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Untergangs-Propheten haben immer Recht

Untergangs-Propheten haben immer Recht


Der Katastrophenprophet triumphiert immer. Wenn die vorausgesagte Katastrophe eintritt: Ich habe Euch gewarnt, aber Ihr wolltet ja nicht hören!

Untergangs-Propheten haben immer Recht

Von Gastautor: Lothar W. Pawliczak

Tritt die Katastrophe nicht ein, klopft er sich selbst auf die Schulter: Weil ich davor gewarnt habe! Manchmal dauert das Selbst-auf- die-Schulter-Klopfen allerdings schon mal ein paar hundert Jährchen. Das macht nix. Propheten zu widersprechen ist riskant. Wer das tut, ist ein Verschwörer, der die Katastrophe herbeiführen will, und wird zu übelsten Höllenstrafen verflucht. Das Verfluchen ist heutzutage zwar aus der Mode gekommen, dafür muß man aber als Andersdenkender sofort mit höllischen Reaktionen im Lande rechnen.

Mit der Corona-Pandemie – nein, ich will nicht darüber streiten, ob es eine ist oder nicht – dürfte nun für jeden klar geworden sein: Mit Katastrophen-Warnungen kann man sehr schön Ängste schüren. Die ausgerechneten Schreckenskurven scheinen Maßnahmen zu begründen, die einer sachlichen Zweckmäßigkeitsüberprüfung nicht standhalten, und obendrein behaupten dann noch die Horrormelder, daß das Desaster wegen ihrer Horrorprognose nicht eingetreten ist.

Warntafeln für die Zukunft

Inzwischen dürfte es sich wohl rumgesprochen haben: „Prognosen sind besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen“. Darüber ist ernsthaft zu reden. Prognosen sind stets nur Extrapolationen vorhandener Trends und es gibt eine „grundsätzliche Unmöglichkeit der Extrapolation des Trend“, speziell im „wirtschaftlichen Fall“ (Joseph A. Schumpeter: Entwicklung, zit. nach Hans Ulrich Esslinger PdF S. 9). Es wird Wachstum prognostiziert,

keine Entwicklung. Prognosen können „Warntafeln“ sein, aufgestellt von echten Optimisten, die den Untergang predigen, damit er nicht eintritt. Prognosen sind fehleranfällig, weil man in die Zukunft, auch in die unmittelbar vor uns liegende, nicht schauen kann. Prognosen können sich auch selbst widerlegen, weil Menschen in Kenntnis der Prognose vielleicht anders handeln als prognostiziert.

Daß die Menschen sich aufgrund einer bestimmten Situation anders verhalten als in der Vergangenheit, daß Neues entsteht, kommt in Prognosen nicht vor. Ralph Brinks, Lehrstuhl für Medizinische Biometrie und Epidemiologie an der Fakultät für Gesundheit in Witten/Herdecke, dazu aktuell: „Das Problem dabei ist aber, dass dauerhaftes exponentielles Wachstum in der Realität praktisch nicht vorkommt und man immer noch andere Variablen berücksichtigen muss, die teilweise noch gar nicht bekannt sind. […] Vor allem aber ist es gut möglich, dass es einen entscheidenden Faktor gibt, den wir noch gar nicht kennen, und der sämtliche Modellierungen in die Irre laufen lässt. […] Wir wissen bei keiner einzigen Verordnung, welchen Nutzen sie hatte“ (“Inzidenzen bis 500”: Darum liegen Corona- Prognosen oft daneben). Allerdings kann das Prognostizierte auch erzeugt werden, etwa indem vom Bundesinnenministerium ausdrücklich Horrorprognosen bestellt werden, die die gewünschte Angst hervorruft und Rufe nach Anti-Katstrophen-Mahnahmen, die man sonst kaum begründen könnte.

Auffällig ist, daß bei diesen inzwischen – dank der Klage von WeLT-Journalisten – bekannt gewordenen katastrophalen Bestrebungen die Frage nach den Auswirkungen des beabsichtigten Lockdowns auf die Gesellschaft insgesamt, auf die Wirtschaft, auf die Bildung, usw. keine Rolle spielte. Es gab anscheinend auch keine Überlegungen, ob es Alternativen zu einem Lockdown geben könnte. Und wieso hat die Regierung keine Anordnung erlassen, die bei den Krankenkassen vorhandenen (!) Daten zu Alter, zu Vorerkrankungen, Arbeitsstelle und Art der Tätigkeit von Corona-Infizierten und -Erkrankten zu erfassen und systematisch auszuwerten, um Infektions- und Erkrankungsrisiko genauer bestimmen zu können und daraus zielgerichtete Maßnahmen abzuleiten?

Prognose-Ersteller als nützliche Idioten

Allerdings muß auch gesagt werden, irgendwelche Häme ist unangebracht: Daß die tatsächlichen Corona-Inzidenzzahlen nach Ostern 2021 nur halb so hoch waren wie vom RKI prognostiziert, ist ja durchaus erfreulich. Warum die Realität so ist, weiß man nicht wirklich. Warum die Prognosen so waren, ist zu vermuten: Weil man weiter Angst verbreiten wollte. Der Fall beweist aber auch: Prognosen sind Extrapolationen eines vergangenen (!) Trends in die Zukunft und sagen nicht wirklich etwas über die Zukunft aus. Sie sagen eher etwas über die Annahmen der Prognostizierenden aus und vor allem über die Politiker, die dem blind folgen oder aufgrund einer vorausgesetzten Agenda handeln, für die die Prognoseer- steller nur nützliche Helfer sind.

Bei etwas längerfristigen Prognosen haben wir es mit einem grundsätzlichen Problem zu tun: Entwicklung ist die Entstehung von Neuem und daher nicht prognostizierbar, denn Neues prognostizieren zu wollen setzt die Absurdität voraus, das Neue wissen zu wollen, bevor es da ist. Die Unterscheidung von Wachstum und Entwicklung durch Joseph A. Schumpeter

(Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung) hat sich noch nicht allgemein durchgesetzt und daher ist vielen Wissenschaftlern und Politikern dieses grundsätzliche Problem unbekannt: Sie glauben wohl wirklich, mit Prognosen in die Zukunft schauen zu können. Auch John Maynard Keynes, dessen Begründung staatlicher Krisenintervention Schumpeter entschieden ablehnte, wies darauf hin, daß Trendprognosen nicht viel wert sind: „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass menschliche Entscheidungen die Zukunft beeinflussen, ob es persönliche, politische oder ökonomische sind. Und diese Entscheidungen sind keine mathematisch berechenbaren Erwartungen, da es keine Grundlage gibt, die solche Berechnungen möglich machen.“ (The General Theory of Employment, Interest and Money) Und ein Journalist wies jüngst darauf hin, daß die Unmöglichkeit der Prognose nicht nur die Zukunft betrifft: „Was die Gegenwart betrifft, tappen wir im Dunkeln, weil wir in Hinsicht darauf immer Anfänger sind.“

Grenzen des Wachstums?

Sind die Prognosen des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums inzwischen in Vergessenheit geraten? Sie sind nicht eingetroffen und die Umweltbewegung antwortet darauf natürlich: Sie sind nicht so nicht eingetroffen, weil der Club of Rome gewarnt hat. Aber man hat garnicht gezielt Maßnahmen ergriffen, um das abzuwenden, was da einst prognostiziert wurde. Man kann dagegen einwenden, daß es keine Grenzen des Wachstums gäbe, denn

„Wachstum zu unterbinden, scheitert an der menschlichen Natur.“

Aber das greift zu kurz. Es geht nicht um Wachstum, sondern um Entwicklung!

„Entdeckungen wie Erfindungen ermöglichen zumeist, mehr oder neue Güter mit weniger Energieeinsatz und auch weniger menschlicher Arbeitskraft herzustellen. Daraus entsteht zusätzliche wirtschaftliche Tätigkeit. Es gibt mehr Arbeitsplätze. Die Produktion steigt, die verfügbare Gütermenge nimmt zu. Langlebige Güter werden genutzt, kurzlebige konsumiert. Mehr Arbeitsplätze, mehr Produktion führen zu mehr Einkommen. Können Menschen über Güter und Einkommen verfügen, verbinden sie das mit dem Begriff Wohlstand. Können Sie über mehr Güter und mehr Einkommen verfügen, nehmen sie das als Wohlstandszunahme wahr.“ (Ebd.) Ignoriert man den Unterschied von Wachstum und Entwicklung, den jeder Botaniker und Zoologe kennt, bleibt nur eine resignierende Frage: „Zu einer bestimmten Zeit sind sie [Pflanzen, Tiere, Menschen – sinngem. Ergänzt LWP] ausgewachsen, dann altern sie und vergehen. Blüht das Schicksal des Pflanzen-, Tier- und Menschenlebens eines sehr fernen Tages auch dem Wirtschaftswachstum? Schwer vorstellbar, aber wir wissen es nicht.“ (Ebd.)

Die Frage nach dem Wert von Zukunftsschau aufgrund von Computerberechnungen, ist schon vor Jahren gestellt worden. Als im April 2010 der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach, schlossen die Behörden für Tage den Luftraum über Europa, ließen Tausende von Flügen streichen oder umleiten. Damals fragte der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, „Heute stoppt die Computersimulation den Flugverkehr, zu Kosten, die täglich in die Hunderte Millionen gehen. Was wird sie morgen tun? Was tut sie jetzt schon, ohne dass wir es ahnen? Und was ist der Preis?“

Heute wissen wir, daß Computersimulationen über die Ausbreitung eines Virus das ganze gesellschaftliche Leben lahmgelegt haben, stellt Jan Fleischhauer im Focus fest. „Die Rechenbeispiele aus dem Computer suggerieren eine Vorhersehbarkeit des Infektionsverlaufs, die der politischen Antwort eine eiserne Rationalität verleiht.“ (Was taugen die Horror- Kurven? Ihre Entscheidungen stützt die Regierung auf erstaunlich unzuverlässige Rechnungen)

Es scheint so, daß die Aufmerksamkeit für Warner umso größer ist, je düsterer ihre Prognose. Und die Horrorpropheten hoffen darauf: „wer immer warnt, hat natürlich auch mal recht“.

 

Vera Lengsfeld, Publizistin, war eine der prominentesten Vertreterinnen der demokratischen Bürgerrechtsbewegung gegen die "DDR"-Diktatur, sie gehörte 15 Jahre dem Deutschen Bundestag als Abgeordnete der CDU an. Sie publiziert u.a. in der Achse des Guten und in der Jüdischen Rundschau.


Autor: Vera Lengsfeld
Bild Quelle: Kristin Appelbaum, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons


Donnerstag, 06 Mai 2021

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