So macht ein Puffbesuch keinen Spaß!

So macht ein Puffbesuch keinen Spaß!


Corona hat unser Leben neu formatiert.

So macht ein Puffbesuch keinen Spaß!

Von Henryk M. Broder

Da ich schon immer im Home Office gearbeitet habe, hat sich für mich nicht viel verändert. Ich gehe jetzt nur öfter zu ALDI als früher. Der Supermarkt ist der sozio-kulturelle Mittelpunkt meines Lebens. Allen Vorsätzen zum Trotz komme ich nicht dazu, die Bücher zu lesen, die ich schon immer lesen wollte – Fukuyamas „Identität“, Raspails „Heerlager der Heiligen“ –, was auch damit zu tun hat, dass das Kultur- und Fortbildungangebot im Netz geradezu explodiert ist. Konzerte, Lesungen, Diskussionen, Gottesdienste – alles findet im Netz statt. Und täglich wird es mehr. 

Heute zum Beispiel lädt das American Institute for Comtemporary German studies (AICGS) zu einem Webinar über Germany’s Colonial Past 30 Years after Reunification ein, von 1 pm bis 2 pm, MEZ vermute ich. Nun war ich bis jetzt der Meinung, dass Deutschlands koloniale Vergangenheit mit der Aufgabe von Togo, Kamerun, der Palau-Inseln und anderer Überseegebiete spätestens 1919 vorbei war, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Es ist wohl an der Zeit, auch Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt in die Unabhängigkeit zu entlassen.

Gleich darauf, von 4 pm bis 4.45 pm, bittet das Aspen Institute Germany zu einer „virtual discussion“ über das Thema Politics in the New World: Presidential Approval, COVID-19, and the 2020 Election. Faszinierend. Ich wollte schon immer wissen, wie die Zustimmungsraten für den Präsidenten – ich vermute, es ist Trump – mit dem Virus Covid-19 korrelieren und wie sich das Virus auf die nächsten Präsidentenwahlen auswirken wird. 

Der Vorteil solcher Webinare und virtual discussions liegt vor allem darin, dass die bei solchen Events übliche „Happy Hour“ enfällt. Kein Bier, kein Wein, keine Häppchen. So sparen die Veranstalter Kosten auf Kosten der Besucher, die daheim vor ihren Computern sitzen und Haribos kauen. Gemütlich ist das nicht, aber es kann sein, dass es der Selbstfindung dient.

Die Rückkehr zur Normalität im Erotikgewerbe

Damit wäre der Tag eigentlich schon verplant, wenn da nicht auch noch die Eröffnung der neuen Wandelhalle in Bad Salzuflen wäre, die heute, am 27. Mai, für den Publikumsverkehr freigegeben wird. Da kann man dann hin und her wandeln und sich Gedanken über Deutschands koloniale Vergangenheit machen oder darüber sinnieren, ob Trump trotz oder wegen Covid-19 wiedergewählt oder abgewählt wird.

Und wem das nicht reicht, der kann schon mal damit anfangen, sich mit dem „Hygienekonzept" vertraut zu machen, das der „Unternehmerverband Erotikgewerbe Deutschland“ erarbeitet hat, um „eine klare und zeitnahe Eröffnungsperspektive für Prostitutionsstätten“ zu etablieren. Nachdem die „Betriebsverbote für andere körpernahe Dienstleistungen wie Friseursalons, Tattoo-, Piercing und Massagestudios“ aufgehoben wurden, würde „die fortgesetzte Schließung (der Prostitutionsstätten) gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes“ verstoßen.

Um die „Rückkehr zur Normalität im Erotikgewerbe verantwortungsvoll und professionell mit der Politik zu gestalten“, sieht der „Stufenplan“ vor, „dass in Prostitutionsgewerben zunächst nur erotische Massagen wieder erlaubt werden, Oral-, Vaginal- oder Analverkehr jedoch bis auf weiteres verboten bleiben“. Weitere Leistungen sollen nur „unter Berücksichtigung des landesspezifischen Infektionsgeschehens und in enger Abstimmung mit den zuständigen Behörden“ wieder zugelassen werden.

Ich frage mich, wer diese Bestimmungen effektiv und grundgesetzkonform kontrollieren soll. Das Ordnungsamt, das Verkehrsamt oder die Freiwillige Feuerwehr? Ein Besuch im Puff macht keinen Spaß, wenn man die ganze Zeit mit dem Grundgesetz unterm Arm herumlaufen muss und die Maske „während des gesamten Verkehrs" nicht ablegen darf.

Dann doch lieber die Wandelhalle in Bad Salzuflen.


Autor: Henryk M. Broder:
Bild Quelle: Usien / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)


Mittwoch, 27 Mai 2020

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