Ausgestoßene der Woche: Helge, Nena, Annalena

Ausgestoßene der Woche: Helge, Nena, Annalena


Nena und Helge Schneider brachen Konzerte wegen der Corona-Verordnungen ab, und Annalena Baerbock fiel in die Grube, die sie sich selbst gegraben hat, als sie das N-Wort verwendete.

Ausgestoßene der Woche: Helge, Nena, Annalena

von Kolja Zydatiss

Gegen die politischen Hygienevorschriften verstoßen hat diese Woche unter anderem Boris Reitschuster. Der Publizist versuchte vor einigen Tagen auf der zu Microsoft gehörenden sozialen Plattform LinkedIn einen Artikel zu teilen, den Gunter Weißgerber (ebenfalls Achgut.com Autor) als Gastbeitrag auf seinem Blog reitschuster.de veröffentlicht hatte. Der Text mit der Überschrift „Besuch in Ungarn – eine Reise in eine bessere, sichere Zeit“ erschien parallel dazu auch auf Achgut.com.

Reitschuster hob in seinem LinkedIn-Post ein in Weißgerbers Text wiedergegebenes Goethe-Zitat hervor („Wer sich den Gesetzen nicht beugen will, muss die Gegend verlassen, in denen diese Gesetze gelten.“) und bewarb den Beitrag außerdem mit folgendem eigenen Kommentar: „Viktor Orban gilt in unseren Medien als Verkörperung des Bösen. Ein Besuch in Ungarn bringt ganz andere Perspektiven – vor allem auf die strenge Migrationspolitik dort und ihre positiven Seiten. Das findet ausgerechnet Ost-SPD-Mitgründer Gunter Weißgerber.“

Auf Telegram belegt Reitschuster mit einem Screenshot, dass dieses Posting von LinkedIn entfernt wurde, mit der Begründung „Verstoß gegen unsere Community-Richtlinien“. Offenbar erlauben diese Richtlinien ausschließlich negative Äußerungen über Viktor Orban und/oder seine Migrationspolitik. „Es ist wie bei Orwell …“ bemerkt Reitschuster.

Nenas Brandrede

Ausgestoßen ist diese Woche auch Nena. Bei einem Konzert auf einer Berliner Freilichtbühne nahe dem BER-Flughafen animierte die Popsängerin ihre Fans: „Holt euch eure Freiheit zurück.“ Nachdem viele Zuschauer ihre sogenannten Cubes aus Coca-Cola-Kisten und Plexiglas verlassen hatten, um vor der Bühne zu feiern, versuchten die Ordner das Hygienekonzept mit den Cubes wieder durchzusetzen. Daraufhin setzte Nena zu einer Brandrede an:

„Hier wird gedroht, dass sie die Show abbrechen. Dass sie die Show abbrechen, weil Ihr nicht in Eure – wie sie es nennen – Boxen geht. Ich überlasse es in Eurer Verantwortung, ob ihr das tut oder nicht. Das darf jeder frei entscheiden, genauso, wie jeder frei entscheiden darf, ob er sich impfen lässt oder nicht. Bei mir ist jeder willkommen!

Und das Ganze wird hier politisiert und das ist einfach vollkommen ätzend. Weil, wie gesagt: Gestern war Christopher-Street-Day. Und es war völlig OK, dass 80.000 Leute eng aneinander auf der Straße waren. Also schaltet den Strom aus oder holt mich mit der Polizei hier runter. Ich hab die Schnauze voll davon! I don’t fucking care!

Ich habe letztes Jahr Autokino-Konzerte gespielt, damit wir irgendwie ein bisschen Kontakt haben. Ihr durftet weder die Fenster runter machen, noch durftet ihr singen noch irgendeinen Scheiß. Die Frage ist nicht, was wir dürfen, sondern die Frage ist, was wir mit uns machen lassen!“

Das Konzert wurde schließlich zum Ende des regulären Sets, also vor den Zugaben, von den Veranstaltern abgebrochen.

Corona-konforme Hygienekonzepte torpedieren

Nun vermelden zahlreiche Medien, darunter t-online, dass ein für den 13. September angesetztes sogenanntes „Strandkorb-Open-Air“ mit Nena in Wetzlar abgesagt worden ist. Dieses Hygienekonzept, bei dem die Zuschauer räumlich voneinander getrennt in Strandkörben sitzen und am Platz mit Getränken bedient werden, hatte vor einigen Tagen selbst für Schlagzeilen gesorgt. Der Unterhaltungskünstler Helge Schneider brach am Freitagabend einen Auftritt beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg ab, weil aus seiner Sicht keine richtige Stimmung aufkommen wollte und er sich durch das herumrennende Gastro-Personal gestört fühlte (lesen Sie hier auf Achgut.com den Kommentar von Ulrike Stockmann zu den beiden abgebrochenen Konzerten).

Die Veranstalter in Wetzlar distanzieren sich von „den Aussagen und dem Auftreten“ Nenas in Berlin. Ihre Absage des Konzerts begründen sie nicht nur mit praktischen Erwägungen, also mit der Befürchtung, die Sängerin könnte Corona-konforme Hygienekonzepte torpedieren. (An dieser Front ist übrigens noch reichlich Raum für weitere Experimente. Hat man schon probiert, die einzelnen Konzertbesucher in ausrangierte Ölfässer zu stellen, die sie für die Dauer der Veranstaltung nicht mehr verlassen dürfen? Könnte man nicht jeden Zuschauer in Kunststoffgewebe hüllen, das wäre dann sogar eine Art Hommage an und logische Weiterentwicklung der unbelebten Objektkunst von Christo und Jeanne-Claude?)

Sehr beunruhigend ist die Tatsache, dass Nena in Wetzlar vor allem nicht auftreten soll, weil „die Konzerte nicht als politische Bühne genutzt werden dürfen“, so ein aktuelles Statement des Veranstalters Dennis Bahl. Das sei bereits im Vorfeld vertraglich vereinbart worden. Zu diesem bigotten Schmarrn hat Gunter Weißgerber bereits auf Achgut.com alles gesagt, was gesagt werden muss:

„Konzerte nicht als politische Bühne nutzen? Seit wann ist das Usus in der Bundesrepublik? Mir ist das neu. Oder gilt das nur für Künstler, die in der Ära Merkel nicht zu den Haltungskünstlern gerechnet werden?

Seit ich Konzerte von bundesdeutschen Künstlern verfolge und das sind nicht wenige, kenne ich fast nur Auftritte, die ohne politische Statements nicht abgingen. Ob Udo Lindenberg, ob BAP, ob Herbert Grönemeyer, ob Sebastian Krumbiegel und wie die mit der guten Haltung alle heißen, sie alle hämmerten uns ihre politische Sicht zwischen ihre Titel. Ungefragt. Einfach so. Was ja an und für sich in Ordnung war und wäre, würde dasselbe Recht für alle gelten. Tut es aber offensichtlich nicht mehr.“

„Sich nachträglich auf Ironie zu berufen, macht es nicht ungeschehen“

Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, ist diese Woche ironischerweise in eine der identitätspolitischen Fallen gestolpert, deren Aufstellung ihre eigene Partei maßgeblich vorantreibt. In einem Interview mit Tachles-Arena, einem Videoformat des Zentralrats der Juden zur anstehenden Bundestagswahl, sprach Baerbock über einen Fall von Rassismus, von dem sie gehört habe. Der Sohn einer Bekannten habe in der Schule ein Arbeitsblatt bekommen, auf dem das sogenannte N-Wort auftauchte.

Um unmissverständlich klarzumachen, um was es ging, zitierte die Kandidatin das Wort, also jenen alten Begriff für schwarze Menschen mit fünf Buchstaben, der heute von vielen als abwertend und verletzend wahrgenommen wird. (Das andere N-Wort mit sechs Buchstaben und „gg“ in der Mitte, welches in der englischen Sprache schon immer als schwere rassistische Beleidigung galt, verwendete Baerbock nicht.)

Als Baerbock und ihr Wahlkampf-Team Wind davon bekamen, dass die BILD das Video mit dem Interview aus Tachles-Arena veröffentlichen wollte, verlangten sie von der Zeitung, die betreffende Passage mit dem N-Wort herauszuschneiden. Das ging mächtig nach hinten los. Die BILD entschied stattdessen, den ganzen Fall zu dokumentieren, einschließlich der zensorischen Forderung. Einen Tag später griff auch FOCUS Online die Story auf.

Auf Twitter ging Baerbock in die Offensive. Sie veröffentlichte selbst einen Clip der Szene, bei dem das N-Wort mit einem Piep übertönt ist, und schrieb dazu unter anderem:

„Leider habe ich in der Aufzeichnung des Interviews in der emotionalen Beschreibung dieses unsäglichen Vorfalls das N-Wort zitiert und damit selbst reproduziert. Das war falsch, und das tut mir leid. Denn ich weiß ja um den rassistischen Ursprung dieses Wortes und die Verletzungen, die schwarze Menschen unter anderem durch ihn erfahren.“

Am 1. August soll das Interview auf den Online-Kanälen des Zentralrats veröffentlicht werden, offenbar inklusive N-Wort-Passage.

Am pikantesten an der ganzen Geschichte ist natürlich die Tatsache, dass Baerbock noch vor wenigen Wochen den Parteiausschluss des Grünen Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer forderte, weil dieser in einer Facebook-Diskussion das N-Wort (also das harmlosere mit fünf Buchstaben) mit ironischer Absicht verwendet hatte. Von einem entlastenden Kontext wollte Baerbock damals nichts wissen. „Die Äußerung von Boris Palmer ist rassistisch und abstoßend. Sich nachträglich auf Ironie zu berufen, macht es nicht ungeschehen“, so ihr Urteil. (Lesen Sie hier auf Achgut.com auch den Kommentar von Ulli Kulke zu Baerbocks jüngstem Sprachausrutscher sowie die überraschende weitere Entwicklung des Casus: „Ist Baerbocks N-Wort-Schulgeschichte auch erdichtet?")

„Zutiefst unsensibel“, „unverschämt“, „leichtfertig“ und „verletzend“

In Berlin hat die Polizei zwei für das Wochenende geplante „Querdenken“-Kundgebungen gegen die Corona-Politik verboten. „Unter Berücksichtigung und nach Bewertung der objektiven Sachlage haben wir bisher zwei Versammlungen, eine am 31. Juli und eine am 1. August 2021, verboten“, teilte die Polizei laut Spiegel mit. Die Prüfung weiterer Versammlungen dauere noch an. Den Veranstaltern rate ich, ihre Kundgebungen zu LGBT oder Black-Lives-Matter-Demos umzuwidmen. Dann dürfte es mit der Genehmigung kein Problem geben.

Und auch in Großbritannien gibt es mehrere Ausgestoßene der Woche. Bei der regierenden Conservative Party hat sich Gesundheitsminister Sajid Javid für einen Tweet entschuldigt. In dem am Samstag veröffentlichten und inzwischen gelöschten Posting hieß es:

„Vollständige Genesung von Covid eine Woche nach dem positiven Test. Die Symptome waren sehr mild, dank der hervorragenden Impfstoffe. Bitte lassen Sie sich impfen, wenn Sie es noch nicht getan haben, denn wir müssen lernen, mit diesem Virus zu leben, anstatt uns vor ihm zu verstecken.“

Führende Politiker der Labour Partei, der Liberaldemokraten, sowie eine Organisation von Covid-19 Hinterbliebenen hatten insbesondere an der Formulierung „verstecken“ Anstoß genommen. Sie warfen dem Minister vor, sich „zutiefst unsensibel“, „unverschämt“, „leichtfertig“ und „verletzend“ geäußert und die Menschen verunglimpft zu haben, die sich an die Corona-Regeln hielten.

In seiner ebenfalls auf Twitter veröffentlichten Entschuldigung und Selbstkritik schrieb Javid unter anderem: „Das war eine schlechte Wortwahl, für die ich mich aufrichtig entschuldige. […] Wie viele andere habe auch ich geliebte Menschen durch dieses schreckliche Virus verloren und würde seine Auswirkungen niemals herunterspielen.“ (Quelle: BBC News)

„Hört auf, die schwule Kultur zu kolonisieren“

Laut eines Berichts von Spiked wird indessen bei der größten Oppositionspartei Labour die Parlamentsabgeordnete Rosie Duffield unter Druck gesetzt, weil sie auf Twitter den Post eines schwulen Nutzers namens Kurtis Tripp „gelikt“ hatte. Tripp hatte auf Englisch geschrieben:

„Ich habe es so satt, immer wieder zu hören, wie ‚queer‘ zurückerobert wurde. Erst 2018 wurde mir dieses Wort ins Gesicht gespuckt. Und schaut euch an, WER es zurückerobert? Meistens Heterosexuelle, die sich als das andere Geschlecht und als ‚schwul‘ ausgeben. Hört auf, unsere Sprache zu vereinnahmen. Hört auf, die schwule Kultur zu kolonisieren.“

LGBT+ Labour, die Organisation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und Transgender-Aktivisten in der Labour Partei, fordert wegen Duffields Zustimmung zu obiger „transphober“ Äußerung nun ihren Ausschluss aus der Parlamentsfraktion. Dabei wird der Abgeordneten auch angelastet, dass sie bereits vor einem Jahr einen „transphoben“ Tweet von Piers Morgan gelikt habe. Der altgediente Journalist hatte sich über die Formulierung „Personen mit einem Gebärmutterhals“ in einem CNN-Beitrag lustig gemacht.

Und damit endet der wöchentliche Überblick des Cancelns, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Entlassens, Verklagens, Einschüchterns, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Bis nächste Woche!

erschienen auf Achgut


Autor: Achgut
Bild Quelle: Archiv


Samstag, 31 Juli 2021

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