Wenn Auschwitz nur noch Erinnerung ist und Zeitzeugen verschwindenWenn Auschwitz nur noch Erinnerung ist und Zeitzeugen verschwinden
Am Holocaust-Gedenktag richtet sich der Blick auf Tova Friedman, eine der letzten Überlebenden von Auschwitz. Ihre Geschichte zeigt, warum Erinnerung heute politischer ist als vielen lieb ist.
Der 27. Januar ist kein Tag für wohlklingende Reden. Er ist auch kein Termin für ritualisierte Betroffenheit. Dieser Tag steht für einen historischen Bruch, der nicht vergangen ist, sondern bis in die Gegenwart reicht.
Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das deutsche Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Was sie vorfanden, war kein Schlachtfeld, sondern das Endprodukt einer Ideologie. Leichenberge, verhungerte Menschen, Kinder ohne Eltern, Nummern statt Namen. Der industrielle Mord an Juden war kein Ausrutscher der Geschichte, sondern staatlich organisiert, verwaltet, abgesichert.
Mehr als eine Million Menschen wurden allein in Auschwitz ermordet. Die Mehrheit von ihnen Juden. Der Holocaust war kein Verbrechen einiger weniger Täter. Er war möglich, weil eine Gesellschaft ihn zuließ.
81 Jahre später ist Auschwitz kein Ort mehr des Schreckens, sondern ein Ort der Erinnerung. Doch Erinnerung ist kein Selbstläufer. Sie muss getragen werden von Menschen, die noch erzählen können, was passiert ist.
Eine dieser Stimmen ist Tova Friedman.
Sie wurde 1938 nahe Danzig geboren. Als Kind wurde sie mit ihrer Mutter zunächst in ein Ghetto deportiert, später nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Sie war fünf Jahre alt. Zu jung, um zu begreifen, was um sie herum geschah, aber alt genug, um den Hunger, die Angst und den Tod wahrzunehmen.
Dass sie überlebte, war kein Wunder im pathetischen Sinn. Es war Zufall. Technische Defekte, chaotische Abläufe, Momente, in denen sie nicht gesehen wurde. Während der Todesmärsche versteckte sie sich zwischen Leichen im Krankenrevier. Ein Kind, das lernte, still zu sein, um nicht erschossen zu werden.
Nach der Befreiung stellte sich heraus, dass große Teile ihrer Familie ermordet worden waren.
Was von der Kindheit blieb, war Überleben.
Tova Friedman gehört heute zu den wenigen noch lebenden Überlebenden von Auschwitz. Ihre Generation verschwindet. Jahr für Jahr. Mit jedem Tod geht nicht nur eine Biografie verloren, sondern eine direkte Verbindung zur Geschichte.
Deshalb ist ihre Stimme mehr als Erinnerung. Sie ist Widerstand gegen das Vergessen.
Dass sie in diesem Jahr vor dem Deutschen Bundestag sprechen wird, ist kein formeller Akt. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Bald wird es keine Überlebenden mehr geben, die aus eigener Erfahrung sagen können: Ich war dort. Ich habe es gesehen.
Friedman spricht nicht nur in Parlamenten. Gemeinsam mit ihrem Enkel nutzt sie soziale Medien, um Jugendliche zu erreichen. Hunderttausende folgen ihr. Nicht, weil Geschichte „spannend“ ist, sondern weil sie echt ist. Weil ihre Worte nicht pädagogisch klingen. Weil sie keine Moral predigt, sondern erzählt.
Gerade das macht ihre Wirkung aus.
Der Holocaust ist kein fernes Kapitel aus Schulbüchern. Er ist Teil der Gegenwart. Nicht nur, weil er die Grundlage der deutschen Verantwortung bildet, sondern weil Juden in Europa wieder Angst haben müssen. Weil antisemitische Parolen wieder gerufen werden. Weil jüdische Einrichtungen geschützt werden müssen. Weil Menschen glauben, Judenhass sei legitim, solange man ihn politisch tarnt.
Der 27. Januar ist deshalb kein stiller Gedenktag. Er ist unbequem.
Er erinnert daran, dass Erinnerung nicht nur Rückblick bedeutet, sondern Haltung im Heute. Wer sagt „Nie wieder“, muss auch heute widersprechen, wenn Juden dämonisiert, isoliert oder delegitimiert werden.
Auschwitz begann nicht mit Gaskammern. Es begann mit Worten. Mit Ausgrenzung. Mit Gleichgültigkeit.
Dass heute noch Menschen wie Tova Friedman leben, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine letzte Gelegenheit. Nicht für Rührung, sondern für Klarheit.
Wenn sie spricht, spricht sie nicht für sich allein. Sie spricht für Millionen, die keine Stimme mehr haben.
Und irgendwann wird auch sie verstummen.
Dann wird Erinnerung endgültig unsere Verantwortung sein.
Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle: By SashaW - https://www.flickr.com/photos/sashawolff/4310740990/, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=124011833
Dienstag, 27 Januar 2026