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Tagebuch einer Hinrichtung (2)

Tagebuch einer Hinrichtung (2)


Zwei Wochen lang führte der Tagesspiegel mit einer ganzen Armee an Redakteuren und zusätzlichen Hilfstruppen eine bisher in diesem Blatt noch nicht erlebte Kampagne gegen die Schauspieler, die sich an der Aktion „allesdichtmachen“ beteiligt hatten.

Tagebuch einer Hinrichtung (2)

Von Oliver Zimski

Sie glich einem Schauprozess, in dem Journalisten gleichzeitig Ermittler, Staatsanwälte und Richter spielten, wobei das Urteil allerdings von vornherein feststand. Hier der zweite Teil dieser unsäglichen Tagesspiegel-Affäre.

Ein weiterer Beitrag, für den Joachim Huber, Ressortchef Medien des Tagesspiegel, verantwortlich zeichnete, kreiste um die „Enthüllung“, der Schauspieler Volker Bruch habe einen Beitrittsantrag zu der neuen Partei „Die Basis“ gestellt. Offenbar hatte der Journalist zuvor die Produktionsfirma des Schauspielers „ARD Degeto“ mit dieser Nachricht konfrontiert und um Stellungnahme gebeten. Als die ihn abblitzen ließ („Wir kommentieren politische Aktivitäten und Haltungen nicht, solange sie nicht gegen geltende Gesetzgebung verstoßen“), untertitelte der Journalist seinen Artikel mit „Der Schauspieler Volker Bruch […] will Mitglied der Querdenker-Partei „Die Basis“ werden. Die ARD Degeto nimmt das hin“, als habe er aufgrund der Anfrage, mit der er dem Auftraggeber des Schauspielers dessen Parteipräferenz mitteilte, selbstverständlich negative Sanktionen für diesen erwarten dürfen.

Hubers Artikel endete mit einem schier unfassbaren Satz: „Ob er [Bruch] mit seiner Rolle, der Figur des Gereon Rath, der in den Romanen von Volker Kutscher und in der Serie alles andere als ein Anhänger des Rechtsextremismus und als Freund der erstarkenden NSDAP auftritt, ein Problem hat, ist nicht bekannt.“ Üble Nachrede nach dem Motto: Wirf mit Dreck nach jemandem und hoffe, dass irgendetwas an ihm kleben bleibt. Offenbar nach massiven Leserprotesten wurde anderntags auch diese Mutmaßung gestrichen und die Veränderung folgendermaßen kommentiert: „In einer vorherigen Version konnte der Eindruck entstehen, dass die Partei ‚Die Basis‘ und Volker Bruch rechtsextremes Gedankengut hegen. Das war nicht unsere Absicht. Wir haben den Artikel entsprechend korrigiert.“

Auf dem Höhepunkt der Kampagne mussten somit mehrere Artikel hintereinander mit einem entsprechenden Disclaimer versehen werden, seitdem kursieren unterschiedliche Versionen von ihnen. Nach diesem journalistischen Desaster brach am 6.5. die Berichterstattung des Tagesspiegels über „allesdichtmachen“ schlagartig ab. Offenbar dämmerte den Verantwortlichen, dass sie sich vergaloppiert hatten, und sie beschlossen, sich vorerst wegzuducken.

Mittlerweile waren auch andere Medien aufmerksam geworden. Vera Lengsfeld wies darauf hin, dass das Foto einer Demonstrantin, das den „antidemokratischen“ Artikel illustrieren sollte, mit dem Untertitel „Eine Maskenverweigerin […] auf einer Querdenker-Demonstration“ versehen war, obwohl die Frau vorschriftsmäßig eine FFP-2-Maske trug und wertete dies als Symptom für die Haltlosigkeit der gegen die Schauspieler erhobenen Vorwürfe. In einem langen „Welt“-Beitrag bezeichnete Mladen Gladic das „Recherchenetzwerk Antischwurbler“, das den Journalisten zugearbeitet hatte, als „Internet-Antifa“ und listete zahlreiche Recherchemängel des Tagesspiegel auf.

Die Fehlschaltung

Schaut man sich die öffentlichen Twitterprofile der die Kampagne führenden Journalisten an, fällt eine frappierende Homogenität auf. Leber, Soltau, Huber und Friends twittern überwiegend zu Themen wie Antirassismus, rechte Gewalt, rechte Coronaleugner, Blackfacing, rechter Hass im Netz, Neonazis, rechte Verschwörungstheorien oder rechte Buchhändlerinnen. Sie verlinken auf Jan Böhmermann und retweeten immer wieder auch Beiträge von Matthias Meisner, dem allergrößten „Kämpfer gegen rechts“ beim Tagesspiegel. Die schwere Schlagseite hin zum linken politischen Aktivismus ist unübersehbar. Insofern scheint die Kampagne, die sie gegen „allesdichtmachen“ gefahren haben, mehr über sie selbst auszusagen als über die Schauspieler, die sie zu diskreditieren versuchten.

Mladen Gladic bezeichnete das Phänomen, dass die meisten Medien, insbesondere der Tagesspiegel, die inhaltlichen Anliegen der Schauspieler ignorierten und sich stattdessen breit auf den „Beifall von der falschen Seite“ konzentrierten, als „Kurzschluss“. Doch das ist nicht das richtige Bild. Bei einem Kurzschluss fliegen die Sicherungen heraus, und das Licht geht aus. Im Fall der Kampagnen-Journalisten des Tagesspiegel liegt hingegen eine grundsätzliche Fehlschaltung vor, die in ihrer einseitigen Fixierung auf den „Kampf gegen rechts“ und den von ihnen verinnerlichten identitätspolitischen Leitsätzen „Rechten darf man keine Bühne bieten“ und „Wer mit Rechten auch nur diskutiert, ist selbst einer“ besteht.

Sie begreifen nicht, dass sie sich damit Themen und Standpunkte von außen diktieren und beschneiden lassen. Da – um im Bild zu bleiben – die Wände um sie herum unter Strom stehen und sie jedes Mal einen Schlag bekommen, wenn sie sie nur antippen und sie sich daher auch nicht trauen, den Raum zu wechseln, schmoren sie nur im eigenen Saft. Neugier, Erkenntnisinteresse, ergebnisoffene Recherche, kritische Überprüfung eigener Vorurteile, Abkehr von Irrwegen durch in der Realität erfahrene Lektionen – alles Fehlanzeige.

Wer enge ideologische Scheuklappen trägt und ein dichotomisches Weltbild (schwarz-weiß, rechts-links, rassistisch-divers, böse-gut) pflegt, kann die vielfältige, in sich widersprüchliche und in tausend Zwischentönen schillernde Realität nicht wahrnehmen und ist auch nicht imstande, in ihr verborgen liegende Ursachen zu erkennen, etwa für den Aufstieg der AfD: Versäumnisse anderer Parteien, die wichtige Politikfelder geräumt haben, aus Angst, die engen Grenzen der politischen Korrektheit zu verletzen, die überbordende EU-Bürokratie, gesellschaftliche Verwerfungen, begründete Ängste von Globalisierungsverlierern und nicht zuletzt Medien, die ihre Aufgabe nicht mehr in der Beschreibung der Wirklichkeit, sondern in der Wacht an den „Grenzen des Sagbaren“ sehen.

Ein journalistisches Netzwerk mit politischer Agenda

Die Kampagnen-Truppe des Tagesspiegel wirkt wie eine verschworene Gemeinschaft, die untereinander völlig einig ist. Daher kommt zu den eingangs vermuteten drei Gründen für die Kampagne noch ein psychologisches Moment hinzu: der Mechanismus der Projektion. Dieses journalistische Netzwerk, das es mit seiner offenkundigen politischen Agenda geschafft hat, die Meinungsführerschaft im ehemaligen bürgerlich-liberalen Flaggschiff der Berliner Presse zu übernehmen, projiziert die eigenen Absichten und Machtstrategien auf ein erfolgreiches „Konkurrenzprojekt“ von Künstlern. „Netzwerker sehen überall Netzwerker“, wie Gladic es ausdrückt. Dass die betroffenen Künstler aus eigenem Antrieb und eigener Betroffenheit gehandelt haben könnten, ohne finstere „rechte“ Netzwerke im Hintergrund, liegt außerhalb des Vorstellungsvermögens dieser Journalisten.

Am 9.5. tat die „Welt“, wozu der Tagesspiegel nach mehr als zwei Wochen Schauprozess nicht die Größe hatte, was aber essenzieller Bestandteil jedes ordentlichen Gerichtsverfahrens ist und bis dato auch den zu den journalistischen Standards gehörte: Sie ließ die Beschuldigten selbst zu Wort kommen. Dem Blatt, das die Kampagne initiiert hatte, blieb am selben Tag nur, in dürren Sätzen über das „Welt“-Interview mit Volker Bruch und seinen Kollegen zu berichten.

Die Tagesspiegel-Kampagne gegen die Initiatoren des Projekts „allesdichtmachen“ war hochgradig unfair und demagogisch und hat im Nachhinein die von Jan Josef Liefers geäußerte Kritik an einseitiger Medienberichterstattung eindrucksvoll bestätigt. Sie war zudem antidemokratisch, weil die sie führenden Journalisten sich anmaßen zu entscheiden, „straffrei“ äußern dürfe sich nur, wer den „seriösen Diskurs“ nicht durch „falsche Narrative“ vergifte. Und mit „Neurechten“ – also Andersdenkenden, denen sie keinen direkten Nazi-Bezug andichten können – rede man grundsätzlich nicht. Wer so tickt, kann mit Meinungsfreiheit nichts anfangen.

„Rerum cognoscere causas“ – die Ursachen der Dinge erkennen, lautet immer noch der Wahlspruch des Berliner Tagesspiegels. Mit einem Personal, das sich zu solchen Kampagnen hinreißen lässt, wird er seinem traditionellen Anspruch nicht länger gerecht werden können.

Teil 1 dieses Beitrages finden Sie hier.

Redaktioneller Nachtrag 1: Gestern Abend reagierte der Tagesspiegel mit einem Live-Podcast auf die massiven Leserproteste in der in diesem Achgut.com Zweiteiler behandelten Causa, den Sie hier anschauen können. Der bemerkenswerte Verlauf der Diskussion zeigte einen (nur kurzzeitig zugeschalteten) Harald Martenstein, der seine Kollegen unmissverständlich darauf hinwies, wie Journalismus funktioniert – und dass diese Standards hier eklatant verletzt wurden. Die Performance der beiden anwesenden Tagesspiegel-Redakteure – einer davon Joachim Huber – beurteilen die Zuschauer am besten selbst. Dem ebenfalls anwesenden Arzt, Publizisten und Unternehmer Paul Brandenburg, der damit auch einmal selbst zu Wort kommen durfte, hatten sie – höflich ausgedrückt – nichts Überzeugendes entgegenzusetzen. Achgut.com wird über diese Diskussion noch einmal separat berichten.

Redaktioneller Nachtrag 2: Auch Die Welt berichtete gestern abend: Der „Tagesspiegel“ entschuldigt sich für „handwerkliche Fehler“. Letztendlich gibt man beim Tagesspiegel ein journalistisches Desaster zu. Zitat aus Die Welt:

 Der „Tagesspiegel“ hat seine Berichterstattung über die Aktion #allesdichtmachen einer kritischen Bewertung unterzogen. Dabei kam heraus, dass bei einer Recherche „handwerkliche Fehler“ unterlaufen seien...So habe man den Mediziner Paul Brandenburg zu einer der zentralen Personen des vermeintlichen Netzwerks gemacht. Dazu schreiben die Chefredakteure jetzt: „Paul Brandenburg ist mehrfach in alternativen Medien aufgetreten, die auch Verbindungen zur Querdenker-Szene haben. Wir haben ihn mit Äußerungen aus diesen Auftritten zitiert und diese als ,antidemokratisch‘ bezeichnet. Dieser Begriff ist durch Brandenburgs Äußerungen nicht gedeckt. Online haben wir das korrigiert. Zudem haben wir Paul Brandenburg vor der Publikation nicht um eine Stellungnahme gebeten – eigentlich ein journalistisches Muss.“

 

Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten


Autor: AchGut
Bild Quelle: © ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier/


Mittwoch, 12 Mai 2021

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Deutschland - Freitag, 11 Juni 2021

Intensivbettenschwindel nun offiziell bestätigt

Die Angaben zu den Intensivbetten-Kapazitäten sind manipuliert. „Erst bekamen die Krankenhäuser Geld vom Staat für frei- und vorgehaltene Betten, jetzt gibt es Geld für höhere Auslastungsquoten, was das Meldeverhalten vieler Krankenhäuser bzgl. betreibbarer Betten nachweislich verändert hat, also nichts über das reale Vorhandensein von Betten aussagt“, schrieb Thomas Maul am 27.04.2021.
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