Ausgestoßene der Woche: Blau blüht der Cancelwahn

Ausgestoßene der Woche: Blau blüht der Cancelwahn


Der wohl prominenteste Ausgestoßene der Woche ist der Schlagersänger Heino. Wie verschiedene Medien, darunter Spiegel und WDR, berichteten, kam es zwischen Heino und der Düsseldorfer Tonhalle zu einem Streit über den Namen einer Veranstaltung.

Ausgestoßene der Woche: Blau blüht der Cancelwahn

Von Kolja Zydatiss

Ursprünglich wollte Heino im Herbst unter dem Motto „Heino goes Klassik - mit großem Orchester“ auf Tournee gehen. Aufgrund der Corona-Pandemie wird Heino allerdings nicht mit einem Sinfonieorchester auftreten können. So änderte man den Namen in „Heino goes Klassik - Ein deutscher Liederabend“.

Die Tonhalle störte sich an dem Untertitel, weil er „etwas tümelnd“ sei. „Wir werden den Abend mit diesem Titel nicht bewerben, da er fachlich und politisch nicht korrekt gewählt ist“, erklärte Intendant Michael Becker. Mit dem Begriff „ein deutscher Liederabend“ rücke sich Heino „in eine ungemütliche Ecke“. Zwar sei es korrekt, die von Heino gewählten Werke wie „Guten Abend, gut‘ Nacht“ oder „Sah ein Knab‘ ein Röslein stehn“ als „Deutsches Lied“ zu bezeichnen. Dies sei sogar ein wissenschaftlich verbürgter Begriff. Der Tourtitel „Ein deutscher Liederabend“ hingegen bezeichne ein „imaginäres Konzertformat“, so Becker. „Wir müssen damit rechnen, dass es so verstanden wird, dass es sich hier etwa um einen Liederabend für Deutsche handelt.“ Als genehme Alternativen schlug Becker „Heino - ein Liederabend“ oder „Heino singt deutsches Lied“ vor.

Die Tonhalle wies Heinos Management auf eine städtische Richtlinie hin, an die man gebunden sei: „Städtische Räume sind kein Ort für Hetze.“ Die Absage des Konzerts an sich stand allerdings nie im Raum. Laut Spiegel war die Düsseldorfer Tonhalle der einzige der geplanten 17 Veranstaltungsorte, der an dem Tourtitel Anstoß nahm.

„Bei so einem Quatsch nur noch den Kopf schütteln.“

Die Streichung des Wortes „deutsch“ kam für Heino nicht infrage: „Muss ich mich jetzt als 82-jähriger Deutscher für das Wort ‚deutsch‘ schämen?“ Überhaupt sei die Diskussion für ihn übertrieben: „Dieses ganze Gedöns um die neue korrekte Sprache und was man heutzutage noch sagen darf und was nicht, ist nur noch erschreckend, und man kann doch bei so einem Quatsch nur noch den Kopf schütteln.“ Heino-Manager Helmut Werner gab zu Protokoll: „Welches absurde Gedankengut muss man haben, um sich am Wort ‚deutsch‘ zu stören? […] Alleine eine Verbindung mit dem Wort deutsch, Heino und Hetze herzustellen, entbehrt jeglichen klaren Verstand.“

Schließlich schaltete sich der Düsseldorfer Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) in den Streit ein und ergriff für den Sänger Partei: „Ich sehe in dem Plakat von Heino keinerlei nationalistische oder ähnliche Tendenzen und teile die Kritik daran nicht. […] Wir sprechen auch von bayrischen Festen oder irischen Abenden.“ Keller sprach mit der Geschäftsführung der Tonhalle, und der Streit ist nun offenbar beigelegt. Auf Plakaten, Webseiten und Programmheften der Tonhalle soll der für den 8. Oktober angesetzte Liederabend wie geplant beworben werden. Laut dpa erwägt Heino allerdings inzwischen, die Location zu wechseln.

Heino wird von Journalisten gerne als „umstritten“ bezeichnet (das ist heute mehr oder weniger gleichbedeutend mit „rechte Ecke“), unter anderem, weil er 1977, mit Zustimmung des damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel, alle drei Strophen des Deutschlandlieds in einer für den Schulunterricht bestimmten Aufnahme gesungen hatte, und weil er 2018 der NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) eine Liedersammlung schenkte, die auch Titel aus dem „Liederbuch der SS“ beinhaltete.

„Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel“

Ein weiterer Ausgestoßener der Woche ist der deutsche Dichter und Schriftsteller Heinrich Heine (1797-1856). Wie die BILD berichtet, veröffentlichte Dirk Schwarzrock aus Stralsund auf seinem Facebook-Profil folgenden Aphorismus des liberalen Intellektuellen:

„Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick. Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte. Man muß die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts.“

Facebook entfernte die Worte mit dem Hinweis, dass der Beitrag gegen die Gemeinschaftsstandards zu Hassrede und Herabwürdigung verstoße. Schwarzrock postete das Zitat daraufhin erneut, was wiederum zur Löschung führte. Zudem wurde er als Nutzer erst drei und dann sieben Tage bei Facebook gesperrt.

Das auch von Putin kopierte Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) der GroKo treibt immer seltsamere Blüten. Dirk Schwarzrock erinnert die aktuelle Netzzensur gar an finstere DDR-Zeiten: „Ich bin über das Verbot des Heine-Zitates entsetzt. 1986 bin ich einst aus dem SED-Regime ausgereist, nachdem ich den NVA-Wehrdienst verweigert hatte und inhaftiert wurde. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass die freie Meinungsäußerung einmal wieder so eingeschränkt werden würde.“ Der 59-jährige Kaufmann hat nun über den „Facebook-Anwalt“ und Achgut.com-Autor Joachim Nikolaus Steinhöfel Klage beim Landgericht Stralsund eingereicht.

„Kritische Begleitung und Intervention“ der Veranstaltung

An der Uni Osnabrück will der AStA einen Vortrag des Althistorikers Egon Flaig zum Thema „Die Grenzen von Machtkonzepten“ verhindern. Auch Flaig gilt als „umstritten“, unter anderem weil er die These vertritt, die europäische Kolonisierung habe in Afrika Versklavung und Völkermorde verhindert, und weil er Mitunterzeichner der „Erklärung 2018“ gegen „illegale Masseneinwanderung“ war. Den Satz „Wer in der Öffentlichkeit das Wort ergreift, muss für seine Worte einstehen - lebenslang“ in Bezug auf die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke durch einen Rechtsextremisten interpretieren Kritiker dahingehend, Flaig habe Lübcke indirekt eine Mitschuld an seiner eigenen Ermordung zugeschrieben. Doch wie die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) berichtet, ist die Anklageliste der Studierendenvertretung noch sehr viel länger.

Laut NOZ steht die Präsidentin der Universität, Prof. Susanne Menzel-Riedel, allerdings zu der Einladung. In einer eigenen Stellungnahme habe sie den Wert der Wissenschaftsfreiheit betont. Da es nicht so aussieht, als ob der Vortrag abgesagt wird, plant der AStA nun eine „kritische Begleitung und Intervention“ der Veranstaltung, was auch immer das heißen mag. (Rumpöbeln unter Einhaltung des Corona-Mindestabstands?)

„Nicht wirklich angenehmes Hörerlebnis“

Aktuell ausgestoßen sind auch Esra Karakaya und Phenix Kühnert, und zwar, weil sie mit dem konservativen Focus-Journalisten Jan Fleischhauer zusammengearbeitet haben. Fleischhauer startete vor zwei Monaten seinen neuen Podcast „Die falschen Fragen“. Die Idee: „Zwei Menschen aus verschiedenen Welten, einer davon bin ich, reden eine halbe Stunde miteinander und schauen, was dabei herauskommt.“

Fleischhauer konnte die junge muslimische Moderatorin Esra Karakaya als Partner gewinnen. Doch nach nicht einmal einem Monat stieg diese bei dem Projekt aus. Karakaya war offenbar auf Instagram und innerhalb ihrer „Community“ stark angefeindet worden, zum Beispiel mit den Worten: „Alleine, dass der ‚Focus‘ dich an Bord genommen hat, sollte jedem zeigen, dass du entweder ein Projekt bist oder eine Marionette.“ Fleischauer lud anschließend die Transfrau und „LGBTQIA+-Aktivistin“ Phenix Kühnert ein, bei dem Podcast mitzumachen. Doch auch diese sprang ab - nach nur einer Folge. Sie habe viel Feedback bekommen, teilte sie in einer E-Mail mit. Viele Hörer aus der queeren Community hätten die Podcast-Folge als „nicht wirklich angenehmes Hörerlebnis“ empfunden. „Ich mache meinen Partnerinnen keinen Vorwurf. Ich weiß nicht, wie ich mich an ihrer Stelle verhalten hätte“, schreibt Fleischhauer. „Es ist ein großer Schritt, sich von den Leuten loszusagen, auf deren Unterstützung man angewiesen ist. Und die Szene kann sehr unnachsichtig sein, wie man sieht.“

Kritischer Journalismus verboten!

Auf Twitter ist der Account von Dr. med. Rüdiger Pötsch, Facharzt für Allgemeinmedizin in Mühldorf am Inn (Oberbayern), gesperrt worden. Pötsch ist ein Kritiker der aktuellen Corona-Einschränkungen und hält die Impfungen gegen Covid-19 für gefährlicher als das Virus. Er vertritt seine medizinischen Einschätzungen unter anderem bei Sitzungen der Stiftung Corona-Ausschuss, bei der auch prominente Lockdown-Kritiker wie Dr. med. Wolfgang Wodarg und Prof. Dr. Sucharit Bhakdi mitwirken.

Ebenfalls zeitweise gesperrt wurde der Twitter-Account des bekannten Journalisten Jason Whitlock. Letzterer ist Afroamerikaner, allerdings aus Sicht woker Kulturkämpfer die „falsche“ Art von Afroamerikaner, weil er konservative Positionen vertritt und sich seit Jahren unter anderem kritisch mit der Black-Lives-Matter-Bewegung (BLM) auseinandersetzt.

Letzte Woche teilte er auf Twitter einen News-Beitrag über die Tatsache, dass die BLM-Mitbegründerin Patrisse Khan-Cullors kürzlich ein Anwesen im Wert von 1,4 Millionen Dollar in Topanga, einem Reichenviertel von Los Angeles, erworben hat. Es ist nicht die erste Luxusimmobilie, die die selbsterklärte Marxistin gekauft hat. Whitlock bemerkte, dass Schwarze nur 1,4 Prozent der Einwohner des Stadtteils ausmachen und kommentierte sarkastisch: „Sie ist bei ihren Leuten.“ Twitter ordnete diesen Tweet als Verstoß gegen seine Richtlinien zur Privatsphäre ein, und teilte mit: „Sie dürfen keine privaten Informationen anderer Personen ohne deren ausdrückliche Genehmigung oder Zustimmung veröffentlichen oder einstellen.“ In anderen Worten: Kritischer Journalismus verboten! (Quelle: Spiked)

Es ist nicht das erste Mal, dass Twitter in eine Debatte über ein Thema von öffentlichem Interesse interveniert, um sie im Sinne der „progressiven“ politischen Präferenzen des CEOs Jack Dorsey zu lenken. Im Herbst letzten Jahres hinderte der Konzern Nutzer daran, einen Beitrag der New York Post über Korruptionsvorwürfe gegen Joe Bidens Sohn Hunter Biden zu teilen. Der Account der New York Post, einem wichtigen konservativen Medium, wurde natürlich auch gesperrt - für zwei Wochen (siehe auch den Achgut.com-Beitrag von Roger Letsch: Twitter und das Lied vom Tod).

„Kant - ein Rassist?“

In Kritik und Selbstkritik übte sich diese Woche Hank Azaria, der jahrelang bei den Simpsons die Figur Apu Nahasapeemapetilon sprach. Der indischstämmige Verkäufer gilt Kritikern als rassistisches Klischee, 2017 erschien sogar eine kritische Doku: „The Problem with Apu.“ Azaria ging das alles offenbar ganz schön nahe, und so entschied der renommierte weiße Schauspieler und Synchronsprecher Anfang dieses Jahres, seine Rolle in der Zeichentrickserie aufzugeben. Vor ein paar Tagen erklärte er in einem Podcast-Interview seine Beweggründe. Er wolle nicht mehr zum „strukturellem Rassismus“ in den USA beitragen. „Ein Teil von mir hat das Gefühl, dass ich zu jeder einzelnen indischen Person in [den USA] gehen und mich persönlich entschuldigen sollte.“

Ein weiterer Ausgestoßener ist der Aufklärungsdenker Immanuel Kant (1724-1805). Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat kürzlich Videoaufzeichnungen einer Reihe von Diskussionsveranstaltungen online gestellt, die im Laufe der letzten Monate unter der Überschrift „Kant - ein Rassist?“ stattgefunden haben. „Die Frage in der Überschrift ist ein rhetorischer Kunstgriff“, konstatiert der emeritierte Philosophieprofessor Michael Wolff, der sich die ganzen Videos angeschaut hat, in der NZZ. „Für die Veranstalter steht die Antwort fest. Es geht um die ‚rassistischen Äußerungen Kants, so steht es im Ankündigungstext.“

Laut Wolff warf der Vortragende Dieter Schönecker Immanuel Kant Rassismus „übelster biologischer Sorte“ vor. Der Philosoph habe zum Beispiel Hautfarbe als „unausbleichlich“ vererbbares Rasse-Merkmal bezeichnet. Kant soll es außerdem für denkbar gehalten haben (also wohlbemerkt ohne eine eigene definitive Aussage zu treffen!), dass Schwarze einen geringeren „Trieb zur Tätigkeit“ haben als Weiße. So hatte sein Zeitgenosse, der Naturforscher Georg Forster, argumentiert, auf den sich Kant in einem eigenen Plädoyer für die Zugehörigkeit aller Menschen zu einer einheitlichen Menschengattung (!) bezog. Aus dem Satz Kants in einer studentischen Vorlesungsnachschrift über Sklavenarbeit „in größter Hitze, die kein Mensch aushalten kann“ habe die Vortragende Pauline Kleingeld geschlossen, dass Kant Sklaven nicht für Menschen gehalten habe. Das klingt für mich alles ziemlich dünn, aber was weiß ich schon …

Schriftsprache ist „homogen, nordeuropäisch, weiß, männlich und elitär“

In Großbritannien stoßen indessen immer mehr Unis Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik aus. Wie die Daily Mail berichtet, hat zum Beispiel die University of Hull kürzlich eine neue Richtlinie eingeführt, wonach Beherrschung der englischen Schriftsprache als „homogen, nordeuropäisch, weiß, männlich und elitär“ betrachtet werden kann. Anstatt an ihrer Rechtschreibung zu arbeiten, sollen Studenten ermutigt werden, „eine authentischere akademische Stimme zu entwickeln, die ihren besonderen Hintergrund oder ihre Eigenschaften hervorhebt, anstatt sie zu verschleiern“.

An der University of the Arts London, einem Verbund von sechs Kunst- und Designhochschulen, wurden Lehrende angewiesen, Studenten ihre Vorstellung von „korrektem Englisch“ nicht aufzuzwingen und „Rechtschreib-, Grammatik- oder andere Sprachfehler, die die Kommunikation nicht wesentlich behindern“ aktiv zu akzeptieren. An der Worcester University wurde das Lehrpersonal instruiert, dass in Fällen, wo Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung nicht „zentral für die Bewertungskriterien“ seien, es fairer wäre, ausschließlich die Ideen der Studenten und ihr Wissen über das Thema in die Beurteilung einfließen zu lassen.

Laut Daily Mail reagieren die Hochschulen mit diesen neuen Richtlinien auf den permanenten Druck des Office of Students, einer Aufsichtsbehörde des britischen Bildungsministeriums. Das Office of Students mahnt immer wieder, dass die Unis „inklusiver“ werden müssten, dass das Leistungsgefälle zwischen weißen Studenten und ethnischen Minderheiten verringert werden muss und dass zu viele Studenten aus ärmeren Familien ihr Studium abbrechen. Welche Studiengänge bereits ihre Standards in Sachen Rechtschreibung und Co. aufgeweicht haben, unterscheidet sich laut Daily Mail von Uni zu Uni. Nun, nach der Meldung, dass Bildungsbehörden im US-Bundesstaat Oregon seit Kurzem mathematische Exaktheit als ein diskriminierendes Symptom „weißer Überlegenheit“ betrachten, wundert einen überhaupt nichts mehr.

 

Mehr vom Autor dieser wöchentlichen Kolumne Kolja Zydatiss zum Thema Meinungsfreiheit und Debattenkultur lesen Sie im Buch „Cancel Culture: Demokratie in Gefahr“ (Solibro Verlag, 20. März 2021). Bestellbar hier. Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten


Autor: AchGut
Bild Quelle: Stefan Brending via Wikimedia


Friday, 16 April 2021

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