Wenn Journalismus zur Bühne für Aktivismus wird

Wenn Journalismus zur Bühne für Aktivismus wird


Israels Botschafter Ron Prosor rechnet mit ARD-Korrespondentin ab – wegen eines Instagram-Posts, der tiefer blicken lässt als manche Sendeminute.

Wenn Journalismus zur Bühne für Aktivismus wird
Von Superbass - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153151338

Ron Prosor, Israels Botschafter in Deutschland, hat deutliche Worte gefunden – und sie galten nicht der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, nicht der EU oder dem Iran, sondern einer deutschen Journalistin: Sophie von der Tann, ARD-Korrespondentin in Tel Aviv. Auslöser ist ein Instagram-Beitrag, in dem von der Tann einen Artikel des umstrittenen Holocaustforschers Omer Bartov aus der New York Times teilte. Der Titel des Beitrags: „Never Again“. Der Inhalt: Eine Anklage gegen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen, das angeblich einen Genozid in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen begehe.

Es ist ein Vorwurf, der weltweit die antisemitischen Linien verschiebt. Und es ist ein Zitat, das den HolocaustShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen nicht einfach instrumentalisiert, sondern relativiert. Genau das kritisiert Prosor in einer Stellungnahme auf X (ehemals Twitter): „Die Worte erinnern an die Schoa. Sie im KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen von Gaza zu zitieren, bedeutet, die Geschichte zu verdrehen und zu relativieren.“ Der israelische Diplomat spricht von einem „perfiden“ Vergleich, der nicht nur geschichtsvergessen sei, sondern auch die Verantwortung öffentlich-rechtlicher Medien in Deutschland mit Füßen trete.

Eine Grenze ist überschritten

Die Reaktion Prosors ist nicht bloß ein diplomatischer Reflex – sie ist ein dringender Appell an die Rolle des Journalismus. Denn während Israel nach dem 7. Oktober unter der ständigen Bedrohung islamistischen Terrors steht, wird es in Teilen der deutschen Öffentlichkeit zunehmend zum Täter umgedeutet. Wer einen Genozidvorwurf teilt, übernimmt Verantwortung. Wer dies als Journalistin mit offiziellem ARD-Mandat tut, überschreitet eine Grenze, die mit der journalistischen Berufsethik nicht mehr zu vereinbaren ist.

„Noch nie war es so einfach, vom Journalismus zum Aktivismus zu wechseln!“, schreibt Prosor und empfiehlt von der Tann sarkastisch einen beruflichen Kurswechsel. Ihre Tätigkeit sei „ein echtes Empfehlungsschreiben für Anti-Israel-NGOs“, so der Botschafter. In der deutschen Medienlandschaft, in der die ARD über Rundfunkbeiträge finanziert wird, sind Objektivität und Unparteilichkeit keine Fußnoten, sondern vertraglich festgelegte Prinzipien. Wer sie verletzt, beschädigt das Vertrauen in eine ohnehin unter Druck stehende Berichterstattung.

Keine einmalige Entgleisung

Der Vorfall reiht sich ein in eine längere Serie von Kritikpunkten, die Prosor bereits in der Vergangenheit an von der Tanns Arbeit geäußert hatte. Ihre Berichterstattung über den Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober und den laufenden Krieg in Gaza fiel wiederholt durch Schlagseiten und Auslassungen auf. In einer Zeit, in der das öffentliche Narrativ über Israel zunehmend kippt, sind solche Fehltritte nicht mehr nur individuelle Meinungen – sie werden zum Teil eines Systems, das Wahrheiten verzerrt und Täter-Opfer-Verhältnisse verwischt.

Besonders perfide ist dabei der Rückgriff auf den Begriff „Genozid“. Dass dieser ausgerechnet von Omer Bartov kommt, einem israelischstämmigen Historiker mit Fokus auf den Holocaust, ist für manche ein Alibi, für andere ein schwerer Missbrauch moralischer Autorität. Bartov hatte Israel zuletzt als „Apartheidregime“ bezeichnet – ein Echo linker Boykott- und Delegitimierungskampagnen, wie sie etwa die BDS-BewegungBDS: Boykottkampagne gegen IsraelBDS ist eine gegen Israel gerichtete Boykottkampagne. Der Deutsche Bundestag verurteilte die Bewegung 2019 als antisemitisch.Mehr lesen betreibt.

Verantwortung statt Verharmlosung

In der Debatte geht es nicht nur um journalistische Standards. Es geht um die Frage, wie weit der deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunk bereit ist, antisemitischAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen konnotierte Narrative zu normalisieren – und damit auch die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Wenn Begriffe wie „Genozid“ inflationär gegen Israel verwendet werden, dann ist das keine neutrale Meinungsäußerung, sondern ein Schlag ins Gesicht der Überlebenden der Schoa – und aller, die seit dem 7. Oktober unter der Geiselhaft islamistischen Terrors leiden.

Prosors Kritik ist deshalb mehr als berechtigt – sie ist überfällig. Und sie sollte nicht bei einem Instagram-Post enden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland, Medienethiker, und letztlich auch die ARD selbst müssen sich fragen, wie viel ideologische Ambiguität sie im eigenen Haus dulden wollen. Wer sich hinter vermeintlicher Ausgewogenheit versteckt, wenn Antisemitismus salonfähig wird, hat seinen Auftrag längst verloren.




Autor: Redaktion
Sonntag, 20 Juli 2025

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