Zum Tode Herbert Feuersteins

Zum Tode Herbert Feuersteins


Ich glaube, es war in einer Lateinstunde 1980, als unser guter alter Lateinlehrer auf meinen Platz stürmte und mir mit dem Kampfruf „Was liest Du da?“ ein MAD-Heft unter der Bank entriss. Alsdann proklamierte er vor der gesamten grinsenden Klasse, das „MAD Schund ist, gedruckter Dreck“ und aus mir „niemals etwas werden würde!“ Nun, wenn er auch mit Letzterem recht hatte – in Ersterem irrte er.

Zum Tode Herbert Feuersteins

MAD war für mich die Eintrittskarte in die Ächz-Stöhn-Würg-Welt von MAD-Maskottchen Alfred E. Neumann, von Dave Berg, Don Martin und Sergio Aragones. Begnadete Zeichner mit grenzgenialen Ideen, verpackt in sorgfältig dahingerotzte Zeichnungen und redigiert von dem großartigen Herbert Feuerstein. Ich ärgere mich bis heute, dass ich den Mann, der später sein Leben als Sidekick von Harald Schmidt fristen musste, nicht auf der Höhe seines Schaffens kennenlernen durfte. 

Es gab später kein „Magazin“ mehr, das auch nur ansatzweise an die vorder- und hintergründige Art von Humor von MAD herankam. Feuerstein machte es möglich. Unter seiner Ägide wuchs die Auflage von MAD von 10.000 auf 400.000 Exemplare, was nicht zuletzt daran lag, dass MAD durch Feuerstein zu einem Element der Jugendkultur der 70er und 80er Jahre wurde. Feuerstein war ein Anarchist: Er teilte in MAD respektlos nach allen Seiten aus, immer frech, manchmal derb, doch nie niveaulos. Und er quatschte seinen Zeichnern nicht dazwischen. MAD spiegelte damit unsere Welt. Raus aus dem elterlichen Mief, genau hinschauen, Schlagfertigkeit trainieren, um die Ecke denken. Nein, da konnten Cato und Plinius nicht mithalten. Die schon immer links schlagseitige Titanic auch und erst recht nicht. Heute würde die Woke-Culture MAD wegen Respektlosigkeit, „rechter Gesinnung“, Trans- und Muslimfeindlichkeit und anderen -feindlichkeiten verbieten und Feuerstein müsste wahrscheinlich bei einem falschen Witz über die Richtigen um sein Leben fürchten. RAF hin oder her – die 70er und 80er Jahre waren für Kabarettisten noch eine heile, weil ungefährliche Welt. Wir waren frei!

Herbert Feuerstein versuchte sich nach seiner Zeit bei MAD beim Fernsehen, floppte jedoch mit seiner eigenen Show „Wild am Sonntag“ beim WDR und wurde schließlich hauptberuflicher Sidekick von Harald Schmidt bei „Schmidteinander“. Ein Schicksal, das er meines Erachtens nicht verdient hatte, aber er traf in Schmidt auf sein jüngeres, böseres und zynischeres Ego. Und eine Show, die über vier Jahre im Fernsehen läuft, kann ja auch nicht so schlecht gewesen sein. Aber das war eben „Schmidteinander“ und nicht „Feuersteinsalamander“. 

In der Rolle als Teufel

Herbert Feuerstein war sein Leben lang „mad“. Er studierte Musik am Salzburger Mozarteum mit den Fächern Klavier, Cembalo und Komposition und wurde hinausgeworfen, als er eine Komposition des Präsidenten der Salzburger Festspiele verriss und außerdem seine Kommilitonen provozierte. Womit, ist leider nicht bekannt, aber einem Feuerstein fiel da bestimmt einiges ein. Danach heiratete er eine hawaiianische Gastkommilitonin in New York, von der er sich auch wieder scheiden ließ. Zwei Frauen und einige Auftritte später durfte er sich 2009 und 2010 endlich selbst bei den Berliner Jedermann-Festspielen spielen: in der Rolle als Teufel. 

Feuerstein war nie die allererste Garde der deutschen Kabarettisten, nie der Schenkelklopfertyp vom Schlage eines Urban Priol oder ein Linksausleger wie der geniale Volker Pispers, aber in der zweiten  Reihe machte er sich mit seinem hintergründigen Humor und seiner Ironie als Autor durchaus einen Namen. 

Herbert Feuerstein starb im Alter von 83 Jahren am 6.10.2020, und ich glaube, er hätte Freude daran, wenn die Trauergäste bei seiner Beerdigung feiern und das Partygläserset, dass sie ihm zum Achtzigsten schenkten, wieder zurücknähmen. Das hat sich nämlich mittlerweile von 12 auf 24 Teile vergrößert, da Feuerstein die gleiche Senfmarke wie seine Gratulanten benutzte. Ich durfte viel von MAD und ihm lernen und im Gegensatz zu meinem Lateinlehrer ist er mir im Gedächtnis geblieben. Auch wenn er das wahrscheinlich gar nicht wollte. Standesgemäß verabschiede ich mich von einem meiner Vorbilder mit einem liebevollen Ächzkotzwürg.     

erschienen auf AchGut


Autor: AchGut
Bild Quelle: By Elke Wetzig (elya) - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=80526


Freitag, 09 Oktober 2020

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