Die Tagesschau in Platons Höhle

Die Tagesschau in Platons Höhle


Durch Lockdown und Zwangsgebühren ist ein Großteil unserer Gesellschaft zu Höhlenbewohnern geworden - so wie sie Platon in seinem berühmten Gleichnis beschreibt. Das ist heute noch so wie vor 2.500 Jahren.

Die Tagesschau in Platons Höhle

Von Hans Hofmann-Reinecke

Vor Kurzem telefonierte ich abends von meinem Zuhause in Kapstadt mit einem Bekannten in Deutschland, da hörte ich im Hintergrund unseres Gespräches eine weibliche Stimme: „Schatz, kommst du?“ Es war genau 20 Uhr. Ein anderes Mal saß ich mit einem Freund im Café, der schaute auf die Uhr, stand auf und entschuldigte sich mit den Worten: „Ich hab noch einen längeren Anruf nach Deutschland, und der muss bis 8 Uhr fertig sein.“

Es gab noch weitere Episoden dieser Art, welche mir die Bedeutung besagter Uhrzeit im deutschen Tagesablauf deutlich machten, und mir war durchaus klar, was die Ursache war. Unwillkürlich erschien vor meinem geistigen Auge das Bild von Abermillionen Menschen, die völlig synchron vor Abermillionen von Fernsehern Platz nehmen, um Abermillionen identischer Lichtspiele zu folgen, die auf der Mattscheibe vor ihnen ablaufen. Ich sah Abermillionen Männer und Frauen, die wie in Hypnose synchron die Hände vor Entrüstung in die Höhe werfen, oder aber die Köpfe schütteln, um ihrer Verachtung Ausdruck zu geben.

Und da erinnerte ich mich an eine Schulstunde, als der Lehrer uns mit viel Pathos von Menschen in einer Höhle, von Feuer und Schatten erzählte. Wir Schüler nahmen die Bedeutung dieser Geschichte damals nicht so richtig wahr und tauschten unter der Bank Heftchen mit Bildchen aus. Was wir dabei versäumten, war das Höhlengleichnis, das heute so aktuell ist wie damals zur Schulzeit beziehungsweise wie vor 2.500 Jahren in Platons Heimat Athen.

Willkommen in Platons Höhle

Ich gebe Ihnen die Geschichte hier wieder, in Anlehnung an einen Text aus mygestalttherapy.com:

Eine Anzahl Gefangener lebt seit ihrer Geburt in einer Höhle. Sie haben die Außenwelt nie gesehen, sie kennen nur ihr elendes Dasein unter Tage. Mit dem Blick auf eine Wand gerichtet, sind sie angekettet und können den Kopf nicht drehen. Hinter ihnen brennt ein Feuer, das schwaches Licht erzeugt. Gelegentlich gehen Menschen hinter ihnen an dem Feuer vorbei. Sie tragen Tiere oder Figuren mit sich, deren Schattenbild dann auf der Wand erscheint, sodass die Gefangenen es sehen können.

Die Gefangenen, die nie etwas anderes erblickt haben als diese Schatten, geben ihnen Namen. Sie sind überzeugt, es seien echte Wesen. Sie sprechen mit Begeisterung und Hingabe von ihnen, in der Annahme, man müsse sich in Sachen Schatten gut auskennen, um im Leben erfolgreich zu sein.

Eines Tages gelingt es einem Gefangenen, sich aus der Höhle zu befreien und in die Außenwelt zu fliehen. Anfangs ist er vom starken Sonnenlicht geblendet, aber dann beginnt er zu sehen und er findet alles sehr bunt, aufregend und voller Leben. Er sieht die wirklichen Formen der Dinge, die er bisher nur als Schatten kennengelernt hatte; er sieht richtige Kaninchen, Vögel, Blumen, Menschen, Gegenstände, und sogar den Himmel und die Sterne.

Man erklärt ihm, dass hier draußen alles echt sei, und dass die Schattenbilder nur Phantome sind. Erst will er das nicht glauben, wird aber bald überzeugt, als er mit eigenen Augen beobachtet, wie die Sonne mit ihrem Licht Schattenbilder von wirklichen Gegenständen erzeugt. Er nimmt wahr, dass die Wirklichkeit dreidimensional ist, die Schatten aber nur zwei Dimensionen haben.

Der Geflohene kehrt zurück in die Höhle und erzählt voller Begeisterung, was er draußen erlebt hat, aber niemand will ihm glauben. Er will den Gefangenen etwas Gutes tun und versucht, sie zu befreien, aber die wehren sich und halten ihn für verrückt. Er nämlich, dessen Augen sich an das helle Licht der Sonne gewöhnt haben, kann die Schatten in der Finsternis jetzt nicht mehr richtig wahr- und ernstnehmen. Und somit hat er in der Höhle nichts mehr zu suchen, er muss ausgestoßen oder vernichtet werden.

Die Höhle ist das Wohnzimmer

Ich werde nun keinesfalls versuchen, eine allgemein gültige Interpretation dieses bedeutenden Gleichnisses zu liefern. Ich erlaube mir aber, einige verblüffende Parallelen zu gesellschaftlichen Phänomenen der heutigen Zeit aufzuzeigen.

Dank Lockdown sind wir Gefangene in unserem Wohnzimmer, in unserer Höhle, an deren Wand ein großer Bildschirm hängt. Die Zwangsgebühren erzwingen den Blick auf diese Wand, auf der zweidimensionale Schatten erscheinen, welche vom Betrachter für die Wirklichkeit gehalten werden.

Die Zuschauer, welche die Ereignisse nie anders erlebt haben als in Form dieser Schatten, geben ihnen Namen und glauben, es seien echte Wesen. Sie sprechen mit Begeisterung und Hingabe von ihnen, in der Annahme, man müsse sich in Sachen Schatten gut auskennen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden.

Einige Gefangene befreien sich aus der Höhle und fliehen in die Außenwelt. Zuerst brennt ihnen die Sonne in den Augen, aber dann beginnen sie zu sehen, und sie erkennen, dass die Wirklichkeit mit den Schatten wenig gemeinsam hat.

Sie sehen eine Demonstration, wo nicht etwa Neonazis die Polizei verprügeln, sondern sie sehen Polizisten, welche harmlose Bürger aufs Pflaster werfen, weil sie keine Maske tragen. Sie zählen Hunderttausend Teilnehmer, um dann in der Tagesschau nur von ein paar Tausend zu hören.

Fast immer, wenn sie jetzt selbst Zeugen von wichtigen Ereignissen werden, dann hat ihr Erleben kaum Ähnlichkeit mit den Schattenbildern, die sie vom Fernsehen kennen.

„Schädlinge“, „Covidioten“ oder „Klimaleugner“

Die Geflohenen kehren zurück in ihre Höhlen und erzählen, was sie draußen erlebt haben, aber niemand will ihnen glauben. Sie versuchen die Gefangenen aus ihrer Hypnose zu erwecken, aber die wehren sich mit aller Kraft. Die Ausreißer nämlich, deren Augen sich an das helle Licht der Wirklichkeit gewöhnt haben, können die Schatten auf den Bildschirmen jetzt nicht mehr ernst nehmen, und das macht sie verdächtig.

Die Gefangenen einigen sich darauf, dass die Eindringlinge nicht nur verrückt seien, weil sie die Bilder an der Wand verleugneten, sondern auch gefährlich. Sie geben ihnen Namen wie „Schädlinge“, „Covidioten“ oder „Klimaleugner“. Sie verstoßen sie aus ihrer Gemeinschaft und bezeichnen ihr unsoziales Verhalten ganz stolz als „Cancel Culture“ -  es ist die einzige „Kultur“, die ihnen geblieben ist.

Mut und Verstand

Platon bietet als Instrument zur Befreiung aus der Höhle die Beschäftigung mit der Philosophie an. Vielleicht ist es das, was Immanuel Kant als Aufklärung bezeichnete:

„Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Dazu bedarf es also Mutes und Verstands. Wie verbreitet sind diese Tugenden nun in einem Deutschland, das sechzehn Jahre lang wie in einem riesigen Kindergarten „genudged“ und bemuttert wurde? Wo die Radfahrerinnen mit FFP2-Maske im Gesicht alleine vor sich hin strampeln? Wo die Vierjährigen im Sandkasten mit Sturzhelm und Schutzbrille bewaffnet sind? Wo „Angst vor Klimawandel“ das Hauptfach in der Schule ist?

In der Geschichte gab es immer Epochen, während derer die Menschheit sich im Freien wohler fühlte als in der Höhle, vielleicht in der Renaissance; und es gab Epochen, als man sich lieber in die Höhle zurückzog, etwa im Mittelalter, aber ganz offensichtlich auch im frühen dritten Jahrtausend.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Blog des Autors Think-Again. Sein Bestseller „Grün und Dumm“ ist bei Amazon erhältlich.

Foto: Illustration Stefan Klinkigt/ Carl Arriens


Autor: Redaktion
Bild Quelle:


Mittwoch, 22 September 2021

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