Wie die ARD zwei verschiedene Israels erfindet: Ein strukturelles Problem mit Folgen für die deutsche ÖffentlichkeitWie die ARD zwei verschiedene Israels erfindet: Ein strukturelles Problem mit Folgen für die deutsche Öffentlichkeit
Die ARD berichtet aus Berlin präzise und faktenorientiert – und aus Tel Aviv in einem Ton, der Israels Realität verzerrt. Der Unterschied ist inzwischen so gravierend, dass er nicht mehr übersehen werden kann. Dieser Artikel erklärt, warum.
Es gibt Momente, in denen ein Medienhaus unbeabsichtigt zeigt, wo seine eigentliche Schieflage liegt. Bei der ARD lässt sich dieser Moment derzeit präzise benennen: Er zeigt sich immer dann, wenn man einen ARD-Beitrag aus Berlin neben einen Beitrag aus dem Studio Tel Aviv legt. Zwei Texte über dieselbe Region, dieselben Ereignisse, dieselben Akteure – und doch zwei vollkommen unterschiedliche Realitäten.
Nirgends wird das deutlicher als in der Berichterstattung über die sogenannte Gelbe Linie im Gazastreifen. Der Berliner Beitrag von gestern Morgen beschreibt nüchtern, was die Linie ist, warum sie existiert und welche sicherheitspolitischen Hintergründe sie hat. Die Analyse ordnet ein, dass die Hamas weiterhin bewaffnet präsent ist, dass ihre Kämpfer die Demarkationslinie gezielt testen und dass genau diese permanente Bedrohung die fragile Sicherheitslage bestimmt.
Der Text aus Berlin benennt zudem klar die entscheidenden politischen Widerstände:
– die Weigerung der Hamas, über wirkliche Entwaffnung zu sprechen
– die Ablehnung der palästinensischen Autonomiebehörde, eine Verantwortung im Gazastreifen zu übernehmen
– die Haltung der israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu, die einen Staat zwischen Mittelmeer und Jordan weiterhin ablehnt
– und die reale Verzögerung des Trump-Plans durch die verschleppte Geiselrückgabe
Es ist kein perfekter Text – aber ein erkennbar journalistischer.
Ganz anders liest sich jener Stil, der aus Tel Aviv seit Jahren immer wieder auffällt. Dort entsteht eine Form der Berichterstattung, die häufig auf einer moralisch aufgeladenen Erzählweise basiert. Sie betont Leid, Emotion und Opferstatus in einer Weise, die nicht falsch ist, aber selektiv. Die strukturellen Hintergründe der israelischen Sicherheitslage stehen kaum im Zentrum. Ebenso wenig die systematische Gewalt der Hamas gegen die eigene Bevölkerung, die politische Strategie dieser Terrororganisation oder die Bedeutung der Tunnelnetzwerke für die militärische Dynamik.
Der Kontrast ist so deutlich, dass er längst nicht mehr zufällig wirkt.
Wenn ein Auslandsstudio eine eigene Linie entwickelt – und von der Gesamtredaktion abweicht
Auslandsstudios sollen Nähe herstellen: Nähe zu Fakten, Nähe zu Akteuren, Nähe zur Realität. Doch beim ARD-Studio Tel Aviv entsteht der Eindruck, dass geografische Nähe nicht zu journalistischer Klarheit führt, sondern in eine eigene ideologische Kultur umschlägt.
Über Jahre hinweg ist ein Muster erkennbar:
– Israel tritt in Tel-Aviv-Berichten oft fast ausschließlich als militärisch handelnde Kraft auf.
– Die Hamas wird – trotz ihres Terrors – regelmäßig als politisch zu behandelnde Partei dargestellt.
– Israelische Sicherheitsinteressen erscheinen als technisches Detail, nicht als existenzielle Frage eines Staates, der seit seiner Gründung angegriffen wird.
Damit entsteht unabsichtlich eine dramaturgische Schieflage:
Der Aggressor erscheint politisch, das Opfer militärisch.
Ein Beispiel aus dem aktuellen ARD-Beitrag zur Gelben Linie:
Während im Berliner Text der Hamas-Sprecher klar als Sprecher einer Terrororganisation bezeichnet wird, die das Entwaffnen verweigert, tauchen in anderen Beiträgen Formulierungen auf, die Hamas-Akteure wie Vertreter einer legitimen politischen Seite erscheinen lassen. Diese Differenz ist kein kleiner Fauxpas – sie verändert die Wahrnehmung des Konflikts fundamental.
Die Folgen: Ein verzerrtes Bild eines Landes, das sich täglich verteidigen muss
Wer in Deutschland ausschließlich das Output des Studios Tel Aviv konsumiert, erhält ein Bild Israels, das in seiner Haltung oft erklärungsarm, moralisch verkürzt und sicherheitspolitisch verkantet wirkt. Der Eindruck, dass Israel sich ohne Not militärisch verhalte, entsteht nicht aufgrund der Faktenlage, sondern durch die Erzählperspektive.
Das ist problematisch, weil viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland kaum andere Quellen konsumieren. Sie haben oft weder die Zeit noch die Fähigkeit, hebräische Quellen zu überprüfen, israelische Sicherheitsexperten zu verfolgen oder die internen Strukturen der Hamas zu verstehen. Öffentlich-rechtlicher Journalismus hat hier eine besondere Verantwortung.
Wenn ausgerechnet die Berichterstattung aus Tel Aviv diese Verantwortung verfehlt, entsteht ein doppelter Schaden:
– Israel wird verzerrt dargestellt.
– Die deutsche Öffentlichkeit wird einseitig informiert.
Gerade weil die ARD über Gebühren finanziert wird, darf sie nicht zulassen, dass ein einzelnes Studio ein eigenes semipolitisches Profil entwickelt.
Warum Berlin objektiver wirkt – und was das über das System verrät
Beim Vergleich der Texte fällt ein weiteres Detail auf:
Berlin beschreibt die Lage, ohne die eigene Position ins Zentrum zu rücken. Es nennt die Fakten, nennt Akteure beim Namen und vermeidet unklare Zuschreibungen.
Tel Aviv dagegen arbeitet regelmäßig mit dramaturgischen Setzungen. Das lässt sich in zahlreichen früheren Beiträgen beobachten, etwa zu Operationen der israelischen Armee, zur Lage der Zivilbevölkerung oder zur politischen Situation im Gazastreifen.
Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch individuelle journalistische Entscheidungen erklären. Sie sind ein Hinweis auf ein strukturelles Problem der ARD-Auslandsberichterstattung:
Einige Auslandsstudios entwickeln eine interne kulturelle Identität – und diese Identität beeinflusst den Output stärker als die redaktionelle Linie der Gesamtorganisation.
Ein Studio in Washington oder London fällt damit weniger auf.
Ein Studio in Tel Aviv hingegen wirkt durch die besondere politische Schwere des Themas umso sichtbarer.
Das größere Problem: Israel-Berichterstattung als moralischer Reflex
Der tieferliegende Konflikt ist älter als die aktuelle politische Lage:
Viele deutsche Redaktionen tun sich schwer, zwischen Kritik an israelischer Politik und Delegitimierung israelischer Existenz zu unterscheiden. Das ist nicht unbedingt gewollt – aber es ist ein Reflex, der historisch gewachsen ist.
Und wenn ein Studio bereits von diesem Reflex geprägt ist, verstärkt sich das Problem vor Ort weiter. Es verstärkt sich durch:
– sozialen Druck innerhalb der Auslandsjournalistenszene
– eine „Postkolonial“-Brille, die selbst Hamas-Handlungen als Reaktionen statt als eigenständige Entscheidungen interpretiert
– moralische Erzählmuster, die eine klare Täter-Opfer-Zuordnung bevorzugen, selbst wenn die Realität viel komplexer ist
Das Ergebnis:
Eine Region, die nüchterne Analyse verlangen würde, bekommt moralische Dramaturgie.
Was das für deutsche Debatten bedeutet
In Deutschland entzündet sich jede Israel-Debatte inzwischen in Sekunden. Unterstellungen, Boykottaufrufe, Antisemitismus, politische Gruppen, die Israel instrumentalisieren, politische Gruppen, die Israel ablehnen – all das existiert nebeneinander.
In einer solchen Lage braucht es Medien, die:
– einheitlich berichten
– sauber trennen
– Fakten priorisieren
– die Realität israelischer Bedrohungslagen erklären, statt sie zu moralisieren
Wenn die ARD diesem Anspruch innerhalb derselben Organisation nicht gerecht wird, verliert sie Glaubwürdigkeit, und mit ihr verliert die deutsche Öffentlichkeit eine zentrale Informationsquelle.
Es geht nicht um das Schließen eines Studios. Es geht um Verantwortung.
Die Frage ist deshalb nicht:
Sollte die ARD das Studio Tel Aviv schließen?
Sondern:
Wie kann ein öffentlich-rechtlicher Sender sicherstellen, dass ein Auslandsstudio nicht seine eigene Wirklichkeit konstruiert?
Transparenz, redaktionelle Kontrolle, klare Standards zur Einordnung terroristischer Organisationen und eine stärkere fachliche Einbindung israelischer Sicherheitsexpertise wären erste Schritte.
Denn am Ende geht es um die Grundlage demokratischer Debatte:
Eine Gesellschaft, die das Weltgeschehen verstehen will, braucht Medien, die nicht zwei Wahrheiten liefern – eine in Berlin und eine in Tel Aviv.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Standardizer - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3979237
Sonntag, 30 November 2025