Keine Ahnung von Historie, Geschichte und der neueren deutschen Geschichte

Keine Ahnung von Historie, Geschichte und der neueren deutschen Geschichte


Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, hat dem DLF ein Interview gegeben, das der Sender in einer Vorabmeldung folgendermaßen zusammenfasste:

Keine Ahnung von Historie, Geschichte und der neueren deutschen Geschichte

Von Henryk M. Broder

Schuster äußerte sich „besorgt über Radikalisierung und Geschichtsvergessenheit bei den Protesten“ gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. „Wer die Situation heute mit Vorgängen im Dritten Reich vergleicht, wer sich wie Sophie Scholl fühlt, die ihr Engagement mit dem Leben bezahlen musste, der hat einfach von Historie, von Geschichte, auch von der neueren deutschen Geschichte, keinerlei Ahnung.“ Man habe es mit „einer lauten zum Teil auch radikalen Minderheit“ zu tun, von der man aber „nicht sagen könne, dass sie eine Meinungsführerschaft übernommen habe“.

"Freilich: „Nicht alle, die gegen die Corona-Regeln protestieren, dürften unter einen Generalverdacht gestellt werden“. Er könne nachvollziehen, wenn auch nur in der Theorie, „dass es Menschen gibt, die sich durch die Einschränkung der persönlichen Freiheit in ihren Grundrechten beschränkt fühlen“. Allerdings: „Wenn... jene, die wohlmeinend demonstrieren, insbesondere von Rechtsextremen unterwandert und dann antijüdische Verschwörungsmythen vertreten werden“, dann habe das für ihn den „noch verständlichen oder vielleicht nachvollziehbaren Bereich“ verlassen.

Er selbst halte die Corona-Schutzmaßnahmen der Regierung im Grundsatz für richtig. Ein früherer Lockdown wäre allerdings sinnvoll gewesen. „Aber im Nachhinein ist man immer schlauer.“

Darüber hinaus warnte Schuster vor einem „enthemmteren Antisemitismus in Worten“, wie er ihn sich vor einigen Jahren noch nicht habe vorstellen können. Mitschuld seien „Funktionäre der AfD“, von denen einige eine „Wende der Erinnerungskultur um 180 Grad“ gefordert hätten. Das führe dazu, dass das, was man sich lange Zeit nicht getraut habe zu sagen, „sagbar und salonfähig wird“. In der nächsten Stufe würden aus Worten Taten folgen, wie es beim Synagogenanschlag von Halle im Oktober 2019 der Fall gewesen sei."

Zwisschen „Besorgnis“ und „Banalisierung“

Soweit die vom DLF verbreitete Zusammenfassung des Interviews mit Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrates der Juden.

Es ist Schusters Recht und Pflicht, auf antisemitische Strömungen in der Bundesrepublik aufnerksam zu machen und, wenn es sein muss, die Alarmglocken zu läuten. Aber genau das tut er nicht. Er mäandert zwischen „Besorgnis“ und „Banalisierung“. Einerseits geht da eine laute und zum Teil auch radikale Minderheit auf die Straße, anderseits könne man nicht sagen, dass sie die Meinungsführerschaft übernommen habe. Man dürfe nicht alle, die gegen die Corona-Regeln protestieren, unter einen Generalverdacht stellen, es gebe  auch Menschen, die sich durch die Einschränkung der persönlichen Freiheit in ihren Grundrechten beschränkt fühlen. Aber auch diese müssten aufpassen, dass sie nicht von Rechtsradikalen unterwandert würden. „Inkonsistent“ wäre noch das Mildeste, was man über diese Art der Argumentation sagen könnte.

Und wenn Schuster vor einem „enthemmteren Antisemitismus in Worten“ warnt, wie er ihn sich vor einigen Jahren noch nicht habe vorstellen können, dann muss das entweder mit seinem jugendlichen Alter zu tun haben oder mit einem geschwächten Erinnerungsvermögen. Er hat vergessen oder nicht mitbekommen, welche antisemitischen Skandale es in Deutschland immer wieder gegeben hat, und das völlig unabhängig davon, wer in Bonn oder Berlin gerade regierte. Der Antisemitismus gehört zu Deutschland, er ist Teil der deutschen DNA, wie die Liebe zum Wald und die Angst vor dem Weltuntergang. Weil der Antisemitismus wie eine Sinus-Kurve verläuft, entsteht ab und zu der Eindruck, als habe er sich aus der Realität verbschiedet. Nur – bei der nächsten Gelegenheit ist er wieder da, pumperlgesund und zu allen Schandtaten bereit.

Ende der Schonzeit

Es gab mal einen Frankfurter Theaterintendanten, der „die Schonzeit für Juden“ für beendet erklärte, einen grünen Parteivositzenden, der die irakischen Raketenangriffe auf Israel als „die logische, fast zwingende Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber“ rechtfertigte, einen Nationaldichter, der sich heftig gegen den Einsatz der „Moralkeule Auschwitz“ verwahrte, einen Literaturnobelpreisträger, der „mit letzter Tinte“ das sagte, was gesagt werden musste, nämlich: dass „die Atommacht Israel den Weltfrieden gefährdet“

Es gab den Möllemann-Skandal und den missglückten Versuch von vier Bundestagsabgeordneten, Gaza von der israelischen Besatzung zu befreien. Aber das alles passierte, bevor die AfD und die Querdenker die politische Bühne betraten, und deswegen haben wir es heute mit einem „enthemmteren Antisemitismus in Worten“ zu tun, wie Dr. Schuster ihn sich vor einigen Jahren noch nicht habe vorstellen können. Wenn man an dieser Stelle „vorstellen“ durch „erinnern“ ersetzt, könnte ein Schuh daraus werden, denn wir wissen: Die Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung.

Wer hat hier keine Ahnung?

Wer das Interview mit dem Präsidenten des Zentralrates der Juden gehört oder die Zusammnenfassung gelesen hat, der muss sich fragen, wer hier von Historie, von Geschichte, auch von der neueren deutschen Geschichte keinerlei Ahnung hat, der Präsident des Zentralrates der Juden oder eine depperte junge Frau, die sich „wie Sophie Scholl“ fühlt.

Man muss freilich nicht so weit in der Historie, der Geschichte oder der neueren deutschen Geschichte zurückblättern, um darüber zu staunen, wann der Zentralrat interveniert und wann nicht. Es gab keine offizielle Reaktion auf die antisemitischen Sottisen von Jakob Augstein, auch dann nicht, als dieser es auf die Top-Ten-Liste der Antisemiten und Israel-Verleumder des Simon Wiesenthal Center geschafft hatte. Im Gegenteil, der damalige Präsident des Zentralrates der Juden gab gagenüber dem Focus eine Ehrenerklärung für Augstein ab: 

Zwar schreibe Augstein über Israel „mit dem Fingerspitzengefühl eines Bulldozers“, allerdings gehöre der Verleger nicht auf die Liste der zehn weltweit schlimmsten Antisemiten, die das Simon Wiesenthal Centrum veröffentlicht hatte, Augstein mache in Sachen Israel Stimmung und reite auf der Welle von Populismus“. Einen „camouflierten Antisemitismus, der sich der Israel-Hetze bedient“, wolle er Augstein aber nicht unterstellen, betonte Graumann.

Ja, so genau hat man beim Zentralrat vor acht Jahren differenziert. Und das tut man noch heute. Es gab keinen Pieps und keinen Pups, als sich der Bundespräsident am Grab des Judenmörders Arafat verbeugte oder eine Glückwunschbotschaft an das Regime in Teheran zum Jahresstag der iranischen Revolution schickte. Es spielte in diesem Fall keine Rolle, dass die Ayatollahs den letzten Holocaust leugnen und den nächsten vorbereiten. Das sind doch Peanuts verglichen mit dem Treiben der AfD-Funktionäre, die eine „Wende der Erinnerungskultur um 180 Grad“ fordern. Und nur da gilt die Parole „Wehret den Anfängen!" Kommen außenpolitische oder wirtschaftliche Interessen ins Spiel, dann schweigt des Hofnarren Höflichkeit. 

 

Foto: Ordner des islamistischen "Qudsmarsches" in Berlin zeigt unter den Augen der Polizei den "Hitlergruß" - Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten

 

 


Autor: Henryk M. Broder:
Bild Quelle: H. Raak / haOlam.de


Sonntag, 27 Dezember 2020

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