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Zitate erfunden? Das Schweigen des ZDF

Zitate erfunden? Das Schweigen des ZDF


Wie Achgut am 7. März berichtete, wirft der Hamburger Physikprofessor Roland Wiesendanger dem ZDF vor, in einem als „Faktencheck“ bezeichneten Verriss seiner Studie zum Ursprung der Coronavirus-Pandemie angebliche Zitate von ihm einfach erfunden zu haben. Wie die Leser ebenfalls bereits wissen, habe ich den Sender mit dem Vorwurf konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten.

Zitate erfunden? Das Schweigen des ZDF

Von Stefan Frank

Bitte halten Sie einen Moment inne und stellen sich vor, was das ZDF wohl dazu zu sagen haben mag, dass der vom ZDF interviewte, weltweit anerkannte Wissenschaftler Prof. Dr. Prof. E.h. Dr. h. c. Roland Wiesendanger dem ZDF-„Faktenchecker“ vorwirft, sich die ihm in den Mund gelegten Zitate einfach ausgedacht zu haben – just so, wie Spiegel-Reporter Claas Relotius das zu tun pflegte, bis diese Praxis aufflog. Dann sage ich Ihnen, was das ZDF geantwortet hat. Das hier:

„Die Zitate stammen aus einem ausführlichen Telefongespräch, das Nils Metzger mit Herrn Prof. Wiesendanger geführt hat. Den Autoren und der ZDFheute.de-Redaktion ist nicht bekannt, dass Herr Prof. Wiesendanger mit diesen Zitaten nicht einverstanden ist.“

Business as usual. Wie lange muss man in diesem Metier tätig sein, um sich eine solche Haltung anzueignen: dass man, wenn einem die Fälschung von Zitaten vorgeworfen wird, kein bisschen überrascht ist? Das ZDF denkt auch nicht daran, irgendetwas zurückzunehmen, zu berichtigen oder sich gar zu entschuldigen. Ich schreibe dem ZDF-Pressesprecher Thomas Hagedorn:

„Sehr geehrter Herr Hagedorn,

vielen Dank für Ihre E-Mail. Ich bin überrascht, wie lässig-spielerisch Herr Metzger, die Redaktion und das ZDF mit dem sehr ernsten Vorwurf von Herrn Prof. Wiesendanger umgehen wollen, sie hätten ein angebliches Zitat frei erfunden. Ihnen sei angeblich ‚nicht bekannt, dass Herr Prof. Wiesendanger mit diesen Zitaten nicht einverstanden ist‘.

Es handelt sich hier um eine Frage objektiver Fakten, nicht um ein etwaiges subjektives Faktenbewusstsein, das Herr Metzger und die Redaktion geltend machen könnten. Herr Prof. Wiesendanger ist auch nicht in einer Bringschuld, dafür zu sorgen, dass im ‚Faktencheck‘ kein erfundenes Zitat von ihm steht, sondern es ist Aufgabe von Autor und Redaktion, korrekt zu zitieren. Sie können also nicht ihm den Schwarzen Peter zuspielen. Zudem – und das ist die Hauptsache – haben Sie ja von mir bereits erfahren, dass Herr Prof. Wiesendanger sagt:

‚Ich möchte Ihnen aber noch zusätzlich sagen, dass ich entsetzt war, als ich den Artikel von Herrn Klein und Herrn Metzger am 18.02. um 21:01 Uhr zum ersten Mal sah. Mit den ““-Zeichen haben die Autoren angebliche Zitate von mir an die Öffentlichkeit gebracht, die keine sind: Ich kann Ihnen wahrheitsgemäß versichern, dass ich niemals gesagt habe, dass ich mit dem Präsidenten der Universität Hamburg über mögliche ‚Reaktionen, die uns in die Ecke von Verschwörungstheorien stellen wollen‘ gesprochen habe. Gerade die Veröffentlichung von Falschzitaten ist ein unglaublicher Fall journalistischen Fehlverhaltens, welches ich bisher in Deutschland nicht für möglich gehalten hätte.'

Herr Metzger, die Redaktion und das ZDF können sich also nicht herausreden, ihnen sei das ‚nicht bekannt‘. Es ist ihnen erwiesenermaßen bekannt. Die Vorwürfe von Herrn Prof. Wiesendanger gegen Nils Metzger sind mittlerweile auch öffentlich, nachzulesen in dem Beitrag: 'Faktenchecker, die Fortsetzung: Hat das ZDF Zitate gefälscht?' 

Um die Sache zu klären, frage ich noch einmal: Kann Herr Metzger wahrheitsgemäß versichern, dass Herr Prof. Wiesendanger die fragliche Äußerung […] wirklich in dem Telefongespräch zwischen ihm und Herrn Metzger am 18. Februar 2021 getätigt hat?

Wenn ja, würde Aussage gegen Aussage stehen. Dann würde es natürlich sehr helfen, wenn Herr Metzger Belege beibringen könnte, was ja nicht schwierig sein sollte, wenn das Zitat authentisch ist. Hat Nils Metzger das Gespräch mit Herrn Prof. Wiesendanger aufgezeichnet oder hat er mitgeschrieben? Er hat doch sicherlich die verwendeten Zitate, den allgemeinen journalistischen Standards und der Sorgfaltspflicht entsprechend, von seinem Gesprächspartner autorisieren lassen, oder? Dann müsste der Vorwurf, Nils Metzger habe ein Zitat frei erfunden, sich ja eigentlich schnell aus der Welt räumen lassen. Einfach Augen und Ohren zu verschließen und so zu tun, als sei Herrn Metzger und der Redaktion ‚nicht bekannt, dass Herr Prof. Wiesendanger mit diesen Zitaten nicht einverstanden ist‘, hilft hingegen überhaupt nicht, sie von dem Vorwurf zu entlasten. Ich möchte zum Schluss daran erinnern, dass Sie noch nicht meine Frage vom 7.3.2021 beantwortet haben: Werden Sie die falsche Behauptung korrigieren, dass die in dem Text von Oliver Klein und Nils Metzger verlinkte WHO-Studie zu dem ‚Schluss‘ (d.h. Ergebnis) kommt, dass das Virus von einer ‚Fledermausart auf eine andere Tierart übergesprungen und von dieser auf den Menschen übertragen‘ wurde?

Eine Kopie dieser E-Mail geht per CC an Herrn Prof. Roland Wiesendanger.

NICHTS. Keine Reaktion.

Nun, lieber Leser, stellen Sie sich erneut vor, was das ZDF wohl geantwortet haben mag. Ich verrate es Ihnen: nichts. NICHTS. Keine Reaktion. Sie können Gift drauf nehmen, dass ZDF-Intendant Thomas Bellut mittlerweile Bescheid weiß. Herr Hagedorn wird wissen, dass das keine Angelegenheit ist, die ein Pressesprecher alleine verwalten kann. Er wird also zu Herrn Bellut gegangen sein und ihm gesagt haben, dass es da ein Problem gibt: dass Professor Wiesendanger dem ZDF-„Faktenchecker“ Nils Metzger vorwirft, Zitate von ihm gefälscht zu haben und dass die Vorwürfe bereits veröffentlicht wurden.

Es gibt in einer solchen Situation zwei Möglichkeiten, die beide eine Entscheidung des obersten Managements verlangen: Entweder sind die Vorwürfe gegen Metzger und das ZDF falsch, dann wäre es Verleumdung und das ZDF müsste seine Juristen losschicken. Oder die Vorwürfe entsprechen der Wahrheit, dann hätte das ZDF einen Relotius-Skandal. Im einen wie im anderen Fall muss Thomas Bellut die weitere Handlungsstrategie vorgeben. Wir dürfen annehmen, dass er das getan hat und die Nullreaktion genau das ist, was er als Vorgabe formuliert hat. Das Muster einer solchen Vorgehensweise lässt sich in etwa so erahnen:

Wenn wir eingestehen, dass wir Zitate gefälscht haben, wird alle Welt davon Kenntnis erhalten.

Solange nur andere das über uns sagen, wird, wenn wir Glück haben, kaum einer Notiz davon nehmen.

Darum: Keinen Fehler einräumen. Nichts berichtigen. Alles so stehen lassen, auch das falsche Zitat und die falsche Behauptung über die WHO-Studie. Überhaupt nicht antworten. Einfach aussitzen. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

So oder so ähnlich wird man wohl beim ZDF denken. Der Leser möge nicht glauben, dass eine solche Taktik naiv wäre und nicht erfolgreich sein könnte: Bislang hat, soweit ich das sehe, kein einziger Journalist außerhalb von Achgut.com die Omertà gebrochen und darüber berichtet, dass Professor Roland Wiesendanger dem ZDF-Faktenchecker Nils Metzger das Fälschen von Zitaten vorwirft. 

Wiesendanger: „Ich bin aus allen Wolken gefallen“

Gegenüber Achgut.com schilderte Professor Wiesendanger seine Begegnung mit dem ZDF. Es sei der 18. Februar 2021 gewesen, jener Tag, an dem die Universität Hamburg die Pressemitteilung über die Studie verschickte. Wiesendanger habe an jenem Tag viele Interviews gegeben, auch für Sat.1 und Bild. „Gleich am Nachmittag, ca. 15 Uhr, rief mich dann ein Vertreter des ZDF, Herr Metzger, an.“

Es sei ein langes Gespräch gewesen, weit über eine halbe Stunde. „Herr Metzger äußerte sehr großes Interesse.“ Es sei ein „sehr konstruktives Gespräch über alle möglichen Aspekte“ gewesen, „inhaltbezogen, sachbezogen: Gain-of-function-Forschung, auch über die Konsequenzen, die sich daraus ergeben könnten“, auch in Zukunft. „Herr Metzger fand das offenbar so interessant, dass er zu mir sagte: ‚Halten Sie sich bereit, es kann sein, dass wir ein Interview mit Ihnen machen für die Spätnachrichten.'“

Doch Wiesendanger hörte nicht wieder von ihm. „Es wurde Abend, es kam keinerlei Rückruf mehr, und es gab zu diesem Zeitpunkt ja auch noch nichts vom ZDF. Dann, kurz nach 21 Uhr wurde der bekannte Artikel von ZDFheute ins Internet gesetzt. Ich bin aus allen Wolken gefallen, weil der ja überhaupt nichts von dem enthielt, worüber wir schwerpunktmäßig gesprochen hatten. Da war nichts mehr an Inhalt, nichts von dem, was wir diskutiert hatten, es ging nur darum, diese formalen Aspekte der Studie und meine Person anzugreifen.“

Das Schlimmste aber sei das angebliche Zitat gewesen, das Nils Metzger und Oliver Klein am Schluss brachten: „Dass ich angeblich mit dem Universitätspräsidenten über mögliche Reaktionen gesprochen hätte, ‚die uns in die Ecke von Verschwörungstheorien stellen wollen‘.“ Das sei eine „Unverschämtheit“, so Wiesendanger. „Dieses angebliche Zitat ist von verschiedenen Medien aufgegriffen worden. In dem Interview mit RTL, das war am Tag darauf, dem 19. Februar, habe ich ganz klar gesagt, dass ich das als journalistisches Fehlverhalten ansehe und dass ich dies in dieser Form niemals gesagt habe.“

„Irgendwie zusammengewürfelt“ 

Ich frage Wiesendanger, ob an irgendeiner Stelle des Gesprächs vom Präsidenten die Rede gewesen sei. Nur dort, wo es um die Pressemitteilung ging, sagt er. „Der Interviewer fragte, wie es gekommen sei, dass das über die offizielle Pressestelle der Universität Hamburg rausging, ob das mit dem Präsidenten abgestimmt gewesen sei. Das habe ich bejaht.“ Das sei auch richtig so; natürlich habe er niemals eine Pressemitteilung über die Pressestelle herausgeben können, ohne das mit dem Präsidenten abzustimmen. „Das war wichtig, Herr Lenzen hat das ja auch entsprechend verteidigt in seiner Videobotschaft.“

Wiesendanger fügt hinzu, er könne sich erinnern, dass Metzger ihn in einem ganz anderen Teil des Gesprächs gefragt habe, ob er nicht „Probleme“ sähe, weil diese Labortheorie ja oftmals als „Verschwörungstheorie“ angesehen werde. „Da habe ich gesagt, dass ich das nicht so sehe, ich habe sogar auf eine Fernsehdiskussion in den USA verwiesen, wo ein namhafter Wissenschaftler sagte, diese Evidenzen für einen Laborunfall sind mittlerweile so stark, dass man umgekehrt davon sprechen müsste, dass die Zoonose-Theorie eine Verschwörungstheorie sei. Das war aber eben ein ganz anderer Teil des Gesprächs.“ Tatsächlich also sei der Begriff „Verschwörungstheorie“ vom Interviewer des ZDF in das Gespräch eingeführt worden, „aber das hing überhaupt nicht mit der anderen Frage zusammen“, so Wiesendanger, das ZDF habe das „irgendwie zusammengewürfelt“. 

Hat Metzger am Telefon gesagt, dass er beabsichtige, die Informationen aus dem Gespräch mit ihnen für einen sogenannten „Faktencheck“ zu benutzen? „Nein, das hat er nicht“, so Wiesendanger. Hat Metzger das Gespräch aufgezeichnet? „Meines Wissens nach nicht. Das ZDF war auch eines der wenigen Medienorgane, die mich nicht um eine Freigabe von Zitaten gebeten haben. Um das einmal klarzustellen: Die meisten anderen Journalisten, die mich interviewt haben, haben sich vorschriftsmäßig die Zitate autorisieren lassen, schriftlich, per E-Mail. Auch Bild etwa hat das getan. Das ist beim ZDF nicht erfolgt – und die oben erwähnte Formulierung hätte ich ihnen natürlich auch nicht freigegeben, weil ich das niemals gesagt habe.“

Abklatsch eines früheren ZDF-Beitrags

Wiesendanger weist darauf hin, dass der ZDF-„Faktencheck“ von Nils Metzger und Oliver Klein zu seiner Studie „im Wesentlichen eine Kopie“ eines Artikels gewesen sei, den Nils Metzger am 16. September 2020 über die Studie der Virologin Li-Meng Yan veröffentlicht habe. „Mit der Überschrift Rechte US-Netzwerke streuen die Labor-Theorie hat er Frau Yan sofort frontal angegriffen, ohne sich mit den Inhalten ihrer Studie auseinandergesetzt zu haben“, so Wiesendanger. „Er sprach auch damals von der ‚Mehrheit der Wissenschaftswelt‘ und der 'überwältigenden Mehrheit der Experten‘, ohne dass das ZDF jeweils eine Umfrage hierzu in der Wissenschaftswelt durchgeführt hätte.“ Die Medien behaupteten immer wieder, sie würden die „Mehrheitsmeinung“ kennen, ohne dass dies auf gesicherten Fakten – etwa Abstimmungen – beruhe. „Hier sollte eigentlich der eigene ZDF-interne ‚Faktencheck‘ zum Einsatz kommen“, so Wiesendanger.

Metzger habe übrigens Li-Meng Yan damals in fast dem gleichen Wortlaut vorgeworfen, dass es eine „nicht peer-reviewte Studie“ sei und sie sich auf eine „bunte Mischung aus wissenschaftlichen Quellen und abseitigen Blogbeiträgen und obskuren Nachrichtenseiten“ beziehe. „Dann wird noch eine Verbindung zu ‚rechten Kreisen in USA‘ aufgezeigt und damit ist die wissenschaftliche Arbeit der Virologin Dr. Yan abgehakt, ohne dass man sich auch nur in einer Zeile mit dem Inhalt ihrer Arbeit auseinandergesetzt hätte.“

„Früher“, sagt Wiesendanger, „gab es einmal die Berufsbezeichnung ‚Reporter‘ oder ‚Berichterstatter‘, von der man heutzutage fast nichts mehr hört. Der Grund hierfür mag sein, dass größtenteils nicht mehr über Geschehnisse ‚berichtet‘ wird, sondern Nachrichten ‚gemacht‘ werden. Diese werden dann durch angeblich allwissende Faktenchecker legitimiert. Blaupausen hierfür existieren genügend in totalitären Staaten.“

 

Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten


Autor: Stefan Frank
Bild Quelle: PantheraLeo1359531, CC BY 4.0 , via Wikimedia Commons


Tuesday, 16 March 2021

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