Der Kanzler und sein Abbas-Ei

Der Kanzler und sein Abbas-Ei


Bei seinem gestrigen Besuch im Bundeskanzleramt hat Mahmud Abbas sehr bemerkenswerte Äußerungen gemacht. Aber die Aufregung darüber beschränkt sich auf die politische Gemengelage rechts der Mitte - aus symptomatischen Gründen.

Der Kanzler und sein Abbas-Ei

Von Ramiro Fulano

Meine Damen und Herren: Wir alle wissen, dass Politikerinnen jederlei Geschlechts ein instrumentelles Verhältnis zur Wahrheit haben. Sie verraten sie Ihnen höchstens, wenn sie es absolut nicht vermeiden können. Im Normalzustand beschränkt sich die Polit-Branche darauf, „unseren Menschen“ das zu sagen, was sie gerne hören möchten – oder vielmehr das, wovon die Berater des politischen Personals meinen, dass es die Wählerinnen und Wähler gerne hören möchten. Weil es sie dazu anregt, treue Kundschaft zu bleiben. Man kann diese Form des politischen Marketings für eine Berufskrankheit oder eine Charakterschwäche halten – es ist wahrscheinlich beides. Was hier Ursache und was Wirkung ist, erweist sich als so unfruchtbar wie die Frage, was zuerst kam: die Henne oder das Ei.

Vor diesem Hintergrund möchte ich Herrn Scholz nicht unterstellen, dass er den gestrigen Eklat in der Form, wie er sich zutrug, angestrebt hat. Aber irgendjemand wird Herrn Abbas doch wohl in seiner Funktion als „Palästinenserpräsident“ – inklusive seiner fadenscheinigen demokratischen Legitimation – nach Berlin eingeladen haben, sonst wäre er gestern nicht dort gewesen. Und es scheint, als ob seine Protokollabteilung dem glücklosen Scholz mit dem Abbas-Auftritt vor der Presse ein ziemlich dickes Ei ins Nest gelegt hat. Aber sowohl in der deutschen Sozialkleptokratie als auch bei den Ökopathen weiß man natürlich ganz genau, dass jede Menge Wählerstimmen mit der „Palästina-Solidarität“ zu machen sind – vor allem in den geistigen Elendsvierteln der deutschen Linksalternativen.

Die Verlockung (vulgo: Gier) war zu groß, um diesem politischen Kalkül zu widerstehen. Insofern haben Scholz – dieser glückloseste Bundeskanzler der Nachkriegsrepublik – und sein Besucher aus Ramallah einander zutiefst verdient. Zur Erinnerung: Letzterer hatte gestern, ausgelöst durch die Frage eines Reporters, ausgerechnet zum 50. Jahrestages des PLO-Massakers bei den Olympischen Spielen von München medienwirksam fantabuliert, der jüdische Staat hätte seitdem „50 Massaker und 50 Holocausts“ durchgeführt. Aha.

Vielleicht verstünde sogar Herr Abbas, dass dieser Vergleich inhaltlich falsch ist, aber auch sonst in jeder Hinsicht hinkt. Zum einen war der Holocaust kein Massaker, sondern die langjährige Politik des damaligen deutschen Staates. Und zum anderen ist ein Massaker kein Holocaust, weil es mit dem Massakrieren üblicherweise in wesentlich kürzerer Zeit vorbei ist. Obwohl es während des Holocausts etliche, systematisch durchgeführte Massaker gab, lässt sich der seitens des deutschen Staats organisierte Genozid nicht auf derartige Massenmorde reduzieren, ohne das für ihn Wesentliche und Bezeichnende – eventuell zweckdienlich – zu übersehen: seinen absoluten antisemitischen Vernichtungswillen.

Aber Herr Abbas weiß natürlich, was seine Fans jederlei Geschlechts gerne hören. Und er weiß ebenfalls, dass man in Krautland viel Aufmerksamkeit bekommt, wenn man die Vokabel „Holocaust“ öffentlichkeitswirksam in Stellung bringt – eine symptomatische historische Negativleistung, aus der die linksalternativ gleichgeschaltete Szene übrigens nur das lernen möchte, was ihr in den politischen Kram passt.

Und in diesem Punkt haben die deutsche Linke und ihr Abbas einander verdient wie Arsch und Eimer. Oder, um es weniger plakativ auszudrücken: Wie in den Zeiten des „Schwarzen Septembers“, als führende Speerspitzen der selbsternannten „Klasse des Bewusstseins“ ihre „Subjekte der Geschichte“ (Marx) in den Trainingslagern der PLO dahingehend ausbilden ließen, Terroranschläge und Massenmorde an der Zivilbevölkerung durchzuführen – also im Rahmen des „Bewaffneten Kampfes“ Massaker anzurichten.

Und natürlich weiß Herr Abbas, dass seine Vorgängerorganisation in den 70er Jahren die selbsternannte „Avantgarde“ nationaler und sozialistischer Guerilla-Bewegungen auf der ganzen Welt dahingehend ausbildete, ihre Waffen auf eine schutzlose und unschuldige Zivilbevölkerung zu richten.

Die Gästeliste der PLO liest sich wie das Who-is-who des Linksterrorismus: Angefangen von den Montoneros und Erpianos der argentinischen Links-Guerilla über die italienische Brigade Rosse bis hin zur deutschen Terror-Sekte (und vielleicht dem ein oder anderen Freund von Joschka „Dachlatte“-Fischer) gab man sich in den 60ern und 70ern auf der West Bank die Klinke in die Hand, wenn man als Kader im linken Terror-Business etwas werden wollte. Die PLO hat mit ihren zweifelhaften revolutionären Dienstleistungen viel Geld verdient. Und die deutsche Linke relativiert ihre „Jugendsünden“ noch heute als harmlose, „sozialromantische“ Entgleisungen, für die sie insgeheim bewundert werden möchte. 

Was Herr Abbas, der übrigens auch gestern nicht so aussah, als ob er auch nur einmal im Leben eine Mahlzeit überspringen musste, in Berlin vor der Presse abliefern wollte, war vor allem die Rechtfertigung für das Attentat auf die israelische Equipe der Olympiade 1972. Das ist der Punkt, um den es ihm ging, und das ist die Botschaft, die auch in der deutschen Linken auf fruchtbaren Boden fiel. Denn niemand in der Gemengelage zwischen Junge Welt und TAZ hat sich anschließend öffentlich von der Vorstellung distanziert, Gewalt wäre ein geeignetes Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele.

Und der Staatsfunk echauffierte sich weniger um der Sache selbst. Sondern, weil jemand Hand an sein Monopol in politisch zweckdienlicher Geschichts-Deutung legte. Der vermeintliche Abbas-Fauxpas bestand für das Einbildungsfernsehen des linksalternativen Justemilieu weniger darin, was Abbas mit seinen Äußerungen politisch bezweckte. Seine versuchte Legitimation für den politischen Terrorismus der 70er bei gleichzeitiger Selbstinszenierung als Opfer eines vermeintlichen Holocausts – das wäre übrigens der erste Genozid, bei dem sich die Opfer-Population vervielfacht hat – erschien aus Sicht der linksalternativen Propaganda weniger „problematisch“ (um die dümmliche Delegitimations-Rhetorik dieser Szene erneut zu zitieren) als der Umstand, dass Abbas sich anschickte, der deutschen Left-Waffe die Lufthoheit über die Ausnutzung der deutschen Geschichte für ihre eigenen Zwecke streitig zu machen. 

Somit ist der gestrige Eklat fast schon als neuerlicher Triumph des Sozialismus anzusehen: Abbas konnte ungehindert den Gründungs-Mythos des europäischen Neomarxismus fortspinnen – wonach Gewalt ein legitimes Mittel zum Zweck wäre. Und er hat dem nationalen Sozialismus genau das erzählt, was dieser am liebsten hört: Dass die Anti-Israelische Gewalt nichts mit Antisemitismus zu tun hätte – sondern vielmehr damit, dass „Die Juden Wucherer“ wären? Nichts anderes steht übrigens in Abbas fulminanter Doktorarbeit und es wirft ein bezeichnendes Bild nicht nur auf ihn, sondern den akademischen Regelbetrieb, dass es als Zeichen besonderer Intelligenz durchgeht, ausgerechnet das klassischste aller antisemitischen Klischees als einen Beleg für einen Mangel an Antisemitismus zu zitieren.

Das ist also das psychologische Substrat, auf dem die deutsche Nachkriegslinke gedeiht. Und natürlich ist all das nicht nur ein Sentiment, sondern vor allem ein Ressentiment. Um es in Abwandlung eines bekannten Zitats von Jorge Luís Borges zu sagen: Die deutsche Linke ist eine politische Kraft, die ihre ganze Vergangenheit noch vor sich hat. 


Autor: Ramiro Fulano
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Mittwoch, 17 August 2022

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