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Neue Studie entlarvt deutschen Selbstbetrug: Antisemitismus ist kein „Import“, sondern tief verankerte Realität

Neue Studie entlarvt deutschen Selbstbetrug: Antisemitismus ist kein „Import“, sondern tief verankerte Realität


Eine umfassende Untersuchung zeigt, dass antisemitische Einstellungen in allen gesellschaftlichen Milieus vorkommen. Herkunft spielt eine geringere Rolle als politische Orientierung. Das Narrativ vom „importierten Antisemitismus“ zerbricht – und mit ihm die bequeme Ausrede, sich nicht mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Neue Studie entlarvt deutschen Selbstbetrug: Antisemitismus ist kein „Import“, sondern tief verankerte Realität

Eine neue groß angelegte Studie des deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung zeigt ein Bild, das vielen politischen Debatten in Deutschland widerspricht. Wie die Jerusalem Post berichtet, widerlegen die Ergebnisse die weitverbreitete Vorstellung, Antisemitismus sei vor allem ein Problem, das durch Migranten nach Deutschland gelangt sei. Die Forscher fanden antisemitische Einstellungen in sämtlichen gesellschaftlichen Gruppen. Signifikante Unterschiede zeigten sich vor allem entlang politischer Linien, nicht entlang ethnischer Herkunft.

Die Untersuchung prüfte klassische antisemitische Vorstellungen wie die Darstellung von Juden als „anders“, die Existenz angeblicher jüdischer Eliten oder verschwörungsideologische Deutungen. Eine deutliche Mehrheit aller Befragten lehnte solche Aussagen ab. Auch unter Muslimen und Südostasiaten stimmten nur Minderheiten den Verschwörungsbehauptungen zu. Zwar liegt der Ablehnungswert dort niedriger als in anderen Gruppen, aber selbst hier handelt es sich um klare Mehrheiten.

Bemerkenswert ist der Einfluss von Aufenthaltsdauer und Staatsbürgerschaft. Personen mit muslimischem Hintergrund, die seit längerem in Deutschland leben oder die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, lehnen antisemitische Verschwörungsbehauptungen deutlich stärker ab. Die zweite Generation zeigt in zahlreichen Kategorien Werte, die näher an der Mehrheitsbevölkerung liegen als an kürzlich Eingewanderten. Diese Entwicklung widerspricht der These, wonach Antisemitismus aus muslimischen Milieus zwangsläufig zunimmt.

Deutlich schwieriger ist die Lage beim sogenannten sekundären Antisemitismus. Dabei geht es um die Umdeutung oder Relativierung der historischen Verantwortung, also etwa die Täter-Opfer-Umkehr oder die Abwertung der Shoah. Hier zeigten Befragte mit muslimischem Hintergrund messbar mehr Ambivalenz als die Mehrheitsbevölkerung. Eine Aussage wie „Juden profitieren heute vom Holocaust“ wurde von rund 70 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund abgelehnt, während sie nur von 37 Prozent der muslimischen Befragten zurückgewiesen wurde. Die Differenz verweist auf Defizite im historischen Wissen und in der Vermittlung deutscher Erinnerungskultur.

Noch klarer ist der politische Faktor. Die Studie bestätigt, dass antisemitische Einstellungen stark mit Parteipräferenzen zusammenhängen. Anhänger der AfD zeigen deutlich höhere Zustimmungswerte zu klassischem, sekundärem und israelbezogenem Antisemitismus sowie zu antimuslimischen Positionen. Sympathisanten von Grünen und Linkspartei lehnen antisemitische Aussagen besonders stark ab. Zwischen Herkunft und antisemitischen Haltungen besteht demnach ein deutlich geringerer Zusammenhang als zwischen politischer Ideologie und Einstellungsmustern.

Gleichzeitig belegt die Studie, dass Menschen mit muslimischem Hintergrund zwar klassische antisemitische Aussagen öfter ablehnen, bei israelbezogenen Narrativen jedoch häufiger zustimmen. Diese Differenz ist für die Forschung zentral. Israelbezogener Antisemitismus – etwa die Dämonisierung des jüdischen Staates oder die Delegitimierung seiner Existenz – ist in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen verbreitet und lässt sich nicht einer Herkunftsgruppe zuschreiben.

Die Forscher kommen zu einem klaren Schluss. Antisemitismus in der postmigrantischen deutschen Gesellschaft ist kein Fremdkörper, der von außen in eine vermeintlich geläuterte Gesellschaft getragen wurde. Er ist ein komplexes, ideologisch vermitteltes Denkmuster, das sich aus vielfältigen politischen und gesellschaftlichen Erfahrungen speist. Die Vorstellung eines einfachen Imports sei wissenschaftlich nicht haltbar.

Eine der Autorinnen der Studie, die Antisemitismusforscherin Sina Arnold, bringt es prägnant auf den Punkt. Menschen, die Antisemitismus primär als importiertes Problem beschreiben, seien häufig selbst stärker antisemitisch und zugleich ausgeprägt antimuslimisch. Der Satz „Antisemitismus war fast verschwunden und kam erst mit den muslimischen Migranten zurück“ sei weniger Ausdruck eines ernsthaften Kampfes gegen Judenhass als ein Versuch, die deutsche Vergangenheit abzuwehren. Er verschiebe Verantwortung und vereine anti-muslimische Stereotype mit einer Relativierung deutscher Schuld.

Für die deutsche Debatte bedeutet dies eine unbequeme Wahrheit. Antisemitismus hat in Deutschland viele Gesichter. Er ist nicht nur ein Problem extremistischer Ränder oder einer einzelnen Gruppe, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und jede Erzählung, die den Hass externalisiert, lenkt von den tiefen Wurzeln ab, die dieser Hass gerade in Deutschland hat.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild


Sonntag, 30 November 2025

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