Die verrückteste Reise meines Lebens

Die verrückteste Reise meines Lebens


Als ich nach Europa flog, waren schon erste Einschränkungen verkündet, die Leipziger Buchmesse abgesagt, das Flugzeug halbleer, doch die Mädchen von der ElAl trugen ihre weißen Halbmasken und blauen Gummihandschuhe mit Heiterkeit.

Die verrückteste Reise meines Lebens

Von Chaim Noll

Wie ein karnevalistisches Attribut. Ich gestehe: Auch ich habe das Virus nicht ernst genommen. Obwohl es in manchen Fällen den Tod bringt. Doch das tut jede Virus-Grippe. Die Zahlen der Erkrankten bewegten sich noch im Tausendstel-Prozent-Bereich, die ersten Verbote wirkten wie over reaction, wie Hysterie. Und es lag nahe, dass manche Regierung, manche Institution und mancher Einzelne den Corona-Notstand dazu benutzen würde, Grenzlinien zu verschieben, Verluste zu entschuldigen, schon zuvor programmierte Pleiten zu begründen, unpopuläre Gesetze durchzudrücken, elementare Freiheiten einzuschränken und vieles mehr.

Wie es aussieht, habe ich mich geirrt, was Corona betrifft: Der Erreger ist gefährlich. Ein wirksamer Impfstoff bisher nicht gefunden. Und wir sind daran gewöhnt, dass es gegen jedes Übel einen Impfstoff gibt, ein sofort und gründlich wirkendes Mittel, wie wir für jedes Problem auf der Welt eine Lösung finden, dem modernen Menschen ist nichts unmöglich. Und doch sei der Mensch, lese ich im Flugzeug in Freuds Essay „Das Unbehagen in der Kultur“ (einer Schrift, die man in diesen Tagen nicht oft genug studieren kann), „nicht glücklich in seiner Gottähnlichkeit“.

Die Vortrags-und Lesereise, zu der ich nach Deutschland eingeladen war, zerbröselte wie brüchiges Papier. Die erste Absage kam wenige Stunden vor Abflug per Telefon: der Bayerische Landtag wurde geschlossen, das gesamte Gebäude, die Veranstalter bemühten sich um Verlegung an einen anderen Ort. Ich fuhr trotzdem zum Flughafen – es blieben fünfzehn weitere Veranstaltungen und private Gründe, die sich nicht aufschieben ließen. Auf dem Flughafen traf ich Bekannte, Deutsche, auf dem Weg nach Hause. Israelis waren kaum im Flugzeug, wo ich drei Sitze für mich hatte und ungestört schreiben konnte. Der türkische Taxifahrer am Flughafen Schönefeld sagt, ich sei seine „erste Fuhre seit fünfeinhalb Stunden – so lange hab ick hier jewartet“. Corona werde die deutsche Wirtschaft ruinieren, zuerst die Kleinen wie ihn.

Der bunt geschminkte Claus Kleber

Er ist im Alter von zwei Jahren mit den Eltern nach Berlin gekommen, hier aufgewachsen, jetzt einunddreißig, gläubiger Muslim, wie er betont. Der Islam sei eine „friedliche Religion“, alle, die ihn zum Kampf missbrauchen, nennt er „Heuchler“. Er wird emotional, erzählt, während ein großer gelber Vollmond durch die kahlen Wipfel der Brandenburger Bäume schimmert, von seiner Entdeckung des „höheren Sinnes“, den er in allem spürt, von seinem erst vor einigen Jahren gefundenen Glauben. Doch die meisten gäben nur vor, Muslime zu sein. „Zum Beispiel, wenn junge Typen sagen: Ich bin Muslim, ich ficke alle Juden – das sind Heuchler.“

Ich komme spät abends im Elternhaus an, der See schimmert fahl, meine alte Mutter sieht gerade die Nachrichten im ZDF mit dem bunt geschminkten Claus Kleber, einer clownesken, dabei bitterernsten Figur. Ich sehe den Mann zum ersten Mal und bin fasziniert von der Mischung aus Schmierentheater und ernsthaftem diktatorischen Potenzial. Die Welt-Gesundheits-Organisation hätte Corona zur „Pandemie“ erklärt, teilt er mit, das Gesicht in bedeutsame Falten gelegt, als erhöhe das Wort „Pandemie“ seine eigene Bedeutung. Wir trinken einen Cognac auf meine glückliche Landung. Ich muss schon am nächsten Morgen weiter, nach Leipzig, zum Verlag.

Dort gebe ich ein paar Interviews, obwohl die Buchmesse abgesagt ist und die Vorstellung meines neuen Buches in der Uni-Bibliothek nicht stattfinden kann. Begrüßungen ohne Handschlag, stattdessen, halb im Scherz, Berührung mit den Elbogen. Oder arabisch: Hand aufs Herz und Verbeugung. Noch ist die Stimmung entspannt, mit Scherzen, Anspielungen: So schlimm, wie manche tun, wird es nicht werden. Frank holt mich am Nachmittag in seinem Mercedes ab, das große deutsche Auto schwimmt summend durch eine sich leerende Stadt. Öde Passagen und Fußgängerzonen, obwohl die Geschäfte geöffnet, die Caféhausstühle einladend auf die Boulevards gestellt sind. Dazu Nachrichten von Kurzarbeit und Entlassungen in großen Unternehmen. Was wird geblieben sein von der früheren Glorie, wenn das Virus seinen Schrecken verloren hat und wir die Verluste zählen?

Ein Umsturz. Ein kultureller Kollaps

Ich muss noch rasch eine Zahnbürste kaufen, wir gehen zu Galeria Kaufhof, finden menschenleere Etagen, wenige, immer noch gut gelaunte Verkäuferinnen. Inzwischen treffen weitere Absagen ein, später, als ich in Franks Wohnung den Laptop öffne, lese ich von „Bedauern“ und „Hoffnungen“ auf neue Termine. Zwei Vernissagen von Ausstellungen meiner Frau, bei denen ich, einmal hier, aus meinem neuen Buch lesen sollte, lösen sich in Luft auf, da ab heute alle Museen, Universitäten und Bibliotheken geschlossen werden. In Sachsen, erfahre ich, wurde „die Schulplicht ausgesetzt.“ Eherne Grundwerte, Errungenschaften westlichen Fortschritts, Horte der Humanität gelten plötzlich als anrüchig, gefährlich, als Bedrohung für unser Leben.   

Ein Umsturz. Ein kultureller Kollaps. Nietzsches „Umwertung aller Werte“, und das ohne Vorwarnung, über Nacht. Und der Himmel stürzt nicht ein, der Boden öffnet sich nicht, Häuser, Bäume und Masten stehen stumm, ein wenig betreten an ihrem Platz. Überall Autos, als wäre nichts geschehen. Das Virus ließ auch den Ölpreis fallen, Benzin ist billig, und da der öffentliche Nahverkehr seine Leistungen einschränkt, fährt jedermann im eigenen Wagen, froh, dass überhaupt noch freie Bewegung möglich ist. Mit einem Mal ist vergessen, dass alle vorhatten, den CO2-Gehalt der Luft zu reduzieren – in den Tagen der Pandemie verlieren die heiligsten Gebote ihre Kraft.

Den Shabat verbringe ich in Leipzig. Einmal, weil mich der Sächsische Landesrabbiner in seine Synagoge eingeladen hat, zum anderen, weil ich immer noch hoffe, am Sonntag meine Lesung in Chemnitz, am Montag die in Dresden abhalten zu können, anschließend die in Berlin, München, Bamberg. Und das Seminar mit den Nachwuchsautoren der Achse des Guten am Wannsee, worauf ich mich besonders freue. Und die Lesungen in Hamburg und Weimar. Das alles ist noch ein paar Tage hin, bis dahin wird sich die Lage beruhigt haben. Der Shabat beschert mir 24 Stunden süßer Ignoranz. Frank nimmt es mit den halachischen Vorschriften sehr genau, er hat sogar kosheres Brot besorgt, ich kann nicht heimlich den Laptop öffnen oder ins Smartphone schielen, nein, eine Nacht und einen Tag bleibe ich ahnungslos, im glücklichen Glauben an eine Rückkehr in die Normalität

Ich rufe der jungen Polizistin ein „Dankeschön“ zu

Auf dem Weg zur Synagoge, durch leere Straßen, treffen wir immer wieder Gruppen von Jugendlichen, die entschlossen sind, Freitag Nacht wie gewohnt zu verbringen: Parties, möglichst viel Spaß. Der Rabbi hält die übliche drasha, ein kurzes Statement zum wöchentlichen Tora-Abschnitt, er betont die Solidarität mit den Älteren und Schwächeren, denen zuliebe wir keine Kinder mitbringen und uns gründlich die Hände waschen sollen. Ich rufe der jungen Polizistin, die in der kalten Abendluft vor der Synagoge Wache schiebt, ein „Dankeschön!“ zu.

Sonnabend nach dem Mittagessen gehen wir spazieren. Im Park gegenüber haben sich hunderte junge Leute versammelt, Anhänger der japanischen Manga Comics, die sich jedes Jahr auf der Buchmesse treffen, in ihren mit großer Mühe gefertigten Kostümen, geschminkt, frisiert und aufgekratzt, ihr Lachen wirkt ansteckend, wir gehen, obwohl vom Alter her „Risikopersonen“, mitten durch sie hindurch. Wieder frappiert mich das Fehlen älterer Menschen im Straßenbild. Erst in der Thomas-Kirche sehe ich graue Köpfe, der Chor auf der Empore übt wie immer eine Motette. Am Abend öffne ich meine elektronischen Geräte und lese von weiteren Absagen. Und weiterer Ausbreitung des Virus.

Wir fahren am nächsten Tag trotzdem nach Chemnitz. Familie Kogan vom Jüdischen Kulturverein hat meine im versperrten Schlosspark-Museum anberaumte Lesung kurzerhand in ihre große Altbauwohnung verlegt. Später werden wir dafür kritisiert, weil der „Mindestabstand“ unter den Zuhörern nicht gewährleistet war. Es ist die erste und letzte Lesung auf dieser Tour, alle anderen wurden inzwischen abgesagt, nachdem auch „Menschenansammlungen“ in privaten Räumen verboten wurden oder meldepflichtig sind.

Mein psychischer Absturz erfolgt am Montag, als ich bei der ElAl in Frankfurt anrufe und versuche, meinen Rückflug umzubuchen. Die Gesellschaft hatte mitgeteilt, wir könnten es kostenlos tun, da auch sie ihre Flüge legt, wie es grad passt. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass mich die ElAl, die einzige israelische Luftfahrtgesellschaft, auf ihren rettenden Schwingen nach Hause bringen würde, als patriotische Pflicht. Stattdessen hat sie ihre Flüge von Deutschland nach Israel komplett eingestellt. Die noch verfügbaren Maschinen mussten nach Peru, Chile, Nepal oder Neuseeland fliegen, wo „Tausende Israelis“ in der Falle saßen. Zum Glück fliegt EasyJet von Berlin-Tegel. Noch. Die Gesellschaft teilt am selben Tag mit, sie werde ihre Flüge drastisch einschränken.

Das auszufüllende Formular ist 28 Seiten lang

„Es war ein Fehler, überhaupt herzukommen“, erklären mir Freunde – jetzt, wo es womöglich zu spät ist. Als ich herflog, vor wenigen Tagen, wurde ich noch dafür gelobt, dass ich nicht der Panik verfallen war. Nun spüre ich sie doch: Die Aussicht, bei Notverordnungen fern von meinem Haus, meiner Familie monatelang festzusitzen, erfüllt mich mit Entsetzen. Dienstag fahre ich im Randgebiet von Berlin zum Büro der Deutschen Rentenversicherung, um einen Antrag einzureichen. Und stehe vor verschlossener Tür. Das auszufüllende Formular ist 28 Seiten lang, ein Meisterstück deutscher Bürokratie, ich hatte auf „Beratung“ gehofft, wie im Internet versprochen. Am Vortag war mir am Telefon mitgeteilt worden, man werde öffnen. Auch die Website gab keinen Hinweis: Dort führen Institutionen, die inzwischen geschlossen sind, ein gespenstisches Pseudo-Leben.

Manches wäre nicht so schlimm, wenn das alleswissende „Netz“ schnell genug den Ereignissen folgen könnte, doch wir alle, Kinder oder Großeltern des Internet-Zeitalters, erleben das uns Unvorstellbare: dass sich die Schockwellen der realen Welt schneller verbreiten als die digitalen. „Darf man noch draußen joggen gehen?“, fragt die Bild-Zeitung. Denn inzwischen ist fast alles, was früher selbstverständlich war, verboten oder reglementiert. Mit unserem schweigenden Konsens. Welche Folgen wird die ausbrechende Demut auf die Strukturen der Gesellschaft haben? Derweil beschäftigen sich die Medien mit der Frage, wie man sich im Hausarrest bei Laune hält. „Putzen kann helfen“, behauptet eine Ärztin.

Mittwoch, beim Packen, ein Anruf von Gideon: Er wolle mich morgen früh in seinem Auto zum Flughafen fahren. Busse und Bahnen verkehrten ungewiss (was an sich in Berlin nichts Besonderes ist), er und andere Freunde wären überein gekommen, man müsse mich sicher außer Landes geleiten. Eine rührende Geste. Werden Menschen in Notzeiten „besser“, hilfsbereiter? Einige vielleicht. Andere entziehen ihren Mitmenschen durch Hamsterkäufe Mehl, Nudeln und Zucker – ich sah selbst noch, kurz vor Abflug, die leeren Regale. Dafür gibt es Schokoladen-Osterhasen im Überfluss, ich nehme einen mit, groß, in goldenem Staniol, für meine jüngste Enkelin.

Es wird vorerst mein letzter Einkauf sein. Zu Hause, das weiß ich schon, erwarten mich zwei Wochen Quarantäne. Mindestens. Auch bei uns werden täglich die Bestimmungen verschärft. Am Gate der EasyJet-Maschine fast nur israelische Studenten, Juden und Araber, ich bin, soweit ich sehe, der Älteste an Bord. Ich belausche ein halblautes, doch erregtes Gespräch auf Hebräisch: Der Premierminister missbrauche den Corona-Notstand, um sich seiner drohenden Anklage wegen Korruption zu entziehen. Also ist der rebellische Impuls meines leidgeprüften Volkes dem Virus noch nicht erlegen. Der Kapitän, ehe wir abheben, dankt für unser „zahlreiches und mutiges Erscheinen“, es sei besser, in schweren Zeiten zu Hause bei der Familie zu sein. Die Stimmung im Flugzeug ist ausgelassen, vielleicht, weil viele der Studenten Masken tragen. Als wir in Tel Aviv landen, bin ich mit mir eins, dass die Reise kein Fehler, sondern ein einzigartiges Erlebnis war.

 

 


Autor: Chaim Noll
Bild Quelle: Ralf Roletschek / GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)


Montag, 23 März 2020

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