Milei in Deutschland: Missverständnis Mitteleuropa

Milei in Deutschland: Missverständnis Mitteleuropa


Es geht dieser Tage ein Gespenst um in Europa – das Gespenst der Freiheit. Nach einem fulminanten Auftakt in Madrid machte der marktradikale argentinische Präsident Javier Milei in Hamburg und Berlin halt.

Milei in Deutschland: Missverständnis Mitteleuropa

Von Ramiro Fulano

In Hamburg, um eine außerhalb von Fachkreisen wenig bekannte Auszeichnung einer vom Mainstream erfolgreich marginalisierten Hayek-Gesellschaft entgegenzunehmen. In Berlin, um sich ohne protokollarischen Zauber mit einem Möchtegern-Regierungschef zu treffen, der das beste Gagaland aller Zeiten unter dem ohrenbetäubenden Schweigen der Staatsmedien auf einem weiteren historischen Sonderweg in eine epochale Sackgasse manövriert.

Doch eins nach dem anderen.

Argentinien, daran sei hier erinnert, galt vor rund hundert Jahren als eins der reichsten Länder der Welt – wenn nicht sogar als das reichste. Nach hundert Jahren Umverteilung ist davon wenig übrig: Rund die Hälfte des Landes darbt in Armut und geht der Schwarzarbeit nach, um nicht zu verhungern. Gleichzeitig lebt ein ausufernder und überwiegend korrupter staatswirtschaftlicher und politmedialer Komplex in Saus und Braus. Wer hier keine Parallelen zur Entwicklung und Lage in Germany sieht, sollte mal zum Optiker gehen.

Was an der sozialen Gerechtigkeit „sozial“ oder „gerecht“ sein soll, verstehen nur die Nutznießer dieser sozialkleptokratischen „Umverteilung“. Aber Politik war vielleicht schon immer die Kunst, anderen Leuten ins Portemonnaie zu fassen, ohne dafür in den Knast zu kommen. Indes fiel es auch der argentinischen Sozialkleptokratie in den letzten Jahren immer schwerer, „unseren Menschen“ (Lotte Ulbricht dixit) jene ideologischen Verrenkungen beizubiegen, mit denen die immer eklatantere Kluft zwischen politischem Anspruch und gesellschaftlichem Ergebnis als einigermaßen kommod, wenn nicht gar als erfolgreich dargestellt werden konnte.

Bei Margaret Thatcher heißt es dazu: Sozialismus endet, wenn das Geld alle ist. Natürlich nicht das eigene, denn für Medien und Politik ist es offenbar noch immer viel zu einfach, mit den Mitteln anderer Leute großzügig zu sein. In Argentinien indes ist die Kohle wirklich alle: Angetrieben von dem Motto „no hay plata“ (es gibt kein Geld) wählte eine komfortable Mehrheit von 56 % einen bis dato auch am Río de la Plata als Exzentriker verschrienen Professor für Wirtschaftswissenschaften zum Staatspräsidenten. Es konnte ja nur besser werden.  

Seitdem lässt die Schnappatmung im linken Establishment nicht nach. Vor allem, weil Wirtschaftsexperten bis rauf zum Internationalen Währungsfonds dem ultraorthodoxen Sparkurs einer monetaristischen Schocktherapie überraschend schnelle und gute Erfolge attestieren. Der chronisch defizitäre Staatshauhalt ist saniert, die Inflation besiegt, erste Wachstumssignale zeigen sich in den Frühindikatoren – und all das nach nur sechs Monaten und ohne Parlamentsmehrheit. 

Für den auch als „Kaste“ bekannten Klüngel der faulen Kompromisse in Wirtschaft, Medien und Staat besteht die ernstzunehmende Gefahr, dass der marktradikale Kurs des argentinischen Präsidenten nicht nur erfolgreich ist (das ließe sich im Wertewesten ebenso ignorieren wie der Aufstieg der VR China zur größten Wirtschaftsmacht der Erde). Sondern es existiert das Risiko, von einem Outsider des politischen Regelbetriebs der letzten 50 Jahre eines Besseren belehrt zu werden.

In Hamburg schilderte Javier Milie in einem sehr persönlichen Ton seinen intellektuellen Werdegang als Erweckungserlebnis und sich selbst als einen jungen Mann, der nach dem Studium – in dem ihm das Gehirn mit den handelsüblichen keynesianischen Theorien verkleistert wurde – immer öfter in den Spalt zwischen Theorie und Praxis stürzte. Jene Kluft, die erfolgreiche Kommilitonen schnell mit ihren Gehaltsabrechnungen und Kontosauszügen überzutapezieren verstanden.

Milei fand als Ausweg aus dem Dilemma, in das ihn intellektuelle Neugier und persönliche Werturteile gestürzt hatten, eine Lektüre, die vom keynesianischen Mainstream auch in Argentinien erfolgreich als apokryph abgestempelt wurde: die sogenannte österreichische Schule (Hayek, Mises). Kurz gesagt basiert sie auf der Annahme, alle Marktteilnehmer seien autonom. Ihre Implikationen sind weitreichend. Die relative Erhöhung der gesellschaftlichen Freiheitsgrade unter Ludwig Erhardt hatte nicht zuletzt auch in der ehemaligen Bundesrepublik jenen Wohlstand ermöglicht, den schwarze und rote Sozialkleptokratien anschließend in zwei Generationen verplempert haben, um ihr politisches Personal in Amt und Würden zu bringen.

Die Geschichte seines Sinneswandels brachte Milei in übersichtlicher Runde zu Gehör, in einem Dachgeschoss mit dem Charme einer ambitionierten Zahnarztpraxis, mit Blick auf das sinnlos vor sich hin bröckelnde größte Gewerbegebiet der EU, den Hamburger Hafen. Aber bereits das reichte, um die ideologischen Speerspitzen und Kaderschmieden des rotz-grünen Projekts zur Weißglut zu bringen: Rings um das Hotel Hafen Hamburg randalierten die üblichen Verdächtigen, die unverbesserlichen Bescheidwisser von Links-Jugend über Cuba-Solidarität bis (Ver)Letzte Generation, während alle anständigen Prostituierten jederlei Geschlechts sich von der gerade hinter ihnen liegenden ersten Nachtschicht des Wochenendes erholten. All das auf St. Pauli, diesem Streichelzoo politischer Wahnvorstellungen, der die dubiosen Errungenschaften des linksalternativen Nationalpopulismus und den Subventionssumpf eines trügerischen Sozialfriedens wie kaum ein zweiter Ort in Deutschland repräsentiert.

Es ginge zu weit, von Peinlichkeit zu reden. Aber auch der argentinischen Delegation kann angesichts der kläglichen Reste des deutschen Liberalismus – und das ist nun mal der jenseits von Lindners-Linkspartei (der ehemaligen FDP) – nicht verborgen geblieben sein, wie rettungslos verloren das beste Gagaland aller Zeiten ist. Wer seine Freiheit um den Preis der Sicherheit opfert, verliert beides, wusste bereits Sir Winston Churchill. Javier Milei, der immer wieder betont, nicht angetreten zu sein, um Schafe zu hüten, sondern um Löwen zu wecken, würde weder in Hamburg noch in Berlin jemals das Rohmaterial ausgehen. Die am Río de la Plata noch immer verbreitete Annahme, bei Alemania würde es sich um ein internationales Erfolgsmodell handeln, dürfte sich bald auch in Buenos Aires als Missverständnis herauskristallisieren.

Und dann wäre da noch die zweite Etappe von Mileis Mini-Deutschlandtournee: ein Abstecher ins Bundeskanzleramt, auf Wunsch der wahrscheinlich dümmsten und bösartigsten deutschen Nachkriegsregierung ohne jeden Protokoll-Zinnober. In „Muttis Waschmaschine“ (Berliner Volksmund) trifft der argentinische Präsident auf Olaf Scholz, Sumpfblüte der deutschen Sozialkleptokratie, politischer Sargdeckel von dreißig Jahren fauler Kompromisse. Ein Bundeskanzler, dessen herausragendste Leistung in seiner Mittelmäßigkeit besteht. Denn wenn er tatsächlich fähig wäre, wären wir bestimmt schon längst tot. Dass Alemania ein historisches Auslaufmodell war und in den letzten Jahren vollends auf den Hund gekommen ist, dürfte sich jetzt auch im sogenannten Rest der Welt herumsprechen.

Wirtschaftlicher und sozialer Erfolg sind die zwei Seiten derselben Medaille. Das beste Gagaland aller Zeiten – der „grünen“ Energiewende, der sozialfaschistischen Ostpolitik und der Belohnung von Faulheit durch Bürgergeld – hat diese Münze bereits so oft ausgegeben, dass es in wenigen Jahren dort stehen dürfte, wo sich auch Argentinien nach zwanzig Jahren schwarzer und roter „Umverteilung“ befindet: im Armenhaus. Weil ein selbstgefälliges Establishment - eine selbsternannte Pseudo-Elite aus Wirtschaft, Medien und Politik - den Trick perfektioniert, die Kluft zwischen Theorie und Praxis unter Bergen von gedrucktem Geld verschwinden zu lassen. Und staatliche Neuverschuldung ist nichts anderes, bloß etwas diskreter.

Wundern Sie sich nicht, meine Damen und Herren, die westeurasische Zusammenbruchs-Zone und insbesondere deren Zahlmeister, die VEB Deutschland AG, schon bald unter den Schlusslichtern gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Freiheit wiederzusehen.


Autor: Ramiro Fulano
Bild Quelle: Vox España, CC0, via Wikimedia Commons


Mittwoch, 26 Juni 2024

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