Das reale Leben im Realsozialismus

Das reale Leben im Realsozialismus


Dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wird lauthals der ausgebliebene Dialog zwischen Ost und West beklagt.

Das reale Leben im Realsozialismus

Von Vera Lengsfeld

Es wird behauptet, die Lebensleistung der DDR-Insassen (Joachim Gauck) würde nicht anerkannt. Wobei unklar ist, was mit Lebensleistung gemeint sein soll. Der Staat hatte jedenfalls abgewirtschaftet und zwar vollständig. Die DDR war bereits 1983 pleite, so die Aussage eines Mannes, der es wissen musste, Alexander Schalck-Golodkowski, Devisenbeschaffer des SED-Staates. Sie wurde nur durch diverse Westsubventionen wie Transitgebühr, stille EU-Mitgliedschaft und Milliardenkredite über Wasser gehalten. Das Tafelsilber war längst verscherbelt, alles, was harte Währung einbrachte, wurde verkauft, einschließlich politischer Gefangener.

Wir sollten einander unsere Biografien erzählen, wurde von Leuten wie Christa Wolf nach der Vereinigung gefordert. Aber wie sollte man sich verstehen, wenn die Erfahrungen zu unterschiedlich waren?

Die gescheiterte Staatspartei SED durfte sich einfach umbenennen und ihre Propaganda entfalten. Die hat sich als erfolgreicher bewiesen, als es die Realität im Arbeiter- und Bauernstaat je war. Noch heute glauben Qualitätsjournalisten, dass die PDS zeitweise so etwas wie eine Volkspartei im Osten war, obwohl sie bei jeder Wahl im Vergleich zu 1990 an absoluten Stimmen verlor. Im Jahr 2002 flog sie aus dem Bundestag und kam nur dank einer Blutauffrischung aus dem Westen in Gestalt der WASG von Oskar Lafontaine wieder zurück. Bei der letzten Wahl scheiterte sie an der 5%-Hürde und zog nur dank dreier Direktmandate wieder ins Hohe Haus ein.

Hinter der propagandistischen Verzerrung der DDR, Galionsfigur Gregor Gysi schwadroniert sogar vom einem Rechtsstaat DDR, ohne dass ihm widersprochen wird, verschwindet die Realität der DDR aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Nun ist es höchste Zeit, Biografien aufzuschreiben, aus denen man lernen kann, wie die Realität der DDR aussah.

Peter Schewe hat mit (M)ein Leben in der DDR  genau das getan. Wie er in seinem Vorwort schreibt, gab ihm das Buch „Integriert doch erst mal uns“ von Petra Köpping, Sozialministerin der SPD in Sachsen, den letzten Anstoß dafür, sein Leben aufzuschreiben. Köpping bedient in ihrem Buch das Klischee der SED-Linken: Nicht der DDR-Sozialismus ist schuld, sondern der böse Kapitalismus in Gestalt der Treuhandanstalt und die Siegermentalität des Westens. Schewe, der zu denen gehörte, die mitten im Wirtschaftsleben der DDR standen und dazu beitrugen, dass die desaströsen Folgen der staatlichen Planung und des permanenten Mangels ab und zu ausgeglichen werden konnten, beschreibt in seinem Buch die Realität.

Er war, wie er selbst sagt, kein Widerstandskämpfer, aber er hat sich immer wieder gegen die schlimmsten Zumutungen gewehrt. In der Schule schützte ihn ein Deutschlehrer vor dem Rausschmiss. In Schewes Klasse war ein Bild des Staatsratsvorsitzenden Ulbricht abgehängt worden, weil man Projektionsfläche für einen Propagandafilm brauchte. Als im Film ein Bild des glatzköpfigen KPD-Chefs Ernst Thälmann gezeigt wurde, raunte es in der Klasse: „Glatzkopfbande“. Eine solche Bande trieb zu dieser Zeit auf dem Campingplatz seiner Heimatstadt Ückeritz ihr Unwesen, indem sie Urlauber ausraubte.

Der Vorgang wurde streng, aber ohne Ergebnis, untersucht. Schewe wurde vorgeworfen, dass er den Staatsratsvorsitzenden aufhängen wollte. Sein Lehrer konnte die Untersuchungskommission aber überzeugen, dass er damit nur das Bild gemeint hatte. Immer wieder hat Schewe in seinem Leben Menschen getroffen, die ihn schützten, indem sie nicht im Sinne der Diktatur des Proletariats handelten.

In der Armee wehrten sich Schewe und seine Kameraden gegen den militärischen Fassonschnitt, der dem Leutnant nicht kurz genug geraten war, indem sie sich die Haare vollständig abrasierten. Diese Provokation blieb ungestraft, weil die Vorgesetzten nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Schewes Buch ist voll mit solchen Anekdoten, die ein Schlaglicht auf die wirklichen Zustände der DDR werfen.

Zum Beispiel die Wohnungsnot. Schewe zog mit seiner Familie in ein baufälliges Haus ein, das er dank seiner praktischen Fertigkeiten als Tischler und Bauplaner notdürftig herrichten konnte. Er schuf sogar die Voraussetzungen für eine Wassertoilette, anstatt des Herzhäuschens auf dem Hof. Aber dann war kein Klobecken zu kriegen. Da beschaffte sich Schewe einen großen Karton, um in einer öffentlichen Toilette das Klobecken abzumontieren. Zum Glück musste er nicht zur Tat schreiten, weil ein Onkel als verspätetes Hochzeitsgeschenk ein Klobecken spendierte.

Als er eine Genehmigung beantragte, das Haus instand zu setzen, sagte ihm die zuständige Kommission, dass dies nicht genehmigt werden könnte, denn der bauliche Zustand sei zu schlecht. Ob er stattdessen nicht ein Eigenheim bauen wollte? Es war gerade der Parteibeschluss gefasst worden, das kinderreiche Familien Eigenheime bauen sollten. Es fanden sich aber nicht genug solcher Familien. Um das Plansoll zu erfüllen, wurde den Schewes ein solcher Bau angeboten. Die Schwierigkeiten, mit denen Häuslebauer in der DDR zu kämpfen hatten, sind ein eigenes Kapitel.

Zur Ergänzung möchte ich nur noch ein Stück aus der Produktion aufführen. Schewe war Bauleiter bei einer LPG und erlebte, dass landwirtschaftliche Maschinen nicht eingesetzt werden konnten, weil es an Schrauben von einer bestimmten Länge fehlte. Schewe fand schließlich einen selbstständigen Dreher, der ihm diese Schrauben dank seiner Beziehungen zum nahe gelegenen Stahlwerk herstellen konnte. Fortan hatte Schewe immer ein paar von den begehrten Schrauben in der Tasche, wenn er Nachbarbetriebe besuchte. In der Mangelwirtschaft gibt es immer etwas zu tauschen.

Schewes Erinnerungen reichen bis ins Jahr 1990. Da wird es noch einmal sehr spannend, denn er gehörte zu den Leuten, die von den nach Sachsen gekommenen Mitgliedern der CSU angesprochen wurden, eine sächsische CSU zu gründen. Dafür konferierte er sogar mit dem damaligen Finanzminister Theo Waigel und war erstaunt, wie sehr dieser Politiker die DDR als „fremdes Territorium“ sah, in das man nicht intervenieren dürfe. Zur Währungsunion und zur Vereinigung kam es allein durch den Druck auf den DDR-Straßen, nicht weil der Westen die DDR schlucken wollte.

Vermisst Schewe etwas an der DDR? Nein. Er resümiert: „Wir in der DDR lebten in zwei Gefängnissen, das eine räumlich durch Stacheldraht und Schießbefehl begrenzt und das andere, das sich im Kopf durch Begrenzung des Sag- und Denkbaren langsam verfestigte. Während ersteres nicht immer gegenwärtig war, wann kommt man schon mal an die Grenze, war man im zweiten ständig gefangen […] das verursachte innere Emigration, Selbstzensur genannt […] Alles was nicht gesagt wurde, weil es nicht gesagt werden durfte, wurde auch nicht mehr gedacht. So verkümmerte nicht nur die Sprache zu leeren Worthülsen, sondern auch das Denken, die Innovation und die öffentliche Debatte sowieso.“

Kommt uns das bekannt vor? Schewe ist sich am Schluss aber sicher: „Die Freiheit des Denkens lässt sich auf die Dauer nicht einsperren.“ Ich hoffe, er hat recht.

Peter Schewe: (M)ein Leben in der DDR

 

Vera Lengsfeld, Publizistin, war eine der prominentesten Vertreterinnen der demokratischen Bürgerrechtsbewegung gegen die "DDR"-Diktatur, sie gehörte 15 Jahre dem Deutschen Bundestag als Abgeordnete der CDU an. Sie publiziert u.a. in der Achse des Guten und in der Jüdischen Rundschau.


Autor: Vera Lengsfeld
Bild Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-85458-0003 / Junge, Peter Heinz / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE , via Wikimedia Commons


Donnerstag, 04 November 2021

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