eher eine kurze Gerade draus, Richtung Ausgang – zur Not auch an den Tischen vorbei bis vor das nächste Fenster: da können sie dann mal so richtig laut um Hilfe schreien oder gleich ganz rausspringen. Im Nachgang darf die ungezogene Bande dann den Hof fegen und Kaugummis von den Tischen kratzen.

Kriegt jemand die Kurve oder den Bogen auf Anhieb nicht so richtig hin, landet er stets im toten Winkel: hat er oder sie wohl Pech gehabt. Man erwartet dann von uns allen, traurig und betroffen zu sein; aber trotzdem sowas von gelassen. Ein ´Weiter so´ unter tapferen Tränen und ständig beteuerten, törichten Spruchweisheiten. Denn: Absolute Sicherheit kann es nicht geben. Wütend können und sollen wir also nicht werden, allzu kritisch und neugierig erst recht nicht. Die Taten mögen bitte nicht umständlich oder direkt hinterfragt werden, nur jeweils richtig eingeordnet. Der Täter ist entweder psychisch krank oder noch nicht hinreichend integriert; wie Schwiglewskis freche Jungs. Also geht man ihnen und den unbequemen Fragen besser Bogenförmig aus dem Weg. Mögen sich derlei ´Übergriffe´ im öffentlichen Raum auch potenziert haben, die auf der Hand liegenden Zusammenhängen dürfen auf gar keinen Fall thematisiert werden, weil sonst eine ´Verallgemeinerung´ droht. Tatsächlich droht eher die Preisgabe bestimmter Prinzipien um eines lieben Friedens willen, der ohnehin nicht länger existiert.

Bezeichnend bleibt der selektive Zugriff, den sich die Meinungsmedien immer dann leisten, wenn es darum geht, ganz bestimmte weltanschauliche Allgemeinplätze trotz schwerster Erschütterungen schadlos halten zu können. Die begleitende Thematik wird inhaltlich so gründlich ausgehöhlt und ´abzensiert´, dass am Ende immer das passende Bild herauskommt. Geht es etwa um sexuelle Übergriffigkeit, dann wird nach Herzenslust auf den weißen alten Männern herumgeritten (Harvey Weinstein, Placido Domingo, Dieter Wedel, Jörg Kachelmann usw.), wo doch das Frauenbild eingewanderter Muslime und, Pardon: auch zahlloser Schwarzafrikaner, allen heroisch hochgehaltenen Idealen weiblicher Emanzipation seinerseits schreiend widerspricht. Deute das auch nur vorsichtig an: bis du schon ein mieser weißer Rassist.

Um es an dieser Stelle so deutlich wie möglich klar gestellt zu haben: sie alle, die stets reflexartig ihre Haltungsnoten in puncto Recht und Ordnung, passender Gesinnung und schändlicher Verfehlung verteilen: hintertreiben als Heuchler und Gesinnungshäretiker jedes echte, überhaupt verbliebene Rechtsempfinden. Als Enkel und Urenkel arischer Herrenreiter, die seinerzeit die ganze Welt zu unterwerfen trachteten, wollen sie heute den Rest der Welt mit ihrer Hypermoral erlösen, im mindesten in die Schranken weisen und weichen dabei vor keiner Relativierung mehr zurück. Ein Fall aus der Provinz, dem beschaulichen Harsewinkel, machte dies jüngst sehr deutlich.

Einigermaßen hämisch hieß es zuletzt im Westfalenblatt: “Von dem schweren Vorwurf, ein 14-jähriges Mädchen sei von einer neunköpfigen Gruppe junger Männer in einem Harsewinkeler Partykeller vergewaltigt worden, blieben ein Knutschfleck sowie ein Griff an die Brust.“ Übrig blieb also nur noch eine dumme deutsche Göre, die das aus lauter rechtgläubigen Zuwanderern bestehende Aufgebot männlicher Jugendlicher so lange reizte, bis die dann locker fünf kleine Videos mit dem Smartphone fabrizierten, mittels derer sie das ´harmlose´ Grapschen für ihre leer ausgegangenen Kumpels festhielten und entsprechend auf die digitale Reise schickten. Was ist schon dabei. Da muss man dann auch keine unnötigen Fragen mehr stellen; etwa danach, was ein minderjähriges Mädchen dazu brachte, mit einer neunköpfigen Truppe einen Partykeller zu rekrutieren, wo sie sich denen dann unbekleidet zur Schau stellte. Schwer alkoholisiert zudem. Eine später entnommene Blutprobe verschwand – ohne Angabe von Gründen. Schwerer wog anschließend vor dem Bielefelder Landgericht, dass die unreife Gans auch noch gelogen hatte: “So habe die 14-Jährige einen der Hauptbeschuldigten entgegen ihrer Aussage schon seit längerem gekannt, auch sei es vor der Einladung in den Partykeller schon zu einvernehmlichem Sex gekommen.“ Mit vielleicht dreizehn Jahren dann schon, wer weiß. Ob einer der grundlos Angeschuldigten auch log, als er versicherte, man habe das alles vorher geplant, spielte zum Schluss keine grundsätzliche Rolle mehr.

Fazit: alles halb so wild gewesen. Rechtsanwältin Christina Peterhanwahr, die einen der Hauptbeschuldigten in dem umfangreichen Prozess vertreten hatte, zeigt sich denn auch zufrieden mit dem Ausgang der Verhandlung: „Es hat sich in der Beweisaufnahme gezeigt, dass wir es hier mit kleinen Jungs und nicht mit Sextätern zu tun hatten. “Die jugendlichen Angeklagten hätten unter dem öffentlich stark beachteten Prozess enorm gelitten, nun seien sie endlich rehabilitiert. Wenn aus Tätern Opfer werden, dann erscheinen sie, in Übereinstimmung mit den Einschätzungen der WDR-4-Mitarbeiterin, allenfalls als präpotente Machos mit schlechtem Benehmen. Als kleine Jungs eben. Wenn die mit kleinen Mädels spielen, ist das im Ergebnis kaum der Rede wert. Hätte die 14-jährige Schlampe doch nur ein wenig erwachsener gehandelt und einen großen Bogen gemacht, wäre ihr und uns der sündhaft teure Prozess erspart geblieben.

 

Foto: Weihnachtsmarkt in Augsburg


Autor: Dr. Nathan Warszawsk
Bild Quelle: User: (WT-shared) Silvionus123 at wts wikivoyage [CC BY-SA 1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0)]


Montag, 16 Dezember 2019

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