weitere Artikel

Strom aus Hühnchen

Strom aus Hühnchen


Annalena Charlotte Alma Baerbock, kurz A.C.A.B., zählt zu den begabtesten Nachwuchskräften der deutschen Politik.

Strom aus Hühnchen

Von Robert von Loewenstern

Nach Schnellkursen in Völkerball und Quotenphysik gelangen ihr innerhalb kürzester Zeit spektakuläre Entwicklungen auf den Feldern Energiewirtschaft und Spannungsabfall. Baerbocks Beitrag zur Koboldforschung gilt als bahnbrechend, genau wie ihre Lösung des Stromspeicherproblems.

Beide Innovationen haben wir auf der Achse ausführlich gewürdigt. Außerdem erkannten wir bereits vor Jahren - womöglich als Erste - das Potenzial des Ausnahmetalents und erklärten in einem Achgut-Dossier über grünes Stromverständnis: „Zu dieser Wahrheit gehört auch, dass die Visionärin Annalena unbestreitbar Kanzlerinnenformat hat. Mal abgesehen von der Stimme, die als natürliches Spermizid wirkt, was schlecht für die Geburtenrate ist.“

Seitdem die Co-Vorsitzende der Grünen zur Kanzlerkandidatin ihrer Partei gekürt ist, schlägt ihr „unerträglicher Hass“ entgegen. Sogar ihre wissenschaftlichen Leistungen werden angezweifelt und aufs Übelste diffamiert - etwa mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten: „Deswegen fungiert das Netz als Speicher. Und das ist alles ausgerechnet.“

Auf den Kontext kommt es an

Zusammenhang heißt auf Intellektuell Kontext, und der ist wichtig. Beispiel Robert Habeck. Der Mitvorsitzende Baerbocks schrieb vor einiger Zeit - und zwar „in vollem Bewusstsein“ -, dass ihm Deutschland am Rektum vorbeigehe: „Ich schreibe das in vollem Bewusstsein, dass ich Widerspruch provozieren werde. Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“

Mit Hlfe von Kontext bewies die „taz“, das Fachmagazin für junge Literatur, überzeugend, dass Habeck in vollem Bewusstsein genau das Gegenteil von dem geschrieben hatte, was er geschrieben hatte. In Wahrheit ist der grüne Philosoph nämlich ein glühender Patriot und muss gar nicht brechen, wenn er an sein Vater- beziehungsweise Mütter*innenland denkt. Wie gesagt, auf den Kontext kommt es an.

Solchen Kontext lieferte jetzt auch Annalena Baerbock zu ihrer Aussage, „das Netz“ fungiere als Speicher. Investigativjournalistin Sandra Maischberger gab der Anwärterin auf den bundesdeutschen Thron die Gelegenheit, ihre in drei Jahren gereiften Vorstellungen von grüner Stromaufbewahrung zu präzisieren.

„Die Frage Energie und dass ja nicht immer die Sonne scheint und so“

Aus nicht nachvollziehbaren Gründen erkannte keines der etablierten Leitmedien die Bedeutung der Baerbock-Ausführungen für die energetische Zukunft Deutschlands. Achgut dokumentiert deshalb exklusiv in Schriftform den gesamten Text. Das gesprochene Wort finden Interessierte hier (ab Min. 16:13).

Maischberger: „Sie sagen, der Speicher ist im Netz. Wo denn?“

Baerbock: „Nein, auch da würde ich gerne, wenn man schon mal so ne Sendung hat, einiges klarstellen. Ich hab in den letzten vier Wochen, seitdem ich Kanzlerkandidatin bin, Heftigstes erlebt. Ich hab auch eigene Fehler gemacht, das, äh, daraus lernt man, dazu muss man stehen, aber was ich schon krass finde, ist diese Art von Shitstorm, wo über Fake News - wir kennen das aus den USA - Dinge behauptet werden. Und das Argument, was Sie jetzt vorbringen, der Speicher ist am Netz, das kenn ich schon seit drei Jahren, von der AfD sehr, sehr deutlich betrieben. Ich habe bei einer Deutschlandfunk-Sendung im Radio, als es über die Frage Energie und dass ja nicht immer die Sonne scheint und so, äh, gesagt, dass natürlich in Zukunft der gesamte Energiemarkt, das gesamte Energiemarkt-Design neu gedacht werden muss.“

„Da gibt es nicht mehr Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke, die laufen durch, sondern wir haben volatile Energie, das heißt, Wind ist nur, wenn Wind weht, logischerweise, und Sonne ist nur, wenn die Sonne scheint, wir haben Grundlast durch Biomasse, und wir haben, und das ist neu, äh, das ist auch interessant für Start-ups und Unternehmen, zum Beispiel Rechenzentren, große Supermärkte, die dann als Energieerzeuger in den Markt reinkommen.“

„Diejenigen, die sich klugerweise erfunden haben“

„Und wenn eine Kühlung, zum Beispiel, bei einem riesengroßen, äh, Produzenten von minus 22 Grad in Zukunft dann auf 20 Grad, minus 20 Grad runterkühlt, dann ist das Hühnchen immer noch kalt, aber wir können an der Grundlast das Netz, und das war mein Punkt, so stabilisieren, dass sich im Netz die unterschiedlichen Akteure ausgleichen. Verkürzt: Ja, das Netz wird in Zukunft - [wendet sich an Investor Frank Thelen] Sie verdrehen die Augen, aber so isses -, in Zukunft wird das Netz eine Rolle auch bei der Speicherung spielen. Und weil Sie Speicher auch angesprochen haben, gerne …“

Maischberger unterbricht: „Mhm, ich halte, ich halte mal ganz kurz fest: Es gibt diese Speicher, die das so, so wie das klingt, die gibt es noch nicht, das ist ja der Punkt gewesen von Herrn Thelen. Es gibt …“ - Baerbock: „Ja, aber das hab ich auch nie behauptet …“ - Maischberger: „Ja, so klang das eben, dieses Zitat, das heißt also …“ - Thelen: „Aber in Ihrem Parteiprogramm …“

Baerbock: „Na ja, im Parteiprogramm, also, wir können da gerne auch noch mal Satz für Satz durchgehen, da geht’s genau um den Punkt, äh, dass das Energiemarkt-Design neu reguliert werden muss. Wenn wir über Speicher reden, da gibt’s, natürlich gibt es Speicher, ich war bei zig Firmen, die die herstellen. Das Problem ist gerade, dass - und das ist politisch gewollt, von den Parteien, die derzeit regieren, [dreht sich zu Thelen] Sie sind aber ein Fan auch der FDP - die sagen im Prinzip, über Steuern reden wir gar nicht. Es gibt ’ne Doppelbelastung von Speichern. Das Problem ist da ja derzeit, diejenigen, die sich klugerweise erfunden haben, wir speichern Strom.“

Gedankengrütze, Hirnmatsch, Wortsalat

„Wenn der Strom einmal in Speicher reingeht, zahlt er alle Abgaben und Steuern, und wenn er wieder rausgeht, zahlt er das auch. Das ist unwirtschaftlich! Kein logisch denkendes Unternehmen sagt, damit kann ich den Markt generieren. Das heißt, wir müssen an diesem Punkt einfach die Gesetzgebung ändern, und die ist nicht durch Zufall da, sondern die ist bewusst da, damit Speicher derzeit nicht wettbewerbsfähig sind, um alte, fossile Kraftwerke zu sichern. Und das müssen wir ändern, und das steht - sehr knapp, aber auf den Punkt - auch in unserem Wahlprogramm.“

So weit die vollständig verschrifteten Ausführungen der grünen Kanzlerkandidatin zur Stromspeicherung. Naturwissenschaftlich unzureichend Vorgebildete könnten an dieser Stelle auf die Idee kommen, es handle sich hierbei um das Phänomenalste an Gedankengrütze, Hirnmatsch und Wortsalat, was jemals seit Erfindung der Bundesrepublik aus einer führenden Blitzbirne herausperlte. Inklusive aller Absonderungen von Hair Force One Steinmeier und des sprechenden Kleiderbügels, der das Auswärtige Amt besetzt.

Das ist natürlich Unsinn. Die künftige Lenkerin Deutschlands ist - genau wie die aktuelle - sehr schnell im Kopf. Zu schnell für die meisten Beobachter, wie auch die Rezensionen der Maischberger-Sendung beweisen.

„Inhaltlich gut vorbereitet“

Die „Süddeutsche“, anerkannte Vorreiterin kompetenzfreier Berichterstattung, sparte sich Eigenarbeit und gab ein weitgehend inhaltsleeres dpa-Stück mit Aussagen zu grünem Weihnachtsgeld wieder, genau wie die „Zeit“. Auch die Grünen-Wahlkampfhelfer vom „Spiegel“ waren mit Baerbocks Speicherideen überfordert und beschränkten sich auf den Themenblock Waffenexporte.

Die „FAZ“ zeigte sich begeistert. Der „wahrscheinlich vor der Sendung mit heißem Herzen und dem Textmarker bewaffnete“ Frank Thelen „scheiterte“ nämlich „auf ganzer Linie“, dichtete Frank Lübberding. „Denn Baerbock zeigte sich inhaltlich so gut vorbereitet, dass Thelen ihr am Ende sogar zustimmen musste.“ Worin genau die inhaltliche Vorbereitung Baerbocks bestand, ließ der „FAZ“-Schwärmer allerdings offen.

Die „Welt“ krittelte: „Baerbock regte sich vor allem über Thelens Einwand auf, dass sie behauptet hätte, man könne Energie im Netz speichern, was technisch noch gar nicht möglich sei. ,Diesen Vorwurf kenne ich schon seit drei Jahren von der AfD‘, konterte Baerbock und skizzierte umständlich ein Zukunftsszenario, in dem auch das Netz bei der Speicherung von Energie eine Rolle spielen könnte. Jedoch wirkten weder Thelen noch Maischberger anschließend überzeugt.“ Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Annalena Baerbocks revolutionären Thesen fand nicht statt.

Energiefresser werden Energieerzeuger

Gehen wir deshalb hier die zentralen Punkte der Baerbockschen Ausführungen durch. Konzentrieren wir uns dabei auf das Wesentliche. Offen bleiben kann, welche fremden Fehler der Spitzengrünen unterlaufen sind, da sie laut Selbstauskunft „auch eigene Fehler gemacht“ hat. Oder wer „diejenigen“ sind, „die sich klugerweise erfunden haben“. Oder an wen und wie „der Strom“ Steuern zahlt. Oder seit wann man „von minus 22 Grad auf minus 20 Grad runterkühlt“ und nicht „hochwärmt“.

Halten wir zunächst fest, dass Annalena Baerbock die Grundregeln der neuen Energiewelt aus dem Eff-eff beherrscht: „Wind ist nur, wenn Wind weht“, und „Sonne ist nur, wenn Sonne scheint“. Und wenn nicht, dann nicht, zum Beispiel an einem trüben Januartag um 20:49 Uhr. Dann kommen die Rechenzentren und die Supermärkte ins Spiel. Klar, die sind bisher als Energiefresser bekannt. Wie sollen sie also „als Energieerzeuger in den Markt reinkommen“?

Ganz einfach, denken Sie nur ein bisschen weiter. Rechenzentren und Supermärkte haben was? Na? Genau, Dächer. Und was kann man auf Dächer tackern? Richtig, Solarpanels. Oder schicke Windräder. Und die machen was? Eben, Strom. Sie sehen, schon sind Rechenzentren und Supermärkte Energieerzeuger und keine -fresser mehr.

Kühlung kühlt Hühnchen

Quatsch, war nur Spaß. So einfach ist das natürlich nicht. Wir reden über Januar, 20:49 Uhr, da nützen die Solaranlagen und Windräder auf den Rechenzentren und Supermärkten genauso wenig wie überall sonst in Dunkeldeutschland. Annalena Baerbocks Lösung ist daher anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick scheint. Kleiner Tipp: Sie müssen auf den Kontext achten. Die entscheidenden Stichwörter sind „Kühlung“ und „Hühnchen“. Kühlung kühlt nämlich Hühnchen.

Dabei verbraucht die Kühlung bekanntermaßen eine Menge Energie, die anschließend in den tiefgefrorenen Hühnchen gespeichert ist. Logisch, denn Energie geht niemals verloren, sondern ist nur woanders. Das nennt sich Energieerhaltungssatz und ist eines der wichtigsten Prinzipien der Naturwissenschaften. Der Erfinder ist übrigens ein Herr Joule. Sie wissen schon, der mit den Kalorien.

Wenn also überall im Land wegen null Wind und nada Sonne die Lichter ausgehen, dann schalten die Supermärkte automatisch um von Kühlung auf Heizung. Heizung ist Wärme, und Wärme ist Energie, das kennen Eltern vom Homeschooling. So fließt die Energie von den TK-Hühnchen zurück ins Stromnetz, und zack gehen in Deutschland die Lichter wieder an.

Der fleischgewordene Thinktank

Ganz ähnlich funktioniert es mit den Rechenzentren. Die brauchen extrem viel Strom für ihre Kühlung, weil sie eine Menge Energie in das Ausrechnen von großen Zahlen stecken. Bei plötzlichem Strombedarf im Netz switchen die Rechenzentren blitzschnell um und rechnen eine Weile mit negativen Zahlen. Zum Beispiel mit den neuen Schulden, die die Grünen machen werden. Das Wirkprinzip ist das Gleiche wie bei den negativen Temperaturen in den Supermärkten. Der in den Zahlen gespeicherte Strom fließt zurück ins Netz, bis die Sonne wieder scheint. Angenehmer Nebeneffekt: Die Zahlen sehen danach auch viel positiver aus.

Bei eingehender Beschäftigung mit dem Thema merken Sie also: Die Ideen des fleischgewordenen Thinktanks Baerbock sind ebenso einfach wie genial. Wie alle große Erfindungen von Rad bis Regendusche. Man wundert sich, warum nicht schon früher jemand darauf gekommen ist. Das Netz ist der Speicher, das ist hiermit bewiesen, denn „wir können an der Grundlast das Netz so stabilisieren, dass sich im Netz die unterschiedlichen Akteure ausgleichen.“ Man muss sich nur ein bisschen auf „neues Denken“ einlassen. Beziehungsweise „neues Regulieren“, wie Neudenken in Grün heißt.

Ich jedenfalls bin überzeugt. Und ich schließe mich hiermit meinem weisen Freund Henryk M. Broder an: Meine Stimme hat sie, die Annalena.

 

Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten


Autor: AchGut
Bild Quelle: Stefan Klinkigt / Screenshot via AchGut.com


Dienstag, 01 Juni 2021

Unterstützen Sie die Journalistische Arbeit von haOlam.de!

**********

Spenden an den gemeinnützigen Trägerverein von haOlam.de können von der Steuer abgesetzt werden.

Wir bedanken uns bei allen Spendern für die Unterstützung!

Spenden via PayPal

Für Fragen und Spendenquittungen: spenden@haolam.de



Folgen Sie und auf:


flag Whatsapp Whatsapp

Talk auf dem Klappstuhl als Podcast: