Der Hygiene-Staat

Der Hygiene-Staat


Robert Jungks Buch „Der Atomstaat“ machte seinerzeit in den progressiven Kreisen der Bundesrepublik Furore. Doch es ist nicht zum totalitären Atomstaat gekommen. Umso erstaunlicher, dass die progressiven Kreise der heutigen Bundesrepublik auf dem besten Wege sind, genau jene von Jungk befürchteten Verhältnisse herbeizuführen. Atomstaat jetzt Hygiene-Staat ?

Der Hygiene-Staat

von Dirk Maxeiner

Robert Jungks Buch „Der Atomstaat“ machte seinerzeit in den progressiven Kreisen der Bundesrepublik Furore. Es erschien 1977, und die FAZ stellte bei der Besprechung der finsteren Dystopie die Frage: „Wie müssen die Kernkraft-Bürger beschaffen sein?“ Atomkraftwerke waren für Robert Jungk die Wegbereiter „der vollständigen Unterwerfung des Menschen unter die Allmacht der Technik und des Staates“. Das Buch hatte Jungk nach eigener Aussage in „Angst und Zorn“ geschrieben, und eine zentrale These wird von der Robert Jungk Bibliothek in etwa so beschrieben: Folge der Atomkraft sei ein Leben voller Verbote, Überprüfungen und Zwänge, die in der Größe der unbedingt zu vermeidenden Gefahren ihre Rechtfertigung suchen würden. Staat und Wirtschaft würden immer mehr einer großen Maschine gleichen, und es könne nicht gestattet werden, dass man ihr Funktionieren stört. Das verlange der „Sachzwang“. Einzelne oder gar Gruppen, die sich widersetzen könnten, würden „gesiebt“, „zermalmt“, „ausgerottet“, „auf den Abfallhaufen der Geschichte geworfen“, „als rückständig angeprangert“ oder „amputiert“.

43 Jahre später ist es nicht zum Atomstaat gekommen (wir schalten gerade die sichersten Kernkraftwerke der Welt ab). Umso erstaunlicher, dass die progressiven Kreise der heutigen Bundesrepublik auf dem besten Wege sind, genau jene von Jungk befürchteten gesellschaftlichen Verhältnisse herbeizuführen – sie reisen nur auf einem anderen Ticket. An die Stelle der unheimlichen Strahlung ist ein unheimliches Virus getreten, und die offene Frage lautet: Wie muss der Corona-Bürger beschaffen sein? An die Stelle der Furcht vor dem „Größten anzunehmenden (Atom-)Unfall“ (GAU) ist die Furcht vor der „Größten anzunehmenden Seuche“ getreten. 

Doch es gibt einen Unterschied: Diesmal befinden sich die meisten Medien an vorderster Front jener, die Verbote, Überprüfungen und Zwänge propagieren, und die „in der Größe der unbedingt zu vermeidenden Gefahren“ ihre Rechtfertigung suchen. Ansonsten läuft es nach dem Jungkschen Drehbuch: Gruppen und Individuen, die sich skeptisch äußern oder gar widersetzen, werden ausgesiebt. Dafür genügt ein Blick auf die Stigmatisierung der sogenannten „Corona-Leugner“ oder maßlos überzogene staatliche Reaktionen auf zaghafte Demonstrationen widerspenstiger Bürger, die doch nur exakt jene Befürchtungen äußern, die Robert Jungk 1977 in seinem Bestseller beschrieben hat. Wer die aktuellen Kommentare zur „neuen Normalität“ liest oder die Ankündigungen „nichts wird mehr wie früher sein“ vernimmt, der wird beinahe wörtlich an Robert Jungk erinnert, bei dem es heißt „Überwachung“ und „Kontrolle“ würden „über einen sehr langen Zeitraum hinweg das politische Klima prägen“.

Die konstituierenden Elemente des Hygiene-Staates

In Deutschland ist es nie zu einem GAU gekommen, und nach Lage der Dinge bleiben auch die Corona-Pandemie und die Zahl ihrer Opfer im Bereich der ganz normalen Lebensrisiken – auch der durch andere Krankheiten. Und dennoch wird in einer bisher nie dagewesenen Weise Angst und Panik geschürt. Sie sind die konstituierenden Elemente des im Werden begriffenen Hygiene-Staates. Bei der Diskussion um die Maskenpflicht beispielsweise geht es oft nicht mehr um die medizinische Wirkung dieser Maßnahme oder gar die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung, sondern in erster Linie um ihre erzieherische Wirkung.

„Masken erinnern daran, dass nicht alles in Ordnung ist“, propagieren zahlreiche Kommentatoren die anschwellende Angstmache. Jeder Arzt betrachtet es als eine seiner ureigensten Aufgaben, seinen Patienten die panische Angst vor einer Krankheit zu nehmen, die politischen Spin-Doktoren des Hygiene-Staates tun genau das Gegenteil – und zwar auf Kosten der seelischen Gesundheit der Bevölkerung. Und das Fatale: Der Bürger applaudiert auch noch zur staatlichen Bevormundung seiner selbst, je überzogener die Maßnahmen, desto lauter der Beifall. Die gegenwärtigen Zustimmungswerte für die Regierenden lassen erschaudern und sagen der Hygiene-Republik eine langanhaltende Zukunft voraus. 

Der Angst vor dem Gau und der Angst vor dem Supervirus ist dabei gemeinsam, dass sie beliebig in die Zukunft verschoben werden können – wegen der Größe der Gefahr aber sofortiges Handeln erfordern, also reine Gefühlspolitik und Gesinnungsethik durchsetzbar machen. Vorsichtiges Abwarten (wie etwa in Schweden) traut sich kaum ein politischer Akteur. Nichtstun gilt im Hygiene-Staat als charakterliche Verfehlung – so klug es manchmal auch sein mag. Das Verfassungsgebot der Verhältnismäßigkeit befindet sich auf dem Weg zum „Müllhaufen der Geschichte“ (siehe oben Jungk).

Entscheidungen von enormer Tragweite benötigen keine empirischen Beweise mehr und werden zur Glaubensfrage. Die Bundeskanzlerin entscheidet im Verein mit den Ministerpräsidenten nach Art eines Konzils von Kardinälen. Das erinnert auch ein wenig an die Behandlung der sogenannten Klimakatastrophe (die man zur Durchsetzung der diesbezüglichen politischen Agenda aber gar nicht mehr braucht, das Virus ist als Argument viel panzerbrechender). 

Die Konsequenz der totalen Hygiene ist letztendlich nihilistisch

Die zweite gefühlte Welle wird medial bereits vorbereitet, ihr wird dann eine dritte folgen, so sicher wie das Amen in der Kirche und so regelmäßig wie die wiederkehrenden Meldungen vom steigenden Meeresspiegel, der uns dereinst verschlingen wird, wenn wir unser sündiges Tun nicht beenden und in die kohlenstofffreie Zukunft eintreten. Atomfrei, genfrei, kohlenstoffrei lauten die absurden Schlagworte einer neuen Reinheits-Ideologie, die in der virusfreien Welt ihren vorläufigen Höhepunkt findet. Doch atomfrei, genfrei, kohlenstofffrei und virusfrei heißt bedauerlicherweise auch menschenfrei. Die Konsequenz der totalen Hygiene ist letztendlich nihilistisch und manifestiert sich in misanthropischen Ökowitzen wie diesem: 

Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: 
„Hey, wie geht´s?“
Antwortet der andere: 
„Ach, nicht so gut. Ich glaub, ich hab Homo sapiens.“
„Oh, das ist schlimm“, sagt der erste. „Das hatte ich auch schon. Aber weißt du was? Das geht vorüber.“

Es ist kein Zufall, dass sich dieser Witz ausgerechnet auf der Seite „Kirche im SWR“ findet und eine fromme Predigerin die tröstlichen Worte findet: „Aber immerhin: Der Planet überlebt. Die Schöpfung setzt sich durch“. Der Mensch wird im Hygiene-Staat zum Feind des Menschen, zum Unreinen, zum Aussätzigen wie einst die von Lepra Gezeichneten. Der Nachbar, der Sohn, der Frisör oder die Krankenschwester mutieren zum Generalverdacht auf zwei Beinen. Mit dem Virus vereinsamen auch die Gedanken, das Individuum wird isoliert, die kollektive Meinungsbildung vom persönlichen Gespräch zur Tagesschau-Verkündigung respektive der Kirche im SWR verschoben.

Staatliches Handeln wird von ganz normalen und sinnvollen Vorsichtsmaßnahmen gegen eine Seuche hin zu einer moralischen Kampagne bugsiert, die die Volksgesundheit in den Stand eines über allem stehenden Fetischs rückt und die Urangst der Menschen vorm Tod zum zentralen politischen Werkzeug macht. Der warnende Ausrufe „Das Virus ist noch da“ weckt die Vorstellung von der Machbarkeit einer totalen Hygiene. Es ist einfach irre: Eine Politik, die noch nicht einmal in der Lage ist, die Krankenkassen-Beiträge stabil zu halten, tut so, als könne sie das virale Geschehen auf diesem Planeten managen. 

Der Not gehorchend, auch mal eine Wahl downlocken

Und das Verlockende daran: Der Hygiene-Staat wird bis zur Bewältigung seiner Groß-Aufgabe viele, viele Legislaturperoden brauchen, vielleicht muss man zwischendurch, der Not gehorchend, auch mal eine Wahl downlocken, weil Gefahr im Verzug ist. Die Bedrohung ist schließlich allgegenwärtig. Denn eigentlich dient der Mensch nur als Futterquelle, Wohnstätte und Abenteuerspielplatz für eine Vielzahl mikroskopisch kleiner Untermieter, die irgendwann beschlossen haben auf und von uns zu leben. In den gemäßigten Breiten spezialisierten sich 34 Arten von Parasiten auf den Menschen. In den Tropen sind es noch viel mehr. Neben diesen Bandwürmern, Krätzmilben, Trichinen und anderen unappetitlichen Lebensformen lässt es sich obendrein ein Milliardenheer von Bakterien in unseren Innereien gut gehen. Die meisten sind uns glücklicherweise freundlich gesonnen. Allein 70 Billionen von ihnen bevölkern den Dickdarm des Menschen und unterstützen seine Verdauung. 

Nichts Menschliches ist ihnen fremd. Selbst bei unserer Partnerwahl haben die winzigen Bakterien ein Wort mitzureden. Über ihren Stoffwechsel beeinflussen sie unseren Schweißgeruch und damit den Umstand, ob sich zwei Menschen überhaupt riechen können. Auch bei der Liebe sind wir nicht so alleine, wie viele vielleicht annehmen. Hundert Millionen Bakterien aus 300 Arten tummeln sich in einer gesunden Mundhöhle. Immer wenn wir küssen, wandert ein Teil von ihnen aus und tauscht die Plätze mit Immigranten aus dem Speichel des geliebten Partners. Was immer wir tun, wo immer wir sind: Sie sind schon da, sie sind in der Überzahl und sie beeinflussen unser Leben viel heftiger, als wir ahnen.

Viele Millionen Menschen sterben nach wie vor am Stich von Anopheles-Mücken, die Malaria übertragen, um nur eine besonders bekannte Gefahr zu nennen. Die WHO-Statistik weist aus, dass in Entwicklungsländern auch heute noch Infektionskrankheiten und Parasitenbefall die häufigsten Todesursachen sind. Krankheiten also, die durch Kleinlebewesen ausgelöst werden. Viren, Bakterien, Einzeller, Würmer und andere Organismen töten pro Jahr über 17 Millionen Menschen. Dass sie eine Geißel der Menschheit sind, steht seit langem außer Frage, dass sie ein hervorragendes Herrschaftsinstrument bereitstellen, wird hingegen gerade aufs Neue entdeckt.

zu erst erschienen auf AchGut


Autor: AchGut
Bild Quelle: Jollyroger CC BY-SA 2.5, via https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=833275


Donnerstag, 09 Juli 2020

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