Was es heißt, Jude in der AfD zu sein - Teil II

Was es heißt, Jude in der AfD zu sein - Teil II


Wir berichteten gestern: Juden sind im medial-politischen Komplex willkommen, solange sie sich politisch korrekt verhalten und zum Ruhm der antifaschistischen Avantgarde beitragen. Aber wehe, sie weichen ab, machen sich ihre eigenen Gedanken und verlassen den ihnen zugestandenen Meinungs-Korridor.

Was es heißt, Jude in der AfD zu sein -  Teil II

Dann kommen ruck-zuck antisemitische Klischees unter dem gepflegten Trikot der Moralweltmeister zum Vorschein.

Die „Juden in der AfD“ gelten im politischen wie medialen Diskurs als Vereinigung von jüdischen Nestbeschmutzern, da sie offenkundig nicht die an sie gestellte Erwartung erfüllen, nur „als moralische Pausenclowns für das wohlige Gruseln, für die kleine Betroffenheit zwischendurch zu sorgen“ (Eike Geisel). Achgut.com-Autor Marcus Ermler sprach mit Artur Abramovych, dem stellvertretenden Vorsitzenden der JAfD, über die Folgen der vermeintlichen „Frechheit der jüdischen Nestbeschmutzer, sich in einer ‚rechtspopulistischen‘ Partei zu engagieren“ (David Schneider). 

 „Wir sprechen einem größeren Teil der Juden in Deutschland aus dem Herzen“

Marcus Ermler: Herr Abramovych, Hand aufs Herz, sind Sie ein „nicht so kluger Jude“, wie es Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, über Mitglieder der JAfD gesagt hat?

Artur Abramovych: Im Grunde ist die Aussage Josef Schusters nichts weiter als eine unfeine Manifestation der Auseinandersetzung innerhalb der jüdischen Communities, wie sie derzeit nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern geführt wird. Daniel Pipes, der Direktor des Middle East Forums, hat diese Auseinandersetzung und ihre Hauptakteure in seinem Essay „Europe’s Jews vs. Israel“ pointiert nachgezeichnet. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Auseinandersetzung zwischen „klugen“ und „nicht so klugen“ Juden, sondern zwischen solchen, die das Judentum vornehmlich als Volk interpretieren und sich daher Israel verbunden fühlen, und solchen, die noch immer an Assimilation glauben und daher jeden noch so linken islamophilen Quatsch mitzumachen gewillt sind, der in ihrem Heimatland zum guten Ton gehört. Letzteres erklärt, warum Schuster so wenig Wert darauf legt, den Zentralrat sich denjenigen in Deutschland anschließen zu lassen, die sich gegen die Dämonisierung Israels zur Wehr setzen, und stattdessen vielmehr darauf, es sich mit dem deutschen Establishment nicht zu verscherzen.

Kann man also sagen, dass sich in Deutschland aktuell ein innerjüdischer Konflikt zwischen einem eher linksliberalen Zentralratspräsidium und der konservativen JAfD zuspitzt?

Nur bedingt. Die meisten Mitglieder der JAfD sind zugleich Mitglied einer Zentralratsgemeinde, bei manchen handelt es sich sogar um ehemalige Funktionäre. So etwa bei Wolfgang Fuhl, der im Direktorium des ZdJ saß [und aktuell die Position eines stellvertretenden Vorsitzenden in der JAfD bekleidet, Anm. des Autors]. Ebenso saß beispielsweise meine Mutter zeitgleich mit Herrn Fuhl im Oberrat der „Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden“. Wir haben auch ein Mitglied, das früher in der Repräsentanz der Synagogen-Gemeinde Köln saß. Worauf ich hinauswill, ist Folgendes: Die JAfD opponiert weder der Existenz eines Zentralrats noch dem Konzept der Einheitsgemeinde grundsätzlich. Allerdings wünscht sie sich Zurückhaltung in politischer Hinsicht und Konzentration auf den Kultus.

Repräsentieren also der aktuelle Zentralratspräsident Schuster und seine Vorvorgängerin Charlotte Knobloch, die sich ebenso kritisch über die JAfD geäußert hat, entgegen der medialen Darstellung überhaupt nicht die Mehrheit der deutschen Juden?

Wir sind davon überzeugt, dass die politischen Invektiven Schusters und auch Frau Knoblochs keine zustimmende Mehrheit unter den Gemeindemitgliedern fänden. Ob die Juden in der AfD der Mehrheit der Juden in Deutschland aus dem Herzen sprechen, sei dahingestellt, denn gerade unter den alteingesessenen deutschen Juden und den hiesigen Israelis gibt es viele Anti- oder Nichtzionisten. Auch viele jüngere Juden aus der ehemaligen Sowjetunion fühlen sich, je besser sie sich „integriert“ haben, desto weniger mit Israel verbunden. Allerdings sind wir davon überzeugt, dass wir dennoch einem größeren Teil der Juden in Deutschland aus dem Herzen sprechen als Herr Schuster. Zudem sind unsere Positionen für israelische Verhältnisse praktisch Mainstream. Vielleicht ist das auch der Grund, aus dem der Zentralrat mit teils recht erheiternden Mitteln versucht, uns bei unserer Arbeit zu behindern. 

Was meinen Sie damit?

Äußerst amüsiert waren wir, als wir feststellten, dass der Zentralrat im Vorfeld unserer Gründung, natürlich unter Aufwendung von deutschem Steuergeld, mehrere Domains reserviert hatte, um uns die wenig später erfolgte Einrichtung unserer Website zu erschweren: besuchen Sie einmal die Websites juden-afd.de oder juden-in-der-afd.de. Vermutlich existieren noch weitere Domains, von denen aus man zur Erklärung des Zentralrats gegen die AfD weitergeleitet wird.

In der Tat, das klingt wirklich abenteuerlich. Aber fern ab dieser heiteren Anekdote sieht sich die JAfD ja auch mit allerlei ernsthafter Menschenfeindlichkeit konfrontiert, bei der Hass und Hetze immer nur einen Boykott weit entfernt zu sein scheinen. Was sind Ihre Erfahrungen?

Tatsächlich hatte im Vorfeld der Gründung der JAfD im Oktober 2018 die Antifa Freiburg, von der ja mitunter das inzwischen verbotene linksunten.indymedia betrieben wurde, meine damalige Adresse geleaked; als noch ziemlich unerfahrener Bursche war ich damals ganz schockiert und habe sogar umgehend mein Namensschildchen vom Briefkasten entfernt. Außerdem ließ die sogenannte Janusz-Korczak-Akademie, deren Schwerpunkt die Förderung jüdischer Jugend- und Erwachsenenbildung ist, mich im November 2018 an einem ihrer Seminare nicht teilnehmen, obwohl ich mich bereits angemeldet hatte und meine Anmeldung zunächst bestätigt worden war. Begründet wurde dieses Vorgehen damit, dass ich „in führender Position bei der Vereinigung der Juden in der AfD“ tätig sei und daher „nicht der Zielgruppe“ entspräche, die man mit diesem Seminar erreichen wolle. Ein Mitarbeiter der Janusz-Korczak-Akademie versicherte mir wenige Wochen später beim Israelkongress in Frankfurt unter vier Augen, dass dies „auf obersten Geheiß“, also wohl auf Geheiß der Schirmherrin Charlotte Knobloch, geschehen sei.

Als überaus befremdlich empfand ich bei meiner Recherche auch den Fall ihres Mitglieds Dr. Jaroslaw Poljak, bei dem ihn ein breites linkes Bündnis gegen Antisemitismus aus dem Staatsdienst im BAMF entfernen wollte, weil Herr Dr. Poljak „als Kandidat einer Partei, wie die AfD eine ist“ in den Augen der Boykotteure „nicht über das Leben von Schutzsuchenden entscheiden“ soll, wie es eine Antifa-Website lancierte. Wie werten Sie diesen Fall im Nachgang?

Herr Dr. Poljak ist ein engagiertes Mitglied der JAfD und außerdem promovierter Jurist. Selbst wenn er Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen böte, obläge es unter rechtsstaatlichen Bedingungen weder etwaigen Bündnissen gegen Antisemitismus noch anderen „zivilgesellschaftlichen“ Vereinigungen, darüber zu entscheiden, ob ein disziplinarrechtliches Verfahren geboten ist oder nicht. Entschuldigungen bei Herrn Poljak gab es übrigens bis heute nicht. Und Solidaritätsbekundungen, außer aus den Reihen der AfD, gab es ebenso wenig. Ganz im Gegenteil: Ein Kommunalpolitiker der Grünen, Ingbert Grimpe, der diese Denunziationen unterstützt hatte, bezeichnete Herrn Dr. Poljak zusätzlich als „osteuropäischen Minderimport“ und beleidigte ihn auch anderweitig.

Um das noch einmal festzuhalten: In Oldenburg hat also ein „Bündnis gegen Antisemitismus“ einschließlich der „Deutsch-Israelischen Gesellschaft Oldenburg“ gegen einen Juden im Staatsdienst demonstriert. Ist das schon Realsatire?

Das sogenannte Oldenburger „Bündnis gegen Antisemitismus“ war uns zuvor nicht bekannt gewesen, und wir haben uns damit näher auseinanderzusetzen auch bis heute nicht für nötig befunden. Bedauerlich war allerdings, dass sich eine, wenn auch kleine und unbedeutende Arbeitsgemeinschaft der DIG diesen giftigen Denunziatiönchen angeschlossen hat. Wir schätzen die DIG und ihre Arbeit nämlich sehr. Mehrere unserer Mitglieder (mitunter ich) sind zugleich Mitglied der DIG.

Ist das „denunziatorische“ Wirken der Oldenburger DIG repräsentativ für den Umgang der DIG mit den Juden in der AfD?

Durchaus nicht. Es verhält sich so, dass sich in der DIG, bei all ihrer Heterogenität und all den regionalen Unterschieden zwischen den einzelnen Arbeitsgemeinschaften, eine im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ganz überproportionale Affinität zur AfD bemerkbar macht, auch wenn die Führungsriege diesen Umstand nicht wahrhaben will und nach Kräften zu kaschieren sucht. Der Vorsitzende meiner AG, der DIG Bamberg, Michael Genniges, sitzt etwa zugleich für die AfD im Kreistag Bamberg.

Die Kritik an der JAfD kommt jedoch nicht nur vom Zentralrat und AGs der DIG, sondern beispielsweise auch aus der Wissenschaft. Johannes Heil, der Rektor „Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg“, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland getragen wird, nannte sie im Vorfeld ihrer zweiten Jahrestagung im September 2019 „Irre“, die vergleichbar zu den „rechtsnationale Juden“ seien, die 1933 „in die NSDAP wollten“. Was entgegnen Sie Professor Heil?

Zum einen ist Johannes Heil kein Jude, und zum anderen erforscht er nicht etwa die jüdische Geschichte der Moderne, sondern das jüdische Mittelalter. Aber der Talmud, RaSchI und RaMBaM [zwei der größten jüdischen Gelehrten, Anm. des Autors] haben eben nichts mit Nationalsozialismus, linkem Antizionismus, islamischem Judenhass oder der geopolitischen Situation des Staates Israel zu tun, und daher ist seine inhaltliche Einschätzung der JAfD ziemlich irrelevant. Der Apfel fällt übrigens nicht weit vom Stamm: Heil wurde habilitiert bei Wolfgang Benz an der TU Berlin, also bei demjenigen, der die Doktrin von den Moslems als den „neuen Juden“ unter Akademikern salonfähig gemacht hat.

Wenn es Johannes Heil offenkundig an der nötigen Expertise mangelt, warum wurde er dann in Ihren Augen überhaupt als Kritiker der JAfD medial präsentiert?

Der einzige Grund, aus dem man seitens der Presse ausgerechnet ihn dazu gedrängt hat, sich zu äußern, dürfte darin bestanden haben, dass man zuvor aus der Jüdischen Gemeinde Heidelberg nichts hatte herauspressen können – mein JAfD-Vorstandskollege Wolfgang Fuhl und ich kennen die dortigen Vorstände gut – und man, wenn man schon keinen Juden fand, zumindest einen Judaisten darbieten wollte, um der JAfD sozusagen die jüdische Legitimation zu entziehen. Es kommt hinzu, dass der Boykott jüdischer Veranstaltungen ein gewisses Geschmäckle hat, und daher ist es ratsam, sich als derartiger Boykotteur zumindest einen jüdischen Anstrich zu geben. Dass Heil darüber hinaus auch dazu aufgerufen hat, das Schlosshotel Molkenkur allein aus dem Grund zu boykottieren, dass es uns die Veranstaltung abhalten ließ, statt uns rauszuschmeißen (man könne seinen Kaffee auch woanders trinken, sagte Heil vor der Presse), sollte er zum Anlass nehmen, über sein eigenes Verhältnis zum Nationalsozialismus und zu Totalitarismus im Allgemeinen zu meditieren. 

Im Grunde schwingt bei Heil wie auch beim Zentralratspräsidenten Schuster der Vorwurf mit, sie seien ein jüdisches Feigenblatt für die antisemitische AfD. Etwas, was beispielsweise auch Ronen Steinke in der Süddeutschen Zeitung oder der grüne EU-Parlamentarier Sergey Lagodinsky in der WELT äußerten. Steinke nannte sie in seinem Kommentar „Alibi-Juden“, denen „die Rolle der nützlichen Idioten“ zukäme. Lagodinsky stufte die JAfD als „ein paar echte und ein paar Möchtegernjuden“ sowie den „schlechtesten jüdischen Witz seit Langem“ ein.

Weder bei Ronen Steinke, der sich als Vorkämpfer für jüdisch-muslimische Verständigung sieht und bei der antizionistischen Süddeutschen dementsprechend entsprechend gut aufgehoben ist, noch bei Sergej Lagodinsky, der kommunistische Verbrechen verharmlost und gemeinsam mit Robert Habeck und Omid Nouripour, dem Obmann der Grünen im Auswärtigen Ausschuss und bekennenden BDS-Unterstützer (er ist Beiratsmitglied der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft), Führungen durch Judäa und Samaria unternimmt, bei denen gegen jüdischen Siedler gehetzt wird, handelt es sich aus Sicht der JAfD um maßgebliche jüdische Stimmen. Der Vorwurf, als jüdisches Feigenblatt für Judenfeinde zu fungieren, ließe sich auf diese beiden Herren wohl besser anwenden als auf uns. 

Beschränken sich die Fälle solcher Denunziation auf die Vertreter der JAfD, oder sind Ihnen auch anderweitige Fälle bekannt?

Das abschreckende Etikett „AfD“ trägt sicher seinen Teil zu diesen Fällen bei, aber tatsächlich haben in der Vergangenheit auch andere Juden, die keinen Bezug zur AfD haben, Ähnliches erlebt. Besonders häufig sind es in Deutschland tätige Vertreter Israels, die solche Erfahrungen machen müssen, weil sie ein gänzlich anderes Politikverständnis haben als die hierzulande im Mainstream verankerten Juden. Yonatan Shay zum Beispiel, der ehemalige Shliach des Sochnut [Gesandter der Jewish Agency, Anm. des Autors] in Deutschland, wurde von Funktionären der „Jüdischen Studierendenunion Deutschland“, einer Institution des Zentralrats, als Faschist diffamiert, weil er, wie so viele Israelis, für eine Begnadigung von Elor Azaria plädiert hatte. Dabei bedienten sich diese Funktionäre bei ihren Invektiven gegen Shay an einem Text des Linksradikalen Andreas Zumach, in dem dieser Shay als „Mordsympathisant“ und „rechtsextremen RadikalNationalisten“ bezeichnet hatte. [Zumach ist taz-Redakteur und sitzt im Beirat des „Bündnisses zur Beendigung der israelischen Besatzungspolitik“; als Bremer kennt man Andreas Zumach auch aus Mitteilungen des antizionistischen Bremer Nahost-Forums, Anm. des Autors]. Obwohl Shay mit einem offenen Brief in der Jüdischen Rundschau antwortete und diesen Fall öffentlich machte, nützte ihm das wenig: Denn wenn die Funktionäre, die ihn beleidigen, sich bei ihrer Argumentation an Texten von erklärten Feinden Israels bedienen, sind sie Artikeln der Jüdischen Rundschau sicherlich nicht allzu zugänglich.

Herr Abramovych, ich danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten - Den ersten Teil dieses Beitrages finden Sie hier.


Autor: AchGut
Bild Quelle: Thomas Bresson CC BY 3.0 via Wikimedia Commons


Freitag, 10 April 2020

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