Tom Buhrow, Gabi Ludwig und Frau Kellermann privat

Tom Buhrow, Gabi Ludwig und Frau Kellermann privat


Der WDR, die größte Anstalt innerhalb der ARD, ist ein Bollwerk des Pluralismus, der Toleranz und des Frohsinns. Nebenbei auch des real existierenden Antifaschismus. Vorneweg dabei – die Leiterin des Landesstudios Essen, Georgine Kellermann.

Tom Buhrow, Gabi Ludwig und Frau Kellermann privat

Von Henryk M. Broder

Bis vor Kurzem war mir der Name Georgine Kellermann kein Begriff. In diesem Zustand der glücklichen Unschuld wäre ich noch heute gefangen, wenn die „Jüdische Rundschau“ in ihrer August-Ausgabe nicht über einen „WDR-Redakteur“ berichtet hätte, der sich meiner angenommen hatte, auf Twitter, wo sonst.  

Neben einem Zitat von mir („Der Antifaschismus ist der Faschismus des 21. Jahrhunderts“) war ein älteres Foto von mir zu sehen, das vor Jahren auf der Frankfurter Buchmesse aufgenommen wurde. Ich, ein alter weißer Mann, von Georgine Kellermann zum Faschisten befördert, die, wie eine Anfrage bei Google ergab, für den WDR als Leiterin des Essener Studios tätig ist und über sich selbst behauptet, sie sei „die schönste Frau der Welt“.  

Noch am selben Tag schickte ich dem Intendanten des WDR, Tom Buhrow, eine kurze E-Mail.

guten abend, sehr geehrter herr buhrow,

der/die studioleiter(in) ihres essener studios hat mich zu einem faschisten ernannt.

https://twitter.com/GeorgineKellerm/status/1419241647813050377

das ist natürlich sein/ihr gutes recht. mein gutes recht ist es, mich an der finanzierung solcher ausfälle einer verwirrten seele, die ihren ö-r job zur selbstdarstellung nutzt, nicht zu beteiligen. ich verweigere mit sofortiger wirkung die zahlung des rundfunkbeitrags. 

ihnen wünsche ich weiterhin ein glückliches händchen bei der wahl ihrer mitarbeiterInnen.

beste grüße von der ostsee

b.

Drei Tage später bekam ich eine Antwort, wenn auch nicht von Tom Buhrow persönlich, sondern von der Chefredakteurin des Programmbereichs Landesprogramme, Gabi Ludwig:

Sehr geehrter Herr Broder,

vielen Dank für Ihre Mail vom 13. August 2021 an Intendant Tom Buhrow, der mich gebeten hat, Ihnen zu antworten. Der Twitter-Account von Georgine Kellermann ist rein privater Natur…“ Außerdem, so Frau Ludwig, habe Frau Kellermann ihren Tweet inzwischen „ergänzt“ und zwar um die Feststellung: „Damit keine Missverständnisse entstehen: Natürlich ist Henryk M. Broder kein Faschist. Ich kenne ihn als tollen Denker und Autoren. Aber ebenso natürlich ist der heutige Antifaschismus, dem auch ich mich verpflichtet fühle, nicht der neue Faschismus.“

Und damit war der Fall für den WDR und Gabi Ludwig, die Chefredakteurin des Programmbereichs Landesprogramme, vom Tisch. Der Tweet war rein privater Natur, und Frau Kellermann hatte nicht mich im Sinn, als sie ihren Post über alte weiße Männer, die zu Faschisten mutieren, mit einem Bild und einem Zitat von mir illustrierte. Denkbar, dass die „schönste Frau der Welt“ ihr eigenes Spiegelbild zu lange angeschaut hatte und dadurch etwas durcheinander geraten war. 

Allerdings: Tom Buhrow muss doch ein paar mahnende Worte an seine Essener Studioleiterin gerichtet haben, denn etwa zeitgleich mit der E-Mail von Gabi Ludwig bekam ich eine E-Mail von Georgine Kellermann. 

Sehr geehrter Herr Broder,

nachdem ich jetzt Ihre E-Mail Adresse habe, möchte ich Ihnen auch persönlich schreiben, was ich auf Twitter noch am selben Tag kurz nach meinem Tweet geschrieben habe:

„Damit keine Missverständnisse entstehen. Natürlich ist Henryk M. Broder kein Faschist. Ich kenne ihn als einen tollen Denker und Autoren. Aber ebenso natürlich ist der heutige Antifaschismus, dem auch ich mich verpflichtet fühle, nicht der neue Faschismus.“

Ich versichere Ihnen, dass ich auch vor dem Hintergrund unserer beider Familiengeschichten sicher bin, dass wir beide keine Faschist*innen sind. 

Wenn Sie mögen, können wir darüber auch gerne persönlich sprechen. Ich bin von kommendem Mittwoch bis Montag privat in Berlin. Oder per Telefon. 0176 XXXX XXXX

Bis dahin wünsche ich Ihnen ein gute Zeit.

Freundliche Grüße

Georgine Kellermann

Es kostete mich einige Mühe, der Versuchung zu widerstehen, Frau Kellermann „persönlich“ zu treffen. Allein schon, um ihr die Idee auszureden, dass „unsere Familiengeschichten“ irgendeine Gemeinsamkeit haben könnten. Ich fürchtete auch, ich würde es nicht schaffen, ihr angemessen dafür zu danken, dass sie mich von dem Verdacht, eine FaschistIn zu sein, freigesprochen hatte.

Ich beendete die Geschichte mit einer E-Mail an Gabi Ludwig, die Chefredakteurin des Programmbereichs Landesprogramme:

guten morgen, sehr geehrte frau ludwig,

sagen sie bitte, ist das alles, was ihnen zu dieser peinlichkeit einfällt? hat frau kellermann aufgrund traumatischer erfahrungen den „jagdschein“? darf sich „die schönste frau der welt“ alles erlauben? auch jeden schwachsinn?

wenn ich auf die idee käme, einen tweet über korruption und misswirtschaft mit einem foto von ihnen (oder gar herrn buhrow) zu illustrieren, würden sie dann auch meinen, ich hätte nicht sie oder ihren chef gemeint? wollen wir es auf einen versuch ankommen lassen? sehr gespannt wäre ich auch auf ihre reaktion, wenn irgendein kretin oder wahlweise eine kretinin sie als „faschistIn“ bezeichnen würde. das würden sie bestimmt ganz entspannt hinnehmen und unter äußerung „rein privater Natur“ abbuchen, oder? also rein privat und nur unter uns: 

„Der Verlust der Scham ist das erste Zeichen von Schwachsinn.“ (Sigmund Freud)

beste grüße an ihre anstalt

b.

Hier noch mehr über, mit und von Georgine Kellermann:

- http://www.linksdiagonal.de/2021/03/18/georgine-kellermann-ueber-sich-und-die-welt/

- https://fb.watch/7FU7pt9XCj/

- https://youtu.be/L-7WcwLSwQQ

- https://youtu.be/Dx6U2xwo5kA

- https://youtu.be/2DkHursrUBY

- https://www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/unternehmen/georgine-kellermann-interview-110.html


Autor: Henryk M. Broder:
Bild Quelle: © Raimond Spekking


Mittwoch, 01 September 2021

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