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Der Nazi am Fenster

Der Nazi am Fenster


„Knoipper“ – wie er sich selbst nennt – versteht die (linke) Welt nicht mehr: Da hatte er für die Revolutionäre 1.-Mai-Demo, die unter seiner Wohnung an der Sonnenallee vorbeizog, extra ein Punklied mit dem Titel „Nazis raus“ auf laut gestellt.

Der Nazi am Fenster

Von Oliver Zimski

Zudem kleben an seiner Wohnungstür jede Menge Aufkleber der „Partei“ sowie der Slogan „FCK AFD“, um zu zeigen, dass er zu den „Guten“ gehört und „Antirassist“ ist – doch das nützte ihm alles nichts. Kaum tauchte er über den vorbeimarschierenden Demonstranten am geöffneten Fenster auf, ertönten schon die ersten „Nazi!“-Schreie, streckten Menschen, die ihn noch nie gesehen hatten, Stinkefinger zu ihm empor und begannen, Gegenstände nach ihm zu werfen.

„Knoipper“ lehnte sich empört hinaus, machte den „Scheibenwischer“ und rief „Ich bin doch kein Nazi“, nicht ahnend, dass ihn eine solche Beteuerung in den Augen der Antifa noch verdächtiger machen würde, denn das behaupten sie ja alle: die AfD-Wähler, die Querdenker, all die anderen alten biodeutschen Kartoffeln oder auch diese präfaschistischen Künstler, die die „Schäbigkeit“ besaßen, mit ihren zynischen Videos die Pandemiepolitik der Bundeskanzlerin zu kritisieren. Kurz darauf ging unter lautem Beifallsgejohle „Knoippers“ Fensterscheibe zu Bruch, und erschrocken zog er sich ins Innere seiner Wohnung zurück.

Ekelhaft, im Video zu sehen, wie sich dieselben „Revolutionäre“, die sich in ihrem Demo-Aufruf – einer Mischung aus mumifiziertem kommunistischem Pathos („Zu lange wurden unsere Körper und unsere Existenzen kriminalisiert, um den Ausbeutungsapparat des Kapitalismus durch immer wieder neue Formen des Imperialismus aufrecht zu erhalten“), Anbiederung an migrantische Communities („Yallah, Klassenkampf!“) und Gender-Konventionen („Laden wir alle Passant*innen ein, sich in unsere Reihen einzufinden!“) – in der imaginierten Opferrolle suhlen, zum blindwütigen Mob werden, wenn sie vermeintlich Andersdenkenden begegnen.

Offensichtlicher Fall von „Friendly Fire“

Wie bei denselben Leuten, die sich untereinander vor lauter „Woken“-heit bis zum Geht-nicht-mehr ausdifferenzieren, plötzlich „Diversity“ überhaupt keine Rolle mehr spielt und der Reiz „Weißer Mann mit Glatze“ reicht, um blitzartig Hassgefühle und Tötungsreflexe zu aktivieren – denn um nichts anderes geht es, wenn man aus wenigen Metern Abstand Flaschen und Steine auf einen Wehrlosen schleudert.

Dieser offensichtliche Fall von „Friendly Fire“ wurde auch von „Spiegel“ und Tagesspiegel“ aufgegriffen, unter dem Tenor „Er ist doch Antirassist und kein Nazi!“, während auf Twitter eine Diskussion darüber einsetzte, ob der Mann die Attacke nicht vielleicht doch verdient habe, da auf seiner Facebookseite nicht nur das Hakenkreuz, sondern auch Hammer und Sichel durchgestrichen seien: „Es wäre im Sinne der journalistischen Sorgfaltspflicht des TS (Tagesspiegel) gewesen, hier genauer hinzuschauen.“

Unstrittig scheint sowohl für die berichtenden Journalisten als auch für die meisten Twitterer zu sein, dass ein tatsächlich „Rechter“ sich keineswegs beklagen dürfte, wenn er tätlich angegriffen würde – wobei die Definitionsmacht für „rechts“ natürlich stets bei den Angreifern liegt.

Das Berliner Ritual der gewalttätigen Ausschreitungen rund um den 1. Mai gibt es seit 1987, als in Kreuzberg, ausgehend von einem linken Straßenfest, unerwarteterweise schwere Krawalle ausbrachen, die mit Plünderungen und Brandstiftungen einhergingen. Wer seitdem an einem beliebigen 1. Mai dort mal persönlich vor Ort war, kennt den Ablauf. Immer fängt es „bunt, fröhlich, vielfältig und friedlich“ an, und immer endet es in Gewalt, Zerstörung und allgemeinem Katzenjammer. Der politische Anspruch ist nur Fassade. Stets liegt schon ab dem Nachmittag zwischen Görlitzer Bahnhof und Hermannplatz eine gespannte Erwartungshaltung in der Luft, füllen sich die Straßencafes mit Schaulustigen, wird allseits ordentlich mit Alkohol vorgeglüht für die eigentliche „Party“ am Abend.

Pünktlich nach Anbruch der Dämmerung fliegen dann die ersten Steine und werden die ersten Barrikaden angezündet, als Auftakt für stundenlange Scharmützel mit der Polizei. So läuft es in jedem Jahr, mal mehr, mal weniger schlimm. Weder gutgemeinte Appelle linker Politiker noch sozialpädagogische Einhegungskonzepte konnten das verhindern. Kein Wunder, bietet doch das beliebte Ritual einem Großteil der Teilnehmenden, von denen viele sogar extra von auswärts anreisen, eine willkommene Gelegenheit, politisch korrekt (gegen „Bullen“ und „System“) die Sau herauszulassen.

Wenn es dunkel wird, kommen die Werwölfe

Sobald es dunkel wird, verwandeln sich dann betont „achtsame“ Soziologie-Studierende, die sonst jedes Wort auf die Goldwaage legen, in harte Straßenkampf-Werwölfe. Wenigstens einmal im Jahr „Revolution“ spielen, sich selbst und die eigenen Emotionen spüren, sich heiser schreien, gemeinsam mit Gleichgesinnten: „Ganz Berlin hasst die Polizei!“ Einmal im Jahr den ganzen aufgestauten Frust herauslassen darüber, dass man keinen Plan hat in seinem Leben, dass man auch mit Ende zwanzig immer noch auf die Eltern-Unterstützung aus dem westdeutschen Provinzkaff angewiesen ist, aus dem man leider stammt. Die Wohlstands-Kids von 2021 spielen in teuren Markenklamotten die echten „Riots“ von 1987 nach. Werden sie blöderweise beim Steinewerfen erwischt, flüchten sie sich sofort zurück in ihre Opferrolle, jammern über „Polizeigewalt“ und „Kriminalisierung“.

Lächerlich und zum fremdschämen wäre das, würde nicht wie in der obigen Szene das menschenverachtende Potenzial aufscheinen, das diesen Leuten innewohnt, wenn sie in der Masse auftreten. Was unterscheidet eigentlich den linksextremen Mob, der Steine schmeißt, Barrikaden und Autos anzündet sowie „Nazis“ jagt, von dem Mob, der 1938 durch deutsche Innenstädte zog, die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte einwarf und deren Inhaber verprügelte oder umbrachte? Oder von dem Mob rechtschaffener Bürger, die mit Fackeln durch mittelalterliche Gassen zogen, um Hexen zu jagen und anschließend auf dem Marktplatz zu verbrennen? Die Frage ist ernst gemeint. Auch die Teilnehmer solcher früheren Mobs waren überzeugt davon, „gut“ zu sein und gegen das „Böse“ zu kämpfen. Und nur die wenigsten von ihnen waren aktive Täter, die meisten dagegen sensationslüsterne Mitläufer, Gaffer, Johler und Stinkefinger-Zeiger – beiderlei Geschlechts.

Der moderne linke Diskurs ist geprägt von der Identitätspolitik, setzt daher – auch mangels intellektueller Potenz – nicht mehr auf Analyse von Machtverhältnissen oder Systemstrukturen, sondern spaltet die Gesellschaft auf, filetiert sie anhand von Kollektivmerkmalen wie Hautfarbe, Gender/Geschlecht oder Religion. Das bekam nicht nur „Knoipper“ zu spüren, sondern kürzlich auch Hasnain Kazim, Ex-Spiegel-Korrespondent und ehemaliger Bundeswehroffizier. Kazim, groß im Austeilen ressentimentgeladener Verbalattacken zum Beispiel gegen „Ostdeutsche“ oder Spätaussiedler, aber auch mit Nehmerqualitäten, was derbe Kritik und Hassmails gegen ihn selbst betrifft, klagte kürzlich auf Twitter:

„In Debatten über das Thema Rassismus bekomme ich in diesen Tagen und Wochen immer häufiger zu hören, ich hätte überhaupt nichts zu melden, schließlich sei ich ein „Token“, „äußerlich PoC, aber innerlich weiß“, und was mich wirklich nachdenklich stimmt, ist, dass mir Leute vorwerfen, ich sei mit einer Weißen verheiratet und könne daher nicht die „Perspektive eines PoC“ einnehmen. Auch wurde mir zuletzt ernsthaft vorgehalten, ich sei nur „hellbraun“, also nicht dunkel genug, um über Rassismus sprechen zu dürfen. […] Ticken diese Leute noch ganz sauber?“

Eine sehr berechtigte Frage. Und gut, dass jemand wie Kazim ins Nachdenken kommt (leider erst, wenn er selbst von Ausgrenzung betroffen ist – „Token“ soll heißen: Alibi-Migrant, Kollaborateur, Verräter). Denn wer beginnt, über sich selbst zu reflektieren und eingefahrene Standpunkte infrage zu stellen, wird zum Individuum, wird menschlich. Wer dagegen mit dem Mob (jedweder Couleur) brüllt und marschiert, entmenschlicht sich.

Wer Menschen als „Nazis“ abstempelt, die sich gegen die Euro-, Energie-, Migrations- oder jetzt auch Coronapolitik der Bundesregierung unter Angela Merkel positioniert haben, weil er für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ihnen zu faul oder zu beschränkt ist, leistet dem gewalttätigen Mob Vorschub. Auch hier werden aus Worten Taten. Ganz abgesehen davon, dass das geistlose Einprügeln mit der Nazi-Keule auf Andersdenkende die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlost und das Andenken an deren Opfer entwürdigt.

Die stets unschuldig wirkenden sozialistischen Verheißungen

Das Defizit der Linken an Selbstreflexion und echter Selbstkritik schreit mittlerweile zum Himmel. Was auch daran liegt, dass ihr der Mut fehlt, das eigene desaströse Scheitern zu analysieren. 70 Jahre Sowjetunion mit Millionen Opfern des Stalinismus, 40 Jahre Völkergefängnis in Mittel- und Osteuropa sowie die zweite Diktatur auf deutschem Boden mit Unterdrückung und Misswirtschaft wurden großenteils verdrängt und tabuisiert, die Lehren daraus nicht gezogen. Eine politisch nur einseitig informierte Jugend muss ja den Eindruck gewinnen, die seit 80 Jahren nicht aussterben wollenden Nazis und andere „Rechte“ seien die einzige Bedrohung unserer Demokratie. So fällt jede junge Generation aufs Neue herein auf die stets unschuldig und frisch wirkenden sozialistischen Verheißungen.

Ein erfolgreiches Antidot ist immer noch das autobiographische Jahrhundertwerk „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ von Wolfgang Leonhardt. Es beschreibt die allmähliche Desillusionierung eines jungen kommunistischen Emigranten, der 1945 aus Moskau nach Deutschland zurückkehrte, um beim Aufbau des Sozialismus zu helfen. All das, was bei dessen deutschen Fans bis heute nahezu ungebrochen und unbewältigt wirksam ist, bezeugt Leonhardt aus eigener Anschauung: Lüge und Täuschung als Wesenselemente kommunistischen Machtstrebens, die Versuche, Geschichte im eigenen Sinne zu verfälschen, die Bestrebungen, Andersdenkende einzuschüchtern und auszugrenzen, um sie nach ihrer physischen Liquidierung schließlich sogar von Fotos und aus Büchern wegzuretuschieren, als hätten sie nie existiert – alles im Namen von „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“, für das „Wohl der Menschheit“ und das zukünftige kommunistische Paradies auf Erden. „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“, zitiert Leonhardt seinen Chef Walter Ulbricht.

Die Lektüre dieses Buches wäre auch den Teilnehmern der Revolutionären 1.-Mai-Demo zu wünschen. Damit sie aufhören, hinter fremden Fenstern krampfhaft nach „Nazis“ zu suchen. Und endlich einmal in den eigenen Spiegel schauen.

 

Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten


Autor: AchGut
Bild Quelle: Leonhard Lenz, CC0, via Wikimedia Commons


Freitag, 07 Mai 2021

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Deutschland - Freitag, 11 Juni 2021

Intensivbettenschwindel nun offiziell bestätigt

Die Angaben zu den Intensivbetten-Kapazitäten sind manipuliert. „Erst bekamen die Krankenhäuser Geld vom Staat für frei- und vorgehaltene Betten, jetzt gibt es Geld für höhere Auslastungsquoten, was das Meldeverhalten vieler Krankenhäuser bzgl. betreibbarer Betten nachweislich verändert hat, also nichts über das reale Vorhandensein von Betten aussagt“, schrieb Thomas Maul am 27.04.2021.
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